Locarno Film Festival 2019: Tropenhitze und tote Katzen

Das Locarno Film Festival ist zuende gegangen, und einmal mehr sah ich nur einen Bruchteil der Gewinnerfilme. So verpasste ich das portugiesische Drama Vitalina Varela (Pedro Costa), das den Goldenen Leoparden für den besten Film sowie den Leoparden für die beste Darstellerin (Vitalina Varela) erhielt. Dafür sah ich Maternal, der eine besondere Erwähnung bekam, wobei ich mich frage, was an dem Film erwähnenswert sein soll (schlecht ist er nicht, aber ich würd mich wundern, wenn der irgendwen nachhaltig beschäftigt).

Regis Myrupu gewann den Leoparden als bester Darsteller für seine Leistung in A febre. Der Film begeisterte mich nicht unbedingt, aber den Darstellerpreis find ich interessant: Myrupu trat nie zuvor in einem Film auf, und er spielt weniger eine Rolle, als dass er einen Typ Mensch darstellt. Als brasilianischer Indio zwischen Tradition und Moderne gibt er einen brasilianischen Indio zwischen Tradition und Moderne. Dies mit geringsten Regungen, aber viel körperlicher Präsenz. Der Preis zeichnet ein Schauspielereikonzept in bester neorealistischer Tradition aus, in dem das Dokumentarische im Vordergrund steht. Quasi: Die Leute, um die es geht, spielen sich selbst. Da geht es auch um Fragen der Repräsentation.
Im Anschluss an die Premiere gabs eine Fragerunde auf der Spazio Cinema, wo bald die Sprache auf Bolsonaro und seine Politik kam. Für die indigene Bevölkerung Brasiliens droht diese geradezu apokalyptisch zu werden. Die Probleme, von denen A febre handelt, werden sicher nicht besser.

Ansonsten: Vom Festival insgesamt sind mir die klimatischen Bedingungen im Gedächtnis geblieben. Es regnete ständig, was aber nie für Abkühlung sorgte, sondern dafür, dass es heiss und feucht war. Ich schwitzte beinahe ununterbrochen und lernte die anständig klimatisierten Kinos wie das CineRex oder das PalaCinema schätzen. Das FEVI dagegen, der grosse Saal mit Platz für dreitausend ZuschauerInnen, war eine Tropenhölle. (Was allerdings dazu passte, dass ich dort A febre sah.)
Anscheinend war ich nicht der einzige, dem das Klima aufs Gemüt schlug: Einmal sah ich am Piazza Grande einen jungen Mann, der das Plakat zur Diego-Maradona-Doku wütend von einer Säule riss und laut fluchte (ich verstand allerdings nur „merda“).

Die denkwürdigste Vorführung war sicherlich die Pressevisionierung von Space Dogs, dieses wunderschöne, aber völlig erbarmungslose Porträt der Moskauer Strassenköter. Als einer der Hunde eine Katze erlegte, begannen die Kritiker, reihenweise den Saal zu verlassen.

Hier nun aber sämtliche Filme, die ich sah – von dem, den ich kein bisschen mochte, bis zu dem, der mich haltlos euphorisierte. Die Kurzkritiken erschienen zuerst auf Facebook und Twitter; ich hab sie für diese Zusammenstellung leicht redigiert.

 
Wilcox
Von Denis Côté, Ka 2019, 66 min.
Ausser Konkurrenz

Porträt eines Aussteigers, der im Wald lebt.
Regisseur: „Ha ha, die Tonspur besteht nur aus nervtötendem Rauschen und Tösen!“
Zuschauer: „Ha ha, ich lauf aus dem Film raus!“
Keine Wertung

Tourism Studies
Von Joshua Gen Solondz, USA 2019, 7 min.
Moving Ahead

Ferienaufnahmen, zu einem Filmgewitter zusammengeschnitten. Die Helferinnen geben allen im Saal eine individuelle Epilepsie-Warnung — immerhin das ist interessant daran.
3/10

Bergmál
Von Rúnar Rúnarsson, Is/F/CH 2019, 79 min.
Internationaler Wettbewerb

Weihnachten/Neujahr in Island. Eine Aneinanderreihung kurzer, leicht absurder Alltagsszenen. Unbewegte Kamera. Wie ein Roy-Andersson-Film, aber ohne Witz, Originalität oder Subtilität.
4/10
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Locarno Film Festival 2019: Ein Experiment

Heute hat das Locarno Film Festival angefangen, und ich reise auch für ein paar Tage hin. Normalerweise mache ich zu jedem Film ausführlich Notizen und schreibe später eine Kritik. Dieses Jahr probier ich etwas Neues: Nach jedem Film, den ich sehe, verfasse ich gleich eine Kürzestkritik, die ich auf Facebook und Twitter poste. (Bei den Filmen, die ich in einer Pressevisionierung sehe, warte ich mit der Veröffentlichung bis nach der ersten öffentlichen Vorführung.) Je nachdem gibts auch weitere Berichte über das Festivalgeschehen. Und am Ende trage ich alles auf diesem Blog zusammen. Das ist zumindest der Plan.
Nein, besonders revolutionär ist die Idee nicht, aber ich hab das halt noch nie auf die Art gemacht.

Hier ist die Facebook-Seite.
Und hier ist das Twitter-Konto.

Locarno 2017: Lucky

Lucky
Regie: John Carroll Lynch
USA 2017, 88 Min.
Retrospettiva

Denkt an Fargo (den Film, nicht die überflüssige Serie). Die Polizistin hat einen Mann, Norm, der Enten malt für einen Briefmarken-Wettbewerb. John Carroll Lynch hat ihn gespielt, einer jener ewigen Nebendarsteller, die dauernd irgendwo auftauchen, ohne dass man sich ihre Namen merken würde (Face/Off, Gothika, Gran Torino, Ted 2, The Walking Dead etc.)

Lynch hat nun seinen ersten Film als Regisseur gedreht, Lucky, was nicht nur der Titel, sondern auch der Name der Hauptfigur ist. Lucky ist ein 90-jähriger Greis, glaubt nicht an Gott, lebt in einem abgelegenen Wüstenkaff, spult jeden Tag mehr oder weniger dieselbe Routine ab: Fitnessübungen nach dem Aufstehen, Zigaretten holen, Gameshows gucken, in der Lieblingsbar eine Bloody Mary trinken. Und rauchen. Jede Menge rauchen.
Lucky ist ein sensationeller kleiner Film, zunächst einmal wegen Harry Dean Stanton in der Hauptrolle. Wie Lynch ist er ein ewiger Nebendarsteller (und das schon seit 1956), hat sich aber immerhin mit Wim Wenders Paris, Texas zum Indie-Darling hochgearbeitet.
Stanton ist auch im echten Leben 90 Jahre alt (inzwischen 91), sieht allerdings aus wie 147. Ein ledriges, freundliches Reptil, dessen Worte man mitunter schwer versteht und dessen Gesichtszüge im Gesicht festgefräst scheinen – umso heftiger ist aber der Effekt, wenn Stanton aus dieser lethargischen Art ausbricht. Minimales Schauspiel, maximale Wirkung.

Lange bevor Lynch dazustiess, schrieben Logan Sparks und Drago Sumonja ihrem guten Freund Stanton das Drehbuch auf den Leib (wie Sparks im Podiumsgespräch erzählt). Angeblich haben sie nichts viel mehr gemacht, als die Lebensweisheiten des alten Mannes festzuhalten.
(Rührend übrigens, wie ergriffen Sparks da ist. Lucky feierte seine internationale Premiere im FEVI, dem grössten Kinosaal der Schweiz mit um die 3’500 Plätzen, fast völlig ausgelastet. „Da drin waren mehr Leute als in meiner Heimatstadt leben, wo wir gedreht haben!“)
Die erwähnten Lebensweisheiten sind vielleicht nicht immer ganz so tiefsinnig, wie gedacht (anscheinend ist Stanton ein Fan vom New-Age-Schwurbler Eckhart Tolle), zeichnen aber das Bild eines exzentrischen, spannenden Charakters.

Von Stanton abgesehen ist Lucky deswegen ein sensationeller kleiner Film, weil er eben ein kleiner Film ist. Zum grössten Teil besteht er aus einer Aneinanderreihung belangloser Geschehnisse, eine Handlung (mit Dramaturgie und so) gibt es nur ansatzweise: Eines Morgens hat Lucky eine Art Schwächeanfall und fällt hin. Sein Doktor (Ed Begley Jr.) empfiehlt ihm daraufhin, einen Heimpflegedienst in Anspruch zu nehmen – aber noch bevor man sagen kann: „Hui, ich weiss schon, worauf das hinausläuft“, endet dieser Handlungsstrang in der Sackgasse. Luckys lebt sein Leben mehr oder weniger so weiter wie bisher. Diese Verweigerung dramatischer Konsequenzen macht mir den Film ewig sympathisch.
Allerdings, Lucky kommt nach dem Unfall schon ein klein wenig ins Grübeln, wegen Sterblichkeit und Einsamkeit und so. Vielleicht öffnet er sich seinem Umfeld gegenüber. Aber wird er seine atheistische Weltsicht überdenken? Nein, wird er nicht, denn wir sind hier nicht bei The Bucket List oder einem ähnlichen Mistfilm. Im Gegensatz zu einem Mistfilm wie The Bucket List verkneift sich Lucky auch jegliche Sentimentalität (wo der Film in dieselbe zu kippen droht, bewahrt ihn stets Lynchs zurückhaltende Inszenierung davor).

Apropos Lynch: In einer Nebenrolle ist David Lynch zu sehen (nicht mit dem Regisseur verwandt, soweit ich das sehe), als Besitzer einer Schildkröte, die Reisaus genommen hat (dieser Lynch und Stanton sind ja alte Freunde, die schon vielfach zusammengearbeitet haben). Oder Tom Skerritt als ehemaliger Soldat, der mit Lucky (Ex-Navy) traurige Kriegsgeschichten austauscht (ein kleiner Bonus für Fans: Stanton und Skerritt sind zuletzt vor fast vierzig Jahren gemeinsam aufgetreten, nämlich in Alien). Oder da wären Beth Grant als Barbesitzerin und James Darren als ihr Freund. Oder Barry Shabaka Henley als Wirt des örtlichen Diners (die Rolle, die ursprünglich John Carroll Lynch hätte spielen sollen, bevor er den Regiestuhl übernahm). Ed Begley Jr. als Arzt hab ich schon erwähnt. Will sagen: Lucky versammelt einige der besten Namen, die das Hollywood-Altenheim zu bieten hat, und es ist eine Freude, diesen VeteranInnen zuzuschauen.

Zum Abschluss eine Beobachtung. Dieses Jahr kamen/kommen folgende drei Filme ins Kino: Logan, Lucky und Logan Lucky. So was Albernes, pfui!

Und noch eine allerletzte Anmerkung: Einer unserer Nachbarn hat einen Mops namens Lucky. Es vergeht kaum ein Tag in meinem Leben, an dem ich besagten Nachbarn nicht nach Lucky rufen höre.

Allerallerletzte abschliessende Überlegung am Rande: John Carroll Lynch hat am Podiumsgespräch auch erzählt, wie er ab und zu mit Stanton zu kämpfen hatte, weil dieser sich nicht genau an die Worte im Drehbuch hielt. Er (also Lynch) habe aber darauf bestanden, weil schliesslich jedes Wort im Drehbuch genau überlegt sein, von seiner Bedeutung und seinem Rhythmus her. Das ist genau die gegenläufige Arbeitsweise zu Verão Danado, wo die Dialoge von den Schauspielern improvisiert wurden — und der mir eben auch auf die Nerven ging, weil die Figuren viel austauschbaren Stuss von sich geben.
Schon klar, beide Filme hatten ganz unterschiedliche Zielsetzungen, aber das Beispiel zeigt vielleicht, dass man bei improvisierten Dialogen extrem darauf aufpassen muss, was am Ende herauskommt; dass man dabei angewiesen ist auf sprachgewandte Schauspieler und einen konsequenten Cutter.

Locarno 2017: Jacques Tourneur – Kurzfilme

Das PalaCinema ist nicht die einzige bauliche Änderung: Zu meinem tiefen Entsetzen musste ich feststellen, dass irgendwelche Unmenschen das Ex*Rex umgebaut haben. Die alten und abgewetzten, aber coolen weissen Ledersessel von einst wurden gegen neue, rote ausgetauscht. In so einer Umgebung kann man doch keine Retrospektiven zeigen! Noch schlimmer: Das Ex*Rex heisst jetzt GranRex. Und das prangere ich an.

 
Kurzfilme von Jacques Tourneur
USA, diverse
Retrospettiva

Die diesjährige Retrospektive ist Jacques Tourneur gewidmet, der so einige Meisterwerke des Horrorfilms schuf: Cat People (1942), I Walked with a Zombie (1943), Night of the Demon (1957) und mehr.
Aber die Retrospektive präsentiert auch sein restliches Zeug, die Kurzfilme zum Beispiel, die er von 1936 bis 1942 für MGM inszenierte, Auftragsarbeiten unterschiedlicher Art:
Propagandafilme wie Yankee Doodle Goes to Town (Sinngemäss: „Hört nicht auf die Pessimisten, wir werden den Zweiten Weltkrieg schon überstehen.“).
Kurzdokus über den Mann in der eisernen Maske oder über den Fluch und Segen des Radiums (die damaligen Hoffnungen in das Element als Heilmittel haben sich im Rückblick irgendwie nicht erfüllt).
Oder kuriose Storys wie Killer Dog (Parodie auf sensationalistische Berichterstattung: ein Hund wird vor Gerichts des Mordes an Schafen angeklagt) oder The Incredible Stranger (das Highlight des Programmblocks; mehr sag ich dazu gar nicht, schaut euch das Ding mal an, wenn ihr die Gelegenheit erhaltet, husthustyoutubehust). Sehr witzig ist auch The Grand Bounce.

Die Inszenierung ist immer ungefähr dieselbe: Die (durchaus aufwändigen Bilder) bleiben weitgehend stumm, abgesehen von der Musik und der Stimme eines Erzählers. Drei oder vier Beispiele stammten aus der MGM-Serie The Passing Parade, gesprochen vom damals wohl ziemlich bekannten John Nesbitt.
Lustiges Detail am Rande: In einigen der Kurzfilme wird Jacques Tourneur als „Jack Tourneur“ geführt (immerhin nicht als „Jack Turner“).

Als letztes im Programmblock kam Films de famille: schlicht ein Zusammenschnitt von Homevideos aus dem Privatzbesitz der Familie Tourneur. Da sieht man einen Segelausflug, den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer oder wie Tourneurs Frau ein Reh füttert. Packend, fesselnd, zum Nachdenken anregend. Am bemerkenswertesten ist noch, dass John Kelly, der in The Grand Bounce einen Boxer spielte, beim Segelausflug dabei war.
Auf 16mm gedreht, sind die Aufnahmen tonlos – doch bei der Aufbereitung haben sich irgendwelche Tonfragmente hineingeschlichen; ein dumpfen, maschinelles Stampfen und Dröhnen, das sich wie eine Vorform der Nine Inch Nails anhört. Zusammen mit den Homevideobildern ergibt das einen Effekt des totalen existenzialistischen Grauens.

Apropos Projektion: Wer auch immer in der Projektionskabine hockte, hatte anscheinend einen schlechten Tag, denn es gab eine ganze Reihe von Ton- und Bildausfällen. Es war aber amüsant, nach dem x-ten Mal an die zweihundert Leute gleichzeitig resigniert seufzen zu hören.

Filmfestival Locarno 2017: Verão Danado

Holy FUCK, ist es dieses Jahr heiss in Locarno! Wenn man ein Kino verlässt, fühlt es sich an, als würde man aus einer Tiefkühltruhe in einen aktiven Vulkan springen. Zwei Schritte in der Sonne und BAMM!, man verzischt in einer Dampfwolke. Passend also, dass ich mir als erstes einen Film angesehen habe, dessen Titel auf Deutsch soviel heisst wie Verdammter Sommer.

 
Verão Danado
Regie: Pedro Cabeleira
Portugal 2017, 128 Min.
Concorso Cineasti del presente

Da dieser Film von einer Generation handelt, die ziellos vor sich hindümpelt, darf es wahrscheinlich nicht wundern, dass auch die Handlung ziellos vor sich hindümpelt. Sie folgt Chinco (Pedro Marujo), der nach seinem Philosophie-Studium ohne Job dasteht. Statt Bewerbungen rauszuhauen oder zu Bewerbungsgesprächen zu gehen, hängt er mit Kumpels herum, nimmt Drogen und geht zu Partys. Das wird bald einmal repetitiv (noch eine Party und noch eine Party und noch eine Party …) und zieht sich bei einer Laufzeit von über zwei Stunden arg in die Länge.

Regisseur Pedro Cabeleira kam fast mit seinem gesamten Team an die Vorführung. Für einen Grossteil der Crew (auch für Cabeleria selbst) war Verão Danado der erste Spielfilm. Wie die Anwesenden erklärten, stand während des Drehs zwar das Grundgerüst der Story, die Szenen an sich waren aber zu einem Grossteil improvisiert – und den Eindruck macht das Ergebnis dann auch. Nichts als ewig lange, ausgewalzte Szenen, in denen irgendwelche Leute irgendwelchen Unsinn plappern oder in irgendwelchen Clubs herumhampeln. Ähnlich wie Sebastian Schipper in Victoria, so versuchen auch Cabeleria und Co. den Charme von feuchtfröhlicher Zusammenkünfte einzufangen, aber hier wie dort gilt: Von aussen betrachtet nervt besoffenes Geschwätz bloss.

Und was noch schlimmer nervt: Cabeleria ist ein grosser Fan von Stroboskopeffekten. Mehr als einmal musste ich mir eine Hand vors Gesicht halten, weil mir das verdammte Geblinke selbst noch bei geschlossenen Augen in denselben weh tat.
Wie Cabeleira erklärte, wollten er und seine Freunde ein junges, alternatives portugiesisches Kino machen, jenseits von öffentlicher Finanzierung und von hergebrachten Konventionen. Ein Film, der zu einem guten Teil buchstäblich unansehbar ist – das ist nun wirklich unkonventionell.

Ich scheine nicht der einzige gewesen zu sein, der mit Cabelerias Vision wenig anzufangen wusste, denn immer wieder schienen Smartphone-Screens auf (was mich bei einer anderen Aufführung genervt hätte, hier aber nicht, nur schon deswegen, weil auch die Figuren im Film die ganze Zeit am Telefon hängen), und es gab einen steten Strom von Zuschauern, die den Saal verliessen. Andererseits waren da am Ende auch viele, die begeistert geklatscht haben, und als das Q&A losging, meinte einer aus dem Publikum: „Ich verneige mich demütig vor dem Talent, das sich hier gezeigt hat.“ Und: „[Der Film] ist pure Grossartigkeit.“ Also hört nicht allein auf mich.

Im Übrigen fand ich längst nicht alles schlecht an Verão Danado, insbesondere das Tondesign gefiel mir: Immer wieder wird da an der Tonmischung herumgedreht, um allerlei faszinierende Effekte hinzubekommen. Da tanzt zum Beispiel Chinco mit einer Frau im Club, wobei die stampfende Musik allmählich derart extrem in den Bass kippt, dass sie kaum noch hörbar, fast nur noch zu spüren ist. Und wenig später, immer noch in der Clubszene, herrscht einmal plötzlich totale Stille, woraufhin ein Geigensolo einsetzt.
Surreale Elemente wie diese sagen mir zu. Nur nicht am Ende, wo wiederum während einer Clubszene der Ton wegfällt und stattdessen eine Stimme zu hören ist, die auf Englisch ein Gedicht vorliest, das ebenso pathosgetränkt und selbstherrlich wie flach ist – sowas bezeichnet man in Fachkreisen als prätentiöse Kümmelkacke.

Nochmals im Übrigen: Verão Danado lief im PalaCinema, dem brandneuen Multiplex, das an die Piazza Grande anschliesst. Endlich gibts in Locarno einen grossen Kinosaal mit bequemen Sitzen (die Plastikstühle im FEVI oder im Sala und Altra Sala hält ja kein Hinterteil aus). Zudem bleibt zu hoffen, dass das Festival nun die Zuschauermassen etwas besser in den Griff kriegt.

Das Weltall und der Guru: Ein Tag in Locarno

Zerstreutheit, Terminprobleme und schlichte Faulheit: Dieses Jahr habe ich es nur für einen Tag ans Filmfestival Locarno geschafft. Aber egal! Dafür erzähl ich jetzt auch genau, was ich gesehen und erlebt habe. Kurzfilme aus Kuba zum Beispiel, oder Alejandro Jodorowsky in Fleisch und Blut.

Kiarostami und Kuba

Just vergangenen Juli verstarb der iranische Filmemacher Abbas Kiarostami. Mit Locarno verbindet ihn ein wichtiger Punkt seiner Karriere: Hier gewann er 1989 mehrere Preise für Where Is the Friend’s Home? Das war seine erste Würdigung an einem grösseren internationalen Filmfestival, ein Grundstein für die breite Anerkennung, die er heutzutage weltweit unter Cinephilen geniesst. (Ich beichte jetzt lieber nicht, dass er mir bis anhin nur vage ein Begriff war.)
Kiarostamis Sohn Ahmad erzählte über den Bronzenen Leoparden, den sein Vater dazumal mitbrachte: „Als er damit zurückkam, war es magisch.“ Der Preis sei daheim an prominenter Stelle ausgestellt gewesen: „Ich habe viel Zeit damit verbracht, ihn mir anzusehen.“

Ahmad Kiarostami war anstelle seines Vaters in Locarno dabei. Gezeigt wurden uns Filme aus einem Workshop des Black Factory Cinema. Drei dieser Workshops hat Abbas Kiarostami geleitet, den letzten im Januar auf Kuba. Filmando en Cuba con Abbas Kiarostami bestand aus einer Auswahl von sieben Kurzfilmen der TeilnehmerInnen, zuletzt sahen wir Kirostamis eigenen, leider unvollendet gebliebenen Beitrag Pasajera.
Mein persönlicher Favorit aus dem Haufen war Por si acaso des brasilianischen Filmemachers Pedro Freire. Jener stand ebenfalls auf der Bühne und erzählte, Kiarostami habe mal zu ihm gesagt, er mache seine Langfilme nur, um Kurzfilme drehen zu können. „Ich weiss allerdings nicht, wie ernst er das gemeint hat.“

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Locarno 2015: Rückblick

Festival del film Locarno 2015C

 
Ein paar letzte Filme laufen, die Preise sind vergeben, in wenigen Stunden geht die Abschlussveranstaltung über die Bühne: Das Filmfestival Locarno 2015 sieht seinem Ende entgegen.

Hier findet ihr die Übersicht der Gewinner. Dass Cosmos den Pardo für die beste Regie gewinnt, freut mich natürlich. Andrzej Zulawskis virtuose Combrowicz-Verfilmung ist für mich das Highlight des Festivals.
Ähnlich toll fand ich nur die griechische Patriarchats-Satire Chevalier, die allerdings leer ausgeht. Weiterlesen

Locarno 2015: Garoto

Festival del film Locarno 2015C

 
Garoto
Von Júlio Bressane
Brasilien 2015
76 Minuten

Manchmal ist das Publikum ein ungezogenes Gör, dem man den Hintern versohlen sollte.

Der brasilianische Regisseur Júlio Bressane macht seit fast fünfzig Jahren Filme. So hat er sich schon in den 60ern mit dem cinema marginal einen Namen gemacht: Undergroundfilme als Antwort auf den (amerikanischen) Kommerzfilm. Schnell und schmutzig gedreht, aber mit künstlerischem Anspruch.
Für Locarno hat er das Projekt „Tela Brilhadora“ organisiert: Vier Filme von vier Regisseuren. Neben „Garoto“ gehören diese drei Arbeiten dazu.

Vor der Präsentation seines eigenen Beitrages trat Bressane auf die Bühne und bat das Publikum darum, mit seinem Film Geduld zu üben. Nachdem „Garoto“ angelaufen war, wurde auch bald klar, weshalb: Wir sehen eine junge Frau und einen jungen Mann, die in einem Wald herumstehen und miteinander reden … oder genauer gesagt: Die junge Frau gibt lange, gewundene Monologe von sich, auf die der junge Mann schweigend reagiert.
Irgendwann landen die beiden in der Wohnung einer reifen Dame. Nachdem sich dort eine Katastrophe abspielt, flüchtet das Paar in die Wüste — wo nun beide schweigen.
All das in langen, unbewegten Einstellungen. Weiterlesen

Locarno 2015: Serge Bozon

Festival del film Locarno 2015C

 
Als kleines Double Feature zeigt das Filmfestival Locarno zwei aktuelle Arbeiten, an denen Serge Bozon beteiligt ist. 1972 in Frankreich geboren, arbeitet er dort als Filmkritiker und Schauspieler, ist vereinzelt aber auch als Regisseur unterwegs.

 
L’Architecte de Saint-Gaudens
Von Serge Bozon & Julie Desprairies
Fankreich 2015
29 Minuten

Auf Einladung einer französischen Kunstorganisation hin erarbeitete Julie Desprairies etwas, das man wohl als Architektur-Musical bezeichnen kann. Das heisst: Die Choreographin ging in die französische Gemeinde Saint-Gaudens, suchte sich einige Bauwerke heraus und entwickelte Bewegungsabfolgen in ihre Architektur hinein — dargestellt von Laientänzern, die sie aus den Bewohnern der Kleinstadt rekrutierte.

Das sieht dann so aus: Im örtlichen Hallenbad kommen einige Taucher rückwärts aus der Umkleidekabine. Während sie in einer Reihe um das Becken herum watscheln, öffnet sich die Kuppel. Derweil pflügen ein paar Sportler im Kajak durchs Wasser.
Oder so: Die Jugendlichen eines Internats tanzen durch die Räume ihrer Unterkunft, springen über Sitzelemente oder stellen sich in den Fenstern auf.
Oder so: Zwei Fahrzeuginspekteure untersuchen einen Wagen, wobei Desprairies die alltäglichen Arbeitsschritte zu einer abstrakten Choreopgraphie mutiert. Weiterlesen

Locarno 2015: O futebol

Festival del film Locarno 2015C

 
O futebol
Von Sergio Oksman
Spanien 2015
68 Minuten

Was macht ein Regisseur, wenn er seinen Vater zum ersten Mal seit zwanzig Jahren besucht? Genau: Einen Film.

Sein Vater verliess die Familie, als Sergio Oksman vier Jahre alte war, und der Kontakt brach vollständig ab. Nachdem er selbst durch eine Scheidung gegangen ist, reist Oksman nach São Paulo, um Zeit mit dem alten Mann zu verbringen. Die WM in Brasilien bietet die ideale Gelegenheit.

Zwischen den Spielen versucht der Dokumentarfilmer, über die Vergangenheit zu reden. „Erinnerst du dich daran, wie wir zusammen dieses Sammelalbum ausgefüllt haben?“ Aber stets kommt das Gespräch auf Fussball zurück.

Simão Oksman ist ein eigensinniger Herr mit massivem Bauch und einem kleinen Elektronikgeschäft. In seinem Büro hat er eine Schublade voller alter Rätselhefte. Nach Feierabend sitzt er in seiner Stammbeiz und schaut ein Spiel. Nach jedem Schluck von seinem Schnaps sondert er ein paar schnelle Atemstösse ab.

Brasilien spielt gegen Deutschland und verliert haushoch. Simão liegt nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus. Das liebevolle Porträt findet ein trauriges Ende.

 
„O futebol“ läuft im Internationalen Wettbewerb