Der Selfiestick als Symbol unserer Epoche

Buchrezension | Im Essayband Die Welt im Selfie beschreibt der Journalist Marco d’Eramo (73) unsere Gegenwart als touristisches Zeitalter. Welche Rolle spielen Selfies in diesem? Und wieso macht sich ein Reisender etwas vor, wenn er sich vom Pauschaltourist distanziert?

Als ich mit der Allerliebsten das erste Mal in London war, besuchten wir unter anderem den Tower. In den Innereien der Anlage, im zweiten Stock des sogenannten White Tower, befindet sich die St John’s Chapel. Der Platz ist beschränkt, die Anzahl an Touristen hoch. Eine Tafel weist darauf hin, dass es verboten ist, Bilder zu schiessen. Trotzdem fuchtelte ein Mann aus einer italienischen Reisegruppe mit seinem Selfiestick herum – auf der Suche nach dem perfekten Winkel – und hätte damit beinahe den Kopf der Allerliebsten erwischt. Sie wurde wütend, packte den Selfiestick und wies den Besitzer in deutlichen Worten auf das Fotografieverbot hin. Den Stick durfte er aber behalten.

Dieser Mann ist für uns ein abschreckendes Beispiel geblieben: Teil einer Reisegruppe, laut und rücksichtslos, fotografiert wie bescheuert, statt sich auf den Moment einzulassen. Vor allem aber: Selfiestick. Brrrr. So wollen wir keinesfalls sein.

 

Reisende vs. Touristen

„Touristen sind immer die anderen“, so steht es auf dem Buchrücken von Marco d’Eramos Die Welt im Selfie. Das bringt eine weitverbreitete Praxis auf den Punkt: Dass man sich selbst als Reisenden sieht und sich als solcher von den Touristen distanziert. Elite gegen Pöbel.

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Sri Lanka 2018: Ein Waran kommt zu Besuch

Teilweise sieht man Sri Lankas Küste noch immer die Zerstörung an, die der Tsunami 2004 hinterlassen hat. Der Taxifahrer, der uns vom Flughafen zum Hotel fährt, weist uns drauf hin. Keine Spur davon jedoch am Bentota Beach, wo die teuren Hotels stehen. Das The Surf liegt unmittelbar am Strand, nur etwas Rasen trennt es vom Sand. So haben wir vom Balkon unseres Zimmers aus freie Sicht auf den Ozean, auf die Farben der Sonnenuntergänge. In dem Teil der Welt sieht man die Bewegung der Sonne von blossem Auge.

Das Meer lädt uns dazu ein, direkt reinzuhüpfen, woraufhin uns ein Bademeister sofort wieder rauswinkt. Die Wellen von Sri Lanka sind tückisch, haben teils eine starke Unterströmung, die alles mit sich reisst. Achten Sie auf die roten Flaggen am Strand. Dort hinten können Sie rein.
Ein anderer Hotelgast meinte mal: „Die Einheimischen unterschätzen wahrscheinlich, dass wir Europäer in der Schule Schwimmen gelernt haben.“ Wie viele sind ertrunken, weil sie so gedacht haben?
Beim nächsten Schwumm sind wir achtsamer. Die Wellen sind ziemlich stark; das macht Spass. Der extreme Salzgehalt dagegen ist gewöhnungsbedürftig. Am Strand bieten Surflehrer ihre Dienste an. Für Anfänger ist der Bentota Beach genau richtig; Profis gehen eher an die Ostküste des Inselstaates.

Das The Surf hat zwei Pools. Der kleinere ist nicht von Rasen, sondern von Sand umgeben. Nachdem wir im Meer waren, spülen wir uns ab und schwimmen ein paar Runden im gechlorten Süsswasser. Wir schnappen uns zwei Strandliegen und legen uns unter einen Sonnenschirm. Unter den Hotelgästen gehören wir einer Minderheit an; der Grossteil besteht aus angejahrten, dicklichen Deutschen. Wie grosse, teils bleiche, teils rote Seelöwen liegen sie da, umsorgt von kleinen, schlanken, dunkelhäutigen Einheimischen.

Irgendwo schnattert ein Palmenhörnchen. Die Nager sehen aus wie Streifenhörnchen, haben aber einen langen, buschigen Schwanz – als hätte man einem Eichhörnchen den Schweif gerade gezogen. Die Viecher sind ganz schön wagemutig. Als wir morgens auf der Terasse des Restaurants frühstückten, ging meine Allerliebste rein, um am Buffet Nachschub zu holen. Und schon kletterte ein Palmenhörnchen ihren Stuhl hoch, um sich an ihrem Teller zu bedienen. Obwohl ich auf der anderen Seite des kleinen Tischchens sass.

Eine Touristin kreischt und bringt ihre Füsse auf ihrer Liege in Sicherheit. Nicht wegen eines Palmenhörnchens, sondern wegen eines Warans. Über die Echsen stolpern wir auf Sri Lanke immer mal wieder: Da spazierten wir eine Strasse entlang, und auf einmal entdeckten wir einen Waran, der sich bei einem Holzstoss sonnte. Oder da zuckten wir mal zusammen, als eins der Tiere aufsprang, weil wir es aufgrund seiner Tarnfarbe nicht entdeckten, bis wir fast draufgetreten wären. Diese Warane werden nicht gerade so gross wie die Komododrachen, aber im Vergleich zu unseren europäischen Eidechsen sind das doch massive Viecher.

Der Waran, der unseren Pool besucht, misst vielleicht einen halben Meter. Er ist gräulich braun, nur die Schnauze und die Krallenfinger haben einen Grünton. Er watschelt gemütlich um den Pool herum, gräbt bei der einen oder anderen Palme im Sand. „He’s hungry“, meint einer der Angestellten. Die Hotelgäste zücken ihre Smartphone (wir haben unsere Handys im Zimmer gelassen) und umringen das Tier, als wär’s irgendein Filmstar. Immerhin wahren sie einen respektvollen Abstand. Der Waran ignoriert sie geflissentlich. Da latscht einer der Gäste in die Szene wie ein Elefant in den Porzelanladen und erschreckt den Waran, der mit einer blitzartigen Geschwindigkeit, die man ihm niemals zugetraut hätte, davonspringt und sich bei der Terasse hinter einem Fusswaschbecken in Sicherheit bringt. Nach ein paar Minuten beruhigt er sich, setzt seinen Spaziergang fort und verschwindet irgendwann wieder in der Vegetation bei der Poolbar, aus der er hervorgekrochen kam.

Auf dieses Kerlchen stiessen wir direkt vor unserem Hotel.

 
Sri Lanka 2018 | Ein Waran kommt zu Besuch | Zwischen Pancakes, Curry und Palmenhörnchen | Zwei Gärten in Bentota | Die Brille im Meer und der Lindwurm aus Metall | Elefanten und andere Viecher | Götter und Gewusel im Pettah Market