Der Grösste unter euch soll sein wie der Kleinste

Sowohl von Anarchist*innen als auch in historischen Darstellungen wird Anarchismus oftmals als per se atheistisch und antireligiös beschrieben. Es stimmt, dass aus anarchistischen Kreisen oftmals heftige Kritik an Gott und Kirche formuliert worden ist. Einer der bekanntesten Texte ist die fast nur noch aus Beschimpfungen bestehende Polemik Johann Mosts Die Gottespest. Liest man solche Kritiken und Polemiken genauer, ist es oftmals nicht so sehr die Religion an sich, die in erster Linie kritisiert wird, sondern die Verquickung der kirchlichen Institutionen mit den Machthabern.

Indem sich der Mainstream-Anarchismus als atheistisch und antireligiös definiert, blendet er jedoch Teile der eigenen Strömungen aus; eine Ironie, wenn man bedenkt, dass von Anarchist*innen immer wieder die Anklage erhoben wird, von allen Seiten verfolgt und marginalisiert zu werden. Tatsächlich gibt es nicht nur im Christentum, sondern auch im Judentum und Buddhismus Aspekte, die als anarchistisch interpretiert werden, und Denker*innen, die danach streben, Anarchismus und Religion miteinander zu verbinden. Lev Tolstoj ist wohl der bekannteste christliche Anarchist; er kritisierte in seinem letzten Lebensabschnitt die orthodoxe Kirche vehement und genoss unter vielen Anarchist*innen ein hohes Ansehen. Tolstojs Ideen stellen jedoch nur die Spitze des Eisbergs des christlichen Anarchismus dar.

Ein scheinbares Paradox

Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung, herausgegeben von Sebastian Kalicha, hält eine Palette von Beiträgen bereit. Neben einer Interpretation der Bergpredigt beinhaltet das Buch auch theoretische Überlegungen zu Theorie und Praxis des christlichen Anarchismus, stellt zwei Aktivist*innen des Catholic Worker Movement vor, führt in das Denken des pazifistischen libertären Theologen Jacques Ellul ein und schliesst mit einem historischen Beitrag über Ketzer.

Wer mit der Bibel etwas vertraut ist, wird nicht darüber überrascht sein, dass die Bergpredigt (Mt 5,1-7,29) Jesu für die christlich-anarchistische Interpretation von zentraler Bedeutung ist. Darin verkündet Jesus seine Lehre. Die Passagen zur Versöhnung (Mt 5,21-26), zum Ehebruch (Mt 5,27-30) und zum Schwören (5,33-37) stellen eine Radikalisierung der Zehn Gebote dar. Nicht mehr sollen die Menschen nach dem Prinzip „Auge um Auge“ handeln, sondern auf Vergeltung verzichten. Jesus ruft die Zuhörenden dazu auf, gewaltlos zu leben und die Nächstenliebe zu praktizieren. In seiner Predigt kritisiert er zudem „die Heuchler“, die ihren Glauben zur Schau tragen und demnach grösseren Wert auf Prestige legen als auf Lebenspraxis.

Die Bergpredigt ist übrigens nicht die einzige Stelle, an der sich eine radikale Interpretation anbietet. So heisst es im Lukas-Evangelium (Lk 22,25-26): „Die Könige herrschen über ihre Völker und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen.26 Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste und der Führende soll werden wie der Dienende.“ Die wohl prominenteste Szene der Bibel, in der Geld und Handel kritisiert werden, stellt die Tempelreinigung dar.

Für den gewaltfreien christlichen Anarchismus ist die Aufforderung zum „Nicht-Widerstand“ ausschlaggebend. Wer, auf die rechte Wange geschlagen, auch noch die linke hinhält, unterläuft die Erwartung des aggressiven Gegenübers und tritt aus der Gewaltspirale heraus. Die Bergpredigt, so anarchistische Interpret*innen wie Michael C. Eliott und Walter Wink, erziehe nicht zur Passivität und Unterwerfung. Im Gegenteil: Gewaltfreies Verhalten sei eine aktive Strategie. Wer sich dem Teufelskreis der Gewalt verweigert, behalte die Handlungsfähigkeit.

Christliche Aktivist*innen

Während in den theoretischen und exegetischen Teilen des Buches durchaus unterschiedliche Interpretationen und Ansichten wiedergegeben werden, konzentriert sich das Kapitel von Tom Cornell zur Catholic Worker Bewegung auf zwei Einzelpersonen, Dorothy Day und Ammon Hennacy.

So interessant die Biographien der beiden sind, wirkt dieser Teil doch weniger vielschichtig und nimmt sich wie eine unkritische Hommage aus. Dadurch bringt dieser mehr das Leben zweier Aktivist*innen näher und weniger die Bewegung, der sie angehörten. Die Organisation mit ihren Zielen und Erfolgen, Widersprüchen und Meinungsverschiedenheiten kommt weniger zur Geltung.

Wider alle irdische Herrschaft

Der historischer Abriss von Sebastian Kalicha und Gustav Wagner über Leben und Werk des tschechischen Laientheologen und Reformators Petr Chelčický (ca. 1390-1460) schliesst den Band ab. In seinem Buch Das Netz des Glaubens übt Chelčický Kritik an den Herrschern und all jenen, die im Namen Christi Gewalt ausüben.

Die Geschichte des (europäischen) Christentums wird im Allgemeinen oft gleichgesetzt mit der Geschichte der kirchlichen Institutionen. Chelčický ist aber neben Peter Valdes, Franz von Assissi und ihren Anhänger*innen einer jener dissidenten Christen, die aufgrund ihres radikalen Glaubensverständnisses von der Kirche als Ketzer verfolgt worden sind. Wie Thomas Müntzer kritisierte er die bestehenden Herrschafts- und Gesellschaftsverhältnisse und strebte nach deren Veränderung. Wenn die Ideen dieser Menschen nicht als anarchistisch bezeichnet werden sollten, da der Anarchismus eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist, so ist doch festzuhalten, dass sich nicht nur für den christlichen Anarchismus ein Rückbezug auf deren Texte und Leben anbietet.

Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden

Kalicha geht es nicht darum, die Leser*innen zu Anarchismus und Christentum zu bekehren. Sein Anliegen ist es, Einblick in Theorie und Praxis einer unbekannten Strömung zu geben und „unter nicht-religiösen AnarchistInnen ein Bewusstsein für libertäres Christentum, für progressive und anarchistisch inspirierte Strömungen in der christlichen Community zu schaffen und so argumentativ gegen unreflektierte und reflexartige Schnellschüsse gegen alles Religiöse und Christliche aufzutreten.“

Anarchismus, der sich als per se atheistisch definiert und Religion nur als unterdrückerisches Dogma kennt, reproduziert eben jenes Schwarz-Weiss-Denken, das in westlichen Gesellschaften vorherrscht und es zu kritisieren und überwinden gälte. Ein Anarchismus, der libertäres Christentum an seinen eigenen Veranstaltungen nicht zulassen kann, wiederholt die Marginalisierung, die ihm von der Gesellschaft widerfährt. Möge darum die Lektüre dieses Buches die Fähigkeit zu offenem Denken unter seinen Leser*innen fördern und die Menschen, die für die gleichen Werte aus unterschiedlichen Gründen heraus einstehen, zusammenbringen.

Sebastian Kalicha (Hg.): Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung. Heidelberg 2013.
Werbung