«Judex»: Unaufgeregtheit und Vogelmasken

Mit Judex hat sich Regisseur Georges Franju (1912–1987) Anfangs der Sechziger ein Remake geleistet. Er war ein Fan des Stummfilm-Pioniers Louis Feuillade, und der hatte in den 1910er-Jahren Abenteuer-Serials wie Fantômas und Les Vampires gedreht und eben auch den ursprünglichen Judex (1916).

Im Zentrum steht ein gewisser Judex («SchÜ-dex»), eine Art Batman-Vorgänger. Als verkleideter Rächer kämpft er für Gerechtigkeit, das heisst, er legt er sich mit einem verbrecherischen Banker an, bekommt es aber auch mit einem skrupellosen Kindermädchen und ihren Handlangern zu tun.

Franju dampft die zwölf Episoden des Originals auf Spielfilmlänge ein und hat sichtlich Spass daran, die Absurdität der Handlung auf die Spitze zu treiben. Da jagen sich Twists und Zufälle.
Einmal brauchen die Verbündeten von Judex dringend jemanden, der eine Hausmauer hinaufklettern kann – genau in dem Moment kommt eine Akrobatin mit ihrem Zirkus vorbei, die zudem noch freundschaftlich mit einem der Helden verbunden ist. Die Welt ist ein Dorf!

Das alles ist milde amüsant, insgesamt hält sich der Unterhaltungswert jedoch in Grenzen. Das Erzähltempo ist doch ziemlich gemütlich-grossväterlich, und die Inszenierung durchzieht eine Art Unaufgeregtheit, die dem Spannungsaufbau hinerlich ist. Schockmomente und Thrillerszenen fallen flach, die Kampfchoreografien sind ein Witz, die Figuren reagieren auf die Handlungsentwicklungen üblicherweise phlegmatisch.
Als etwa das böse Kindermädchen feststellt, dass sie und ihre Handlanger eingekesselt sind, und ihr Partner meint, man könnte vielleicht mal was machen, antwortet sie mit einem Schulterzucken. Ja, wieso nicht, könnte man mal. Schwierig, da mitzufiebern.

Und das hat nichts mit veränderten Sehgewohnheiten zu tun. Im Jahr zuvor war der erste Bondfilm erschienen, Fritz Lang und Alfred Hitchcock haben zur selben Zeit Abenteuerfilme gedreht, die nach wie vor fetzen.
Franju dagegen war ein Meister des poetischen Genrefilms – Les yeux sans visage (1960) gilt zurecht als Klassiker des Horrorgenres. Ein Abenteuerfilm und dieser intime Stil jedoch, das beisst sich.

Oder vielleicht liegts auch nur an mir. Es gibt genug richtige Filmkritiker:innen, die Judex für seine traumwandlerische Qualität loben. Mir erscheint das eher als schnarchlerische Qualität.

Eins muss man ihm lassen: Die Bilder sind fantastisch. Ein Highlight etwa ist die Maskenball-Szene, in der die Gäste mit Vogelmasken auftreten. Ein surreal-gruseliger Anblick. Hier funktioniert die träumerische Atmosphäre auch für mich. (Vorbild waren anscheinend die Werke von Max Ernst.)

Und da wär noch das böse Kindermädchen. Gespielt von Francine Bergé, ist diese junge Frau von einer beeindruckenden Kaltschnäuzigkeit und damit mit Abstand die interessanteste Figur im Film.
Zudem: Ihr hautenges schwarzes Einbrecher-Outfit, das vergisst man nicht so schnell. Quasi die erste Catwoman der Filmgeschichte (kurz vor Julie Newmars Version in der 60er-Jahre-Batman-Serie).

Judex
F 1963, 103 Min.
Regie: Georges Franju
Drehbuch: Georges Franju, Jacques Champreux, Francis Lacassin
Mit Channing Polock, Francine Bergé, Édith Scob, Michel Vitold et al.
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Oldboy: You Only Live Thrice

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Goto kommt in einem Stadtpark zu sich. Er hat keine Ahnung, wo er sich befindet, oder wie genau er dorthin gekommen ist. Aber für ihn ist dieser Park ein Wunder — denn seit zehn Jahren hat er kein Gras mehr unter den Füssen gespürt, hat den Sternenhimmel nicht mehr gesehen, keine frische Luft geatmet. Zehn Jahre lang war er eingesperrt in einer kleinen Zelle, einem kargen Raum in einer Art Privatgefängnis. Jetzt treibt ihn nur noch eine Frage um: „Wer hat mir das angetan? Und zu welchem Zweck?“
In der Bar, in der er sein erstes Bier seit langer Zeit trinkt, lernt er Eri kennen, eine junge Kellnerin. „Alter Knabe … Wenn Sie deshalb nicht schlecht von mir denken … Möchten Sie zu mir kommen?“ Er wird ihr Liebhaber, sie hilft ihm dabei, seinen Peiniger ausfindig zu machen.

Die Mangaserie Orudo Boi packt einen von den ersten Seite an mit einem faszinierenden Rätsel, und bis zur letzten Seite bleibt es spannend, Goto und Eri bei der Detektivarbeit zu begleiten. Zum Beispiel: In den Jahren der Gefangenschaft hat Goto stets denselben Frass aus demselben chinesischen Restaurant essen müssen. Wenn er das Restaurant findet, hat er eine Spur zu seinem Gefängnis und damit zu den Leuten, die ihn weggesperrt haben. Seine Geschmacksnerven werden ihm den Weg weisen: „Glaubst du, ich vergesse den Geschmack der Gerichte, die ich zehn Jahre lang jeden Tag gegessen habe?“
Zwar gibt es tausende von Chinesen in der Stadt. Doch dank eines Fitzelchen, den Goto einmal in seinem Essen gefunden hat, weiss er den Namen des Restaurants: Blauer Drache. Davon gibt es nicht ganz so viele. Zusammen mit Eri besucht er alle davon und probiert jeweils die Teigtaschen. „Ich finde, es gibt kein chinesisches Gericht, dass sich so sehr von Laden zu Laden unterscheidet.“
Blöd nur, dass keines der Restaurants die richtigen Teigtaschen macht. Doch da hat Eri einen Geistesblitz …

Wie es sich für ein anständiges Mystery gehört, wirft jede Frage, die die beiden beantworten können, zwei weitere auf. Gar nicht so einfach, diese Manga wieder aus der Hand zu legen. Nur bei der Auflösung bin ich mir etwas unschlüssig – nach über 1600 Seiten erscheint sie seltsam antiklimaktisch, allerdings scheint gerade das der Punkt zu sein.

 
Von Japan nach Südkorea

Hier kommt nun Park Chan-wook ins Spiel. Der südkoreanische Filmemacher feierte 2000 in seinem Heimatland einen gewaltigen Erfolg mit Joint Security Area — in dem Krimidrama untersucht eine Offizierin aus der Schweiz (!) eine Schiesserei an der Grenze zwischen Nordkorea und Südkorea, bei der zwei nordkoreanische Soldaten umgekommen sind. Es war der bis dahin erfolgreichste südkoreanische Film.
Das gab Park die Chance, seine Rache-Trilogie in Angriff zu nehmen: Zuerst Sympathy for Mr. Vengeance (2002), zuletzt Lady Vengeance (2005) und dazwischen eben Oldboy (2003).

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