Attack of the Weekly Links: Filmzensur, Babylon, Filmkammer des Schreckens und Co.

Filmzensur Ost-West | Ein wahnsinnig interessantes Forschungsprojekt darüber, wie DDR-Filme in der BRD zensiert wurden — zuständig war der Interministerielle Ausschuss für Ost/West-Filmfragen. In den 50ern und 60ern begutachtete der Ausschuss Filme aus dem Ostblock und urteilte, ob man sie dem westdeutschen Publikum zumuten kann oder nicht. hier oder hier erfährt man mehr über die Hintergründe.

Black Vibes Matter. „Babylon“ als antirassistischer Musikfilm in Thatchers England | Das Schweizer Online-Magazin Geschichte der Gegenwart hat sich ausführlich mit Babylon auseinandergesetzt, einem britischen Reggae-Film von 1980 — auf den haben wir hier und hier kurz hingewiesen. GdG ist übrigens auch sonst sehr empfehlenswert.

RE-Infiziert in der Filmkammer des Schreckens | Die Filmkammer des Schreckens ist ein äusserst lauschiger Podcast über eher abseitige Filme (Hongkong-Kino, Horror, Trash etc.). Sehr zu empfehlen. (Aufmerksame Leser haben die Filmkammer vielleicht schon in unserer Link-Liste entdeckt.) In Folge 11 gehts um „Dracula A.D. ’72“ (zu Deutsch: „Dracula jagt Minimädchen“), „Vampire Hunter D: Bloodlust“ und „Prophecy“ (nicht zu verwechseln mit „The Prophecy“). Inzwischen hat die Filmkammer auch einen Ableger.

Massel & Matt Mysteries | Apropos Podcasts: Matt aus der Filmkammer-Crew hat auch eine andere Show, zusammen mit einem gewissen Massel (from Brussel?). Da schnacken sie über ihre Faszination für UFOs, Bigfoot und Co. — nicht aus gläubiger, sondern skeptischer Perspektive (Stichwort „Bullshit“).

Zeitreisen und ein besessenes Klohäuschen: Die Kunst von Ralph Niese

Am 25. November ist Ralph Niese überraschend gestorben, mit gerade mal 37 Jahren. Wirklich kein Alter. Er war Comiczeichner, und zwar einer der besten der deutschen Indie-Szene. Sein Zeug ist eine grandiose Mischung aus Moebius, frankobelgischem Funny-Stil, 50er-Jahre-Pulp, italienischen Horror-Fumetti, ein bisschen Manga. Besonders die expressive, knallige Farbgebung sticht ins Auge. Allerfeinster Trash. Ein Haufen Spass.
Ausserdem hat er Actionfiguren und Sammelfiguren gemacht. Seit Jahren hat das Phantom Outhouse (oder Shithouse) einen Ehrenplatz in meinem Arbeitszimmer. (Ralph hat es nach einem Design von Kyle Thye modelliert.)

Gekannt hab ich Ralph leider nur oberflächlich. Er machte für den Buddelfisch einen Kalender mit Comics (über den Young Time Traveller). Und er übernahm die Farben des Hefts Fieser Splatter #1, womit er dann auch eine von mir gezeichnete Story stark aufgewertet hat.

Getroffen hab ich ihn, wenn er jeweils am Comicsalon Erlangen beim Buddelfisch zu Gast war. Am besten erinnere ich mich an den Salon von 2016. Da kam Ralph plötzlich mal zu mir und einem Kollegen und fragte uns nach unseren Festivalpässen. Etwas perplex händigten wir sie ihm aus, ohne gross nachzufragen, wofür er sie brauchte. Später stellte sich heraus, dass er damit zwei Kumpels reingeschmuggelt hatte. Die schoben — als Landstreicher verkleidet — einen Einkaufswagen herum und verkauften ein „Obdachlosenmagazin“ (mit Comics). Das waren noch Zeiten.

Schaut euch sein Schaffen an; es gibt jede Menge Tolles zu entdecken:

 
Ralphs Instagram.

Ralphs Deviantart.

Ralphs Facebook-Seite.

Nachruf beim Tagesspiegel.

Nachruf bei der Leipziger Volkszeitung.

Nachruf von David Füleki auf Facebook.

Bericht über das Comicfestival Hamburg 2016 beim Tagesspiegel (wos auch um eine Ausstellung von Ralph geht).

Worst Movie Night: Samurai Cop

Endlich, endlich haben wirs wieder in eine Worst Movie Night geschafft — es ist über ein Jahr her, dass die Berner Kultmoviegang erstmals nach Zürich kam und uns Plan 9 From Outer Space zeigte. Ein grosser Moment. Es gab in der Folge eine Handvoll Vorstellungen, die wir Kulturmutanten leider verpassten, und viele weitere mussten wegen Corona abgesagt werden. In Bern selbst kann die Gang zurzeit nichts vorführen, weil der Kanton die Kinos geschlossen hat. Es sind schlimme Zeiten für den Trash.

Aber zumindest ist das Kosmos noch geöffnet, auch wenn sich nicht wahnsinnig viele Leute ins Kino getraut haben. Die Berner sind gewohnt sympathisch und verteilen vor dem Kinosaal Harakiri-Shots — rote Plastikphiolen mit hochprozentigem Inhalt. Das Fiese: Einige enthalten bloss Wasser.

Im Saal. Es fängt an mit einer kleinen Einleitung der Gang (anscheinend war Samurai Cop der allererste Film, den die Leutchen einem Publikum vorsetzten), dann kommt eine Videobotschaft von Mathew Karedas, dem Hauptdarsteller von Samuari Cop (damals noch unter dem Namen Matt Hannon). Nun gut, die Botschaft entstand nicht extra für Zürich, sondern vor einiger Zeit für eine Jubiläumsvorstellung der Kultmoviegang — trotzdem schön.
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Halloween 2020: Rats — Notte di terrore

Begeben wir uns mal wieder in die tiefsten Untiefen des schlechten Geschmacks. In den Achtzigern haben die Italiener stapelweise billige Schrottfilme voller Gewalt und Sex produziert und dabei zünftig bei anderen, besseren Filmen geklaut, vorzugsweise bei solchen aus den USA. Damit haben sie dann die Bahnhofskinos und Videotheken der Welt beliefert. Will sagen: Es war nicht alles Fellini dazumal.

Zu den schlimmsten Kinoverbrechern gehörten Bruno Mattei und Claudio Fragasso. 1980 arbeiteten sie das erste Mal zusammen und zwar bei La vera storia della monaca di Monza, einem Nunsploitation-Streifen. (Das Genre dreht sich um die lustigen Kapriolen lüsterner Nonnen.) Fragasso besorgte das Drehbuch, Mattei die Regie. Diese Aufgabenteilung behielten sie die nächsten Jahre bei, wobei weder der eine noch der andere jemals so etwas wie Talent oder Skrupel bewies.

Noch im Jahr 1980 machten sie zudem Virus, auch bekannt als Hell of the Living Dead — ein stinkfreches Plagiat von George A. Romeros wegweisendem Zombie-Film Dawn of the Dead (1978). Sogar einen Teil der Musik haben sie übernommen. (Nicht einmal illegal, soweit ich das verstehe: Romeros Film war eine amerikanisch-italienische Co-Produktion, und Mattei hatte die richtigen Connections, um sich die Tracks ganz offiziell zu besorgen.)

Und so gings dann weiter mit den beiden Spiessgesellen. Eine kleine (!) Auswahl:

  • I sette magnifici gladiatori (1983) ist ein „Remake“ von The Magnificent Seven (oder The Seven Samurai), halt im Setting eines Sandalenfilms.
  • Strike Commando (1987) kupfert bei Rambo: First Blood Part II ab, bis hin zu einzelnen Szenen (ein modus operandi, der eine Spezialität des Duos war).
  • Robowar (1988) ist eine Mischung aus Predator und Robocop (ein Roboter jagt Soldaten im Dschungel).
  • Terminator II (1989) ist nicht etwa ein Plagiat von The Terminator, sondern ein Szene-für-Szene-Remake von Aliens, halt mit Mutanten statt Aliens. Immerhin läuft im Finale dann doch noch ein Cyborg Amok.

Terminator II war die letzte Zusammenarbeit von Fragasso und Mattei. Während Letzterer nicht wirklich noch was von Interesse zusammengewerkelt bekommen hat, schob Fragasso 1990 zumindest noch Troll 2 hinterher, einen Trashfilm, der heutzutage ähnlich viel Verehrung erfährt wie Plan 9 From Outer Space oder The Room — aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls, was die beiden zwischen 1980 und 1989 produzierten, geht auf keine Kuhhaut und nur knapp auf Zelluloid.

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Zureich Trash Filmfest Nr. 1

Liebe Movie Buffs

Die Zureich-Trash-Filmfest-Reihe zeigt Filme in Anwesenheit der Filmschaffenden, die schonungslos über ihre Leidenschaft verhört werden und sich nach der Vorführung auch unbequemen Publikumsfragen stellen.

– MAN-struation
– SchrottMagnet
– Nutshot

Freut euch auf einen jenseitigen Kinoabend im KinoKochAreal!

Definition of Trash by Urban Dictionary:
„When your entire reason of existing is a certain thing, you are trash.“

(immer möglichst pünktlich)
NO DOGS ! NO SMOKE !

Freitag, 10. Januar 2020 | ab 19:00 | Koch Areal | Rautistrasse 22

Der Autovampir: Horror aus dem Osten

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Man stelle sich den kleinen Gregor vor, wie er die Fernsehpostille durchblättert und dabei auf einen Film namens Der Autovampir stösst. Als Gruselfan streicht er sich das selbstverständlich an und noch in derselben Nacht beguckt er sich das Lichtspielwerk in der Flimmerkiste – woraufhin er sich zuhöchst darüber empört, dass es da gar nicht um einen Vampir geht, der Autos aussaugt, sondern um ein Auto, das Menschen aussaugt, der Titel also Das Vampirauto lauten müsste. Eine tolldreiste Verhöhnung von Logik und Sprache.

Der Autovampir
Der Autovampir
Betitelung hin oder her, Der Autovampir hat sich damals in mein Gedächntnis eingeprägt, und noch Jahre später hab ich von Zeit zu Zeit daran zurückgedacht. Blöd nur, dass das verdammte Ding nirgendwo aufzutreiben war. Abgesehen von einer Fernsehausstrahlung alle paar Schaltjahre existierte keine Veröffentlichung, weder auf Kassette noch auf Silberscheibe. Was wohl daran lag, dass der Film 1981 in der Tschechoslowakei produziert wurde, als mitten im kommunistischen Osten, und im Laufe der politischen Umwälzungen in irgendeinem Bunker vergessen ging. Oder es hat sich einfach kein Schwanz dafür interessiert – zumindest im Westen.
Nun, 2009 hatten die Tschechen endlich ein Einsehen und brauchten eine DVD heraus. Zwar ohne jede Synchro oder Untertitel, aber immerhin. Die Untertitel hat dann irgendein anonymer Mensch aus dem Internet nachgeliefert, dafür sei ihm hiermit wärmster Dank ausgesprochen.
So kann ich mir heute also endlich wieder Der Autovampir ansehen – und das dazu noch passgenau zum 35-Jahre-Jubiläum des Streifens.

Disclaimer: Soweit ich Dialoge wiedergebe, habe ich sie aus dem Englischen übersetzt.

 
Der schwarze Rennwagen

Dr. Marek (Jirí Menzel) und Krankenschwester Mima (Dagmar Veskrnová*) sind als Rettungssanitäter unterwegs – sie wurden zu einem Herzinfarkt gerufen. (Ein dritter Sanitäter hockt hinten drin, aber der ist nicht weiter wichtig.) Mima sitzt am Steuer und fährt wie ein Schulbusfahrer, der nach dreissig Jahren im Beruf endlich seinen Selbstmordgedanken nachgibt. Der Doktor versucht nichtsdestotrotz, sie anzuflirten:
„Wir sollten mal in einem normalen Wagen ausfahren.“
„Du meinst, in deinem Auto?“
„Du darfst natürlich fahren.“
„Und du bist die Sirene.“

Eine Frau am Steuer? In Osten steht die Welt echt kopf.
* Dagmar Veskrnová heisst heute Dagmar Havlová, denn 1997 heiratete sie Václav Havel – der seinerseits einer der führenden Köpfe der Samtenen Revolution war, als der letzte Präsident der Tschechoslowakei diente (1989-1992) und anschliessend als erster Präsident der Tschechischen Republik (1993-2003). Ja, bei mir lernt man was.

Auf dem Weg zum Notfall nähert sich Marek und Mima ein schwarzer Rennwagen, der ein abenteuerliches Überholmanöver hinlegt und damit einen Lastwagen von der Strasse drängt, der wiederum seine gesamte Ladung über die Strasse verteilt: tausende und abertausende von Tomaten! Sympathischerweise fährt der Rennwagen einfach weiter.
Marek und Mima überwinden das Gemüse-Hindernis und sehen bald darauf den Rennwagen am Strassenrand stehen. Mima hält an, um dem Fahrer die Meinung zu geigen, doch er fährt ihr vor der Nase davon. Was für ein Arschloch!
Der Tag wird nicht besser: Die Adresse aus dem Notruf existiert gar nicht. Gewissenlose Scherzanrufe gabs demfall auch im Kommunismus (man hatte ja sonst nichts). Dafür stellt sich den beiden jetzt der Rennwagen von vorhin in den Weg. So können wir erstmals einen genauen Blick auf den Ferat Vampire RSR werfen. Und was soll ich sagen: Die Karre ist potthässlich. Zwar imitiert sie ansatzweise den Schnitt eines eleganten Sportwagens, wirkt jedoch aufgrund des eckigen Designs und der ausladenden Seitenleiste ziemlich klobig – ganz zu schweigen vom massiven Heckspoiler, der auf einem breiten Hintern montiert ist. Später sehen wir den Wagen mit sperrigen Scheinwerfern, befestigt auf der Motorhaube. Ein Auto, wie es nur sein Konstrukteur lieben kann.
Aber das Beste: Der Ferat hat keine Türen im klassischen Sinne. Um einzusteigen (oder auszusteigen, je nachdem), muss man den ganzen Vorderbau hochklappen, ähnlich wie bei einem Kampfjet. Oder wie bei einem BMW Isetta.
(Ursprünglich war dieser Ferat ein Konzeptwagen von Škoda, aber dazu erzähl ich euch weiter unten mehr.)

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Ouija — Die Rückkehr des lustigen Hexenbretts

Bild: Universal

Für mich war Ouija die Entdeckung des letzten Jahres, denn solche Filme kommen nur noch sehr, sehr selten im Kino: Filme, die derart schlecht sind, dass sie unterhaltsam werden.
Keine Frage, Regisseur Stiles White und sein Team hatten einen richtigen Horrorschocker im Sinn. Aber die Handlung beginnt damit, dass sich jemand mit einer Lichterkette erhängt. Da hängt also eine Leiche im Treppenhaus, die von weihnachtlichen Lichtern beschienen wird, und wir sollen schockiert sein. Keine Chance. Auch danach ist Ouija eine einzige Parade von dummen Momenten, aber halbwegs kompetent und mit einem derartigen Tempo inszeniert, dass es niemals langweilig wird. Eine Achterbahn der unfreiwilligen Komik. Ich hab den Film damals in einer Pressevorführung gesehen und mich zusammen mit den Kollegen fast totgelacht. Das ist guter, bodenständiger Trash, nicht wie dieser billige, dröge Müll à la Sharktopus und Sharknado. Über das Zeug amüsiert sich nur der Pöbel, Ouija ist etwas für Connoisseurs. Hoch das Weinglas!

Da das Universum ab und zu doch gerecht ist, war Ouija ein Erfolg an den Kassen, so dass jetzt das Prequel ins Kino kommt – denn wir müssen ja dringend erfahren, wie genau die Leiche des Mädchen in den Keller gekommen ist. So landen wir mitten in den 1960ern. Das Haus aus dem letzten Film wird dazumal von der Familie Zander bewohnt: Mutter Alice (Elizabeth Reaser) hat alle Mühe, sich selbst und ihre beiden Töchter über die Runden zu bringen, seitdem ihr Mann das Zeitliche gesegnet hat. Geld verdient sie, indem sie trauernden Menschen weismacht, sie habe Kontakt mit dem Totenreich. Bei ihren Séancen hilft sie mit allerlei Tricks nach, zudem assistieren ihr heimlich die Kinder.
Jetzt soll man nicht glauben, Alice wäre eine böse Betrügerin, nein, sie ist ein herzensguter Mensch und will den Leuten bloss bei der Trauerarbeit helfen – notfalls verzichtet sie auf ihren Obolus. Merke, kein Wahrsager würde jemals seine Kunden bescheissen.

Jedenfalls kauft Alice eines Tages ein Ouija-Brett, um damit ihre Show ein bisschen aufzupeppen. Aber es kommt, wie es kommen muss: Mit dem Hexenbrett beschwört die falsche Geisterbeschwörerin aus Versehen einen echten Geist herauf, der prompt von ihrer jüngere Tochter Doris (Lulu Wilson) Besitz ergreift. Ach du Schande. Zum Glück ist der Leiter ihrer katholischen Schule ein Pfarrer (Henry Thomas). Kann er den bösen Geist aus dem Haus kicken?

Ouija: Origin of Evil stammt von Mike Flanagan und Jeff Howard, die zuvor mit Oculus einen netten kleinen Überraschungshit landeten. Da ging es um einen dämonischen Spiegel, der ein Geschwisterpaar über zwei Zeitepochen hinweg triezt.
(Fakt am Rande: Annalise Basso, die dort die jüngere Version der Schwester spielt, hat nun in Ouija: Origin of Evil die Rolle der älteren Tochter Paulina gekriegt.)
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Flanagan und Howard ganz genau um die Komik des ersten Teils wussten – denn was damals unfreiwillig war, forcieren die beiden nun offenbar mit Absicht, und zwar gekonnt. Soll heissen: Ouija: Origin of Evil ist ebenso lustig wie der erste Teil, aber diesmal bewusst darauf ausgelegt – zugleich wirkt der Film niemals so, als wäre er verkrampft auf witzig getrimmt. Das ist eine Balance, die man erst einmal hinbekommen muss. Respekt.

Da steht die kleine, besessene Doris auf dem Pausenplatz. Zwei Knaben, die sie schon öfters gemobbt haben, machen sich über sie lustig. Einer der beiden nimmt eine Steinschleuder hervor und zielt damit auf Doris‘ Kopf – doch sie dreht sich plötzlich um und blickt ihm direkt in die Augen. Der böse Geist zwingt den Knaben, die Steinschleuder auf sich selbst zu richten und zu feuern. Wir hören den Knall aus dem Off und sehen, wie die Klosterschwestern panisch zu dem Jungen rennen.
Die Szene ist ihrer augenscheinlichen Lächerlichkeit zum Trotz vollkommen ernst inszeniert und gehört gerade deshalb zum Lustigsten, was ich dieses Jahr im Kino gesehen habe.

Überhaupt, die kleine Doris! Lulu Wilson ist in der Rolle eine absolute Sensation. Sie hat bisher sowohl in Comedyserien (Inside Amy Schumer) wie auch in Horrorfilmen (Deliver Us from Evil) mitgespielt und sie beherrscht das Komische ebenso perfekt wie das Unheimliche.
Doris‘ grosse Schwester hat einen Freund, Mikey (Peter Mack). Der klingelt mal an der Tür. Doris ist grad allein im Wohnzimmer und öffnet ihm.
„Willst du etwas Cooles hören?“, fragt sie ihn.
„Sicher“, antwortet er.
Da schildert sie ihm, und zwar bis ins kleinste Detail, wie es sich anfühlt, gehängt zu werden. Auch ein Robert De Niro in seinen besten Zeiten hätte diesen Monolog nicht so gut hingekriegt wie Lulu Wilson.
(Und jetzt ratet mal, wie Mikey endet.)

Als dann Pater Tom vorbeischaut, um sich das Mädchen anzusehen, steht er mit dem Koffer in der Hand vor dem Haus wie seinerzeit Pater Merrin in The Exorcist. Ist ja klar, dass sich Flanagan und Howard jede Menge Anspielungen auf die Geschichte des Horrorfilms erlauben – schon der erste Teil war ein Amalgam aus allen möglichen Quellen, aber das Prequel legt einen spielerischen Umgang mit den Vorbildern an den Tag.
Dazu gehört auch, dass der Film mit dem klassischen Universal-Logo beginnt oder dass das Bild wie bei einem 35mm-Film daherkommt, ohne dass es sich einem aufdrängen würde. Inklusive dieser kleinen Signalzeichen, die früher dem Filmvorführer zeigten, wann er die Rolle wechseln muss (es brauchte eine Weile, bis mir das überhaupt auffiel). Diese Liebe zum Detail ist schlicht bewunderswert.

Grosse Freude hab ich zudem an der ganzen Einrichtung. Wie gesagt, die Handlung spielt in den 60ern. Mode und Inneneinrichtung schrammen nur ganz knapp daran vorbei, eine offene Parodie auf die Epoche zu sein. Man vergleiche das nur mal mit dem production design von Annabelle, einem Horrorfilm, der ebenfalls in den 60ern spielt, aber einen betont ernsten Ansatz wählt – und darum auch eine recht düstere Version des Jahrzehnts zeigt. Ist Annabelle die Manson-Family, so ist Ouija: Origin of Evil der freundliche Hippie von nebenan. Jedenfalls ist das endlich mal ein Horrorfilm in bunten Farben, statt immer nur in Grau und Braun.

Man kann sich Ouija: Origin of Evil übrigens auch ansehen, ohne den ersten Teil zu kennen – ich würde das sogar empfehlen, denn sonst vergeigt man sich die eine oder andere überraschende Wendung. Der Fluch der Prequels. Ein grandioser Spass sind aber beide Filme.

Ouija: Origin of Evil läuft ab dem 20. Oktober in den Schweizer Kinos.

Ärgerlich: In Zürich läuft nur die deutsche Synchronfassung im Kino (obwohl wir an der Pressevorführung die untertitelte Originalversion zu sehen bekamen). Ich hasse sowas und empfehle, die DVD/Blu-ray abzuwarten.
Ouija: Origin of Evil
USA 2016, 100 Min.
Regie: Mike Flanagan
Drehbuch: Mike Flanagan, Jeff Howard
Mit Elizabeth Reaser, Annalise Basso, Lulu Wilson, Henry Thomas, Peter Mack et al.

Fear No Evil: Satan tötet per Völkerball

fearnoevil00Alexandria High School, class of ’81. All the students are going to hell – except for Andrew. He sent them there!

In Fear No Evil (zu Deutsch Luzifer) bringt Satan höchstpersönlich einen Teenager um – und zwar mithilfe eines Völkerballs. So ein Film ist das.
Zu verdanken haben wir den Klumpatsch einem gewissen Charles M. LaLoggia (der jüngst im Jahre 2014 verstorben ist). Der Mann stammte aus dem Bundesstaat New York und hatte im Leben genau drei Interessen: Banken, Pferderennen und Kino. Als Börsen-Wunderkind machte er schon früh ein Heidengeld, genug jedenfalls, um einen Film in Angriff zu nehmen. Da stiess er auf das sogenannte Boldt Castle, ein herrschaftliches Anwesen auf einer Flussinsel. Dessen Erbauer war ein Millionär namens George Boldt gewesen: 1851 in Preussen zur Welt gekommen und in den 1860ern in die USA emigriert, arbeitete er sich zu einem erfolgreichen und steinreichen Hotelbesitzer hoch. Boldt Castle war als ein Geschenk an seine Frau gedacht, die jedoch 1904 verstarb – woraufhin Boldt den Bau aussetzen liess.
So lag das unfertige Inselschloss jahrzehntelang brach, bis es eine Behörde 1977 aufkaufte und restaurierte. Heutzutage ist das Ding eine Touristenattraktion.

Und eben, Charles LaLoggia kam in den 70ern zum Schluss, dass man dort doch einen tollen Horrorfilm drehen könnte. Womit sein Vetter Frank ins Spiel kam, der schon länger als Schauspieler arbeitete, aber durchaus Ambitionen hatte, Regisseur zu werden. Die beiden brachten das Geld auf, um 1979 ihren Horrorfilm zu drehen.
In der Postproduktion ging ihnen allerdings das Geld aus, so dass sie sich an die Produktions- und Verleihfirma AVCO Embassy wenden mussten, gemäss Frank LaLoggia „die erste Anlaufstelle für kleine Independent-Horrorfilme“ (siehe in diesem Interview). Bei AVCO fanden zum Beispiel auch The Fog oder Scanners Unterschlupf. Jedenfalls konnten die LaLoggias Fear No Evil dank AVCO fertig machen, mussten ihn dafür aber nach deren Vorgaben umschneiden. Frank: „Der Film wurde ein Chaos.“ (Mehr dazu auch hier.) Ein regelrechter Pakt mit dem Teufel.
Das ist natürlich betrüblich, aber immerhin verantwortete Edna Ruth Paul den Schnitt, die auch Cutterin eines nicht gänzlich unbekannten kleinen Horrorfilms aus demselben Jahr war: The Evil Dead.

Trockeneis-Nebel und Punk

fearnoevil01Die Handlung beginnt mit einem alten Priester. Der rudert mit einem Boot zu einer Insel, wo eine Burgruine von Trockeneis-Nebel umwabert wird. In den Gemäuern findet er allerlei tote Tiere, sowie ein paar Leichen – und Luzifer in menschlicher Gestalt. Zwar schafft es der Alte, Satan mit einem eisernen Kreuz zu durchbohren, doch Beelzebub droht an: „Ich werde wiedergeboren werden!“

1963 kehrt er tatsächlich zurück, und zwar im Körper des neugeborenen Säuglings Andrew. Schon früh merken seine Eltern, dass mit dem Würmchen was nicht stimmt: Bei seiner Taufe verwandelt sich das Weihwasser in Blut. Pardauz!
Die folgenden Jahre über macht Andrew lauter Scherereien und seinen Eltern das Leben zur Hölle, und wir merken derweil, dass sich die LaLoggias fleissig bei The Omen (1976) bedienen. (Satansbraten und so.) Nun, es gibt schlechtere Vorbilder.

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Transcending: Mit dem Kopf gegen die Spüle

Zurzeit läuft im Stüssihof ein Mysterydrama des Aargauer Filmfans Michael Wettstein. Darin führen übernatürliche Phänomene ein amerikanisches Ehepaar in die Schweiz. Dass da Fans einen eigenen Film auf die Beine stellen, ist bewunderswert – aber Transcending zeigt auch die Gefahr fehlplatzierter Prioritäten.

Wettstein ist ein absoluter Hollywood-Fan, er verfügt über eine riesige Kollektion an Selfies, die er mit verschiedensten Filmstars geschossen hat. Nun ist er selbst Filmproduzent und erfüllt sich mit seinem eigenen Film einen Traum. […] Die beste Schule sei es, seinen eigenen Film zu drehen, rezitiert Wettstein den grossen Filmemacher Stanley Kubrick.
— Aus der Medienmitteilung zum Film —

Mein Ziel besteht nicht darin, Michael Wettstein oder sein Werk runterzumachen – als Nichtprofessineller einen eigenen Film auf die Beine zu stellen, ist beeindruckend, und als Mitglied der Gruppe Konverter bin ich ganz und gar für den Dilettantismus. Aber Transcending – The Beginning of Josephine ist auch ein gutes Beispiel, an dem sich einige Sünden der Laienfilmerei aufzeigen lassen. Und diese haben ihren Ursprung in einem schwerwiegenden Umstand: Es ist leicht, eine Kamera zu kaufen, aber schwierig, eine Geschichte zu erzählen.

Einen Film zu machen, ist heutzutage banal, denn dank digitaler Videotechnik verfügt jeder für wenig Geld über die nötigen Mittel – man schaue sich nur den vorvorjährigen Kritikerliebling Tangerine an, der auf einem iPhone 5s gedreht wurde. Aber abgesehen vom beispiellosen Zugang auf die Technik ist das Erzählen einer Geschichte mit filmischen Mitteln immer noch genau so schwierig wie zu Anbeginn des Kinos. Spätestens seit den Achtzigern (als sich die Videokamera auf breiter Basis etablierte) gibt es also haufenweise Leute, die zwar zur Kamera greifen, aber sich nicht die Mühe machen, das Geschichtenerzählen zu erlernen – denn sie erliegen dem Irrtum, mit dem Kauf der nötigen Technik sei das Wichtigste schon erledigt.
In Extremfällen führt das zu so etwas wie Oliver Krekels Robin Hood: Ghosts of Sherwood — ein Film, der sogar in 3D gedreht wurde, aber kein Stück besser erzählt ist als schlechtes Schülertheater (und dementsprechend unerträglich zum Angucken).

So macht es mich auch misstrauisch, wenn Michael Wettsteins Pressedienst lauter oberflächliche Errungenschaften anpreist, aber kaum ein Wort zu Story oder Figuren verliert:

Wettstein hat sich bekannte Drehorte ausgesucht. Die Protagonisten des Films leben in den gleichen Häusern wie Tom Cruise in Steven Spielbergs «War of the Worlds». Ausserdem liess Wettstein eigens für seinen Film ein ganzes New Jersey-Haus in einer Aargauer Lagerhalle nachbauen. […] Wettstein engagierte für seinen Film den Basler Komponisten Raphael Benjamin Meyer, der auch schon für die TV-Serie «Der Bestatter» Musik schrieb. Für den Cast stellte er Schweizer, Deutsche und Amerikanische Schauspieler an.
— Aus der Medienmitteilung zum Film —

Worum geht’s denn eigentlich?

Der Film hebt an mit einem Prolog im schweizerischen Wohlen (Kanton Aargau). Dort wird im Jahre 1975 eine gewisse Rosa Maria Huber bestattet. Zwar gibt es keine Leiche, aber da ihr Verschwinden schon zwei Jahre zurückliegt, hat man es gut sein lassen und sie für tot erklärt. Sie hinterlässt einen kleinen Sohn (dem wir später wiederbegegnen) sowie einen Mann, den man hinter vorgehaltener Hand verdächtigt, seine (reiche) Frau um die Ecke gebracht zu haben.

Zwei Dinge sind festzustellen:

  • Look und Ton wirken auf den ersten Blick durchaus professionell – immerhin etwas.
  • Auch wenn der Prolog in der Schweiz spielt, sprechen die Figuren Englisch. Das behalte man im Gedächtnis für später.

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