Vier Städte an der Ostsee, Teil 1: Helsinki

Reisebericht | Im Jahr 2019 besuchten die Allerliebste und ich vier Städte, die an der Ostsee liegen: Helsinki, Tallinn, Stockholm und Sankt Petersburg. Ich will berichten, was wir dort erlebten. Den Anfang macht Helsinki, Finnland, wo wir Ende Juli waren. Eine Reise zwischen Rekordhitze und Eisbrechern.

 
Wir nehmen keinen Direktflug nach Finnland, sondern legen in Riga einen Zwischenstopp ein. Den Flughafen kennen wir noch von unserem Lettland-Besuch.
Es gibt ja Leute, die finden, alle Flughäfen der Welt sähen gleich aus – Marc-Uwe Kling zum Beispiel tut irgendwo in seinen Känguru-Chroniken darüber unken. Das ist zwar kulturkritisch wohlfeil, stimmt aber nicht. Den Rigaer Flughafen zum Beispiel erkennt man an den Holzlatten. Überall Holzlatten. Eine Würdigung der enormen Bedeutung der Holzindustrie für das Land.

In den Gängen ist ein Putzroboter unterwegs. Ein überkanditelter Roomba, sperrig und knallend orange. Es blinkt warnend, weicht Menschen aber auch von selbst aus. Das Star Wars-Universum war uns noch nie so nah.

Von Riga nach Helsinki nehmen wir eine Propellermaschine. Knapp 90 Passagiere haben Platz. Es ist das kleinste Flugzeug, in dem ich je unterwegs war, und ich liebe daran, wie stark man die Bewegungen der Maschine spürt.

 
Tervetuloa!

Ich geb zu, der Flughafen von Helsinki ist mir nicht gross in Erinnerung geblieben. Wir nehmen den Citybus in die Innenstadt und steigen am Hauptbahnhof aus. Ein Alkoholiker schläft auf einer Kellertreppe. Eine Frau ist am Containern. Fast wie in einem Kaurismäki-Film. Nur, dass die Sonne hell vom Himmel brennt: Es ist der Höhepunkt des Hitzesommers. Willkommen in Helsinki.

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Mailand 2020: Kampf gegen den Faschismus. Fressen und Saufen.

Reisebericht | Ulla M. Brella wohnt vorübergehend in Mailand. Die Gruppe Konverter besucht sie dort um das Wochenende vom 11./12. Januar 2020. Ein Protokoll aus der Sicht von Armada und Rogerg.

Armada und Rogerg kommen am Busbahnhof Lampugnano an. Dank extensivem Sonnenschein erscheint ihnen die Station nicht ganz so traurig wie letztes Mal.

Die zwei fahren mit der M1 ins Zentrum. Raus aus der Metro, rauf an die Sonne. Auf der einen Seite das Castello Sforzesco. Auf der anderen Seite ein Reiterdenkmal von Guiseppe Garibaldi – sein Pferd streckt Armada und Rogerg den Hintern entgegen.

Zmittag in der Vecchia Brera, einem alten verwinkelten Restaurant. Es herrscht feuchte Wärme. Die Besucher nehmen auf roten Ledersitzen Platz. An den Wänden Täfelung mit eingelassenen Spiegeln. Ein Oberlicht aus Bleiglasfenstern. In der hintersten Ecke eine enge Wendeltreppe.
Risotto mit Scampi und Limette für Armada. Ein Cotoletta alla milanese für Rogerg. Nicht überragend, aber okay.

Auf dem Weg zum Hotel Ornato im Stadtteil Niguarda: Ein Wandgemälde. Niguarda antifascista, entstanden 2014 im Auftrag der Associazione Nazionale Partigiani d’Italia (ANPI), also der Nationalen Vereinigung der Partisanen von Italien. Das Werk ist insbesondere Gina Galeotti Bianchi (1913–1945) gewidmet. Die Frau war zusammen mit ihrem Mann, Bruno Bianchi, im antifaschistischen Widerstand engagiert (Kampfname Lia) und wurde am 25. April 1945 in der Nähe des Hospital Niguarda von deutschen Soldaten niedergeschossen. Sie war auf dem Fahrrad unterwegs, zusammen mit Stellina Vecchio (1921–2011, Kampfname Lalla). Vecchio engagiert sich auch nach dem Krieg noch jahrzehntelang in der Politik, unter anderem in der ANPI. Galeotti Bianchi war zum Zeitpunkt ihres Todes schwanger.
In Nigaurda liegt auch der Giardino Gina Galeotti Bianchi, ein kleiner Park, der 2005 nach ihr benannt wurde.
Dort, wo Gina Galeotti Bianchi erschossen wurde, hängt eine Plakette zu ihrer Erinnerung – man findet dies Plakette an der Via Imperatore Graziano, 32, gegenüber dem Ristorante Auto Club.
Das Wandgemälde wurde schon mehrmals mit Hakenkreuzen besprayt, die Gedenktafel am Giardino Gina Galeotti Bianchi wurde mindestens einmal zerstört. Umso wichtiger ist es, sich an die Frau zu erinnern.

Znacht. Un posto a Milano war früher ein Bauernhof – heute ists ein Kulturort mit Hotel und Restaurant. Letzteres: Ein hoher Raum mit Backsteinwänden. Neben den KellnerInnen kümmert sich ein Sommelier um die Gäste. Er schenkt regelmässig nach, was einerseits gastfreundlich ist, andererseits ständig das Gespräch am Tisch unterbricht. Eine unnötige Marotte besserer Restaurants.
Chefkoch: Nicola Cavallaro. Highlights unter den Esswaren:

  • Stracciatella di bufala mit Sardellen
  • Längliche Ravioli mit Kürbiskernfüllung, Scampi und Tomaten
  • Faraona-Roulade mit Kastanien (Faraona = Perlhuhn)
  • Semifreddo (Eisparfait) mit Nuss und Salz

Danach: Ein sogenannter caffè cuccagna für Rogerg. Es kommt eine Tasse mit einem Filter, darin Kaffeepulver, dazu eine Kanne mit heissem Wasser. Also ein Filterkaffee zum Selbermachen am Platz. Rogerg passt nicht auf, die Tasse überläuft.
Im Sommer ist der Ort sicher noch etwas schöner, wenn der Garten in Blüte ist und Tische draussen stehen.

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Amsterdam, Teil 1: Kiffen, Pommes, Chemtrails

Amsterdam ist eine schöne Stadt, aber keine, in der ich leben könnte. Es wird dort einfach zu viel gekifft.
Zur Erläuterung: Ich selbst kiffe nicht, störe mich aber auch nicht daran, wenn andere Leute es tun. Alles friedlich. Die Allerliebste hat ungefähr dieselbe Einstellung zum Thema. Bevor wir nach Holland fliegen, vereinbaren wir gar, einen jener berühmten Coffeeshops auszuprobieren. Aber dann vor Ort dann: Wenn wir uns einem Shop nähern, kommt uns jeweils eine derartige Cannabis-Wolke entgegen, dass uns schlecht davon wird. Also lassen wir es bleiben. Kein Gras für uns Bünzlis.
Allerdings muss man nicht in einen Coffeeshop, um eingenebelt zu werden. Ganz Amsterdam ist ein Cannabis-Freigehege, und besonders in den Ausgangsvierteln hat man keine Chance, der grünen Wolke zu entkommen. Damit muss man leben können.
Einmal spazieren wir durch den Vondelpark. Die Anlage erinnert an den Zürcher Platzspitz der 80er und 90er, aber in der Disney-Version: Überall friedliche Grüppchen von Kiffern. Dazu Lachgas-Schnüffler, die untereinander ihre Luftballons herumgehen lassen.

Am Kiffen und Schnüffeln mag es auch liegen, dass sämtliche Amsterdamer mit dem Fahrrad unterwegs sind, aber niemand einen Helm trägt.

Wenn wir schon bei den Klischees sind: Die Schaufenster des Rotlichtviertels schauen wir uns ebenfalls an. Im Kopf haben wir die Vorstellung von einem lockeren und unverkrampften Umgang mit Sexualität, es erweist sich dann aber als eine eher traurige Angelegenheit: Nackte Osteuropäerinnen, die sich von Touristen blöd angaffen lassen, und Horden von besoffenen Mundatmern, die sich für wahnsinnig geistreich halten, indem sie die Frauen danach fragen, ob sie Rabatt kriegen.

So viel zum allgemeinen Eindruck.

 
Der Hinflug

Wir fliegen im April 2018. Manchmal hat man einfach Pech, und dann teilt man den Flug mit einem schreienden Baby. Nur Doofe regen sich darüber auf. Von Zürich zum Amsterdamer Flughafen Schiphol erleben wir das schlimmste Schreikind, das uns bisher untergekommen ist. Es brüllt derart aus vollem Halse, dass es sich immer wieder verschluckt und ausser Atem gerät. Den ganzen Flug über. Man muss eine derartige Ausdauer bewundern.

Nach der Landung steuert der Pilot das Flugzeug eine Weile über das Flughafengelände. Schliesslich parken wir. Und warten. Der Pilot: „Wir stehen hier noch etwas im Gemüsegarten nach unserer kleinen Flughafentour, da unser Standplatz noch besetzt ist.“

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Wien 2019, Teil 5: Die Präsidentinnen

Für den Samstagabend haben wir Theaterkarten gebucht: Die Präsidentinnen im Akademietheater.

Mit der U-Bahn gelangen wir zum Karlsplatz. Dieser ist weitgehend menschenleer, der kleine Teich noch ohne Wasser, aber die Karlskirche hell beleuchtet. 1739 wurde sie fertiggestellt, nachdem Kaiser Karl VI. während der letzten Wiener Pestepidemie von 1713 gelobt hatte, dem Pestheiligen Karl Borromäus eine Kirche zu bauen. Seither gabs keinen grossen Pestausbruch mehr, scheint also funktioniert zu haben. Aber was sagt das über den heiligen Karl aus, dass man ihm erst eine Kirche bauen muss, bevor er seine Aufgabe erfüllt?

Vor der Aufführung gehen wir Burritos essen ins Gorilla Kitchen. Die Nachos als Beilage sind zu viel des Guten, ich hab mich überfressen.

Beim Akademietheater handelt es sich um die kleine Spielstätte des Burgtheaters. Im Gegensatz zu jenem werden in der Akademie vor allem zeitgenössische Stücke gespielt. Zum Vergleich: Im Burgtheater läuft am selben Abend Ödön von Horváths Glaube Liebe Hoffnung (1932). Im Akademietheater eben Die Präsidentinnen (1990) von Werner Schwab. Am Zürcher Schauspielhaus ist es ja ähnlich, mit dem alten Pfauen und dem jungen Schiffbau.

Die Sessel im Akademietheater – wir sitzen auf dem Balkon – sind sehr eng, nicht gemacht für Leute meiner Körpergrösse. Am Ende tun mir die Knie und der Rücken weh, wie immer in diesen alten Theaterhäusern. (Im ebenso beengten Pfauen in Zürich wird zurzeit eine Bühnenversion von Dürrenmatts Justiz gespielt, die fünfeinhalb Stunden läuft. Gott im Himmel.)

Schwabs Stück in der Inszenierung von David Bösch hatte im Oktober 2015 Premiere; wir haben versehentlich die allerletzte Vorstellung erwischt (allfällige künftige Wiederaufnahmen nicht eingerechnet). Werner Schwab (1958–1994) ist mir ein Begriff, weil wir einst im Studierendentheater Zürich sein Stück Mesalliance aber wir ficken uns prächtig spielten. Er wird gern, auch im Begleitheft des Akademietheaters, als Punker des Theaters bezeichnet. Seine Werke sind Österreich pur: Gedärme, Katholizismus, Hitler.

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Wien 2019, Teil 4: Schönbrunn

Samstag

Frühstücksbuffet im Wombat. Gestern Morgen sass eine Dame im mittleren Alter an der Geschirrausgabe; sie spielte über die Lautsprecher schnulzige Liebesballaden aus den 70ern und 80ern. Heute ist es eine junge Frau; sie spielt schnulzige Popsongs aus den 90ern und den Nullerjahren.

Kollege Barry trifft Buchleute; ich dagegen unternehme einen Ausflug zum Schloss Schönbrunn. Bisher kommt mir Wien ziemlich leer vor – es ist halt Februar, sag ich mir, keine touristische Hochsaison. Allerdings: Je näher ich dem Schloss Schönbrunn komme, desto mehr Leuten begegne ich. Fussgänger, Reisebusse, Privatfahrzeuge: Hier strömen die Menschen zusammen, es ist ein Volksauflauf. Auf dem Schlossplatz tummeln sich die Massen. Mir graut davor, wie es hier im Sommer aussehen mag.

Das Schloss selbst mit seinen Ausstellungen spare ich mir — ich bin nicht interessiert am Kult um Sissi. Stattdessen begebe ich mich in den Schlosspark. Auch hier sind die Hauptalleen voll von Leuten, aber sobald ich auf die Seitenwege ausweiche, hab ich meine Ruhe. Ein Schwarm von Krähen fliegt über mich hinweg; ich höre das Rauschen ihrer Flügel.

Blauer Himmel und Sonne. Es braucht nicht einmal eine Jacke. Ein herrlicher Februar. Dennoch, der Schlosspark steckt noch im Winterschlaf: Die Pflanzen sind kahl, viele der Brunnen noch gefroren. Es gibt einen Platz — das Rosarium –, der im Frühler voller blühender Rosen sein wird. Doch jetzt sind die Rosenstöcke noch alle Jutesäcke eingepackt. Hunderte von Rosenstöcken in Jutesäcken. Ich denke an den Film «Spartacus», denn es sieht aus, als hätte jemand Hunderte, Tausende von winzigen römischen Sklaven geköpft und gekreuzigt (die Jutesäcke erinnern an Tunikas).

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Wien 2019, Teil 3: Naschmarkt, Oberes Belvedere

Kollege Barry ernährt sich seit Neuem vegan, entsprechend wählen wir die Restaurants aus. So gehen wir zum Abendessen in Xu’s Cooking. Vegetarisch-vegane asiatische Küche. Auf der Karte: Rind, Poulet und Co., aber es ist alles Fleischersatz. Ich bestelle knusprige Ente. Sie schmeckt wie panierter Fleischkäse. Dazu ein Kirin-Bier, danach Bambusschnaps und warmer Sake. Wir fangen an, Ärzte-Lieder zu singen. Anscheinend geben wir zu viel Trinkgeld, denn wir bekommen mehrmals Sake nachgeschenkt. Oder die Restaurantbesitzer sind Fans von Deutschpunk. Auf dem Heimweg singen wir noch mehr Ärzte-Lieder.

 
Freitag

Nach dem Frühstücksbuffet im Wombat flanieren wir zum Belvedere. Unser Weg führt über den Naschmarkt. Ich esse ein Zelten mit Kokosfüllung, herrlich. Wir kommen an einem Imbiss vorbei, wo gerade ein Filmteam dreht. Sie filmen einen älteren Schauspieler dabei, wie er etwas bestellt. Wir erkennen ihn nicht.

Am Rande des Naschmarkts liegt das Voodies, ein vegetarischer Burgerladen. Ich nehme einen Burger mit einem Hirse-Erbsen-Patty, dazu Dutch Fries mit Satay-Sauce und eine biologische Limo. Haut mich nicht vom Hocker, aber es ist besser als bei McDonald’s.

Unterwegs trinken wir noch einen Kaffee, dann sind wir endlich am Oberen Belvedere. Ich wollte dorthin, um Gustav Klimt die Ehre zu erweisen. Das Museum ist ein barocker Prachtbau, umgeben von einer grosszügigen Gartenanlage, die freilich noch winterlich-karg daliegt. Dennoch komm ich mir ohne Rüschen und wallende Gewänder underdressed vor. Es gibt auch ein Unteres Belvedere, das wir aus Zeitgründen auslassen.
Hauptstück der Sammlung ist Klimts Der Kuss. Hier konzentriert sich dann auch der Besucheransturm. Das ca. zweimalzwei Meter grosse Gemälde hängt an einem grossen Block, der ein wenig in den Raum hineinragt. Die Leute sind still, aber sie zücken alle das Handy und den Selfiestick. Einzelne fragen gar Fremde danach, sie vor dem Bild zu fotografieren. Es gibt Pärchen, die versuchen, die Pose des gemalten Paares nachzustellen – sieht sehr unbequem aus.
Es erinnert mich an das Amsterdamer Rijksmuseum, wo sich die Aufmerksamkeit ganz ähnlich auf Rembrandts Die Nachtwache bündelt.

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Wien 2019, Teil 2: MuseumsQuartier

Nach dem Mittagessen verschwindet Barry zu seinem Verlag (bahoe books), ich dagegen geh ins Leopold Museum. Im Erdgeschoss die Ausstellung Klimt – Moser – Gerstl. Da haben wir den unvermeidlichen Gustav Klimt sowie Koloman Moser und Richard Gerstl. Klimt kennt man; Moser war Teil von dessen Wiener Jugendstil, Gerstl dagegen wandte sich explizit gegen Klimt und Co. (War aber dennoch wie die anderen beiden in der Wiener Secession.)
Moser war nicht nur von Klimt, sondern auch vom Schweizer Ferdinand Hodler beeinflusst. Das sieht man seinen Bildern an. Liebespaar gefiel mir.
Gerstls Bilder bedienen in ihrer Hässlichkeit und Amateurhaftigkeit eine Punk-Attitüde, bevor es Punk gab. Darunter einige Gemälde, an deren Rändern man noch die Leinwand sieht, die quasi gar nicht fertig sind.

Das Unfertige, Grobschlächtige von Gerstls Werk hat ein unerwartetes Echo im untersten Kellergeschoss, in der Ausstellung Wege ins Freie. Österreichische Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts. Zum Grossteil nicht besonders interessant für mich, aber unter den Gemälden befanden sich auch einige Studien – also Entwürfe für Komposition oder Farbgebung. Auch hier: Teils sieht man an den Rändern die Leinwand.
Die Farbstudien erinnern mich darüber hinaus an die Avantgarde der Moderne, an die Impressionisten und Expressionisten. Bös gesagt: Die Modernen haben einfach ihre Bilder nicht fertiggemalt – ich wundere mich darüber, dass Maler jahrhundertelang Studien gemalt und nie gemerkt haben, dass die einen eigenen Wert haben.

Eigentlich aber bin ich ins Leopold Museum, um mir Egon Schieles Werke anzusehen – es ist sein Stamm-Museum, kein anderes hat so viel von ihm. Zu verdanken ist das dem Augenarzt Rudolf Leopold, dessen Kunstsammlung Grundstock des Museums ist. Im Übrigen finde ich es sehr sinnig, dass sich ein Augenarzt für Gemälde einsetzt.
Wie dem auch sei, Schiele starb im Oktober 1918, und deswegen macht das Museum eine „Jubiläumsschau“ zu seinem hundertsten Todestag: Reloaded. (Wer ist sich eigentlich noch bewusst, dass das Wort „reloaded“ durch den zweiten Matrix-Film populär wurde?)

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Wien 2019, Teil 1: Meeting SpongeBob

Vergangenen Februar zog es Kollege Barry nach Wien, wieder einmal. Als offizieller Vertreter des a-propos-Verlags fiel ihm die Aufgabe zu, einen befreundeten Verlag und einen ebenso befreundeten Buchladen dort im fernen Osten zu besuchen, um Bücher vorbeizubringen/mitzunehmen, sich über Professionalitäten/Tratsch auszutauschen etc. Weil ich nichts Besseres zu tun hatte, ging ich mit. So kam eine Art Spar-Version des grossen Wien-Ausflugs von 2017 zustande. Davon zeugt dieser Bericht in fünf Teilen.

 
Donnerstag (Valentinstag)

Barry ist vorausgegangen und hat bereits den Mittwoch in Wien vebracht, ich komme am Donnerstag nach, per Flugzeug. Am Flughafen Wien eine elektronische Anzeigetafel mit Schlagzeilen. Unter anderem: „Strache will islamischem Antisemitismus den Kampf ansagen.“ Anders gesagt: „Katze will sich gegen Mäusegift einsetzen.“
(Leider, leider wird daraus nichts; ein paar Wochen später stolpert der Vizekanzler über die Ibiza-Affäre.)

Treffpunkt mit Barry: Das Wombat-Hostel am Westbahnhof. Es ist noch genau so charmant heruntergekommen wie letztes Mal. Wir haben zwei Schlafplätze in einem Sechser-Schlag. Mein Schliessfach kann ich nur zumachen, indem ich genau den richtigen Druck und den richtigen Winkel anwende – Präzisionsarbeit. Drei Hochbetten stehen im Raum. In meiner ersten Nacht hab ich eins der oberen Betten, wobei mein Gewicht für die wackeligen Holzkonstrukte ein ernsthaftes Problem darstellt. Für die zweite Nacht wechsle ich in eines der unteren Betten.

Während dieses Aufenthaltes bin ich schlau genug, mich trotz der niedrigen Alkoholpreise in Österreich nicht hemmungslos zu besaufen. So sind es andere Zimmerbewohner, die nachtsüber die Toilette in Beschlag nehmen, um sich auszukotzen.
Im Allgemeinen muss ich aber sagen, dass ich doch langsam zu alt für Hostels bin.

Nach dem Einchecken gehen Barry und ich die Mariahilfer Strasse runter. Wir trinken einen schnellen Kaffee, genauer gesagt, zwei grosse Braune, im Café Ritter. Auf der Strasse begegnen wir SpongeBob; er macht einen zerlumpten, abgetakelten Eindruck. Dass ihn jemand erkennt, bringt ihn völlig aus der Fassung. Traurig.
Barry und ich kehren ein im Aragwi – einem georgischen Restaurant. Es hat gerade erst aufgemacht, Barry und ich sind lange die einzigen Gäste. Ich esse Lobio, ein Bohnengericht. Dazu Käse, Brot, eingemachtes Gemüse. Estragon-Limonade. Aus den Lautsprechern: Kitschige georgische Liebeslieder.
Wir müssen weiter.

Wien 2017: Teil 1
Wien 2017: Teil 2
Wien 2019, Teil 1: Meeting SpongeBob
Wien 2019, Teil 2: MuseumsQuartier
Wien 2019, Teil 3: Naschmarkt, Oberes Belvedere
Wien 2019, Teil 4: Schönbrunn
Wien 2019, Teil 5: Die Präsidentinnen
Wien 2019, Anhang: Fotoshow

Göteborg 2017: Konstmuseum

Der Hauptartikel zu Göteborg ist hier zu finden.

Der riesige Klotz da oben, das ist das Kunstmuseum von Göteborg (bei dem kleineren Klotz rechts daneben handelt es sich um die Konsthall, und vornedran sieht man den Poseidonbrunnen). Da bin ich also mit meiner Allerliebsten rein (die dann irgendwann in die Stadt Tee trinken ging, während ich im Museum weiter abnerdete).
Okay, was hab ich da also gesehen?

 
Nordisches Zeug

Herzstück der Sammlung ist die nordische (vorwiegend natürlich schwedische) Kunst um 1900 herum. Da hat man die Fürstenberg-Gallerie mit den opponenterna (dt. „Widersachern“), die in den 1880ern und -90ern aktiv waren. Dazu kommen die Künstler des nordischen Fin de siècle, ab 1900 die schwedischen Modernisten und schliesslich die Göteborger Koloristen in den 1930ern.

Pontus und Göthilda Fürstenberg förderten und sammelten ihrerzeit junge Künstler (bzw. ihre Werke), die sich unter anderem vom französischen Impressionismus inspirieren liessen und gegen alterhergebrachte Kunstvorstellungen rebellierten. Mir erscheint allerdings die Fürstenberg-Kunst selbst ziemlich steif und langweilig. Da überwiegen idyllische Naturdarstellungen und nackte Frauen ohne Genitalien.
Das Interessanteste an der Fürstenberg-Abteilung ist noch, dass man in den 1920ern im damals neuen Kunstmuseum die alte Fürstenberg-Gallerie nachgebaut hat (die war vorher ganz woanders), mit den roten Wänden und den Skulpturengruppen an den Wänden, die modernen Erfindungen gewidmet sind — da sind zum Beispiel klassische Frauenstatuen um ein Telefon gruppiert.
Interessant jedenfalls, dass das Museum ausgerechnet dort hinein ein zeitgenössisches Werk von Fredrik Raddum gesetzt hat: The Child ist die Plastik eines lachenden kleines Kindes, dem Äste aus den Ohren wachsen. Als hätte jemand im einem stickigen Atelier ein Fenster geöffnet.

Gegen die Jahrhundertwende und mit der schwedischen Moderne ist die Kunst dann um einiges freier geworden, es kommen Leute wie der Norweger Edvard Munch — der einzige nordische Maler, der mir vorher schon ein Begriff war (das Kunsthaus Zürich hat übrigens eine ziemlich tolle Sammlung seiner Werke).
Andere schnieke Werke: Die Wolke von Prins [sic] Eugen; Die Bauerstochter von Carl Wilhelmson.
Ein eigener Raum ist Ivar Arosenius gewidmet, dessen Arbeit zwischen klassischen Gemälden und Kinderbuchillustrationen pendelt, und dessen Humor mir sehr zusagt. Er hat zum Beispiel mehrere Selbstporträts gemalt, auf denen er sich selbst extrem grimmig darstellt — was schon ganz grundsätzlich witzig ist, aber dann kommt das sogenannte Selbstporträt mit Federvie und Schweinen, wo Arosenius in seiner grimmigen Art durch eine bunte Gegend mit glücklichen Bauernhoftieren herumspaziert. Grandios.

Sehr gefallen mir zudem die Göteborger Koloristen (man schaue sich nur Inge Schiölers Rothaariges Modell I oder Carl Kylbergs Heimkehr an).

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