„Er erzählte mir von Planetenbüros und vom Todesacker“

Lukas Marxt über seinen Dokumentarfilm Ralfs Farben

Wenn die Superstars in der Formel 1 auch noch Planetenchefs sind, dann gibt’s hinten dran halt auch das Bedürfnis, diese Führungspositionen bei Sieg der Weltmeisterschaft im Bereich der Planeten durchzusetzen.
Ralf Lüddemann (Libretto)

Mein Lieblingsfilm am vergangenen Locarno Film Festival war Ralfs Farben: Das Porträt eines Einsiedlers und Künstlers auf Lanzarote. Regisseur Lukas Marxt lässt ihn ausführlich zu Wort kommen. Einerseits merkt man, dass der Mann unter Schizophrenie leidet, zumindest fällt es schwer, seinen Gedanken zu folgen – andererseits sind diese Gedanken immer wieder philosophisch verblüffend und in ihrer poetischen Sprache sehr faszinierend. Man denkt an Martin Heidegger oder an den Dramaturgen Werner Schwab. Regisseur Marxt findet dazu karge, aber wunderschöne Bilder, in denen man sich verlieren kann: Wüsten, bienenstock-artige Häuserzeilen, eine Bananenplantage, ein Fallschirm, der von einem Hund verfolgt wird.

Filmwebsite

Im Interview schildert Marxt, wie es war, mit Lüddemann zu drehen, was es mit dem Hund auf sich hat – und wo man Ralf Lüddemanns Kunst erleben kann.

 
Wie bist du auf Ralf Lüddemann gestossen?

Ich traf Ralf Lüddemann 2012 auf Lanzarote, während der Recherchearbeit für meine Diplomarbeit: It Seems to Be Loneliness But It Is Not. Ich versuchte, mich vier Wochen zu isolieren, um eine Art von Einsamkeit zu erzeugen. Man kann natürlich nicht von Einsamkeit sprechen bei so einer kurzen Zeit; ich wollte einfach so wenig Kontakt mit anderen Menschen wie möglich haben. Ungefähr nach einer Woche lernte ich Ralf Lüddemann kennen, einen der zurückgezogensten Menschen dort in der Region. Wir trafen uns zufällig der Strasse und kamen ins Gespräch; er erzählte mir von Maschinen und Planetenbüros, die er gerade baut, und vom Todesacker, auf dem er arbeitet. Ich war fasziniert von seiner Sprache und seiner Gedankenwelt. Es liess mich nicht los, und in der restlichen Drehzeit besuchte ich ihn jeden Tag. Wir machten Audioaufnahmen, die ich dann transkribierte; das erschien in einem gleichnamigen Buch, das den Film begleitete.

Lukas Marxt

Der Künstler und Filmemacher wurde 1983 in Österreich geboren. Er studierte erst Geografie und Umweltsystem-wissenschaften, wechselte dann aber ins Kunstfach. Heute lebt er in Köln und Graz.
Website von Lukas Marxt

In dem Film war er aber noch nicht drin?

Nein, noch nicht. Aber im Buch waren Texte von ihm, über siebzig Seiten. Damals gabs schon die Idee, einen Film mit ihm zu machen. Aber die Umsetzung von Ralfs Farben begann erst 2014, 2015.

Die Dreharbeiten dauerten also mehrere Jahre?

Es gab mehrere Perioden, in denen ich ihn besuchte, insgesamt sieben oder acht Mal. Bereits 2015 holte ich Michael Petri mit an Bord, weil die Zusammenarbeit mit Ralf Lüddemann nicht ganz so einfach war. Da waren immer nur er und ich, und ich sehnte mich nach mehr Austausch. Also fragte ich Michael, ob er die Kamera macht. Auch in der Postproduktion arbeitete ich eng mit ihm zusammen.

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„Am Anfang hatte die Vogelscheuche noch zwei Beine“

Letzten Freitag hat Rafael Sommerhalder mit seinem animierten Kurzfilm Au revoir Balthazar den Schweizer Filmpreis für den besten animierten Kurzfilm gewonnen. Wir haben ihn ein paar Tage zuvor in seinem Atelier besucht, und er war so freundlich, uns ein paar Fragen zu beantworten. Er hat uns davon erzählt, wie er mit Claude Barras (Ma vie de Courgette) in einer WG wohnte, und wie er auf das Design seiner Hauptfigur gekommen ist.

Und da liegt sie auch in einem Kistchen, die kleine Vogelscheuche, zusammen mit den anderen Figuren aus Au revoir Balthazar. Sommerhalder führt mich gerade durch die Räume von Crictor (das kleine Studio hat er zusammen mit Zita Bernet gegründet).
Letzten September sah ich den Film am Fantoche und war rechtschaffend begeistert. Da geht es um eine Vogelscheuche namens Balthazar (ein grandioses Gebastel aus Holzabfällen und Schrott), die während eines Schneesturms aus der Erde gerissen wird. Am Boden liegend, findet Balthazar eine Muschel und hört darin das Rauschen des Meeres – als ihm eine Krähe diese Muschel entreisst, nimmt er die Verfolgung auf. Der Anfang einer langen Reise.
 

Rafael Sommerhalder
Kulturmutant: Du warst mit deinen Filmen ja immer wieder am Fantoche, hast 2007 den Trailer gemacht oder mit Flowerpots gewonnen. Bist du dem Festival besonders verbunden?

Rafael Sommerhalder: Ich habe in Lausanne eine „klassische“ Filmschule besucht, bevor ich angefangen habe, mich für den Animationsfilm zu interessieren. Und das Fantoche war einer der wenigen Orte in der Schweiz, wo man sich animierte Filme anschauen konnte. Um 2000 gab es ja weder Vimeo noch YouTube.

Dein Abschlussfilm an der Kunsthochschule in Lausanne (der ECAL), Ely & Nepomuk, war dann auch dein erster Animationsfilm, nicht?

Es wurde erwartet, dass man einen Spielfilm oder Dokumentarfilm macht. Dann ist mir irgendwann diese Geschichte in den Sinn gekommen, und es hat sich anerboten, diese als Animationsfilm zu realisieren. Die Schule hatte glücklicherweise nichts dagegen.
Claude Barras (der Regisseur von Ma vie de Courgette) war in Lausanne mein Mitbewohner. Er war auch an der ECAL, aber in einer anderen Abteilung. Sie hatten ein keines Labor für Computeranimation, wo sie hauptsächlich gerendert haben (lacht).

Und jetzt seid ihr beide am Schweizer Filmpreis nominiert.

Stimmt. Claude hat an der ECAL angefangen, mit After Effects zu arbeiten [einer Software für Computereffekte und Animation]. Es hat mich fasziniert, dass man da derart die Kontrolle hat – du kannst dir etwas ausdenken und das einfach am Computer umsetzen. Du musst nicht erst Kameras beschaffen oder ein Filmteam suchen.
Claude hat mich stark dahingehend beeinflusst, dass ich mich überhaupt für Animationsfilm zu interessieren begann. So habe ich Ely & Nepomuk mit Flash gemacht.

Später hast du in London Animationsfilm studiert.

Zuerst Zita Bernet und ich Crictor gegründet. Wir sind beide so um 2000 fertig geworden in Lausanne, wir haben Sachen für die Expo gemacht und dokumentarische Auftragsarbeiten. Ich hatte aber Lust, noch einmal in die Schule zu gehen, auch weil mich die Welt des Animationsfilms immer stärker interessiert hat, und habe mich in London am Royal College of Art beworben. Das erste Mal hat es nicht geklappt. Dann habe ich ein Jahr später nochmals die gleiche Bewerbung eingeschickt und einfach das Datum angepasst (lacht). Glücklicherweise hat es dann funktioniert.

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„Handke ist überhaupt nicht weltabgewandt“

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Peter Handke formuliert einmal ein elftes Gebot: „Du sollst Zeit haben.“ Corinna Belz (Gerhard Richter – Painting) hat ihn während dreier Jahre mit der Kamera besucht, ihn beim Sticken und beim Pilzeschneiden beobachtet. Dazu erzählt sie von seinem Leben und seinem Schreiben. Ihr Film heisst Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte. (Hier gibts meine Filmkritik.) Frau Belz hat sich die Zeit genommen, über ihren Film zu sprechen, über unsere Abhängigkeit von der Technologie – und darüber, was es mit dem Filmtitel auf sich hat.

Corinna Belz

Studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Medien- wissenschaften in Köln, Zürich und Berlin. Abschlussarbeit über die Dokumentarfilme von Peter Nestler. Lebt heute in Köln. Arbeitete als Produzentin, Skripterin und Regisseurin, in erster Linie fürs Fernsehen. Ins Kino kam ihr Malerporträt Gerhard Richter – Painting (2011), das ihr den Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm einbrachte.

Kulturmutant: Früh im Film sticht ein Satz von Handke heraus: „Ich bin in meinem Leben noch nie vor einem Computer gesessen.“ Er wirkt in vielerlei Hinsicht wie aus der Zeit gefallen.

Corinna Belz: Es kommt auf die Perspektive an. Ich seh in den Vorführungen viele Leute ab vierzig und älter, für die stammt Handke aus ihrer Zeit. Aber ich sehe auch junge Leute, für die er aus einer Zeit stammt, die jetzt wieder interessant wird. Weil ihnen die Sechzigerjahre zum Beispiel ein Gespür für Sprache und Geschichtenerzählen vermitteln, das in Auflösung begriffen ist. Was die Form anbelangt, ist Handke also nicht aus der Zeit gefallen.
Wenn man das auf seine Lebensweise bezieht, kann man das so sehen. Aber manchmal ist es auch schön, aus der Zeit zu fallen.

Immerhin verkörpert er eine Alternative zur heutigen Zeit, die bestimmt ist durch das Internet und den Computer. Handke schreibt nicht einmal auf einer Schreibmaschine, sondern von Hand.

Zurzeit nicht. Er hat ab Neunundachtzig eine dreijährige Weltreise gemacht. Er ist überwiegend ohne Schreibmaschine gereist, und so hat er angefangen, seine Bücher von Hand zu schreiben. Das wird auch im Film erzählt.
Aber ehrlich gesagt glaube ich, dass wir noch gar nicht genau verstanden haben, wie sehr uns dieser technologische Fortschritt verändert. Wir haben vielleicht eine Ahnung, und das wird auch diskutiert oder beklagt von Eltern, deren Kinder jetzt die ganze Zeit mit ihrem iPhone beschäftigt sind. Aber uns ist noch gar nicht klar, was für Auswirkungen die neuen Technologien haben, wie abhängig wir werden und wie tief sie uns verändern. Es kann sein, dass sich unsere Sprache, wie sie jetzt als Schriftsprache existiert, auflöst, einfach deswegen, weil man anders kommuniziert und man auf das ganze Regelwerk, die Grammatik oder Zeichensetzung, überhaupt darauf, wie man Sätze baut, keinen Wert mehr legt.

Ich bin mir nicht sicher, ob es schlechter wird, aber es ist sicher eine andere Sprache. Jetzt habe ich wieder viel Handke gelesen, und seine Bücher enthalten eine Sprache, die man gar nicht mehr gewohnt ist. Er liest sich wie ein Schrifsteller aus dem 19. Jahrhundert.

Die grossen Schriftsteller bleiben ja. Goethe, Dostojewski oder Flaubert werden alles überdauern, auch diese technologische Revolution. Nur fragt sich, wieviele Leute mit dieser Sprache Kontakt haben und ihre Feinheiten zu schätzen wissen, die verstehen, was da für eine Verdichtung und Sensibilität zum Ausdruck kommt.
Man meint ja oft, Handke sei weltabgewandt, aber das ist er überhaupt nicht. Seine Hinwendung zu den alltäglichen Dingen ist ganz intensiv. Er wird halt nicht dauernd unterbrochen oder ist mit dem Kopf woanders. Nehmen Sie uns als Beispiel: Wenn wir uns jetzt unterhalten und ich würde gleichzeitig meine Emails lesen, so wäre ich gar nicht bei Ihnen.
Ich habe schon erlebt, dass ich im Kino sitze, plötzlich wird es neben mir hell und da seh ich, dass einer auf sein iPhone schaut. Das ist mir vollkommen fremd. Da bin ich empört, gerade wenn es mein Film ist (lacht). Der verpasst ja, was ich in neun Monaten Schnitt mühsam in diese verdichtete Form gebracht habe.

Und es ist ja nicht nur der Schnitt allein.

Ja, insgesamt habe ich vier Jahre am Film gearbeitet. Ich habe alle seine Bücher nochmal gelesen und recherchiert, habe Handke getroffen. Dann haben wir angefangen zu drehen, und wir haben noch gedreht, als ich schon im Schneideraum war. Und all das führte zu dieser Form.
Die Form ist das, was jemand für die anderen macht. Wenn ich recherchiere, dann hab ich ein Sammelsurium an Informationen und Quellen, aber das hat ja noch keine Form. Erst muss ich alles verarbeiten. Es ist, als würde man eine grosse Doktorarbeit schreiben, soviel Zeit, Energie und Wissen steckt in einem Dokumentarfilm. Das ist das Angebot, das man dem Publikum macht.

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„Es ist schon krass, wieviele Vorurteile man selber hat“

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Dennis steckt in einer SS-Uniform. „Würg mich“, verlangt Ruby, der israelische Choreograf – aber als Deutscher kann sich Dennis einfach nicht überwinden. Also provoziert Ruby in weiter und weiter. Bis Dennis ausflippt und den Choreografen beinahe zu Tode würgt.
Die Szene stammt aus The Holycoaster S(hit) Circus, dem ersten Film der Berner Theatergruppe Peng! Palast. Grundlage war ihr gleichnamiges Theaterstück von 2011. Fünf Jahre später ist nun ein Film daraus geworden, der sich als Dokumentarfilm über die Entstehung des Theaterprojekts ausgibt. Allerdings sind die dargestellten Ereignisse satirisch übertrieben und zur Hälfte sowieso erfunden. Quasi eine Mockumentary basierend auf realen Tatsachen. Die beiden Regisseure nennen das Ding eine Comedy-Documentary.

So sehen wir, wie die drei Schauspieler von Peng! Palast (in Begleitung eines Kameramanns) nach Jerusalem gehen, um zusammen mit der israelischen Tanzkompanie Machol Shalem ein Stück über den Holocaust zu erarbeiten. Mit urkomischen bis katastrophalen Folgen. Der Film setzt sich mit Vorurteilen zwischen Deutschen, Schweizern und Israeli auseinander, aber auch mit der Frage, wie weit man in der humoristischen Aufarbeitung des Holocaust gehen kann. Meine Kritik dazu findet ihr beim Züritipp.

Dennis Schwabenland

Geboren 1983 in Wiesbaden und aufgewachsen im Ruhrgebiet, kam er 2004 in die Schweiz für ein Schauspielstudium an der Hochschule der Künste Bern (HKB). 2008 gründete er mit Benjamin Spinnler die Theatergruppe Peng! Palast, im Jahr darauf kam Christoph Keller hinzu. Schwabenland ist Vorstandsmitglied des Schlachthaus Theater Bern und des Berufsverbandes für freie Theaterschaffende (ACT).
Offizielle Website

Dennis Schwabenland von Peng! Palast spielt nicht nur sich selbst im Film, sondern hat auch Regie geführt – zusammen mit dem deutschen Choreografen und Filmemacher Sascha Engel (Kino Kitchen). Engel lebt in Tel Aviv, weswegen er auch nicht für ein Interview zur Verfügung stand, aber Schwabenland konnte ich am Zürcher Flughafen treffen. Er kam grad aus Spanien, wo Dreharbeiten für ein anderes Filmprojekt stattfanden. Da sassen wir also in einem Café am Flughafen und sprachen darüber, wie sich die Gruppe Peng! Palast in Bern formierte, was für Erfahrungen Dennis mit Crowdfunding sammelte und was ihn dazu inspirierte, als nächstes ein Anti-SVP-Musical in Angriff zu nehmen.

 
Kulturmutant: Du bist ja im Ruhrgebiet aufgewachsen, lebst jetzt aber in Bern. Wie kam es denn dazu?

Dennis Schwabenland: Tja, wieso Bern. Ich habe da Schauspiel studiert an der HKB, der Hochschule der Künste. Als ich vorgesprochen habe, hab ich mich sehr wohl gefühlt, coole Leute. Auch der Groove der Dozenten, das hat mir entsprochen.
Wenn du auf einer Schauspielschule vorsprichst, bist du ja nie alleine, da sind hunderte andere. Bei der erste Schule hat es nicht geklappt, auch nicht bei der sechsten oder siebten. Es ist recht hart und man muss auch viel Geld investieren; gerade wenn du jung bist, hast du eigentlich keine Kohle.

Deine Kollegen von Peng! Palast, Benjamin Spinnler und Christoph Keller, haben ebenfalls in Bern studiert.

Christoph und Benni haben ein Jahr unter mir studiert. Als wir 2008 die Schule abgeschlossen haben, haben wir die Gruppe gegründet. Und Raphi* ist ja kein Schauspieler. Er hat zwar auch an der HKB studiert, aber vor unserer Zeit, an der Jazzschule. Jetzt schreibt er hauptsächlich. Er hat das Schlachthaus Theater gleitet vor Maike, von daher kennen wir ihn. Er hat unser erstes Stück eingeladen.
* Raphael Urweider, spielt im Film den Kameramann.

Du bist ja auch Vorstandsmitglied im Schlachthaus.

Genau, ja. Das ist unser Heimathafen. Es ist ein gefördertes Haus, das heisst, du kriegst auch deine Gage und Produktionsbeiträge. Dann haben wir meistens noch in anderen Städten Co-Produktionspartner. Beim Theaterstück zu Holycoaster S(hit) Circus war das Theater Chur dabei und eben das Machol Shalem Dance House in Jerusalem. Maike* hat uns das Machol Shalem vorgeschlagen, das ist tatsächlich so passiert wie im Film, auch wenn wir es dort re-enacted haben.
* Maike Lex, Leiterin des Schlachthaus Theater.

Beim Film hast du ja zusammen mit Sascha Engel Regie geführt. Versteh ich das richtig, dass du ihn auch über Maike Lex kennengelernt hast?

Den ersten Kontakt mit Sascha hatten wir schon so um 2010. Er war gerade in Zürich, glaub ich, am Tanzhaus. Er ist dann ins Schlachthaus gekommen. Benni und ich waren gerade nicht in Bern, sondern in Berlin, und so haben wir uns über Skype kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Bick (lacht). Wir haben direkt überlegt, was wir machen könnten, und haben ersteThemen in den Raum geworfen. Da kamen wir auf „Vorurteile“.

Bestand von Beginn weg die Idee, gleichzeitig einen Dokumentarfilm zu machen?

Sascha hatte schon damals ein Faible fürs Filmen und hat es teilweise in seine Stücke eingebaut. Er hat gesagt: „Komm, wir dokumentieren das, vielleicht können wir das einbauen.“ Die Idee fanden wir super. Wir von Peng! Palast waren alle das erste Mal in Israel und haben gedacht, wenn man das festhält, wird das bestimmt lustig. Weil wir ja bestimmt mit besonders vielen Vorurteilen dahin gehen. Was ja auch so war (lacht).
Als wir in Jerusalem waren, haben wir uns am ersten Abend hingesetzt und uns überlegt, was wir so für Vorurteile haben, gegenüber Tänzern, Schauspielern, gegenüber Juden und Christen. Innert kurzer Zeit hatten wir fünf Seiten voll mit Stichworten. Das ist schon krass, wieviele Vorurteile man selber kennt und hat. Wir haben dann einzelne Punkte ausgewählt und für den Film übertrieben. Wir haben uns dümmer gemacht als wir sind (lacht).

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„Eddie hat gefragt, ob er mitkommen kann“

Der Skispringer Andreas Küttel über den Film Eddie the Eagle

Heute kommt Eddie the Eagle in die Zürcher Kinos. Die Komödie erzählt von Eddie Edwards (Spitzname „The Eagle“), der 1988 als Skispringer an der Winterolympiade Furore machte. Wirklich Ahnung vom Sport hatte er keine und so fuhr er miserable Resultate ein – aber als Underdog, der niemals aufgab, wurde er zum Publikumsliebling. Der Film geht teilweise recht frei mit den wahren Begebenheiten um – Hugh Jackman zum Beispiel spielt die Nebenrolle eines versoffenen Trainers, der sich des hilflosen Amateurs annimmt, aber in Wahrheit nie existiert hat. Dennoch, als Hommage an die Sportfilme der 80er ist Eddie the Eagle ziemlich toll. Und ja, am Ende hatte ich eine Träne der Rührung im Auge. (Eine ausführlichere Kritik von mir findet sich beim Züritipp.)

Nun habe ich mir den Film zusammen mit Andreas Küttel angeschaut und ihn nach seinem Eindruck gefragt. Der Scheizer Skispringer war fünfzehn Jahre lang als Profi im Sport aktiv, hat sich 2009 gar den Weltmeistertitel geholt und ist dazu ein guter Freund von Simon Ammann.
Küttel erzählt von seiner Begegnung mit dem realen Eddie, vom Spunten in Garmisch-Partenkrichen — und vom entscheidenden Moment vor dem Sprung.

 
Kulturmutant: Wie hast du Eddie the Eagle kennengelernt?

Andreas Küttel: Ich hatte gerade mit dem Skispringen angefangen und so im ersten Winter sind wir mit dem Skiclub-Bus nach St. Moritz gefahren. Eddie the Eagle – oder Eddie Edwards, wie er ja richtig heisst — hat meinen Vater kontaktiert und ihn gefragt, ob er mitkommen kann. Er hatte kein Team oder einen Trainer; ihm ging es darum, dass er irgendwo springen kann und Erfahrungen sammeln. Wir waren dann in einer Jugendherberge und Eddie war mit uns zusammen im Massenschlag.
Ich kann mich erinnern, dass er eher für sich allein gewesen ist; wir haben auch nicht gross kommunizieren können wegen der Sprachbarriere. Er hat sich immer seriös aufgewärmt und du hast schon gemerkt, dass er einen Zugang zum Sport hat. Wir haben gewusst, dass er ein Ski-Stuntman gewesen ist, der hat schon gewusst, wie er fallen muss (lacht).

Andreas Küttel

1979 in Einsiedeln geboren, hat Küttel als Skispringer an mehreren Weltcups und Winterolympiaden teilgenommen. An der Weltmeisterschaft 2009 in Tschechien gewann er die Goldmedaille an der Grossschanze. Eine lange Freundschaft verbindet ihn mit seinem Landsmann Simon Ammann, der immer noch aktiv ist — Küttel hingegen stieg 2011 aus dem Profisport aus und zog nach Dänemark, wo seine Frau eine Stelle als Ärztin antrat. Zurzeit schreibt er seine Doktorarbeit an der Institut für Sport und Biomechanik an der Southern University of Denmark.
Offizielle Website

In welchem Jahr war das denn?

Das muss ’86 gewesen sein, ich hatte wirklich grad angefangen, mit sieben oder acht Jahren. Eddie war dann auf der nächstgrössten Schanze – ich bin auf der 15er gewesen und er auf der 30-m-Schanze, so ungefähr.
Zwei Jahre später haben wir ihn dann im Fernsehen gesehen und gedacht: „He, den kennen wir doch!“ Da waren wir natürlich stolz, dass er mit uns zusammen seine Karriere gestartet hat.

Im Film heisst es ja, man müsse mit fünf Jahren anfangen.

Simon [Ammann] hat glaub sogar ein bisschen später angefangen, so mit acht oder neun. Man sollte schon vor zehn oder zwölf Jahren anfangen. Wenn du mit fünfundzwanzig noch nie auf den Ski gestanden bist, dann kannst du nicht zum Skispringen gehen. Aber Eddie ist schon vorher Ski gefahren und er war eben Stuntman, da hatte er gewisse Voraussetzungen. Er wird ja oft als Anti-Talent beschrieben, aber mit dem Begriff „Talent“ muss man aufpassen, im Sport und auch anderswo. Wie definiert man Talent überhaupt? Die Fähigkeit, sich aufzurappeln und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: Wenn man das auch als Talent auffasst, so war Eddie ein tolles Talent. Wenn auch nicht von der körperlichen Form oder der Koordination her.
Wichtig finde ich auch diese emotionale Pressekonferenz im Film, wo sich Eddie dazu äussert, dass er nicht unbedingt den Kasperli spielen will.

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„Die Japaner haben Selbstironie“

Regisseur Stefan Jäger über seinen Film Der grosse Sommer

Letzten April verstarb der Volksschauspieler Mathias Gnädinger; für seinen letzten Film übernahm er die Rolle des Anton Sommer. Der war einst ein Schwingerkönig (interessantes Detail am Rande: den jungen Sommer spielt Gnädingers Sohn Gilles Schyvens), lebt jetzt aber als grummeliger Alter zurückgezogen in einer einfachen Wohnung. Seine Zeit verbringt er mit dem Bau von Buddelfischen oder Besuchen auf dem Friedhof.
In der Wohnung über seiner lebt die Vermieterin (Monica Gubser) zusammen mit ihrem verwaisten Enkel, dem Halbjapaner Hiro (Loïc Sho Güntensperger). Der grösste Wunsch des Kleinen besteht darin, Sumoringer zu werden. Als seine Oma stirbt und Hiro herausfindet, dass Sommer einst ein berühmter Schwinger war, stellt er dem Alten ein Ultimatum: Entweder, er bringt ihm das Ringen bei und geht mit ihm nach Japan, oder er wirft ihn aus dem Haus.
Also reist Sommer, der in seinem Leben kaum über den Kanton Bern hinaus gekommen ist, mit Hiro in den fernen Osten.

Stefan Jäger
Geboren 1970 in Uster, studierte an der Filmakademie Baden-Württemberg Drehbuch und Regie. Geschäftsführer der tellfilm GmbH, Mitglied der Schweizerischen und der Europäischen Filmakademie, Dozent an der Filmakademie Baden-Württemberg und an der ZHdK. Schrieb mit Xavier Koller das Drehbuch zum Schellen-Ursli (2015), drehte mit Gnädinger bereits Im Namen der Gerechtigkeit (2001) sowie Hunkeler und der Fall Livius (2009).

Der Kulturmutant hatte Gelgenheit, mit dem Regisseur Stefan Jäger über die Dreharbeiten zu sprechen. Er erzählt von der Weltpremiere in Tokio, Übersetzungsgeräten und davon, für wen er seine Filme dreht.

 
Kulturmutant: Die Uraufführung von Der grosse Sommer fand ja in Tokio statt. Wie lief das ab?

Stefan Jäger: Als wir damals gedreht haben im Oktober 2014, wurden wir von der Schweizer Botschaft eingeladen. Nach einem Drehtag sind wir am Abend alle dorthin, auch Mathias Gnädinger. Das war ein schöner Abend. Sie haben uns dann spontan eingeladen und gesagt: „Wenn der Film fertig ist, würden wir gerne die Premiere ausrichten.“ Und im Andenken an Mathias haben wir das sehr gern wahrgenommen.

Was war das denn für ein Publikum?

Vor allem Japaner und ein paar Vertreter von Schweizer Niederlassungen in Japan, zum Beispiel von einer Schokoladenmarke oder von der Swiss, die uns die Flüge gesponsort hat. Und natürlich waren auch die japanische Crew und die Schauspieler eingeladen. Der Film ist zweimal in Tokio gelaufen und in Kagoshima, wo wir auch gedreht haben, und dann sind wir noch in die Sumoschule, wo wir den Film den ganzen Sumokids gezeigt haben.

Regisseur Stefan Jäger (rechts) mit Mathias Gnädinger.
Dort spielt ja auch ein Teil der Handlung. Wie haben die Japaner auf den Film reagiert?

Sie haben mehr Selbstironie, als wir erwartet haben. Sie haben wirklich lachen können über die eigenen Befindlichkeiten und die Klischees, die wir am Anfang vom Film natürlich bewusst gesetzt haben. Aber je weiter die Reise von Sommer und Hiro geht, desto mehr überwinden wir ja die Klischees und desto mehr sieht man, was dahinter steckt. Der Film hat die Japaner auch berührt; ich war überrascht, wie viele die Taschentücher rausgenommen haben. Es war unser Ziel, ein Feelgood-Movie zu machen. In dem Genre darf man ja lachen, aber auch mal eine Träne verdrücken. Das ist in Japan sehr gut aufgegangen.

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Der Sumpf aus Kinderperspektive

Der erste Langzeitspielfilm von Benh Zeitlin spielt in den Sümpfen des südlichsten Zipfels von Louisiana. Im Interview erzählt der Regisseur, warum er lieber ein Kind in der Hauptrolle hat, und welche Rolle kostümierte Schweinchen in seinem Erstlingswerk spielen.

Herr Zeitlin, Ihr Film spielt in einer Aussteiger-Gemeinde ganz im Süden der USA. Wie haben Sie sich als New Yorker Zugang verschafft?

Am Anfang wusste ich nicht viel darüber. Als Kind war ich mit meiner Familie mehrmals in New Orleans und wusste schon damals, dass ich da einmal wohnen möchte. Mittlerweile bin ich nach New Orleans gezogen und von da aus bin ich einfach mit dem Auto Richtung Wasser gefahren, bis es nicht mehr weiterging – dort wo das Land in Wasser übergeht. Und da habe ich dann diese spezielle Kultur gefunden. Ich habe mich mit den Leuten angefreundet und während acht Monaten mit ihnen gelebt. Wir haben alles zusammen gemacht, sogar Alligatoren gejagt.

Das klingt spannend. Was macht diese Kultur so speziell?

In der Region südlich von New Orleans finden sich mitten in der Sumpflandschaft kleine unabhängige Gemeinden. Einen Teil dieser Gegend nennt man auch „The Bayou“. Das ist der Name für ein Gewässer, das sich nur sehr langsam bewegt. Um dieses Bayou herum stehen verschiedene kleine Dörfer. Wasser ist da sehr präsent, weil es Leben gibt, ein Grossteil des Essens kommt ja aus dem Meer, und es auch wieder nimmt, die Stürme treffen da mit voller Wucht auf das Land und der Wasserpegel steigt ständig. In dieser Gegend sind die Überbleibsel der französisch stämmigen Cajun-Kultur noch am präsentesten.

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