Kulturbeutel

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Ich bin vor kurzem nach St. Gallen gezogen. In der Region aufgewachsen war ich lange im Exil. Deshalb ging ich aus Neugier an den Neuzuzüger Apéro der Stadt St. Gallen im Pfalzkeller. Dort gab es erst einen Vortrag des Stadtpräsidenten und ein paar Videos zu sehen. Bei den Videos wurden so spannende Themen wie Weihnachtsbeleuchtung oder Schneeräumen behandelt. Der Stadtpräsident ist ein schlechter Redner und der Chor, der dazwischen immer mal singen durfte, war etwas zu leise für die Grösse des Saales geraten.

Danach ging es zum zweiten Teil über. Im Nachbarkeller einem langen Saal gab es Bratwurst, Bier und verschiedene Stände von Vereinen aus der Stadt St. Gallen. Es stimmt wirklich, Männerchöre und Turnvereine suchen verzweifelt Mitglieder. Es gab Kugelschreiber, Kaugummis und Getränke. Und einen weissen Abfallsack. Ja, weil St. Gallen stolz darauf ist, als erste Schweizer Stadt den Gebührensack eingeführt zu haben. Auch dabei waren eine rothaarige korpulente Dame mit blauer Hornbrille und ihrer Assistentinnen. Da ich taktischerweise erst die zu erwartenden Geschenke abholen ging. Im Gegensatz zur Masse der Einwanderer handelte, die erst mal essen wollte. Und so kriegte ich einen der, so wurde mir später klar, hochbegehrten Kulturbeutel. Mit einiger Hemmung wurde er mir überreicht, war er doch eher für andere Leute gedacht, doch die Rothaarige hatte nicht geckeckt, dass es schon losgegangen war und sprach abseits mit dem Stadtpräsidenten und da gab mir die eine Assistentin einen Kulturbeutel. Das ist ein robuster Plastiksack, eine Mischung aus Freitagtasche und Migrossack, gemacht von der Schule für Gestaltung.

Im Kulturbeutel befinden sich Prospekte und Programme vieler Kulturanbieter aus St. Gallen so wie diverse Gutscheine. Es soll mir eine Übersicht über das offizielle Angebot dieser Stadt verschaffen. Ich hab das einige Wochen später getan. Es hat darin:

– Ein Couvert des Flagschiffs, der LOKremise mit Flyern, einem Monatsprogramm und einem „persönlichen“ Brief, wo sie sich mir als „Kulturzentrum mit Theater, Programmkino, Kunstzone und Restaurant“ vorstellt. Sehr schöne Gestaltung, sicher kostspielig. Vielseitiges Angebot.

Ich greife erneut in den Beutel und halte in der Hand, warte mal

– Den Spielplan des Sinfonieorchesters St. Gallen. Das Titelbild dieses Faltblattes zeigt neben Informationen, das Bild eines Strohhutes in der Hand eines Menschen, neben dem Abschnitt eines Birkenstammes und grüngelbem Hintergrund. Das Programm umfasst Klassiker und Versuche, auch mal etwas „Moderneres“ zu wagen, ohne die Hochkultur per sein in Frage zu stellen.

– Ein Flyer der Freunde des Sinfonieorchesters St. Gallen, Jahrsbeiträge: Einzelmitglied 70 Fr., Paarmitglied 120 Fr., Firmen ab 1000 Fr., Gönnermitglied 200 Fr., Gönnerpaar 300 Fr., dafür gibt’s verschiedene Rabatte und Begegnungsmöglichkeiten sowie Infos.

Und weiter geht es mit

– Einer zu bezahlenden Rechnung von „Sunrise“?! Oh, der Kulturbeutel liegt hier wohl schon etwas länger rum und ich hab ihn als Altpapiersammler benutzt.

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