Die kleinen Monsterkiller

Walter Murchs Return to Oz (1985) gehört zu meinen Lieblingsfilmen — und ich finde ihn auch deutlich besser als den Musicalklassiker The Wizard of Oz von 1939 (übrigens: auch wenn es der Titel nahelegt, ist Return to Oz keine Fortsetzung, oder zumindest keine offizielle).
Denn wer zieht denn schon doofes Gesinge und Getanze schaurigem Grusel vor? Wer wollte ernsthaft behaupten, die unbeholfenen Kostüme und Kulissen von 1939 wären der technische Meisterleistung von 1986 überlegen? Und wer zum Teufel braucht Judy Garland, wenn er Fairuza Balk hat? (Balk war schon mit 11 Jahren die bessere Schauspielerin als die 17-jährige Garland, die eh viel zu alt für die Rolle war.)

Aber stellen wir die Filme mal beiseite, es gibt ja noch die Buchvorlage. The Wonderful Wizard of Oz erschien 1900; L. Frank Baum hat sich die Story ausgedacht, W. W. Denslow hat sie illustriert, zusammen haben sie Literaturgeschichte geschrieben — das Buch war derart erfolgreich, dass Baum bis zu seinem Tod 1919 dreizehn Fortsetzungsromane und viele weitere Texte über die Welt von Oz schrieb (ganz zu schweigen von seinen Nachfolgern, die das Werk fortführten).
Dem 30er-Jahre-Film ist wohl zu verdanken, dass vom ganzen Oz-Komplex nur noch das erste Buch der Öffentlichkeit geläufig ist. Wenn überhaupt: Wer heutzutage hat das Ding wirklich gelesen? Ausser mir, meine ich.

(Anmerkung am Rande: Return to Oz greift sich immerhin Elemente aus dem zweiten und dritten Buch heraus.)

Die Grundzüge der Handlung dürften wohlbekannt sein: Die kleine Dorothy lebt mit ihren Eltern in Kansas, wird aber von einem Wirbelsturm mitsamt ihrem Hund in das Land Oz getragen. Dort trifft sie eine sprechende Vogelscheuche, einen Mann aus Blech und einen feigen Löwen. Zusammen wollen sie beim Zauberer von Oz vorsprechen, damit der bei ihren jeweiligen Problemen hilft. Er stellt allerdings eine Forderung: Damit er ihnen ihre Wünsche erfüllt, müssen sie die böse Hexe im Westen beseitigen.

Bei der Lektüre kommt schnell der Verdacht auf, dass sich Baum freimütig bei Lewis Carrolls beiden Alice-Büchern hat inspirieren lassen: Hier wie dort landet ein kleines Mädchen in einem wundersamen Land, wo es ebenso wundersame Gestalten kennenlernt und es schliesslich mit einer bösen Matriarchin zu tun kriegt.
Nur, dass Alice Engländerin und Dorothy Amerikanerin ist. Böse gesagt: The Wonderful Wizard of Oz ist intellektuell deutlich simpler gestrickt, und fast alle Konflikte werden durch Mord und Totschlag gelöst. Dorothy und ihre Freunde bringen ja nicht nur zwei Hexen um (Achtung, Spoiler!), ohne sich dabei viel zu denken, sondern richten auch unter der Tierwelt von Oz ein wahres Gemetzel an. Einmal schickt ihnen die böse Hexe im Westen ihre tierischen Handlanger entgegen, um sie fertig zu machen. Da killt der Blechmann vierzig Wölfe mit der Axt oder dreht die Vogelscheuche vierzig Krähen den Hals um. The Wonderful Wizard of Massenmord.

Die erwähnten Alice-Bücher liest man auch als Erwachsener mit Gewinn, The Wonderful Wizard of Oz ist doch eher ein reines Kinderbuch. Keine Ahnung, wie das mit den Folgebänden aussieht; ich habe keine grosse Lust, mich da reinzustürzen. Aber Return to Oz finde ich immer noch toll.