ZFF 2017: Rückschau

Einmal mehr ist eine Ausgabe des Zurich Film Festival zuende. Was mir davon am meisten geblieben ist: Der ZFF-Trailer ist des Teufels. Vor jeder verdammten Vorführung läuft das Ding; nach dem dritten, vierten Mal überkommen mich jeweils Aggressionen. Die Hackfressen im Filmchen kenne ich besser als das Gesicht meiner Freundin. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann fürs nächste Jahr einen neuen (und vor allem kürzeren) Trailer.

In diesem Jahr kam das Riffraff als Spielort hinzu, was ich sehr begrüsse. Dank der zusätzlichen Vorstellungen dort fiel dieses Jahr für mich die Notwendigkeit weg, die Weltreise hinaus in die Arena Cinemas zu unternehmen.
Im Übrigen ging es mir plötzlich auf: Die Tage des Zurich Film Festival sind die einzige Zeit im Jahr, in denen die Kitag-Kinos erträglich sind (zumindest das Corso). Keine halbe Stunde Werbung vor Filmbeginn, keine Pause mittendrin, ein Publikum, das nicht zu 90% aus doofen Teenagern besteht.

Bei der Vorstellung von 1945 flüsterte mir meine (etwas ältere) Sitznachbarin zu, ich solle Bescheid geben, wenn sie mich mit ihrem Popcornessen störe. Das fand ich rührend, aber unnötig: Popcorn gehört zum Kinoerlebnis hinzu, und gerade was das Zurich Film Festival anbelangt, wundert es mich immer wieder, wie überaus still das Publikum ist. Wie jeder Mensch mit Manieren hasse ich im Kino nichts mehr als Leute, die während der Vorstellung telefonieren, aber trotzdem finde ich, dass gerade an einem Festival mehr Leben herrschen dürfte. Nun ja, so ist das halt in der Schweiz.

Apropos Hass: Auf meiner Liste der Menschen, die nach der Revolution an die Wand gestellt gehören, steht der Typ mit den hochgesteckten Rastas ganz oben.

Mein Lieblingsfilm am Festival war On Body and Soul, mein persönlicher Tiefpunkt Lasst die Alten sterben.

 
Gewinnerfilme

Internationaler Spielfilmwettbewerb: Pop Aye (Kirsten Tan)
Internationaler Dokumentarfilmwettbewerb: Machines (Rahul Jain)
Spielfilmwettbewerb Schweiz/Deutschland/Österreich: Blue My Mind (Lisa Brühlmann)
Kritikerpreis: Blue My Mind (Lisa Brühlmann)
Publikumspreis: A River Below (Mark Grieco)

Alle weiteren Auszeichnungen findet man hier.

 
Die Kulturmutant-Übersicht zum ZFF 2017

1945 (Ungarisches Holocaustdrama)
Another News Story (Doku über die Medien in der Flüchtlingskrise)
Brigsby Bear (Tragikömodie über einen Bunkermenschen)
Lasst die Alten sterben vs. Die Gentrifizierung bin ich (Punks und Bünzlis im Schweizer Film)
Let There Be Light (Doku über Kernfusion)
My Life Without Air (Porträt des Weltmeisters im Freitauchen)
On Body and Soul (Ungarischer Liebesfilm)
Tiere (Schweizer David-Lynchiade)
Weightless (Psychodrama mit magischem Realismus)
You Were Never Really Here (Psychothriller mit Joaquin Phoenix)
ZFF 72 zum Thema „blau“ (Kurzfilmwettbewerb)

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ZFF 2017: Weightless

Let There Be Light
Regie: Jaron Albertin
Drehbuch: Enda Walsh, Jaron Albertin
USA 2017; 99 min.
Internationaler Spielfilm / Wettbewerb

Joel (Alessandro Nivola) ist plötzlich gezwungen, sich um seinen Teenagersohn (Eli Haley) zu kümmern, nachdem dessen Mutter spurlos verschwunden ist. Der Junge ist schwer übergewichtig und spricht kein Wort. Dabei hat Joel selbst psychischen Probleme (es wird angedeutet, dass er einen Selbstmordversuch hinter sich hat) und bringt es gerade so fertig, mit seinem Job (auf einer Müllhalde) und einer Freundin zurechtzukommen. Jetzt aber sitzt dieses seltsame Kind bei ihm zuhause, während die Fürsorge Druck macht. Natürlich kommt das nicht gut.

Mitunter gehen mir die immer gleichen tristen Sozialdramen mit dokumentarischem Anhauch, die in unsere Arthousekinos gespült werden, auf die Nerven — da ist ein Film wie Weigthless eine Wohltat. Spielfilm-Debütant Jaron Albertin, der vom Musikvideo her kommt (und viel Werbung dreht), bedient sich eines sanften magischen Realismus. Es gibt also immer wieder surreale Momente oder poetische Blicke auf kleine Details.
Da kauft Joel zum Beispiel eine Matratze für seinen Sohn, entfernt die Plastikfolie und wirft diese zu Boden, nachdem er sie zusammengebauscht hat. Nun zeigt Albertin, wie sich diese Folie langsam knisternd wieder auffaltet.
Oder da fährt Joel einmal mit seinem Sohn zu einer Tankstelle, was unvermittelt in eine Traumsequenz übergeht, in der er und sein Kind in der Dunkelheit die Strasse entlang gehen. Sehr simpel, aber ziemlich beunruhigend.

Detail am Rande: Johnny Knoxville, der einstige Jackass-Star, spielt Joels Boss. Und Knoxville macht das verdammt gut.

ZFF 2017: My Life Without Air

My Life Without Air
Regie und Buch: Bojana Burnać
Kroatien 2017; 73 min.
Internationaler Dokumentarfilm / Wettbewerb

Ein Porträt von Goran Colak, dem Weltrekordhalter im Freitauchen (also im Luftanhalten). Ein Einblick in die teils skurrilen Details eines skurrilen Sports. Bojana Burnać verzichtet weitgehend auf erklärende Kommentare (ein-, zweimal äussert sich Colak selbst), lässt die Bilder für sich selbst sprechen, lässt den Bildern Zeit. Der Film ist so zurückhaltend und streng wie der Protagonist.

Ein Moment berührte mich besonders: Burnać zeigt einmal, wie sich Colak seine Wohnung verlässt. Statt nun zu schneiden, behält die Regisseurin das Bild bei. Wir sehen nichts als die leere Wohnung: spartanisch eingerichtet, präzise aufgeräumt, peinlich sauber. Fast schon steril. Das einzige Lebenszeichen ist ein Roomba, der leise über den Boden surrt und seine Arbeit tut. Obwohl sich Colak nicht einmal in der Szene befindet, lernt man hier wahnsinnig viel über ihn.

ZFF 2017: Another News Story

Another News Story
Regie: Orban Wallace
GB 2017; 86 min.
Internationaler Dokumentarfilm / Wettbewerb

2015 geht der britische Filmemacher Orban Wallace mit einem Team nach Griechenland, um die Flüchtlingskrise auf der Insel Lesbos festzuhalten. Dort beobachtet er, wie ein Gummiboot voller Menschen an der Küste landet — und wie sich eine Horde von Reportern und Kameraleuten darauf stürzt wie die Geier. Damit hat er sein Thema: Wie die Medienleute vor Ort mit der Krise umgehen.

Wallace geht die Balkanroute ab, an der sich die Flüchtlingsströme entlang bewegen. Er begegnet immer wieder denselben Leuten, unter den Flüchtlingen ebenso wie unter den Reportern. In den zwei Monaten, in denen Wallace und sein Team unterwegs sind, erleben sie zentrale Höhepunkt der Krise. Wir sehen die Folgen der unmenschlichen Politik Ungarns unter Präsident Viktor Orban. Wir sehen die Journalistin, die nach zwei Flüchtenden tritt (eine interessante Aufbereitung des Falls gibt es hier), sehen, wie der ertrunkene Dreijährige Alan Kurdi zum Symbol der Krise wird — und wir sehen, wie sich nach den Anschlägen in Frankreich um das Bataclan plötzlich die öffentliche Meinung unsinnigerweise gegen die Flüchtlinge richtet.

Nach der Vorführung bantwortet Orban dem Publikum ein paar Fragen; er trägt Frack, denn grad vorher fand die Preisverleihung im Opernhaus statt. (Another News Story gewann allerdings nichts.) Wie er erzählt, waren die Dreharbeiten eine spontane, ungeplante Sache. Am Anfang hatten sie Probleme, überhaupt die Kamera zum Laufen zu bringen, weil noch keiner von ihnen mit diesem Modell gearbeitet hatte. Geld hatten sie so gut wie keines; sie schliefen ebenso in Zelten wie die Flüchtlinge, die sie begleiteten. Das erklärt wohl, weshalb dem Film ein bisschen die Sicht auf das grosse Ganze abgeht. Wie ein Zuschauer anmerkt, fehlt zum Beispiel die Perspektive der Redaktionen, also der Leute, die die Reporter ins Feld schicken, die bestimmen, von wo berichtet wird. Aber Wallace wollte auch keine klassische Doku mit erklärenden Interviews, sondern einen Erlebnisbericht.

Wallace wird ausserdem danach gefragt, wie er und sein Team die eigene Position inmitten der Ereignisse reflektiveren. Im Grunde sind Wallace und Co. ja bloss ein weiteres Medienteam. Ein ständiger Krieg mit sich selbst sei das gewesen, so der Filmemacher. Ihre Rettung war der Unterschied zwischen News und Dokumentarfilm: Sie gingen nicht hin, um am Ende einen dreissigsekündigen Beitrag fürs Fernsehen zu drehen, sondern blieben am Thema dran und nahmen sich Zeit, es auszuerzählen.

ZFF 2017: Let There Be Light

Let There Be Light
Regie: Mila Aung-Thwin, Van Royko
Drehbuch: Van Royko
Kanada 2017; 80 min.
Internationaler Dokumentarfilm / Wettbewerb

Nukleare Fusion ist eine Alternative zur Kernspaltung und als solche eine eierlegende Wollmilchsau: eine fast unerschöpfliche, aber umweltschonende Energiequelle ohne radioaktive Abfälle. Klingt für mich fast ein bisschen zu gut, um wahr zu sein, aber es gibt Abertausende Wissenschaftler mit geringfügig besseren Kenntnissen der Teilchenphysik als ich, die daran arbeiten. So entsteht in Südfrankreich, unter Aufsicht der internationalen Organisation ITER, eine gigantische Maschine, in der man erstmals Fusion machen will (wenn alles klappt, schon im Jahre 2025).

Die kanadischen Dokumentarfilmer porträtieren das Projekt mit viel Begeisterung (zu viel Begeisterung?), und zeigen nebenher ein paar kleinere, privat finanzierte Projekte. Wer wird die technischen Probleme schliesslich überwinden? Die Leute vom internationalen Megaprojekt? Oder die Tüftler in ihren Garagen? Das wird die Zukunft zeigen. Der Optimismus der Beteiligten ist ansteckend, aber man fühlt auch die Frustration darüber, dass das öffentliche Interesse an der Fusion eingeschlafen ist und die Förderung mehr und mehr zusammenschrumpft.
Wie die Wissenschaftler betonen, ist die Fusion ein Projekt, das noch mehrere Generationen in Anspruch nehmen wird — wie früher der Bau einer Kathedrale. Aber diese Art von Langzeitdenken beisst sich natürlich damit, wie heutzutage Politik gemacht wird.

Ein Lob für den fantastischen Soundtrack von Trevor Anderson, der ein paar coole elektronische Einflüsse hat.
Eine Schelte für den Titel, der zum einen religiösen Unterton impliziert (den der Film zum Glück nicht hat)und zum anderen derart generisch ist, dass es kompliziert wird, den Film zu googeln. Und siehe da: Ebenfalls dieses Jahr kam ein anderer Film mit dem Titel Let There Be Light heraus: das Regiedebüt von Ex-Hercules-Darsteller Kevin Sorbo, der darin auch die Hauptrolle spielt — die Rolle eines Atheisten, der nach einer Beinahe-Todes-Erfahrung zum Christ wird. Jesses.

ZFF 2017: 1945

1945
Regie: Ferenc Török
Drehbuch: Gábor T. Szántó, Ferenc Török (nach dem Roman von Gábor T. Szántó)
Ungarn 2017; 91 min.
Neue Welt Sicht: Ungarn

Der Film 1945 spielt im Jahre 1945 (sag bloss). Als die Nazis die Macht übernahmen, profitierte der Bürgermeister eines kleinen Dorfes davon, dass die jüdischen Anwohner enteignet und weggebracht wurden — er hat einen einträglichen Laden an sich gerissen. Doch jetzt, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, tauchen plötzlich zwei schwarzgekleidete Gestalten am Bahnhof auf. Es sind Juden! Wollen die etwa ihren Besitz zurück? Ausgerechnet an dem Tag, an dem der Sohn des Bürgermeisters heiratet? Das Dorf gerät in helle Aufregung.
(Jüdische Naziopfer, die ihre Sachen wiederhaben wollen, sind nervig; das wissen wir Schweizer nur allzu gut, gell.)

Gedreht in schwarzweiss, ist 1945 dunkelschwarz humorig. Davon abgesehen, ist die Kameraführung überraschend klassisch — der Einsatz der Zooms zum Beispiel gemahnt stark an die Siebziger. Und siehe da, Kameramann Elemér Ragályi ist einer von der ganz alten Schule, dreht schon seit 1968, nicht nur in Ungarn, sondern auch international, und zwar durchaus bekannte Filme wie The Phantom of the Opera (die Horrortrashversion von 1989 mit Robert Englund), Xavier Kollers Reise der Hoffnung oder das Robin-Williams-Holocaustdrama Jacob the Liar.

ZFF 2017: Brigsby Bear

Brigsby Bear
Regie: Dave McCary
Drehbuch: Kevin Costello, Kyle Mooney
USA/China 2017; 97 min.
Special Screenings

Stell dir vor, du bist 25 Jahre alt. Dein ganzes Leben hast du mit deinen Eltern in einem Bunker verbracht. Du bist ein riesiger Fan von Brigsby Bear, einem magischen Bären, der viele Abenteuer erlebt und den bösen Sun Snatcher bekämpft.
Eines Tages überfallen seltsame Menschen dein Heim. Sie sagen dir, dass die Luft in der Aussenwelt gar nicht giftig ist. Und sie verhaften deine Eltern — denn angeblich sind das gar nicht deine Eltern, sondern Verbrecher, die dich als Baby entführt haben.

So ergeht es James, gespielt von Kyle Mooney. Selbiger (also Mooney) ist auch fürs Drehbuch verantwortlich. Mooney hat ein paar Jahre für die Comedy-Liveshow Saturday Night Life gearbeitet, weswegen es auch nicht weiter überrascht, dass in einer Nebenrolle plötzlich Ex-Kollege Andy Samberg (Brooklyn Nine-Nine) auftaucht.

Die Prämisse von Brigsby Bear erinnert an Blast from the Past, diesen Film, in dem Brendan Fraser einen jungen Mann spielte, der fast sein ganzes Leben in einem Atombunker verbracht hat in dem Glauben, draussen herrsche nuklearer Winter. Wo aber Blast from the Past den Weg der romantischen Komödie wählte und ziemlich seicht war, ist Brigsby Bear eine Tragikomödie, bei der einem schon die eine oder andere Träne über die Wange läuft.
Und ganz nebenbei ist der Film verdammt lustig, nicht zuletzt wegen Brigsby Bear selbst, einer Parodie auf das Kinderfernsehen der Achtziger, inklusive VHS-Ästhetik und eigenem Titelsong. Davon, und von der schrägen Lebenswelt im Bunker hätte ich gern mehr gesehen, das ist herrlich skurril — allerdings ist Brigsby Bear zum grösseren Teil eine Art Coming-of-Age-Film um einen jungen Mann, der die Welt entdeckt. Das ist soweit ganz schön, tendiert aber auch ein wenig zur Sentimentalität — und das Ende ist dann doch arg kitschig geraten.

So wirklich gestört hat mich freilich nur eines: Als James das erste Mal von dem Polizisten befragt wird, der die Ermittlungen in seinem Fall leitete, will ihm dieser ums Verrecken eine Flasche Coca Cola andrehen. Das ist weder handlungsrelevant noch witzig, das ist einfach sehr penetrantes Product Placement. Fuck Coca Cola.

ZFF 2017: ZFF 72 zum Thema „blau“

Bei ZFF 72 handelt es sich um einen sympathischen kleinen Wettbewerb im Rahmen des Zurich Film Festivals: Jede und jeder kann dafür anmelden. Nachdem das Thema bekannt gegeben wird, hat man 72 Stunden Zeit, um einen maximal 72-sekündigen Kurzfilm zu drehen. Eine Jury sowie das Publikum bestimmen daraufhin die besten Beiträge.

Als der Wettbewerb 2014 erstmals stattfand (damals zum Thema „Zufall“), war ich mit dabei. Dieses Jahr machte das Kernteam von damals wieder was, und ich spielte dafür eine der beiden Hauptrollen. Hier unser Beitrag:

Wir drehten zum einen in der Tramstation Tierspital, auf die ich am Tag nach der Themen-Bekanntgabe zufällig stiess. Die ist tatsächlich so blau beleuchtet. Zum anderen drehten wir im Oerliker Park, und zwar bei strömendem eiskalten Regen. Das war vielleicht ein Spass! Eine meiner Aufgaben bestand darin, die Kamera mit einem Schirm zu schützen.

Gewonnen haben wir freilich nichts. Die Preise gingen stattdessen an folgende Beiträge:

Wired (Jury Award)
Dunkle Küche (Viewers Award)
Frauke Petry kocht (Mobile Filming Award)

ZFF 2017: On Body and Soul

On Body and Soul (Testről és lélekről)
Regie & Drehbuch: Ildikó Enyedi
Ungarn 2017; 116 min.
Neue Welt Sicht: Ungarn

In diesem Film bekommt man zu sehen, wie im Schlachthof einer Kuh der Kopf abgeschnitten wird. Ausserdem ist On Body and Soul ein wunderschöner Liebesfilm.

Auf der einen Seite sehen wir da immer wieder eine Hirschkuh und einen Hirsch, die zusammen in einem winterlichen Wald unterwegs sind — Naturbilder von einer Schönheit, die weh tut (Kamera: Máté Herbai), unterlegt von ebensolcher Musik (Komponist: Adam Balazs). Ich will gar nicht dran denken, wieviel Mühe und Geduld es brauchte, um das so auf Film zu bannen.

Auf der anderen Seite ist da ein Schlachthof. Dort arbeitet Endre (Géza Morcsányi; eigentlich kein Schauspieler, sondern Drehbucharbeiter) in der Finanzabteilung; er ist schön älter, sein linker Arm ist gelähmt. Eines Tages kommt Mária (Alexandra Borbély) in den Betrieb als Ersatz für eine schwangere Qualitätskontrolleurin. Mária ist eine junge, äusserst attraktive Frau, scheint allerdings autistisch zu sein. Jedenfalls hat sie ein ernsthaftes Problem mit sozialer Interaktion und eine Zwangsneurose, dafür aber ein phänomenales Gedächtnis.

Wie nun die beiden Hirsche und die beiden Angestellten zusammenhängen, ist im Grunde simpel, trotzdem will ich es hier nicht verraten. Es genügt zu wissen, dass es Endre und Mária in näheren Kontakt bringt und dass sich eine zarte Liebesgeschichte entwickelt. Auch wenn sich die beiden Liebenden selbst im Weg stehen: Der latent verbitterte Endre hat mit den Frauen eigentlich längst abgeschlossen, Mária hat schon Schwierigkeiten damit, wenn sie auf der Strasse jemand aus Versehen an der Schulter berührt.

Ildikó Enyedi ist eine genaue Beobachterin poetischer Alltagsmomente, ringt diesen einen subtilen Humor ab — die Witze in On Body and Soul gründen in erster Linie auf winzigen Gesten, auf kleinen und kleinsten Momenten, die die Regisseurin wie nebenbei zeigt. Und trotzdem habe ich schon lange nicht mehr so lachen müssen — der Film lief im vollständig ausverkauften Filmpodium, das Publikum hatte ein Fest.

Aber Ildikó Enyedi scheut sich auch nicht, dem Publikum einen reinzuwürgen, aber so richtig — seien es nun die geschlachteten Kühe, oder … äh … wie gesagt, ich will nicht zuviel verraten.

 
Hier gibts mein Interview mit der Regisseurin.

ZFF 2017: You Were Never Really Here

You Were Never Really Here
Regie: Lynne Ramsay
Drehbuch: Lynne Ramsay (nach dem Roman von Jonathan Ames)
USA/F/GB 2017; 95 min.
Gala Premieren

Im Grunde ist das ja ein simpler Selbstjustiz-Thriller: Joaquin Phoenix spielt Joe — der Ex-Soldat hat sich darauf spezialisiert, entführte Kinder aus den Fängen ihrer Entführer zu befreien. Seine Methoden sind brutal, aber umso effektiver. Da legt sich Joe mit einem Ring von Kinderschändern an, an dessen Spitze ein Senator steht. Man denke an Pizzagate. Jetzt muss unser Held nicht nur irgendwelche Kriminelle, sondern Geheimdienstleute um die Ecke bringen.
Gut und böse sind schwarz und weiss, die Polizei ist korrupt, Gerechtigkeit braucht kein Gerichtsverfahren. Das erinnert an die Death Wish-Filme mit Charles Bronson. Ist ein wenig fragwürdig.

Zwei Elemente machen diesen Film toll:

1. Joaquin Phoenix. Er hat eine unglaubliche körperliche Präsenz (nicht nur wegen der vielen Kilos, die er sich für die Rolle angefressen hat), und sein Spiel ist fantastisch — gerade deshalb, weil Phoenix extrem zurückgenommen agiert, damit aber ein Maximum an Effekt generiert. So etwas beeindruckt mich immer sehr.

2. Die Inszenierung durch Regisseurin Lynne Ramsay (We Need to Talk About Kevin). Der Witz besteht darin, dass Ramsay die eigentliche Action weitgehend ausserhalb des Bildes stattfinden lässt. Wir sehen den Vorlauf, wir sehen die Konsequenzen, aber nicht die eigentliche Handlung.
Im Sinne von: Joe schleicht sich an einen Gegner heran, Schnitt, ein Typ liegt tot am Boden, während Joe davongeht.
Ramsay dreht die Konventionen auf den Kopf, aber so, dass ihr Film unerträglich spannend bleibt. Das muss man erst einmal hinbekommen.