London: Zwischen Dinosauriern und Grauhörnchen


Zwei Iguanodons, ein Hylaeosaurus.

Es war Ende November, und der Crystal Palace Park war kalt und nass. Überall Pfützen und Schlamm. Blöderweise hatten die Allerliebste und ich keine Gummistiefel dabei, aber wir hatten eine Mission: Dinosaurier-Jagd.

Der Crystal Palace Park entstand 1854 und zwar um den Crystal Palace herum – ein gewaltiges Gebäude aus Eisen und Glas. Es war die leicht abgeänderte und vergrösserte Version des originalen Crystal Palace, der drei Jahre zuvor im Hyde Park gebaut worden war, um die allererste Weltausstellung zu beherbergen. Der Neubau stand immerhin bis 1936, als in einer Garderobe ein Feuer ausbrach und das ganze Gebäude niederbrannte.

Als wir den Park besuchten, hatten wir das allerdings noch nicht recherchiert, und so wunderten wir uns darüber, wo zum Teufel dieser blöde Glaspalast steht. Bis wir ein überaus liebliches Denkmal des Crystal-Palace-Architekten Sir Joseph Paxton entdeckten: „Creator of the Crystal Palace Which Stood Near This Site From 1854 – 1936“.

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London: Gebrauchte Bücher aus Brixton

Direkt vor unserem Hotel in Balham liegt eine Bushaltestelle. Praktisch. Als wir jedoch an jenem Samstagmorgen nach Brixton wollen, haben wir Pech: Wegen einer Messerstecherei oben in Whitechapel wurde die Linie unterbrochen. Dann halt ein Umweg mit der U-Bahn. Die Victoria Line hat in Brixton ihre südliche Endhaltestelle.

Einen guten Ruf hat das Viertel nicht gerade. Nach dem Zweiten Weltkrieg siedeln sich hier viele Immigranten an, eine grosse afrikanisch-karibische Community entsteht. Das Viertel wird mit den Jahren zum sozialen Brennpunkt: Wirtschaftskrisen, Armut, Kriminalität, Rassismus, Polizeigewalt.

Auf der Platte London Calling (1979) von The Clash findet sich der Song The Guns of Brixton, er erzählt von diesen Problemen. Bassist Paul Simonon, der ihn schrieb, wuchs selbst in Brixton auf. Er nimmt Bezug auf den Reggae der jamaikanischen Einwanderer und auf den jamaikanischen Gangsterfilm The Harder They Come (1972).

Der italienische Regisseur Franco Rosso dreht in Brixton und Deptford das Drama Babylon – dieses dreht sich um eine Gruppe schwarzer Jugendlicher und die Reggea-Szene. Am Ende stürmen Polizisten einen Musikclub.

Babylon kommt im November 1980 ins Kino, im April 1981 beginnt der Brixton Riot – die Reaktion auf ein neues Gesetz, das es Polizeibeamten erlaubt hat, Leute nach Gutdünken anzuhalten und zu durchsuchen. Es hat vor allem junge schwarze Männer getroffen. Die Proteste führen zu hunderten Verletzten, Autos und Häuser werden angezündet. Zu solchen Rassenunruhen kommt es in den 80ern und 90ern immer wieder.

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McKellen, Richard, ein Handlungsreisender: Dreimal Theater in London

Letzten November waren die Allerliebste und ich für ein paar Tage in London. Unter anderem haben wir uns drei Theaterstücke angesehen. Und zwar diese hier:

 
Ian McKellen on Stage

Das Harold Pinter Theatre im Ldononer West End: Wir sitzen weit oben, und die Zuschauerränge sind derart steil gebaut, dass mir beim Blick auf die Bühne schwindlig wird. Dort unten, weit unten, sind ein paar Teppiche ausgelegt; daneben steht eine grosse Kiste.
Das Licht geht aus, Ian McKellens Stimme donnert: Er liest eine Stelle aus Tolkiens The Lord of the Rings. Es ist jene mit Gandalf und dem Balrog: „You shall not pass!“ McKellen weiss, weshalb das Publikum gekommen ist.

Das Licht geht an, der Schauspieler tänzelt auf die Bühne. „The Lord of the Rings hab ich vorher nie gelesen“, sagt er. „Jetzt mindestens einmal pro Jahr.“
Er trägt Skinny Jeans, Jackett, einen grossen Schal. Die Soloshow feiert seinen 80sten Geburtstag, aber er gibt sich betont sportlich, wirbelt den ganzen Abend lang herum. Einmal macht er sich lustig darüber, wie er mit Anfang zwanzig im Agatha-Christie-Stück Black Coffee den Butler als Klischee eines zittrigen alten Mannes spielte.

In der erste Hälfte der Show erzählt McKellen aus seinem Leben, holt dazu immer wieder Requisiten aus der grossen Kiste (zum Beispiel Gandalfs Schwert, das ihm zum Abschluss der LotR-Dreharbeiten geschenkt wurde). Er erzählt energetisch, seiner Stimme lauscht man gern, er hat viel erlebt.

Als Dreijähriger war er das erste Mal im Theater (in einer Inszenierung von Peter Pan), er spielte Theater an der Schule und an der Universität („Professioneller Schauspieler? Nichts für mich!“), arbeitete mit Laurence Olivier, Judie Dench oder Anthony Hopkins.
Apropos Judie Dench: Sie ist neben ihm in der Verfilmung von Cats zu sehen, die in wenigen Wochen ins Kino kommt. Er hat die Rolle des Theaterkaters Gus, und er singt für uns dessen Lied. Noch können wir nicht ahnen, dass Cats eine Totalkatastrophe von Film, ein Jahrhundertflop werden würde. (Immerhin: McKellens Szene darin ist so ziemlich die einzig gute.)

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London #3: Die singenden Todsünden

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Das Barbican Centre ist ein architektonisches Ungetüm. Ein brutalistischer Albtraum. Ein Leviathan des Beton. 1982 eröffnet, handelt es sich dabei um ein Kulturzentrum mit Konzerthalle, Theater- und Kinosälen, Galerien, Bibliothek und so weiter. Angeblich das grösste seiner Art in ganz Europa. Ein schwindelerregender Anblick, wenn man sich ihm als kleines Menschlein nähert. Dazu führt der Weg zum Centre von der Underground-Station her durch eine lärmige, stinkende Strassenunterführung, was nur bedingt zu einer heimeligen Atmosphäre beiträgt.
Von innen wirkt das Barbican zum Glück um einiges gemütlicher, mit warmem Licht und Teppichböden. Wir gingen dorthin, um uns Hochkultur anzusehen (man kann ja nicht nur Musicals gucken). Die geschichtsträchtige Royal Shakespeare Company führte Doctor Faustus auf, nach Christopher Marlowe.

Auch wenn man im deutschen Sprachraum leicht dem Irrtum erliegen könnte, so war Goethe bei weitem nicht der erste Schriftsteller, der sich des Faust-Stoffes angenommen hatte. Schon früh kursierten Geschichten über den historischen Alchemisten und Wunderheiler Johann Georg Faust, der wohl um 1541 verstarb. Diese Geschichten wurden erstmals 1587 in einem Buch versammelt — dem sogenannten Volksbuch aus der Druckerei von Johann Spies (Historia von D. Johann Fausten). Selbiges war die Grundlage für die meisten Bearbeitungen, die danach kamen. So gab es ein Jahr nach der Veröffentlichung bereits eine englische Übersetzung, die wiederum Christopher Marlowe (1564-93) erst zu einer Ballade und dann eben zu einem Theaterstück verarbeitete: The Tragical History of Doctor Faustus.

Vergleicht man diese Version von Marlowe, der ja ein Zeitgenosse und Kollege Shakespeares war (die Geburtstage der beiden liegen nur zwei Monate auseinander), mit jener von Goethe, der beinahe zweihundert Jahre später kam, so kommt sie einem doch um einiges archaischer vor. Die Figuren und ihre Konflikte, der ganze Aufbau des Stücks erinnert an mittelalterliche bîspil und Heiligenlegenden.
Soll heissen: Die Figur Faust bewegt sich hier in der Tradition einer typischen Heiligenfigur. Ein gelehrter Mann, der zum persönlichen Gewinn einen Pakt mit dem Teufel eingeht, am Ende jedoch bereut, seine Seele weggegeben zu haben. Dazu werden die Themen des Stückes thesenartig ausgebreitet. So haben wir hier eine Episode, in der sich Faust in den Vatikan zaubern lässt – dort erweist sich der Papst als perverser Trunkenbold und Idiot. Ein Paradestück anglikanischer Propaganda (es war damals ja erst 60 Jahre her, dass Henry VIII die Trennung der englischen von der katholischen Kirche ausgerufen hatte).
Da hat Goethe seine Themen etwas subtiler und differenzierter verarbeitet. Dafür ist Marlowes Version witziger.

Ein weiterer zentraler Moment des Stücks ist der Auftritt der sieben Todsünden. Nacheinander treten sie auf und stellen sich vor. Die Szene ist etwas schematisch im Ablauf und repetitiv, aber die Regie machte das Beste daraus, nämlich eine Art Cabaret-Nummer mit durchgeknallten Kostümen und exaltiertem Spiel. (Ohne Musicaleinflüsse kann auch die englische Hochkultur nicht leben, so scheint es.) Zweifellos die unterhaltsamste Stelle dieser Inszenierung, die Spektakel und Effekt liebte.

Einen spannenden Dreh der Inszenierung erlebten wir ganz zu Anfang: Da traten Sandy Grierson und Oliver Ryan (die Darsteller des Faust und des Mephisto) gleichzeitig auf die Bühne, beide im selben Aufzug. Ihre Bewegungen spiegelnd, zündeten sie jeweils ein Streichholz an – die Reihenfolge, in der die Zündhölzer ausgingen, bestimmten, welcher Schauspieler für jenen Abend welche Rolle übernahm.
Doch so lustig das vom Spielprinzip her auch ist, so bin ich mir nicht ganz sicher, wieviel Sinn es macht, Faust und Mephisto als Doppelfigur anzulegen. Welche beiden Seiten welchen Phänomens verkörpern die beiden? Vom Text her scheinen mir die zwei weder diametral noch komplementär angelegt und zumindest ich fand in dieser Inszenierung keinen höheren Sinn in diesem Dreh. (Aber das bin ja nur ich.)
Kommt hinzu, dass nicht beide Schauspieler gleichermassen für beide Rollen geeignet sind. Oliver Ryan ist etwas kleiner und stämmiger, hat ein Raspeln in der Stimme und macht einen leicht verschlagenen Eindruck. Dagegen ist Sandy Grierson hochgewachsen, hat feinere Gesichtszüge und eine feinere Stimme. Als wir uns das Stück ansahen, gab Oliver Ryan den Mephisto, und er war schlicht perfekt in der Rolle. Dass die Rollenverteilung umgekehrt so gut funktioniert hätte, bezweifle ich. Der Trailer gibt ein Gefühl für die beiden Versionen (die erste ist die mit Ryan als Mephisto).

Wenn die Royal Shakespeare Company spielt, empfiehlt es sich, die Tickets lang genug im Voraus zu bestellen – auch an jenem Abend waren die Zuschauerränge bis auf den letzten Platz besetzt. Sympathisch war mir, dass das Barbican Theatre wenig versnobt ist – ich durfte mein Bier problemlos mit zum Sitzplatz nehmen und vor dem Eingang konnte man sich noch einen Snack kaufen. Versucht das mal im Pfauen.

Doctor Faustus
Von Christopher Marlowe
Regie: Maria Aberg
Royal Shakespeare Company
Barbican Theatre

London #2: Hexen, Mormonen und ein Phantom

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Da liegt der Kronleuchter auf der Bühne, verborgen unter einer Plane. Er ist Gegenstand einer Auktion. Einst hing er stolz an der Decke eines Opernhauses – und stand in Verbindung zu den mysteriösen Vorgängen um das sogenannte Phantom der Oper, wie der Auktionsleiter erklärt. Als das Vorspiel endet und die eigentliche Handlung beginnt, erhebt sich der Kronleuchter in voller Pracht in die Luft und bleibt über den Köpfen des Publikums stehen. Wann stürzt er wohl herunter?

Man kann ja schwerlich nach London gehen, ohne sich Musicals anzusehen. Und welche Wahl liegt näher als Phantom of the Opera? Dieser Klassiker feierte seine Premiere vor dreissig Jahren in Her Majesty’s Theatre und läuft dort seither ununterbrochen. Dass sich das Phantom so lange gehalten hat, mag am aufwändigen Bühnenbild liegen – in der Tat ist es beeindruckend, wie schnell sich die prächtig ausgestattete Opernbühne in ein Kellergewölbe verwandelt, wo Kerzen die Nebelschwaden der Kanalisation bescheinen (zum Glück verzichtet die Produktion auf eine entsprechende Geruchs-Kulisse).
Vielleicht ist es auch die Story, eine etwas arg platte, aber hübsch kitschige Liebesgeschichte um eine junge Sängerin, derer sich das Phantom (seines Zeichens ein Hardcore-Opern-Nerd) als Mentor annimmt – und am liebsten als auch Liebhaber, wäre da nicht dieser andere junge Mann, ein Kindheitsfreund der Sängerin.
Womöglich ist es auch der Holzhammer-Humor (ich hoffe aber nicht). Da geht zum Beispiel ein Gutteil der Witze auf Kosten einer etablierten Opernsängerin, Stammsängerin dieses fiktiven Pariser Opernhauses, die wenig Talent hat, dieses aber mit umso mehr Verve demonstriert. Das ist alles andere als subtil, kommt jedoch beim Publikum gut an, dem Anschein nach.
Aber wahrscheinlich ist es einfach die Musik: Besonders das Titelthema hat eine emotionale Wucht, bei der man Gänsehaut kriegt – zudem ist das Thema ein erbarmungsloser Ohrwurm.

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London #1: Der tanzende Mann am Piccadilly Circus

Da steht er vor dem Souvenirshop. Besser gesagt, er tänzelt, indem er nämlich von einem Fuss auf den anderen tritt und dabei mit zwei Fähnchen aus Plastik wedelt. Nicht nur die Fähnchen, sein ganzer Aufzug zeigt den Union Jack: Die kurzen Hosen ebenso wie das Jacket, ja sogar der Zylinder auf seinem Kopf und die Handschuhe. Er trägt einen stolzen Bauch vor sich her. Wenn man tagsüber am Piccadilly Circus vorbeikommt, ist er jedesmal da. Er muss ganz schön schwitzen, den kurzen Hosen zum Trotz, es ist ja immer noch Sommer. Ab und zu macht ein Tourist ein Foto, oder stellt sich neben den tanzenden Mann, um sich fotografieren zu lassen.

Kommt man zum ersten Mal zum Piccadilly Circus, wenn man zum Beispiel aus dem Underground hochsteigt, aus den feuchtwarmen Tiefen des U-Bahn-Systems hinauf an die (vergleichsweise) frische Luft des offenen Strassenverkehrt, so fällt einem zunächst wohl die riesige elektronische Reklametafel auf – am schönsten ist sie nachts, wenn ihr Schein den Platz in ein warmes Schimmern taucht. London liebt seine Reklametafeln, je grösser, desto besser, und bitte mit blinkenden Lichtern.

Vielleicht sieht man als erstes auch das Shaftesbury Memorial Fountain, auf dessen Stufen sich Touristen oder das Ausgangsvolk hinsetzen, um sich auszuruhen. Wenn man dann aber zum Prince of Wales Theatre will (wo Book of Mormon läuft) oder runter in Richtung des Trafalgar Square (auf halbem Weg trifft man auf das Prince of Wales Theatre – die Spielstätte von Phantom of the Opera), wenn man also vom Piccadilly Circus aus dorthin will, kommt man an diesem grossen Souvenirshop vorbei. Wo der tanzende Mann schon auf einen wartet. Der Gehsteig ist nicht wahnsinnig schmal, aber schmal genug, auf dass man ihm unangenehm nahe kommt. So versucht man also, sich in der Masse zu verstecken – und hofft darauf, dass der Blick des tanzenden Mannes nicht auf einen fällt.

 
Nachtrag November 2019: Den Souvenirshop mit dem tanzenden Mann gibts inzwischen nicht mehr; an der Stelle befindet sich nun ein Hard Rock Cafe.