Mein Senf zum SENF

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Illustration aus SENF #05: „Olémine“

St. Gallen war lange Zeit bekannt für Bratwürste und einen kultigen Fussballverein. Die Bratwurst war so gut, dass es dazu keine Senf brauchte. Inzwischen ist es so, dass auch in der Ostschweiz die Wurst schmeckt wie überall und nur noch aus Prinzip ohne Senf gegessen wird, und leider hat der Fussballverein durch den Umzug in eine neue unpersönliches Einkaufzentrumsbetonschlüssel viel von seiner Originalität verloren.

Jetzt kann man jammern, dass früher alles besser war, oder aber sich die Geschichte zu eigen machen. Auf eine schöne Art und Weise macht dies das St. Galler Fanmagazin „SENF“, welches gerade in der 5. Ausgabe erschienen ist. Da es sich schon um Nr. 5 handelt, ist davon auszugehen, dass es sich dabei nicht um eine kurzfristiges Freudenfeuer handelt. Die Auflage beträgt 1500 Exemplare und die Machart ist äusserst aufwendig.

Grafisch ist dem Kollektiv mit Nr. 5 ein echtes Schmuckstück gelungen. Verschiedene Protagonisten der Vereinsgeschichte werden in sehr eigenem Stil dargestellt (siehe Bild). Dieses Artwork zieht sich durch das ganze Heft und geht im Konzept auf. Dadurch, dass sich SENF als Kollektiv definiert und die einzelnen Texte keine Autoren zuordnet, wirkt das Heft aus einem Guss und auch sehr sympathisch.

Der Inhalt will ansprechend und anspruchsvoll sein und ist es grösstenteils auch. Aber eben nicht immer. Senf hat ein Interview mit dem Urtypus eines St. Galler Spielers, Marc Zellweger, gemacht. Dieser hat viele, viele Jahre seine Knochen für den FCSG hingehalten, legendär seine Sprints über das ganze Feld und sein Kampf ohne viel zu hinterfragen. Bei diesem Interview entsteht dann aber der Eindruck, dass das, was „Zelli“ zum super Fussballer machte, ihn nicht gerade zum super Interviewpartner macht. Anders gesagt, ihm beim Rennen und Ackern zuzusehen war spanender als seine Gedanken zu lesen. Also nur etwas für Leute, die ihn spielen haben sehen.

Grösstenteils ist das Heft nur etwas für Anhänger, welchen den FCSG schon länger verfolgen. Und natürlich hat eine Fanmagazin das Objekt, über das es berichtet, so innig zu lieben, dass es zuweilen Dinge für interessant hält, die ein Zuschauer mit mehr Abstand jetzt eher so als Gähn beurteilt. Anders gesagt, mir gefällt die Idee eines Magazins für den FCSG, das von seinen Fans gemacht wird, in Zeiten, in denen der Club wegen der totalen Kommerzialisierung seines Umfeldes und des Fussballs im Allgemeinen leidet, so extrem gut, dass ich nie fähig wäre, das Heft in einer grundsätzlichen Weise zu kritisieren. Dabei stört mich, dass zum Beispiel ein Schiedsrichterpfiff aus dem Jahr 2001 für eine ganze „was wäre wenn“-Story als Aufhänger dient, der gegen den FCSG gefallen ist. (Ein Pfiff im letzten Spiel gegen Hauptkonkurrent um die Meisterschaft GC, der zum 0:1 führte). Während ein anderer, eigentlich wichtigerer Pfiff (ein Jahr davor gegen Hauptkonkurrent um die Meisterschaft FC Basel und der daraus folgenden Verhinderung des 1:2 von diesem) mit keiner Silbe erwähnt wird. Da kommt der Verdacht auf, dass zuweilen Konzept dem Inhalt vorgezogen wird.

Aber im Allgemeinen sei gesagt, dass der St. Galler Anhänger, also auch ich, eh für „ummesüdere“ so hinlänglich bekannt ist, dass es wohl tut, mit SENF eine gelassen Stimme der Verortung zu haben. Und natürlich wird die Clubführung auch kritisch hinterfragt. Was natürlich nur wenig kritisch hinterfragt wird, ist das St. Galler Publikum, und so bekommt man den Eindruck, wie man ihn auch vom Stadion und Fanforum kennt, dass sich die Prioritäten in den letzten Jahren eher vom Fan-Sein vom Club (nicht von der Führung) hin zum Fan-Sein vom Fan-Sein entwickeln haben. Der Stimmung im Stadion hat das nicht unbedingt gut getan und den Supportern gelingt es nicht mehr wie früher, das Zünglein an der Waage zu sein. Wäre im Senf auch Platz für solche Selbstkritik, dann wäre ich vollauf begeistert. Damit würde gelingen, sich vom Konsumenten zurück zum Protagonisten zu wandeln, und SENF wäre ein schönes Beispiel dafür, wie das gehen kann.

senf.sg

MadC 1: „The Tide“ von Herr Bitter

Bei Journalisten sammelt sich allerlei Zeugs an, Promo- und Recherchematerial zum Beispiel. Nun hat der Medienkonzern, für den ich arbeite, auf das Jahresende hin ausgemistet — dabei fielen tonnenweise Bücher und CD ab. Und bevor alles in die Container verschwand, bekamen wir Angestellten die Chance, sich am Ausschuss zu bedienen. Also hab ich einen Sack voller CD eingepackt, die ich im Laufe der nächsten Wochen und Monate allesamt besprechen will (wenn auch bloss in Kürzestform).

Anmerkung 1: Meine Expertise in Sachen Musik ist eher rudimentär ausgebildet, sorry. Aber hey, dafür hab ich einen unverstellten Blick (ist doch auch was).
Anmerkung 2: Ich habe nur mitgenommen, was mich zumindest halbwegs interessiert hat. So werde ich viel Jazz, aber kaum Hip Hop besprechen.

Nun aber zu:

 
Herr Bitter: „The Tide“

Hui, gleich zu Beginn eine Entdeckung!

Goth-Aliens würden Musik machen wie diese Band aus St. Gallen. Soll heissen, hier kriegt man düsteren Space-Synthpop, der aber auch seine spielerische Seite hat. Ein eigentliches Theremin kommt nicht zum Einsatz, soweit ich das raushöre, aber mich soll der Krampus holen, wenn Herr Bitters Synthesizer sich nicht an das klassische Science-Fiction-Instrument anlehnt.

Das hört man unter anderem im Video zu „No Need“, einem der coolsten Tracks der Platte, welcher zudem mit einem fantastischen Musikvideo gesegnet ist, das der Frontmann Sascha Tittmann (ja, der heisst so) höchstpersönlich in die Welt gesetzt hat. Doch doch, kann man sich anhören und -sehen, gern auch mehrmals.

Aliengoth-Faktor: 98%

Offizielle Website der Band

Kulturbeutel

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Ich bin vor kurzem nach St. Gallen gezogen. In der Region aufgewachsen war ich lange im Exil. Deshalb ging ich aus Neugier an den Neuzuzüger Apéro der Stadt St. Gallen im Pfalzkeller. Dort gab es erst einen Vortrag des Stadtpräsidenten und ein paar Videos zu sehen. Bei den Videos wurden so spannende Themen wie Weihnachtsbeleuchtung oder Schneeräumen behandelt. Der Stadtpräsident ist ein schlechter Redner und der Chor, der dazwischen immer mal singen durfte, war etwas zu leise für die Grösse des Saales geraten.

Danach ging es zum zweiten Teil über. Im Nachbarkeller einem langen Saal gab es Bratwurst, Bier und verschiedene Stände von Vereinen aus der Stadt St. Gallen. Es stimmt wirklich, Männerchöre und Turnvereine suchen verzweifelt Mitglieder. Es gab Kugelschreiber, Kaugummis und Getränke. Und einen weissen Abfallsack. Ja, weil St. Gallen stolz darauf ist, als erste Schweizer Stadt den Gebührensack eingeführt zu haben. Auch dabei waren eine rothaarige korpulente Dame mit blauer Hornbrille und ihrer Assistentinnen. Da ich taktischerweise erst die zu erwartenden Geschenke abholen ging. Im Gegensatz zur Masse der Einwanderer handelte, die erst mal essen wollte. Und so kriegte ich einen der, so wurde mir später klar, hochbegehrten Kulturbeutel. Mit einiger Hemmung wurde er mir überreicht, war er doch eher für andere Leute gedacht, doch die Rothaarige hatte nicht geckeckt, dass es schon losgegangen war und sprach abseits mit dem Stadtpräsidenten und da gab mir die eine Assistentin einen Kulturbeutel. Das ist ein robuster Plastiksack, eine Mischung aus Freitagtasche und Migrossack, gemacht von der Schule für Gestaltung.

Im Kulturbeutel befinden sich Prospekte und Programme vieler Kulturanbieter aus St. Gallen so wie diverse Gutscheine. Es soll mir eine Übersicht über das offizielle Angebot dieser Stadt verschaffen. Ich hab das einige Wochen später getan. Es hat darin:

– Ein Couvert des Flagschiffs, der LOKremise mit Flyern, einem Monatsprogramm und einem „persönlichen“ Brief, wo sie sich mir als „Kulturzentrum mit Theater, Programmkino, Kunstzone und Restaurant“ vorstellt. Sehr schöne Gestaltung, sicher kostspielig. Vielseitiges Angebot.

Ich greife erneut in den Beutel und halte in der Hand, warte mal

– Den Spielplan des Sinfonieorchesters St. Gallen. Das Titelbild dieses Faltblattes zeigt neben Informationen, das Bild eines Strohhutes in der Hand eines Menschen, neben dem Abschnitt eines Birkenstammes und grüngelbem Hintergrund. Das Programm umfasst Klassiker und Versuche, auch mal etwas „Moderneres“ zu wagen, ohne die Hochkultur per sein in Frage zu stellen.

– Ein Flyer der Freunde des Sinfonieorchesters St. Gallen, Jahrsbeiträge: Einzelmitglied 70 Fr., Paarmitglied 120 Fr., Firmen ab 1000 Fr., Gönnermitglied 200 Fr., Gönnerpaar 300 Fr., dafür gibt’s verschiedene Rabatte und Begegnungsmöglichkeiten sowie Infos.

Und weiter geht es mit

– Einer zu bezahlenden Rechnung von „Sunrise“?! Oh, der Kulturbeutel liegt hier wohl schon etwas länger rum und ich hab ihn als Altpapiersammler benutzt.

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„The House of Friction“ – Unterhaltung der anderen Art

Ich stehe wieder draussen an der frischen Luft. Zurück in der Realität. Leicht wankend gehe ich retour zur Kasse der Lokremise und gebe der Empfangsdame den Schlüssel zurück. An meinen Schuhen klebt Taubenkot, meine Kleider sind staubig und ich frage mich: „Was zur Hölle war denn das?“

Ich bin in Christoph Büchels Falle getappt. Wie so viele vor mir. Der Schweizer Künstler schlägt sich ein Schnippchen und lässt die Kunstszenis über verstaubte Dachböden klettern, Bauröhren hinabrutschen und Feuerwehrleitern runter in die Scheisse gleiten. Und damit auch niemand haftet, weder Künstler noch Institution, wenn doch mal etwas schief geht, signiert man als Besucher vorher ein Formular mit Warnhinweisen.

Doch vielleicht male ich hier alles zu schwarz.

Die Installation im Wasserturm der Lokremise in St. Gallen wurde 2002 im Rahmen der Ausstellung „House of Fiction“ durch Christoph Büchel erbaut. Damals war die Lokremise noch nicht Teil des St. Galler Kunstmuseums, sondern wurde von der Galerie Hauser & Wirth für ihre Sommerausstellungen genutzt. Die Werke der Ausstellung von namhaften Künstlern wie Dan Graham, Pipi Lotti Rist, Ugo Rondinone, Fischli & Weiss setzen sich mit dem Thema Fiktion auseinander und kreieren künstliche Welten im White Cube, auf welche man sich als Betrachter einlassen kann.

Christoph Büchel unterwandert mit seinem Werk „House of Friction“ die klassische Form der Ausstellung. Er erbaute im Wasserturm einen Kosmos aus Räumen und Durchgängen, die scheinbar früher bewohnt wurden und nun aus unerfindlichen Gründen so zurückgelassen wurden. Das Werk wurde daraufhin für 10 Jahre geschlossen und ist 2013 im Rahmen der Ausstellung „Home Sweet Home!“ (vom (un)heimeligen Zuhause in der Kunst) des St. Galler Kunstmuseums wieder eröffnet worden. Das Werk ist in der Zwischenzeit gealtert. Staub hat sich in allen Ecken eingenistet und Tauben haben Einzug gehalten. Es wird erzählt, dass Junkies sich in dieser Zeit im Wasserturm installiert haben und ihre Überreste jetzt noch dort zu finden sind. Doch auch vorher schon glichen die Räume gammeligen Müllhalden. Es ist schwer zu sagen, welche Geschichten wahr, welche erfunden sind. Der Künstler, Christoph Büchel, äussert sich zu seinen Werken nicht. So gibt auch die Lokremise keine weiteren Auskünfte zu Werk und Künstler.

Die Installation wird erst durch mich, die Betrachterin, die sich in diese Welt begibt, zum Kunstwerk erhoben. Alleine betrete ich das Werk und stelle mich den fiktiven Geschichten, die Büchel mir mittels seiner Installation erzählt. Die verlassenen Zimmer, verstaubten Gegenstände suggerieren mir Geschichten von möglichen ehemaligen Bewohner. Getrieben von Neugier und Furcht gehe ich von Raum zu Raum, jeder Durchgang ist eine neue Herausforderung, die es zu erklimmen gilt. Als Besucher bin ich physisch gefordert und in das Werk eingebunden. Und irgendwann gibt es kein Zurück mehr.

Es ist eine Grenzerfahrung weg vom Massenkonsum. Ich sitze nicht sicher zuhause auf meiner Couch. Falle ich von einer Leiter, falle ich wirklich. Beinahe hyper-realistisch mutet mich diese Kunstform an. Sie bedient sich naturalistischer Mittel, Alltagsgegenstände, und kreiert ein realistisches Abbild unserer Welt. Genau so könnten grossmütterliche Wohnzimmer, verstaubte Dachböden aussehen. Und doch muss ich mich auf Büchels Geschichten einlassen, um nicht einfach eine Ansammlung von Schrott zu sehen. Durch die Unmittelbarkeit, die fehlende Distanz zum Werk als Betrachter, ist keine rationale Reflexion mehr möglich. Ich bin zurückgeworfen auf mich selbst, auf meine eigenen Emotionen, die realer nicht sein könnten. Geläutert, gereinigt verlasse ich den Wasserturm – wie durch die Katharsis der antiken Tragödie in tausendfacher Verstärkung. Oder einfach verängstigt, vom Künstler gezwungen, durch den Staub zu kriechen? Büchel übt mit seiner Kunstform eine immense Macht aus. Er erhebt Abfall zu Kunst und zwingt den Kunstbetrachter in die Knie.

Voraussichtlich ist die Installation von Christoph Büchel am Sonntag, 8. November 2015 zum letzten Mal offen. Jedoch wurde sie bis anhin im Frühling wieder für Besucher geöffnet. Hoffen wir, dass es auch dieses Mal wieder der Fall ist – und sonst unbedingt noch ein letztes Mal am 8. November vorbeigehen. Wagemutige vor!

Büchel_Aussen_2002

„The House of Fiction“ ist eine Installation von Christoph Büchel, zu sehen in der Lokremise des St. Galler Kunstmuseums, geöffnet jeweils sonntags von 11 bis 18 Uhr. Zur Begehung der Installation wird geschlossenes Schuhwerk und robuste Kleidung dringend empfohlen. Bitte beachten Sie ausserdem, dass die Installation erst ab 18 Jahren zugänglich ist!