Attack of the Weekly Links: Tote und lebende Komiker

Wir sind verlauste Affen | Karl Dall ist gestorben, Komiker, Schauspieler und Sänger, Star des deutschen Nachkriegskino-Meisterwerks Sunshine Reggae auf Ibiza und Mitglied der Band Insterburg & Co. Deren Song Wir sind verlauste Affen (vom Album Laßt uns unsern Apfelbaum, 1970) gehört zu jener Handvoll Sachen aus Dalls Karriere, die ich mir weitgehend ohne Fremdschämen antun kann.

Katie Mears | Eine Comedy-Expertin aus New York, deren Youtube-Kanal ich empfehlen möchte. Sie kommt für meinen Geschmack vielleicht ein wenig zu vloggerig daher, aber sie hat exrem spannende Videos über „claping“ und „pandering“, die Rückkehr von Louis C.K. oder über Will Rogers (1879-1935), den bekanntesten Komiker aller Zeiten, den heute niemand mehr kennt.

Comedy Without Errors | Noch ein Youtube-Kanal, der sich auf Stand-up-Comedy-Kritik spezialisiert. Zum Einstieg empfehle ich zwei Videos über zwei sehr verschiedene Komiker: Michael McIntyre und Stewart Lee. CWE wirkt etwas professioneller als Mears, geht allerdings weniger in die Tiefe (wobei der Kanal halt auch schlicht noch recht neu ist).

„I cannot wait for life to give me jokes, my life is just not funny enough“ | Vor einer Weile empfahl ich schon mal das Online-Comedy-Magazin Setup/Punchline. Kürzlich führten sie ein Interview mit der Komikerin Lucie Macháčková aus Prag, die von der Stand-up-Szene in Tschechien erzählt. Sehr spannend.

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Attack of the Weekly Links: Dilettantismo, Fleisch und Gervais

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Manifesto del dilettantismo | 2016 formulierten wir von der Gruppe Konverter das Manifest des Dilettantismus. Die Voce Libertaria, eine anarchistische Zeitschrift aus dem Tessin, hat das Manifest auf Italienisch übersetzt und in ihrer Ausgabe 42 abgedruckt.

Igorrr: Very Noise | Hinter dem Pseudonym Igorrr steckt der französische Musiker Gautier Serre. Die Kunstgruppe Meat Department hat ein Video zu seinem Stück Very Noise gedreht. Schön, einfach nur schön.

Ricky Gervais and Jeremy Clarkson are no laughing matter | Es ist ja fast schon wieder ein alter Hut, aber Ricky Gervais hat die letzten Golden Globes moderiert. Und mit seinen frechen, politisch unkorrekten Reden hat ers der Hollywood-Elite so richtig gezeigt. Gemäss der einen Leseweise. Anders sieht das der britische Komiker Stewart Lee in seiner Kolumne für den Guardian. (Es geht darin auch um Jeremy Clarkson, aber das ist nicht so interessant.) Unter anderem weist Lee darauf hin, dass Gervais Kritik an Hollywood etwas schal wirkt, wenn man bedenkt, dass er sie mit voller Unterstützung von Hollywood formuliert. (Und das schon zum fünften Mal, nebenbei gesagt.)

British Comedy @ Miller’s: Simon Munnery und Co.

I have the brain of an eagle, the heart of a lion, the engorged member of a rampant hippopotamus — all I need now is some glue.
Simon Munnery

Letzthin hab ich Stewart Lee für mich entdeckt, den man wohl als intellektuellen Stand-up-Comedian bezeichnen kann (jedenfalls mach ich das), einer also, der sehr bewusst mit den Mitteln der Stand-up-Comedy arbeitet und deren Grenzen austestet, der nicht nur unfassbar lustig ist, sondern mit How I Escaped My Certain Fate auch ein Buch geschrieben hat, das ich jedem unbedingt ans Herz lege, der sich tiefgehender mit britischer Komik auseinandersetzen möchte.
Lee ist auch zu verdanken, dass mir Simon Munnery ein Begriff ist. Die beiden sind frühe Weggefährten und haben als solche den Aufstieg moderner britischer Stand-up-Comedy in den Achtzigern und Neunzigern miterlebt und mitgeprägt. Sie sind zusammen aufgetreten (zum Beispiel in Cluub Zarathustra, einem avantgardistischen Kabarett) oder haben die BBC-Serie Attention Scum! geschaffen.

Nun ist Simon Munnery in Zürich aufgetreten, genauer gesagt im Miller’s. Im Auftakt zur Reihe British Comedy @ Millers. Diese organisiert Hanspeter Kuenzler, ein Schweizer, der vierzig Jahre lang in London lebte. (Mehr dazu hier.)

Weder Lee noch Munnery waren jemals echte Comedy-Stars wie Jimmy Carr, Eddie Izzard oder Russell Brand, dafür sind die zwei ein wenig zu anspruchsvoll, vor allem Munnery, der seinem Publikum mitunter einiges abverlangt. Der Unterschied zwischen Munnery und seinen etwas gefälligeren Kollegen liess sich am Abend in Miller’s wunderbar beobachten.

Die Show war klassisch arrangiert, mit Munnery als Headliner und zwei weniger bekannten Komikern als Vorprogramm. Ganz am Anfang trat schnell Kuenzler auf die Bühne, um einerseits dem Publikum kurz das Konzept des Abends zu erklären, denn wie sich herausstellte, hatte nur etwas die Hälfte der Leute Erfahrungen mit solchen Comedy-Abenden (die andere Hälfte bestand zu einem guten Teil aus britischen Expats, schien mir). Andererseits erklärt Kuenzler, dass die Band nicht auftreten würde, denn die steckte irgendwo mit dem Flugzeug fest. (Da sich der Abend eh etwas in die Länge zog, war das wohl nicht das Allerschlechteste.)

Dann ging die eigentliche Show los, und zwar mit dem opener, bzw. dem MC (master of ceremonies), einem gewissen Ben Van der Velde. Seine Aufgabe bestand darin, durch den Abend zu leiten und das Publikum aufzuwärmen. Van der veldes Akt war ganz klassisch; er erzählte ein bisschen von sich, machte sich über seine holländische Herkunft sowie über die Unterschiede zwischen England und der Schweiz lustig, unterhielt sich ein wenig mit dem Publikum. Da sass zum Beispiel in der vordersten Reihe eine Frau in dicken Wintersachen, anscheinend, weil sie erkältet war; eine dankbare Steilvorlage für den Komiker. Und natürlich: Brexit, Brexit, Brexit. Das Herzstück dieser Art von Komik sind lustige Alltagsbeobachtungen (observational comedy).
Auf van der Velde folgte als feature (middle) Masud Milas, der grundsätzlich dasselbe machte wie van der Velde, allerdings noch ein bisschen mehr Humor aus seinem speziellen kulturellen Hintergrund zog — denn Milas wuchs als Kind eines britischen Vaters und einer kenianischen Mutter in Hongkong auf.
van der Velde und Milas waren beide witzig und hatten kein Problem damit, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Ihre Komik ist nicht besonders herausfordernd, aber es braucht dafür doch jemanden mit Persönlichkeit und Schlagfertigkeit — und ganz einfach guten Witzen. (Dass das gar nicht so einfach ist, konnte man an der letzten Young Swiss Comedy sehen.)

Nach der Pause heizte van der Velde das Publikum noch einmal ein bisschen an, und dann kam endlich der closer, der headliner, der star act: Simon Munnery. Kuenzler hatte im Vorfeld behauptet, das schweizerische Schulenglisch reiche aus, um die Show zu verstehen, aber mir war sofort klar gewesen, dass das im Bezug auf Munnery arg optimistisch gedacht war. Ich hatte unzählige YouTube-Videos von Munnery gesehen, hatte aber immer noch Schwierigkeiten mit seiner schnellen, dabei leicht nuscheligen und akzentschwangeren Aussprache; ganz zu Schweigen davon, dass seine Witze zu einem guten Teil aus semantischen Spielereien bestanden, so dass man schon verdammt sattelfest in der englischen Sprache (sowie der britischen Kultur) sein musste, um alles mitzukriegen.
Es wurde schnell klar, dass ein guter Teil des Publikums damit leicht überfordert war. Und eben, Munnery ist sowieso kein Komiker, der es seinem Publikum leicht macht. Eher ist er einer, der auch mal das Risiko eingeht, dass ein Gag völlig flach fällt.
(Nicht, dass seine Nummer an jenem Abend völlig avantgardistisch abgehoben gewesen wäre, nicht wie zu seinen besten Zeiten als Alan Parker: Urban Warrior oder als League Against Tedium.)
Er hat auch durchaus observational comedy drin, hat beispielsweise von seinen Töchtern erzählt (wie die eine der anderen mal den Fuss ins Gesicht gekickt hat), oder von dem Nervenschaden in seiner linken Hand, wegen dem er nicht mehr beide Hände gleichzeitig zum Hitlergruss heben könne.
Aber dann hat er eben auch zusammen mit den Zuschauern ein schottisches Volkslied gesungen, wobei die Zuschauer bis zuletzt darin versagten, den gesamten Refrain zu wiederholen. Das war dann auch der Witz, wenn man das überhaupt als Witz bezeichnen kann: Dass das Publikum den Refrain nicht hinkriegte.
Oder da gab Munnery zum Ende hin einen Dialog zum Besten, in dem ein Pärchen sich bei seinem ersten Date übers Skifahren unterhielt. Es gab da keinen Witz im engeren Sinne, sondern nur die Absurdität eines Gesprächs, dass sich immer stärker um immer obskurere Details bezüglich Winterjacken, Bindungen oder Preisvergleiche drehte. Es zog sich scheinbar ewig hin, Leute verliessen den Saal, ich selbst driftete in Gedanken davon — aber Munnery blieb knallhart dabei. Und so scheidet sich der Meister von den Möchtegerns.

 
Linkparade:

Munnery-Interview von Kuenzler zum Miller’s-Auftritt
Munnery als Kirche von England
Munnery im Jahre 2013
Zur Struktur von Comedy-Shows
Mehr britische Komik in Zürich: International Comedy Club
Noch mehr britische Komik in Zürich: English Stand-up im Comedyhaus