Le mystère Picasso: Ein stämmiger, haariger Affe malt

Mitte der Fünfziger erhielt der französische Regisseur Henri-Georges Clouzot (Les diaboliques) die Chance, Picasso beim Malen zu filmen. Um die Entstehung eines Gemäldes möglichst direkt abzubilden, stellte er dem Künstler eine halbtransparente Leinwand hin und filmte deren Rückseite. Wenn auch seitenverkehrt, so wurde doch die Strichführung unmittelbar nachvollziehbar.
(Wobei durchaus irritiert, dass der Tuschestift, den Picasso benutzt, teilweise nur halb durch die Leinwand drückt. Etwas besser hat das funktioniert in der Kurz-Doku Visit to Picasso, in der der belgische Filmemacher Paul Haesaerts Picasso auf Glasscheiben malen liess. Das war einige Jahre vor Clouzots Film, im Jahr 1949.)

Wie dem auch sei: In Le mystère Picasso entstehen vor den Augen des Publikums nun hingeworfene, skizzenhafte Bilder, teils in Farbe, meist unterlegt von Musik, ab und zu von Dialogen zwischen Regisseur und Künstler, vereinzelt nur vom Geräusch des Stifts, der über die Leinwand fährt (zum Glück nur bei einem, dem ersten Bild, denn das Geräusch des Stiftes ist ziemlich nervtötend).
Besonders spannend wird das dort, wo der Meister bestehende Striche übermalt, wo aus einem Bild ein anderes wird. Da wird zum Beispiel aus einem Blumenstrauss ein Fisch, aus dem Fisch ein Hahn und aus dem Hahn … eine Überraschung.
Die Bilder sind ein ziemliches Gekrakel, aber ein Gekrakel, dass doch deutlich Jahrzehnte an Erfahrung demonstriert. Unfassbar, was er da aus dem Handgelenk heraus auf die Leinwand schmeisst.

Nach einigen Bildern gibts einen Bruch. Wir verlassen die Leinwand und gucken ins Studio, sehen hinter die Kulissen. Wir sehen, wie der Maler mit dem Regisseur und dem Kameramann diskutiert. Picasso hat genug von der transparenten Leinwand, er will in Öl malen. Der Film wechselt von der Liveaufzeichnung zum Jump Cut: Jedes Mal, wenn Picasso wieder etwas Fortschritt gemacht hat, macht Clouzot wieder ein Foto. Keine Tusche-Skizzen mehr, sondern Gemälde in Öl und Gouache, vereinzelt Collagen.
„Die Leute werden denken, dass du das Bild in zehn Minuten gemalt hast“, sagt Clouzot einmal.
Picasso: „Wieso, wie lang hab ich gebraucht?“
Clozot: „5 Stunden!“

Man erlebt Picasso als einen Berserker des Überarbeitens, Verwerfens und Neumachens. Bei einem Strandbild will das Überarbeiten kein Ende mehr nehmen. „Es läuft sehr, sehr, sehr schlecht“, sagt er. Schliesslich verwirft er das Bild und fängt auf einer neuen Leinwand nochmal von vorn an.
(Man erinnert sich an den Bericht A Giacometti Portrait von James Lord – Alberto Giacometti setzte auch wieder und wieder neu an und wollte kaum fertig werden mit dem Porträt des Amerikaners. Stanley Tucci machte daraus den Film Final Portrait).
Diese Entstehungsprozess zu verfolgen, die beinahe unaufhörliche Mutation eines Bildes, ist das Spezifische an Le mystère Picasso. Die Bilder, die im Rahmen der Dreharbeiten entstanden, sollen übrigens zum grössten Teil vernichtet worden sein – das Eigentliche an diesen Kunstwerken ist die Aufzeichnung ihres Entstehens.

Le mystère Picasso ist also ein einzigartiger Einblick in die Arbeitsweise eines Künstlers – dokumentiert nebenher aber auch den Personenkult um Picasso. Der Film ist die haltlose Zelebrierung eines Genies. Einer Einführung mit pathetischen Worten folgt der Vorspann mit einer pompösen Fanfare; ähnlich pompös ist die Musik auch später öfters. Immer wieder wird einem gesagt, wie gefährlich das, was Picasso mache, sei – was schon etwas albern ist. Immerhin relativiert das der Blick ins Studio: Picasso erscheint da einfach als stämmiger, haariger Affe, der nichts als kurze Hosen und Sandalen trägt.

Le mystère Picasso
Frankreich 1956, 78 min.
Regie: Henri-Georges Clouzot
Mit Pablo Picasso
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