Die Angst des Schriftstellers bei der Verfilmung

tormannbuchfilm02Vergangenen Herbst schrieb ich über Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte (siehe hier). Der Dokumentarfilm handelte von Peter Handke, seinem Leben, seiner Kunst und von den Hobbys, denen er heutzutage nachgeht (Hemden besticken und den Gartenweg mit Muschelschalen säumen). Bin im Wald hat mich durchwegs beeindruckt, allein schon der Einblick in Handkes Notizbücher lohnt sich das Ansehen. Jedenfalls war der Film für mich ein Anlass, mich wieder einmal mit dem Schaffen des Österreichers auseinanderzusetzen. Und so hab ich (unter anderem) seinen berühmtesten Text nochmals gelesen, Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (ich wies schon mal darauf hin).
Die Erzählung fängt an wie folgt:

Dem Monteur Peter Bloch, der früher ein bekannter Tormann gewesen war, wurde, als er sich am Vormittag zur Arbeit meldete, mitgeteilt, dass er entlassen sei. Jedenfalls legte Bloch die Tatsache, dass bei seinem Erscheinen in der Tür der Bauhütte, wo sich die Arbeiter gerade aufhielten, nur der Polier von der Jause aufschaute, als eine solche Mitteilung aus und verliess das Baugelände. (S. 3)

Dieser Bloch leidet (anscheinend ganz plötzlich und aus dem Nichts heraus) an einer fatalen Unfähigkeit, die Menschen um sich herum, ja seine gesamte Umwelt zu verstehen. (Dass ihn irgendwer entlassen habe, zum Beispiel, stimmt anscheinend gar nicht.) Alles kommt ihm seltsam vor, was er in der Welt wahrnimmt, insbesondere aber jede menschliche Interaktion: Im nachhinein wunderte er sich, dass die Kassiererin die Geste, mit der er das Geld, ohne etwas zu sagen, auf den drehbaren Teller gelegt hatte, mit einer anderen Geste wie selbstverständlich beantwortet hatte. (S. 3)
All die kleinen Dinge, die wir für normal halten, sind ihm plötzlich fragwürdig. Es ist, als sei mit einem Mal sein ganzer Referenzrahmen zusammengefallen, das Modell, das er von der Welt hatte, um sich darin bewegen zu können: Mit geschlossenen Augen überkam ihn eine seltsame Unfähigkeit, sich etwas vorzustellen. Obwohl er sich die Gegenstände in dem Raum mit allen möglichen Bezeichnungen einzubilden versuchte, konnte er sich nichts vorstellen. (S. 19)
Schnell merken wir, dass sein Problem mit der Weltwahrnehmung ein Problem mit der Sprache ist: Er behalf sich, indem er statt Wörter für diese Sachen Sätze bildete, in der Meinung, eine Geschichte aus solchen Sätzen könnte ihm erleichtern, sich die Sachen vorzustellen. (S. 19f.)

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Sprechbehinderte Schüler

Die neuen Pisa-Resultate sind raus und die Ernüchterung ist gross. Schweizer SchülerInnen können zwar gut rechnen, aber schlecht lesen. Anscheinend hat ein nicht unerheblicher Teil unseres Nachwuchs Mühe mit dem Textverständnis.

Lilo Lätzsch, seit 1978 Sekundarlehrerin in der Stadt Zürich, erzählt: «Ich stelle oft fest, dass unsere Schüler zwar schön vorlesen können. Aber wenn sie das Blatt umdrehen müssen und erzählen sollen, was sie gerade gelesen haben, tun sie sich schwer.»
NZZ am Sonntag, 12.12.16

Das Pisa-Ergebnis bestätigt jene, die eh schon lange davon sprechen, dass die Jugend von heute weder schreiben noch lesen kann. Weil sie keine Bücher oder Zeitungen, sondern nur noch Facebook-Beiträge lesen. Weil sie keine Briefe mehr schreiben, sondern nur noch Whatsapp-Nachrichten.
Jetzt werden allerlei Gegenmassnahmen durchdiskutiert: Migrantenkinder in ihrer Muttersprache fördern. Eltern dazu anhalten, ihren Kindern vorzulesen. Den Pisa-Test in Frage stellen. Was man gegen die Leseschwäche machen soll oder kann, interessiert mich gar nicht so sehr, aber die oben zitierte Aussage, die Lamentos über die Lesefähigkeit der Jugend, sie alle erinnern mich an eine Stelle in Peter Handkes Die Angst des Tormanns beim Elfmeter von 1970, ein Buch, das ich gerade wieder einmal lese.

Da flüchtet, nachdem er eine Frau erwürgt hat, Bloch, der Protagonist, in ein unbedeutendes kleines Grenzdorf. Dort begegnet er eines Tages dem Schuldiener, der grad Holz hackt. Weil Bloch dem Schuldiener eine Frage stellt, haut dieser mit dem Beil daneben, so dass ein Holzscheit wegfliegt und ein Holzstoss zusammenfällt.

Aber es folgte nicht mehr darauf, als dass er den Schuldiener in die halbdunkle Holzhütte hinein fragte, ob es denn für alle Schulklassen nur dieses eine Schulzimmer gebe, und dass der Schuldiener antwortete, für alle Schulklassen gebe es nur dieses eine Schulzimmer.
Kein Wunder, dass die Kinder beim Schulaustritt noch nicht einmal reden gelernt hätten, sagte der Schuldiener plötzlich, indem er das Beil in den Hackklotz schlug und aus der Hütte trat: nicht einmal einen einzigen eigenen Satz könnten sie zu Ende sprechen, sie redeten miteinander fast nur in einzelnen Wörtern, ungefragt überhaupt nicht, und was sie lernten, sei nur Merkstoff, den sie auswendig gelernt heruntersagten; darüber hinaus seien sie zu ganzen Sätzen unfähig. „Eigentlich sind alle mehr oder weniger sprechbehindert“, sagte der Schuldiener.

Peter Handke: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970). Suhrkamp 2014, S. 94

Also bitte keine Panik wegen Pisa, Schüler waren immer schon dumm.

„Handke ist überhaupt nicht weltabgewandt“

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Peter Handke formuliert einmal ein elftes Gebot: „Du sollst Zeit haben.“ Corinna Belz (Gerhard Richter – Painting) hat ihn während dreier Jahre mit der Kamera besucht, ihn beim Sticken und beim Pilzeschneiden beobachtet. Dazu erzählt sie von seinem Leben und seinem Schreiben. Ihr Film heisst Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte. (Hier gibts meine Filmkritik.) Frau Belz hat sich die Zeit genommen, über ihren Film zu sprechen, über unsere Abhängigkeit von der Technologie – und darüber, was es mit dem Filmtitel auf sich hat.

Corinna Belz

Studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Medien- wissenschaften in Köln, Zürich und Berlin. Abschlussarbeit über die Dokumentarfilme von Peter Nestler. Lebt heute in Köln. Arbeitete als Produzentin, Skripterin und Regisseurin, in erster Linie fürs Fernsehen. Ins Kino kam ihr Malerporträt Gerhard Richter – Painting (2011), das ihr den Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm einbrachte.

Kulturmutant: Früh im Film sticht ein Satz von Handke heraus: „Ich bin in meinem Leben noch nie vor einem Computer gesessen.“ Er wirkt in vielerlei Hinsicht wie aus der Zeit gefallen.

Corinna Belz: Es kommt auf die Perspektive an. Ich seh in den Vorführungen viele Leute ab vierzig und älter, für die stammt Handke aus ihrer Zeit. Aber ich sehe auch junge Leute, für die er aus einer Zeit stammt, die jetzt wieder interessant wird. Weil ihnen die Sechzigerjahre zum Beispiel ein Gespür für Sprache und Geschichtenerzählen vermitteln, das in Auflösung begriffen ist. Was die Form anbelangt, ist Handke also nicht aus der Zeit gefallen.
Wenn man das auf seine Lebensweise bezieht, kann man das so sehen. Aber manchmal ist es auch schön, aus der Zeit zu fallen.

Immerhin verkörpert er eine Alternative zur heutigen Zeit, die bestimmt ist durch das Internet und den Computer. Handke schreibt nicht einmal auf einer Schreibmaschine, sondern von Hand.

Zurzeit nicht. Er hat ab Neunundachtzig eine dreijährige Weltreise gemacht. Er ist überwiegend ohne Schreibmaschine gereist, und so hat er angefangen, seine Bücher von Hand zu schreiben. Das wird auch im Film erzählt.
Aber ehrlich gesagt glaube ich, dass wir noch gar nicht genau verstanden haben, wie sehr uns dieser technologische Fortschritt verändert. Wir haben vielleicht eine Ahnung, und das wird auch diskutiert oder beklagt von Eltern, deren Kinder jetzt die ganze Zeit mit ihrem iPhone beschäftigt sind. Aber uns ist noch gar nicht klar, was für Auswirkungen die neuen Technologien haben, wie abhängig wir werden und wie tief sie uns verändern. Es kann sein, dass sich unsere Sprache, wie sie jetzt als Schriftsprache existiert, auflöst, einfach deswegen, weil man anders kommuniziert und man auf das ganze Regelwerk, die Grammatik oder Zeichensetzung, überhaupt darauf, wie man Sätze baut, keinen Wert mehr legt.

Ich bin mir nicht sicher, ob es schlechter wird, aber es ist sicher eine andere Sprache. Jetzt habe ich wieder viel Handke gelesen, und seine Bücher enthalten eine Sprache, die man gar nicht mehr gewohnt ist. Er liest sich wie ein Schrifsteller aus dem 19. Jahrhundert.

Die grossen Schriftsteller bleiben ja. Goethe, Dostojewski oder Flaubert werden alles überdauern, auch diese technologische Revolution. Nur fragt sich, wieviele Leute mit dieser Sprache Kontakt haben und ihre Feinheiten zu schätzen wissen, die verstehen, was da für eine Verdichtung und Sensibilität zum Ausdruck kommt.
Man meint ja oft, Handke sei weltabgewandt, aber das ist er überhaupt nicht. Seine Hinwendung zu den alltäglichen Dingen ist ganz intensiv. Er wird halt nicht dauernd unterbrochen oder ist mit dem Kopf woanders. Nehmen Sie uns als Beispiel: Wenn wir uns jetzt unterhalten und ich würde gleichzeitig meine Emails lesen, so wäre ich gar nicht bei Ihnen.
Ich habe schon erlebt, dass ich im Kino sitze, plötzlich wird es neben mir hell und da seh ich, dass einer auf sein iPhone schaut. Das ist mir vollkommen fremd. Da bin ich empört, gerade wenn es mein Film ist (lacht). Der verpasst ja, was ich in neun Monaten Schnitt mühsam in diese verdichtete Form gebracht habe.

Und es ist ja nicht nur der Schnitt allein.

Ja, insgesamt habe ich vier Jahre am Film gearbeitet. Ich habe alle seine Bücher nochmal gelesen und recherchiert, habe Handke getroffen. Dann haben wir angefangen zu drehen, und wir haben noch gedreht, als ich schon im Schneideraum war. Und all das führte zu dieser Form.
Die Form ist das, was jemand für die anderen macht. Wenn ich recherchiere, dann hab ich ein Sammelsurium an Informationen und Quellen, aber das hat ja noch keine Form. Erst muss ich alles verarbeiten. Es ist, als würde man eine grosse Doktorarbeit schreiben, soviel Zeit, Energie und Wissen steckt in einem Dokumentarfilm. Das ist das Angebot, das man dem Publikum macht.

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