Das Weinen (Das Wähnen)

Das Weinen (Das Wähnen) – nach Texten von Dieter Roth
Inszenierung: Christoph Marthaler (Termine)

Werbung

„Hamlet“ im Schauspielhaus

Die Türen werden geschlossen.
Viele Leute flüstern noch, einige machen „Pssst“. Es wird stiller.
Manche wechseln rasch den Sitzplatz – in der Mitte sind ein paar Sessel leer geblieben.
Das Publikum kommt zur Ruhe.
Ein Handy fällt zu Boden.
Jemand hustet.
Im dunklen Theatersaal fallen die Notlichter am Fuss der Säulen auf. Eine Frau steht auf und legt ihre Jacke über eins der Lichter. „Das hat so geblendet“, entschuldigt sie sich leise.
Jemand schnäuzt sich die Nase.
Ein Handy fällt zu Boden.
Jemand hustet.
Die Frau steht wieder auf und kontrolliert, ob die Lampe ihre Jacke erhitzt. Das ist nicht der Fall.
Die Leute bewegen sich in ihren Sesseln.
Der Boden knarrt.
Eine Wasserflasche fällt zu Boden und rollt davon.
Jemand hustet.
Jemand schnieft.
Jemand räuspert sich, hustet Schleim hoch.
Ein Handy fällt zu Boden.
Der Boden knarrt.
Jemand fotografiert mit seinem Handy.
In einer der vorderen Sitzreihen hat jemand einen Schwächeanfall. Mehrere Leute erheben sich, stützen eine Person. Diese geht ein paar Schritte, muss sich dann aber erneut hinsetzen. Schliesslich findet sie die Kraft, wieder aufzustehen. Sie wird von ein paar anderen nach draussen begleitet. Die übrigen lassen sich in ihren Sesseln nieder.
Ein Handy fällt zu Boden.
Jemand hustet.
Jemand hustet.
Noch jemand hustet.
Jemand schnieft.
Der Boden knarrt.
Eine Frau bemüht sich, den Reissverschluss ihrer Handtasche so leise wie möglich zu öffnen. Das Knistern einer Papiertaschentuch-Packung ist zu hören. Daraufhin ein Schnäuzen.
Die Leute winden sich in ihren Sesseln.
Die Leute stützen die Köpfe auf.
Die Leute ändern immer mal wieder ihre Sitzhaltung.
Ein Handy fällt zu Boden.
Jemand trägt eine Windjacke. Bei jeder Bewegung hört man das Rascheln des Stoffes.
Der Boden knarrt.
Jemand hustet.
Jemand schnieft.
Auf der Bühne wird solang Hamlet gespielt.
 

Hamlet
Von William Shakespeare | Übersetzung: Elisabeth Plessen
Regie: Barbara Frey
Schauspielhaus Zürich, Pfauen | Premiere: 13.9.2018 | Vorstellung vom 1.4.2019

hashtagSWEATSHOP

Sweatshop: Deadly Fashion
Sa 16.6.; 20 Uhr; Dernière

Das Stück von Güzin Kar (und anderen). Darüber, dass unsere Mode in Sweatshops hergestellt wird — billig und von ausgebeuteten Menschen aus Entwicklungsländern. Aufklärungsstück/Lehrstück/hashtagPREACHY
Es spielt im grossen Saal des Pfauen. Dieser ist kaum zur Hälfte gefüllt. Liegts am Sommer/an der WM/an der Zurich Pride? Oder wollen die Zürcher sich nicht belehren lassen?
Ein Laufsteg führt von der Bühne in die Sitzreihen. Die Sitze unter dem Laufsteg kann man nicht buchen.

Drei Fashion Victims/Models/Social Media Zombies wirbeln herum, zwei Frauen, ein Mann, reden schnell, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Ein paar Leute aus dem Publikum sehen aus, als könnten sie sich gemeint fühlen, für die meisten gilt das allerdings nicht. Wir sind keine Fashion Victims, wir haben kein Instagram.
Ein Vierter filmt die Modeschau, was er filmt, wird live projiziert — die Bühnenwand ist eine Videowand.
Der Model-Mann/das Male Fashion Victim (MFV) wird von einem Affen/Typen im Gorillakostüm entführt.
Lets get the party started.
Ein schwarzer Gorilla anstelle eines weissen Hasen. Die Schauspieler verschwinden im Kaninchenbau/hinter der Videowand — der Grossteil des Theaterstücks ist kein Theaterstück, sondern ein Live-Film. Die Unmittelbarkeit der Theatersituation fällt weg. Die Videowand schafft eine gemütliche Distanz zum Geschehen.
Ein Fahrstuhl als zentrales Element. Die Fashion Victims (FV) landen in immer neuen Stockwerken/Orten/Situationen. So zum Beispiel an einem Lagerfeuer, wo Cowboy-Roboter vom letzten Black Friday/Untergang der Zivilisation/von der Apokalypse erzählen.
Ein andermal landen die FV in 2001– A Space Odyssee/in einer Raumkapsel in der Schwerelosigkeit.
Oder in einem Mini-Sweatshop, wo eine einzelne Arbeiterin vor sich hin näht (es ist kein Faden eingefädelt/es fehlt die Nadel).

Die Effekte sind immer wieder verblüffend. Aber man lernt wenig Neues. Man hat ein schlechtes Gewissen, weil man findet, das alles sei ein alter Hut. Man findet, vielleicht zu Unrecht, dass das alles auf Wikipedia zusammenrecherchiert ist.
„Von einem T-Shirt, das 30 Franken kostet, bekommt die Arbeiterin nur 18 Rappen.“ [citation needed]

Dann kommen die Schauspieler endlich zurück in den Publikumsraum. Die gemütliche Distanz ist vorbei.
Dann der Meta-Moment: Das Bühnenbild fällt auseinander, die Zuschauer sehen, wie es funktioniert hat: Der Fahrstuhl war ein Modul, das an andere Module angedockt wurde. Es gibt ein Lagerfeuer-Modul, ein Raumkapsel-Modul, ein Sweatshop-Modul, etc.
Brecht/Godard/Postmoderne/Schau mal, Theater ist bloss Theater!
Dann der beste Moment: Die Sweatshop-Arbeiterin ergreift das Wort. Sie ist eine junge Frau, die als Baby adoptiert wurde und von Vietnam in die Schweiz kam. Ihre ältere Schwester lebt aber immer noch in Vietnam und arbeitet dort in einem Sweatshop. Die junge Frau hat sie dort besucht. Sie erzählt uns davon. Wir lernen was Neues. Es braucht gar keine Effekte. Ein Stück darüber hätte mich interessiert.

Am Ende Werbung für die Konzernverantwortungsinitiative*, für ein Buch (Das antikapitalistische Buch der Mode**) und für Kleiderläden mit fairen Produkten. Die Module werden zu Aufklärungsständen fürs Publikum. Man kann sich das Bühnenbild aus der Nähe anschauen. Man kann kaufen/unterschreiben. Man wird weniger Kleider kaufen.

* Ein Wort, fast so schön wie „Abwasserreinigungsanlage“.
** Nur 30 Franken; der Autor erhält 18 Rappen.

Onkelwahn?! Ja!!!


 

  • Es gibt bei The Simpsons diesen Hans Moleman, ein altes, verschrumpeltes Kerlchen mit dicken Brillengläsern. Homer trifft ihn einmal bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker, wo sich Hans zitternd erhebt und sich vorstellt wie folgt: „My name is Hans. Drinking has ruined my life. I’m 31 years old!“
    Daran musste ich denken, als Siggi Schwientek als Onkel Wanja auf der Bühne steht, die Wodka-Flasche in der Hand, und sagt: „Ich bin jetzt siebenundvierzig Jahre alt.“ (Schwientek ist 64, wirkt sogar noch zehn Jahre älter.)
  • Schönstes Bild: Ilja Iljitsch (Alexander Maria Schmidt) hebt Onkel Wanja hoch. Schwientek ist ja ein altes kleines Männchen, Schmidt hingegen ein fülliger Riese.
  • Diese Inszenierung ist so, als würde man Eis beim Schmelzen zuschauen.
  • Ernsthaft: Herzstück von Stéphane Laimés Bühnenbild ist eine Wand aus Eis (genauer gesagt, da steht ein Gerüst, an das einzelne Eisblöcke montiert sind). Das Auge kann zurückwandern zur Wand aus Eis und den Fortschritt des Schmelzvorgangs prüfen, immer dann, wenn das Stück, das sich davor abspielt, etwas dröge wird, was leider ziemlich oft der Fall ist bei dieser Inszenierung von Karin Henkel. (Ihren Amphitryon und sein Doppelgänger fand ich noch toll.)
  • Da ist zum Beispiel die Musik von Alain Croubalian, der auch persönlich mit E-Gitarre auf der Bühne steht, unter den Schauspielern, und öfters mal stille, atmosphärisch beunruhigende Töne anspielt, die dann den eigentlich komischen Dialogen das Leben aussaugen. Zwar handelt das Stück ja davon, wie die Welt der Protagonisten untergeht, aber wenn man dann die Melancholie anstelle der Komik betont, wirds bald einmal wehleidig. Ein bisschen weniger Jammern, etwas mehr Wahn wäre schön gewesen.
  • Apropos Weltuntergang: Darum das mit dem Eis, weil: Schmelzendes Eis –> Klimawandel. Der Arzt (Markus Scheumann) doziert in seiner Freizeit dann auch vom Waldsterben und der abnehmenden Biodiversität.
  • Lernt man hier was, dann jenes: Die Menschen waren immer schon schlecht und haben immer schon am Weltuntergang gewerkelt. Da kann man sich wirklich nur noch in ein frühes Grab saufen.

Hier gehts zur Webseite vom Schauspielhaus
Diese Kritik findet man auch beim Kritikerclub

Dogville im Schauspielhaus Zürich

dogvilleb03 Illustration: Gregor Schenker

Die Vorlage könnte aktueller nicht sein. Da kommt eine Frau in ein kleines Städtchen und bittet um Schutz und Unterkunft. Wovon sie flieht und ob sie gute Absichten hat, weiss niemand. Um sie zu testen, wird ihr zunächst zwei Wochen provisorisch Unterkunft gewährt, dann will die Gemeinschaft darüber entscheiden, ob sie länger bleiben darf. Als Zeichen ihres guten Willens, hilft sie den Bewohnern von Dogville bei ihrer täglichen Arbeit. Im heutigen Jargon würde man sagen, dass sie sich so gut wie es geht zu integrieren versucht, um eine definitive Anerkennung ihres Flüchtlingsstatus zu erhalten. Die Gastfreundschaft (Willkommenskultur?) des Dorfes schlägt aber ziemlich schnell in Gewalt und Ausbeutung um.

Lars Van Triers Spielfilm aus dem Jahr 2003 zeichnet ein düsteres Bild des Menschen. Obwohl der Film in den Rocky Mountains und in den 30er-Jahren spielt, erinnert er uns heute mühelos an brennende Flüchtlingsheime und an schreiende „besorgte Bürger“. Der Film erlangte auch wegen seiner speziellen Machart Bekanntheit: Die Häuser Dogvilles sind mit weisser Kreide auf eine schwarze bühnenähnliche Fläche eingezeichnet, auf jegliche Illusion wird verzichtet. Van Trier soll sich dazu unter anderem von Bertolt Brechts epischem Theater inspiriert haben lassen.

Wie soll man eine solche Vorlage, die bereits im Original theatrale Mittel nutzt, auf einer eigentlichen Bühne umsetzen? Im Pfauen steht kein gezeichnetes Dorf, sondern die Handlung spielt in einem an einen Container oder Frachtschiff erinnernden Bühnenbild. Es bietet eine Vielzahl an Leitern, Luken und Vorsprüngen, welche die Stadtbewohner wie selbstverständlich umturnen. Das führt dazu, dass die Einheimischen gerade zu Beginn einen sehr verspielten und athletischen Wesenszug bekommen und dadurch auch eine ironische Distanz zu ihren Figuren. Es wird allgemein viel getanzt in diesem Dogville, beispielsweise im Gleichschritt an den Dorfversammlungen oder wenn zu Beginn jeder Stadtbewohner mit einem eigenen Song vorgestellt wird.

Zusätzlich erzeugt ein Solomusiker (Michael Verhovec), der zusammen mit seinen Instrumenten sichtbar in einer Nische sitzt, Geräusche und Stimmung. Der als Schauspieler anwesende Erzähler (Nils Kahnwald) gibt ihm dazu das Kommando und bestimmt so die Atmosphäre der Szenen. Dieser Erzähler, welcher gleichzeitig auch noch kleinere Rollen übernimmt, beispielsweise den Wachhund Moses, schaut dem Treiben zu und kommentiert es. „Das war nicht die Schuld von Dogville. Aber so war es nun mal“, sagt er einmal. Auch die anderen Stadtbewohner sprechen hin und wieder über sich selbst in der dritten Person. Das schafft einen zusätzlichen Abstand zur Handlung, rückt Dogville noch weiter vom Zuschauer weg und lässt selten Identifikation mit einer Figur zu.

Regisseur Stephan Kimmig übersetzt den Stoff nicht ins heutige Europa und überlässt die Übersetzungsleistung dem Zuschauer. Die spielerische und erzählerische Distanzierung hilft dabei nicht. Zwar strotzt die Inszenierung vor Spielfreude und szenischen Ideen, lässt uns den Kopf schütteln über die Thematik, aber so ratlos zurück wie wenn wir in den Nachrichten Flüchtlingsheime brennen sehen.

Der Vorhang ist zu, viele Fragen bleiben offen. Dabei wären gerade jetzt Antworten gefragt, aber die kann und will das Theater nicht geben, oder?

 
Nächste Vorstellung am 7.11.
Dogville auf der Schauspielhaus-Seite