Eine Schildkröte träumt

Meredith Monk ist eine amerikanische Musikerin und Tanzkünstlerin, momentan 77 Jahre alt. Mir war sie bisher völlig unbekannt, aber in der Avantgardeszene muss sie eine wichtige Persönlichkeit sein; immerhin erhielt sie 2014 eine National Medal of the Arts — sie wurde ihr überreicht von niemand Geringerem als Barack Obama, und zwar gleich, nachdem er eine ebensolche Medaille an Stephen King verliehen hatte.

Auf Monk stiess ich, weil eins ihrer Werke von Red Letter Media besprochen wurde (in der Episode Best of the Worst: Wheel of the Worst #21). Es war Turtle Dreams, die 1983 Filmversion eines Musikalbums von 1980. Red Letter Media hat sich natürlich darauf spezialisiert, sich über Trash lustig zu machen, aber im vorliegenden Fall würde das dem Werk nicht gerecht — und tatsächlich haben die Jungs durchaus positive Worte übrig.

Eine knappe halbe Stunde lang sieht man vier Leute (darunter Meredith Monk selbst) singend eine Choreografie vorführen. Es sind monotone, minimalistische Bewegungen und ebenso monotone, minimalistische Gesänge.
Da machen die vier in der Gruppe stumpf einen Schritt von links nach rechts und wieder zurück, minutenlang.
Die einzige verständliche Liedzeile lautet „I went to the store“, der Rest besteht aus einem Gejaule, das wechselweise an Sirenen oder sterbende Tiere erinnert.
Begleitet werden sie von halt-atonalem Elektro-Orgel-Gedudel.
Und zwischendurch sind da schwarzweisse Bilder einer Schildkröte, die durch postapokalyptische Modell-Städte, über Landkarten und schliesslich über die Mondoberfläche läuft. Das ist wohl ebenjene Schildkröten, die sich die Choreografie erträumt.
Die Bedeutung von alledem? Ich habe nicht die geringste Ahnung.

Auf den ersten Blick wirkt das wie eine Parodie auf avantgardistische Kunst, ein leichtes Ziel für halbschlaues Getrolle (HURZ!). Und ja, natürlich hat das Ding etwas unfreiwillig Lustiges an sich. Aber eben: Es bringt mich zum Lachen. Durchgehend. Das ist ganz grosse Komik.
Darüber hinaus treiben mich die Bewegungen und Gesänge durchaus in einen meditativen Zustand, und ich liebe die Bilder der Schildkröte, die durchas Universum reist. Es ist faszinierend, es ist wundersam.

Für mich ist Turtle Dreams schlicht das beste Musical aller Zeiten.

Turtle Dreams
Von Meredith Monk und Ping Chong
USA 1983, 28 min.
Mit Meredith Monk, Andrea Goodman, Robert Een, Paul Langland
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Attack of the Weekly Links: Schöne Kanäle gegen Corona-Spinner

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Die Coronakrise hat allerlei Spinner hochgespült, die auf Youtube Verschwörungstheorien verbreiten. Grösstenteils ältere Herren und/oder C-Promis, die wenig Ahnung haben, sich selbst aber sehr wichtig nehmen und sich bei Gegenwind damit verteidigen, dass sie ja bloss zum kritischen Denken anregen wollen.
Aber es gibt sie noch: Youtube-Kanäle von Leuten, die nicht völlig bescheuert sind. Zum Beispiel diese hier:

David Bull | Der Kanadier David Bull lebt seit dreissig Jahren in Japan und stellt dort Farbholzschnitte her, die er auch in einem Shop in Tokio verkauft. Als die Allerliebste und ich das Land besuchten, haben wir ihm gar persönlich die Hand geschüttelt. Auf seinem Kanal erklärt er seine Arbeit und erzählt viel über die Tradition der japanischen Farbholzschnitte. Sehr interessant, und sehr angenehm zum Anhören. Ein guter Einstieg ist die fortlaufende Serie David’s Choice.

The Art Assignement | PBS Digital Studios unterhalten einige coole Kanäle wie PBS Eons und Crash Course. In letzter Zeit schau ich aber vor allem The Art Assignement: Da erklärt die amerikanische Kuratorin Sarah Urist Green auf unterhaltsame, leicht verdauliche Weise Kunstgeschichte, geht auf einzelne KünstlerInnen und Themen ein. Ich empfehle The Case for Yoko Ono und dieses Video über Maurizio Cattelans Bananen-Kunstwerk an der letzten Art Basel Miami (davon hatten wirs hier schonmal).

Red Letter Media | Das ausführliche Kritikvideo zu Star Wars: The Phantom Menace kennt (fast) die ganze Welt. Hinter diesem und weiteren Reviews der Kunstfigur Mr. Plinkett stecken Mike Stoklasa, Jay Bauman und Rich Evans, die auf ihrem Kanal auch diverse andere Formate bedienen (Half in the Bag, Best of the Worst). Die hohe Kunst der Youtube-Filmkritik-Unterhaltung.

Lord Bung | Bei der SCP Foundation handelt es sich um ein Schreibprojekt: Eine Sammlung von Gruselgeschichten, verfasst in der Form von Akten einer Geheimorganisation, die übersinnliche Phänomene erforscht und eindämmt. (Die älteste und wohl bekannteste Geschichte ist die von SCP-173.) Inspiriert von diesem Projekt hat nun Lord Bung die Zeichentrickserie Confinement gemacht. Und dafür, dass diese Serie ein reines Nicht-Profi-Projekt ist, ist sie (bisher) verdammt gut herausgekommen.

Comic Tropes | Etwas für die Comicnerds: Chris Piers stellt in seinen Videos für gewöhnlich einen Künstler oder ein Kapitel der Comicgeschichte vor. Der Fokus liegt auf amerikanischen Superheldencomics, aber es kommen schon auch mal europäische, japanische und Indie-Sachen vor. Sehr spannend fand ich letzthin die Episode über Bernard Krigstein.