Böll, Dostojewski, Petersburg

Sankt Petersburg lässt mich so schnell nicht mehr los. Ich les grad ein Bändchen, das Schriften von Böll über Literatur versammelt. Darin findet sich unter anderem eine Auswahl aus dem Fernsehskript zu Dostojewski und Petersburg (1969); das ist eine Folge aus der Sendereihe Der Dichter und seine Stadt (ARD, 1964-1969). Böll hat dafür einige Kommentare zu Dostojewskis Leben und Werk verfasst.

Hier einige Auszüge aus diesen Kommentaren:

Die räumliche Enge, in der sie wohnen, wird den Bewohnern der riesigen Stadt angesichts der gigantischen Paläste und der Verwaltungsgebäude vervielfacht. Diese prächtige Stadt mit ihrer gesellschaftlichen und architektonischen Anmassung wirft die Unansehnlichen ihrer Bewohner immer wieder in die Enge ihrer Räumlihckeiten zurück, in der sie sich wie Insekten fühlen. (S. 30)

[…]

Petersburg ist eine befohlene, abstrakte, in das nichts finnischer Sümpfe hineingepeitschte Stadt. Niemand weiss, ob ihre Errichtung 100 oder 200 000 Menschenleben gekostet hat. Die russischen Dichter Puschkin, Gogol, Belyi und Blok waren fest davon überzeugt, dass das Wasser St. Petersburg einmal zurückfodern würde. Dostojewski hat das Blut und Elend der Geopferten wohl gespürt, den riesigen unsichtbaren Sklavenfriedhof, auf dem diese Pracht und Herrlichkeit erichtet ist, die zu intellektuell begründeter Gewalttätigkeit und zu Demut herausfordert. Dieser Versuch, Russland so hoch im Norden für den Westen Europas zu öffnen, ist gegen das Klima, gegen die geologischen Bedingungen den Sümpfen abgetrotzt. Eine Idee und ein Traum, und es sind diese beiden Worte, die in Dostojewksis Petersburger Romanen und Erzählungen am häufigsten ausgesprochen werden. (S. 33)

[…]

Wie alle Romanschreiber war Dostojewski ein unermüdlicher Spaziergänger. Auf seinen Wegen, zu privaten Pfandleihern, zur Kirche, auf Bittgängen, zum Verleger, zum Buchhändler, um Vorschuss zu bekommen, hat Dostojewski sie in der fremden Wirklichkeit Petersburg wahrgenommen und sie in seinem Werk in eine zweite Wirklichkeit geholt: die Unansehnlichen der Gesellschaft, die Händler und Rentner, kleine Beamte und Kanzlisten, die Dirnen und Polizisten, Studenten und Marktfrauen, Soldaten und Offiziere, Verbummelte und Genies, in ein paar Strassen um den Heumarkt herum hat er sie gesehen und aus der Fremde in die Wirklichkeit seines Werks hineingenommen, Bauernjungen, die als Rekruten oder Lakaien in die grosse Stadt gekommen waren. (S. 34)

 

Heinrich Böll: Dostojewski und Petersburg
In: Der Lorbeer ist immer noch bitter. Literarische Schriften. (S. 28-46)
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 1975 (2. Auflage; 1. Aufage 1974)
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Vier Städte an der Ostsee, Teil 4: Sankt Petersburg, Teil 2

Hier gehts zum ersten Teil.

Dienstag

Wir essen Burger im Craft Brew Cafe – und erhalten dafür schwarze Latexhandschuhe. Man macht sich die Hände nicht schmutzig, aber einen Burger mit Handschuhen zu halten ist auch kein besonders angenehmes Gefühl.
Die Bierkarte ist extensiv. Ich hab keine Ahnung mehr, welche Sorte ich getrunken hab, aber ich fands lecker.

An der einen Spitze der Wassilijewski-Insel liegt der Börsenplatz. Zwei grosse Säulen, ursprünglich Leuchttürme, weisen darauf hin, dass das früher eine Anlegestelle für Schiffe war. Heute ist es ein Aussichtspunkt, von dem aus eine wundervolle Sicht über die Newa hat, mit dem Peter-und-Paul-Festung links und der Eremitage rechts.
Aber Achtung: Alte Aristokraten mit Perücken und weiten Kleidern stellen einem nach. Sie wollen sich gegen Geld mit einem fotografieren lassen. Wir ergreifen die Flucht und laufen stattdessen Lenin in die Arme. Dank eines schnellen Ausweichmanövers können wir uns ihm gerade noch entziehen.

Das Wetter ist herrlich. In Erwartung des russischen Herbstes hatten wir Winterkleidung eingepackt, Pullover und Mäntel und so. Jetzt ists mir mitunter derart warm, dass ich im Hemd rumlaufe (ohne Unterhemd).

Wir wollen zur Kunstkammer, aber leider ist sie geschlossen. Ein Zettel am Eingang weist auf irgendeinen sanitären Notfall hin (weiter reichen unsere Russischkenntnisse nicht). Eine asiatische Touristin läuft ebenfalls am geschlossenen Museum auf; wir kommen mit ihr ins Gespräch, und gemeinsam beschliessen wir, zu dritt zum Dostojewski-Museum zu gehen.
Auf dem Weg fotografiert die Frau Metrostationen, und sie erzählt ein wenig von sich: Sie ist eine chinesische Künstlerin und Kuratorin, hat lange Zeit in den USA gelebt, seit ein paar Wochen wohnt sie in Göteborg. Sie ist für ein paar Tage in Petersburg, um Kollegen zu besuchen. Sie war schon in der Erarta, dem Petersburger Museum für Gegenwartskunst, kann es aber nicht weiterempfehlen.
Im Dostojewski-Museum verlieren wir sie aus den Augen.

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It Follows

This thing … it’s going to follow you. Somebody gave it to me, and I passed it to you back in the car. It could look like someone you know, or it could be a stranger in a crowd, whatever helps it get close to you.

Homage an den Horrorfilm der 80er. Mit Kameraspielchen, bunten Farben und einer Filmmusik, die einem die Haut quälend langsam vom Körper löst — irgendwo im atmosphärischen Grenzgebiet zwischen John Carpenter und 8-Bit-Computerspielemusik.

Ebenfalls ganz klassisch: Das Böse kommt mit dem Sex in die Welt. Wer fickt, bekommt es. Und wer es hat, bekommt es nicht so schnell wieder weg. Monster und Serienkiller hatten immer schon was von einer Geschlechtskrankheit.

Nicht zu unterschätzen: Als Homage an den Horrorfilm der 80er ist It Follows auch eine Homage an den Trash. Manchmal übertreiben’s die Filmemacher — dann nämlich, wenn sie den Pointen Schockmomente opfern. Aber Dostojewski richtet es wieder.

Ab dem 3. Dezember im Riffraff

It Follows
USA 2014, 100 Min.
Regie & Drehbuch: David Robert Mitchell
Musik: Rich Vreeland (Disasterpeace)
Mit Maika Monroe, Keir Gilchrist, Daniel Zovatto, Jake Weary et al.