ZFF 2017: Punks vs. Bünzlis

Lasst die Alten sterben
Regie & Drehbuch: Juri Steinhart
Schweiz 2017; 92 min.
Special Screening

Die Gentrifizierung bin ich
Regie & Drehbuch: Thomas Haemmerli
Schweiz 2017; 98 min.
Internationaler Dokumentarfilm / Wettbewerb

Zwei Filme über die linksanarchistische Szene im weitesten Sinne: Die Komödie Lasst die Alten sterben und der Dokumentarfilm Die Gentrifizierung bin ich. Ob die was taugen?

Lasst die Alten sterben erzählt von Kevin (Max Hubacher), dem verwöhnten Goff eines reichen Linksliberalen (Christoph Gaugler). Kevin ist ein Teenager (sein Darsteller Hubacher allerdings 24 Jahre alt, was dann doch ein bisschen irritiert), er trainiert seine Muskeln, er hängt seine gesamte Freizeit auf Sozialen Medien herum, er geht auf Partys und trinkt auf denselben so viel, dass er schlussendlich kotzt.
Irgenwann kommt Kevin auf die Idee, sein Ritalin abzusetzen. Daraufhin triezt ihn ein imaginärer Punk. Weswegen Kevin zuhause den Fernseher sowie sein Handy kaputtschlägt und seinen besten Kumpel davon überzeugt, eine Hausbesetzer-WG zu gründen. (Weshalb der beste Kumpel mirnichtsdirnichts mitmacht? Keine Ahnung.)

Die beiden suchen daraufhin Mitbewohner, was eine Art WG-Casting-Show nach sich zieht, die wohl von Danny Boyles Kinofilm-Debüt Shallow Grave inspiriert ist. Der Berner Regisseur Juri Steinhart bedient sich auch bei Boyles geringfügig bekannterem Nachfolgefilm Trainspotting, sowie bei David Finchers Fight Club, aber die Fallhöhe von Trainspotting und Fight Club zu Lasst die Alten sterben ist dann doch ein bisschen sehr hoch.

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Magnus – Der Mozart des Schachs

Obwohl erst 25 Jahre alt, ist Magnus Carlsen seit vielen Jahren unangefochten der beste Schachspieler der Welt. Der Dokumentarfilm „Magnus“ begleitet das Ausnahmetalent vom Sandkasten bis zum Gewinn der Weltmeisterschaft.

Es ist nicht einfach, einen Film über Schach zu drehen, der ein grösseres Publikum erreichen kann. So enttäuschte erst kürzlich der Spielfilm „Pawn Sacrifice“ mit Tobey Maguire als Weltmeister Bobby Fischer an den Kinokassen, und ausser eingefleischten Schachspielern wird wohl wenigen Kinogängern ein anderer Film, der von Schach handelt, ein Begriff sein. „Magnus“ könnte das ändern. Denn im Film geht es zwar schon um Schach, aber vor allem um den Werdegang eines Wunderkindes, der auch für Nicht-Schachspieler interessant ist.

© Moskus Film / Knut Bjerke
© Moskus Film / Knut Bjerke

Der Film beginnt mit Aufnahmen des sehr jungen Carlsen. Oft in Gedanken, hatte er schon sehr früh Freude daran, selbständig Aufgaben zu lösen. Einen komplizierten Lego-Bausatz baute er in wenigen Stunden zusammen, und er konnte innert Kürze ein Buch über Hauptstädte, Flaggen und Einwohnerzahlen verschiedener Länder auswendig lernen. Der Vater förderte die Begabung, indem er Magnus bereits mit fünf Jahren das Schachspielen beibrachte. Damit begann eine Karriere, die ihresgleichen sucht. Carlsen arbeitete sich kontinuierlich an die Weltspitze vor und wurde im Alter von 22 Jahren Weltmeister.

© Moskus Film / Knut Bjerke
© Moskus Film / Knut Bjerke

Der Film ist sehr nahe an Carlsen dran. Es werden nicht nur sportliche Highlights gezeigt, sondern auch persönliche Momente im Kreise von Carlsens Familie oder ein nachdenklicher und verträumter Junge, dem der Trubel um seine Person oft zu viel zu sein scheint. In Interviews äussern sich auch andere Spitzenspieler über das Phänomen Carlsen, und man erfährt nebenbei, welch unterschiedliche Charaktere sich im Schachzirkus tummeln. „Magnus“ ermöglicht auf unterhaltsame Art Einblick in einen Mikrokosmos, der auch Nicht-Schachspielern herzlich empfohlen sei.

Magnus – Der Mozart des Schachs
Norwegen 2016, 78 Min.
Regie: Benjamin Ree

Der Schlitzer von Tunis

challat_de_tunisDie Kamera sitzt mit auf dem Moped, so dass wir die Perspektive eines Mitfahrers (eines Komplizen?) einnehmen. Dazu treibende elektronische Musik von der Tonspur. In einem Heidentempo nähert sich die Maschine von hinten einer jungen Frau; ohne irgendwas zu merken, geht sie die Strasse entlang. Plötzlich zückt der Fahrer ein Messer. Während das Bild zum Titel blendet, hören wir einen Schrei.
Da spielt Le challat de Tunis kurz mit den sensationalistischen Elementen des Horrorgenres. Was folgt, ist dann aber ein subtiler Dokumentarfilm. In diesem untersucht die junge tunesische Regisseurin einem Fall von 2003. Dazumal ging das Gerücht um, ein Mann rase mit einem Moped durch die Hauptstadt Tunis — und schneide Frauen mit einem Messer den Hintern auf. Elf Opfer wurden gemeldet. Zehn Jahre später versucht nun die Regisseurin herauszufinden, was hinter der Geschichte steckt, und vor allem: Wer war der Schlitzer von Tunis?

Die Behörden sind wenig kooperativ. Da geht die Regisseurin mit ihrem Kameramann zu einem Gefängnis und fragt nach dem Schlitzer. Der verantwortliche Wärter verscheucht die beiden, obwohl sie ihm eine schriftliche Erlaubnis unter die Nase halten. Und auch die Suche nach Zeugen gestaltet sich schwierig, denn es gibt derart viele unterschiedliche Geschichten und Gerüchte, dass die Wahrheit kaum noch herauszudestillieren ist. „Wir Tunesier sind die Könige der Gerüchte“, sagt einmal ein alter Mann, der in einem Café sitzt.
Dies ist das eine Thema, das sich durch den Film zieht: Zwischen korrupten Behörden, die wenig von Transparenz halten, und dem Gerede der Bevölkerung wird die Suche nach Tatsachen zur Unmöglichkeit. (Hier denke man sich einen Kommentar zum trendigen Begriff des postfaktischen Zeitalters.) Nach und nach merkt man zudem, dass es auch der Film selbst mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, ja dass Le challat de Tunis kein Dokumentarfilm, sondern eine Mockumentary ist. Was wir hier sehen, ist das wirklich so passiert, oder hat es die Regisseurin inszeniert? Kann man nicht sagen.
Einmal führt die Regisseurin ein Casting durch, um einen Laiendarsteller zu finden, der den Schlitzer spielt. Sie sucht nach einem, der die Rolle glaubwürdig rüberbringt. „Ich möchte einen echten Film“, sagt sie.

Das andere Thema, das Le challat de Tunis verhandelt, ist das des tunesischen Frauenbildes. Als das Filmteam Passanten auf der Strasse zum Fall befragt, geht es nicht lange, bis einer antwortet: „Eine Frau, die sich nicht anständig kleidet, muss geschnitten werden.“ Und der Typ setzt prompt noch einen oben drauf: „Ich bin ein Mann mit meinen Trieben, und wenn ich sie vergewaltige, wird mir niemand böse sein.“ (Wie gesagt: Dass diese Strassenbefragungen authentisch sind, steht nicht ohne weiteres fest.)
Ein andermal beobachtet die Kamera heimlich eine junge Frau in einem engen Kleid, die durchs Viertel geht — soll heissen, die Kamera beobachtet heimlich die Männer, die ihr hinterherstarren oder sie blöd von der Seite anquatschen. Da erscheint der Streich mit dem Messer bloss als Fortsetzung der schneidenden Blicke, das phallische Symbol des Messers als logische Zuspitzung sexueller Machtausübung von Männern gegenüber Frauen. (Das überaus unerfreuliche Phänomen der Säureattacke geht ja in eine ähnliche Richtung.)
Beim Casting meldet sich auch einer, der sich als der wirklich echte Schlitzer ausgibt. „Sie zu verletzen ist wie ein Orgasmus“, sagt er. Wie sich herausstellt, wurde er seinerzeit tatsächlich im Zusammenhang mit dem Fall verhaftet. In seinem Viertel ist er als Schlitzer bekannt, wird dafür fast schon verehrt. Er erzählt von seiner Wut auf die Arroganz schöner Frauen, ist besessen von der Frage nach Jungfräulichkeit, liebt von allen Frauen nur seine Mutter. Ist Jalel — so sein Name — einfach ein Gestörter oder das logische Produkt seiner Gesellschaft?
Ein schönes Bild für die schwärenden Probleme der tunesischen Gesellschaft: Mitten durch Jalels eigentlich ziemlich beschauliches Viertel führt ein Bach, der vollkommen verschmutzt ist. Darin stapelt sich der Müll, schwimmen benutzte Kondome vorbei oder liegt an einer seichten Stelle der verrottende Kadaver eines Hundes.

Nicht nur den gesellschaftlichen, sondern auch den medialen Ursprüngen von Gewalt geht die Regisseurin nach. Wie erwähnt, spielt der Anfang auf den Horrorfilm an, genauer gesagt, auf den Slasher — man denke an Filme wie Halloween (1978) oder Friday the 13th (1980) und ihre vielen, vielen Fortsetzungen und Nachahmer. Wo der Täter auch gern mit dem Messer auf junge Frauen losgeht, während die Kamera die Attacke aus seiner Perspektive zeigt. Über repressive Sexualität, das Messer als Phallus und ähnliche Themen im Slasher ist viel gesagt und geschrieben worden.
Zudem ist es kein Zufall, dass Schlitzer-Kandidat Jalel ein Scarface-T-Shirt trägt. Tony Montana, jener Typ mit grosser Wumme und patriarchalischen Sprüchen („This town like a great big pussy just waiting to get fucked“), ist eine ideale Heldenfigur für einen tunesischen Macho.
(Anmerkung am Rande: Scarface (1983) ist ein fantastischer Film, gell, und seinen Protagonisten als Helden zu verehren, zeugt von Unreflektiertheit — aber zugegeben, das Missverständnis ist schnell passiert.)
Das Filmteam trifft auch einen jungen Mann, der ein Computerspiel programmiert hat: Da ist man als Schlitzer auf dem Moped unterwegs und schneidet leichtbekleidete Frauen in den Hintern. Attackiert man jedoch eine verschleierte Frau, kriegt man Punkteabzug.
Jetzt soll man bloss nicht denken, die Regisseurin würde hier plumpes Medienbashing betreiben — eher geht es darum, dem selbstgefälligen westlichen Publikum zu zeigen, dass man eben nicht alles auf den Islam abwälzen kann, sondern dass westliche Medien und ihre geschlechterpolitisch fragwürdigen Seiten ebenfalls fatale Wirkung haben, zumindest in Tunesien. Wir sehen kein Reich des islamistischen Mittelalters, sondern eine Gesellschaft zwischen traditionellen Werten und Moderne, zwischen islamischen und westlichen Ansichten, die sich zu einem Ganzen formieren, das es Männer ebenso wie Frauen schwer macht, darin zu agieren, ohne zum Opfer dumpfer Geschlechtervorstellungen (oder von diesen zu Tätern gemacht) zu werden.

Ein letztes Beispiel für die Vertracktheit der gesellschaftlichen Umstände, das ich hier schildern möchte, ist der Virginometer. Jalel versucht eine Frau zu finden, auch wenn er als Schlitzer verschrien ist, und findet wider Erwarten eine, die mit ihm ausgeht. Aber wie kann er wissen, ob sie die Wahrheit sagt und tatsächlich noch Jungfrau ist? Er kauft eben den erwähnten Virginometer. Das ist ein Gerät mit einer Sonde, die man in den Urin der fraglichen Frau taucht — und das Gerät bestimmt, ob sie tatsächlich noch nie Sex hatte.
Die Regisseurin treibt die Person auf, die den Virginometer in Tunesien verkauft, und bei dieser handelt es sich überraschenderweise um eine Frau — eine knallharte Geschäftsfrau mit viel Geld, die international Geschäfte abschliesst. „Ich bin nach Japan gegangen und habe mich kundig gemacht“, erzählt sie von der Entwicklung des Virginometers. „Ich habe japanische Wissenschaftler getroffen, Spezialisten auf dem Gebiet.“
Man merkt, der Film hat durchaus seine humoristische Seite. Le challat de Tunis nähert sich seinen ernsten Themen mit den Mitteln der Satire, durchaus subtil, aber immer wieder sehr lustig.
Jalel versucht nun jedenfalls, den Urin seines Dates zu testen. Aber wie die Sache endet, verrate ich hier nicht.

Le challat de Tunis
Tunesien 2014, 90 Min.
Regie & Drehbuch: Kaouther Ben Hania

 
Trailer zum Film.

Bild von trigon-film

„Handke ist überhaupt nicht weltabgewandt“

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Peter Handke formuliert einmal ein elftes Gebot: „Du sollst Zeit haben.“ Corinna Belz (Gerhard Richter – Painting) hat ihn während dreier Jahre mit der Kamera besucht, ihn beim Sticken und beim Pilzeschneiden beobachtet. Dazu erzählt sie von seinem Leben und seinem Schreiben. Ihr Film heisst Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte. (Hier gibts meine Filmkritik.) Frau Belz hat sich die Zeit genommen, über ihren Film zu sprechen, über unsere Abhängigkeit von der Technologie – und darüber, was es mit dem Filmtitel auf sich hat.

Corinna Belz

Studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Medien- wissenschaften in Köln, Zürich und Berlin. Abschlussarbeit über die Dokumentarfilme von Peter Nestler. Lebt heute in Köln. Arbeitete als Produzentin, Skripterin und Regisseurin, in erster Linie fürs Fernsehen. Ins Kino kam ihr Malerporträt Gerhard Richter – Painting (2011), das ihr den Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm einbrachte.

Kulturmutant: Früh im Film sticht ein Satz von Handke heraus: „Ich bin in meinem Leben noch nie vor einem Computer gesessen.“ Er wirkt in vielerlei Hinsicht wie aus der Zeit gefallen.

Corinna Belz: Es kommt auf die Perspektive an. Ich seh in den Vorführungen viele Leute ab vierzig und älter, für die stammt Handke aus ihrer Zeit. Aber ich sehe auch junge Leute, für die er aus einer Zeit stammt, die jetzt wieder interessant wird. Weil ihnen die Sechzigerjahre zum Beispiel ein Gespür für Sprache und Geschichtenerzählen vermitteln, das in Auflösung begriffen ist. Was die Form anbelangt, ist Handke also nicht aus der Zeit gefallen.
Wenn man das auf seine Lebensweise bezieht, kann man das so sehen. Aber manchmal ist es auch schön, aus der Zeit zu fallen.

Immerhin verkörpert er eine Alternative zur heutigen Zeit, die bestimmt ist durch das Internet und den Computer. Handke schreibt nicht einmal auf einer Schreibmaschine, sondern von Hand.

Zurzeit nicht. Er hat ab Neunundachtzig eine dreijährige Weltreise gemacht. Er ist überwiegend ohne Schreibmaschine gereist, und so hat er angefangen, seine Bücher von Hand zu schreiben. Das wird auch im Film erzählt.
Aber ehrlich gesagt glaube ich, dass wir noch gar nicht genau verstanden haben, wie sehr uns dieser technologische Fortschritt verändert. Wir haben vielleicht eine Ahnung, und das wird auch diskutiert oder beklagt von Eltern, deren Kinder jetzt die ganze Zeit mit ihrem iPhone beschäftigt sind. Aber uns ist noch gar nicht klar, was für Auswirkungen die neuen Technologien haben, wie abhängig wir werden und wie tief sie uns verändern. Es kann sein, dass sich unsere Sprache, wie sie jetzt als Schriftsprache existiert, auflöst, einfach deswegen, weil man anders kommuniziert und man auf das ganze Regelwerk, die Grammatik oder Zeichensetzung, überhaupt darauf, wie man Sätze baut, keinen Wert mehr legt.

Ich bin mir nicht sicher, ob es schlechter wird, aber es ist sicher eine andere Sprache. Jetzt habe ich wieder viel Handke gelesen, und seine Bücher enthalten eine Sprache, die man gar nicht mehr gewohnt ist. Er liest sich wie ein Schrifsteller aus dem 19. Jahrhundert.

Die grossen Schriftsteller bleiben ja. Goethe, Dostojewski oder Flaubert werden alles überdauern, auch diese technologische Revolution. Nur fragt sich, wieviele Leute mit dieser Sprache Kontakt haben und ihre Feinheiten zu schätzen wissen, die verstehen, was da für eine Verdichtung und Sensibilität zum Ausdruck kommt.
Man meint ja oft, Handke sei weltabgewandt, aber das ist er überhaupt nicht. Seine Hinwendung zu den alltäglichen Dingen ist ganz intensiv. Er wird halt nicht dauernd unterbrochen oder ist mit dem Kopf woanders. Nehmen Sie uns als Beispiel: Wenn wir uns jetzt unterhalten und ich würde gleichzeitig meine Emails lesen, so wäre ich gar nicht bei Ihnen.
Ich habe schon erlebt, dass ich im Kino sitze, plötzlich wird es neben mir hell und da seh ich, dass einer auf sein iPhone schaut. Das ist mir vollkommen fremd. Da bin ich empört, gerade wenn es mein Film ist (lacht). Der verpasst ja, was ich in neun Monaten Schnitt mühsam in diese verdichtete Form gebracht habe.

Und es ist ja nicht nur der Schnitt allein.

Ja, insgesamt habe ich vier Jahre am Film gearbeitet. Ich habe alle seine Bücher nochmal gelesen und recherchiert, habe Handke getroffen. Dann haben wir angefangen zu drehen, und wir haben noch gedreht, als ich schon im Schneideraum war. Und all das führte zu dieser Form.
Die Form ist das, was jemand für die anderen macht. Wenn ich recherchiere, dann hab ich ein Sammelsurium an Informationen und Quellen, aber das hat ja noch keine Form. Erst muss ich alles verarbeiten. Es ist, als würde man eine grosse Doktorarbeit schreiben, soviel Zeit, Energie und Wissen steckt in einem Dokumentarfilm. Das ist das Angebot, das man dem Publikum macht.

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Wild Plants: Gartenphilosophie

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Um Menschen und Pflanzen geht es in diesem Dokumentarfilm. Nicolas Humbert porträtiert Leute, die einen neuen Zugang zur Natur suchen.
Da ist zum Beispiel dieser Typ aus Detroit, ein Lehrer, ein urbaner Gärtner, der sein eigenes kleines Feld bebaut. Er schwärmt davon, dass es für ihn dabei nicht nur ums Gemüse geht, sondern um eine Verbindung zur Erde, zum Kreislauf des Lebens, überhaupt zum Universum. Leben und Tod und Kompost. Am liebsten würde er sich nach seinem Tod kompostieren lassen und ein Erdbeerfeld oder ein Pfirsichbaum werden.

Ich bin auf dem Bauernhof aufgewachsen. Der Geruch von frisch aufgeworfener Erde bei der Rübenernte hat sich mir eingeprägt, oder das Gefühl, mit den Händen in einem Jutesack voller Saatgut zu wühlen. Für mich ist dieses Gerde von einer Verbindung zum Universum dummes Zeug, eine weltfremde Romantisierung von Landwirtschaft, eine Idee von verwöhnten Städtern.
Ich kann auch wenig mit dem alten Indianer anfangen, der pflichtschuldigst indianische Weisheiten zum Besten gibt. Wenigstens legt er dabei eine poetische Ader an den Tag: „Meine Haare sind wie das Gras, mein Blut wie das Wasser, mein Atem wie der Wind.“ Das ist schön.
Und wenn Maurice Maggi in Zürich heimlich Malven auf Verkehrsinseln oder irgendwelchen Brachen anpflanzt, so hat das immerhin etwas Kämpferisches. Die Vegane Guerilla. Grüne Armee Fraktion.

Einmal begegnet Humbert in Detroit einem jungen Schwarzen, der auf dem Velo unterwegs ist. An seiner Lenkstange hängt ein Plastikeimer. In diesem befindet sich wiederum eine Schildkröte, die zu entkommen versucht. Ich weiss nicht einmal, weshalb genau, aber dieses Bild, dieser kurze Moment hat mich tief berührt. Eben diesen Moment entdeckt zu haben, dafür möcht ich Humbert danken.

Wild Plants läuft zurzeit in den Zürcher Kinos.
 

Wild Plants
Schweiz/Deutschland 2016, 108 Minuten
Regie & Buch: Nicolas Humbert

 

Hieronymus vs. Jheronimus: Garten und Teufel

boschvsbosch03Ein- und derselbe Verleih bringt zwei Dokumentarfilme über Hieronymus Bosch ins Kino, und das mit nur einem Monat Abstand. Das ist nicht unbedingt die cleverste Idee aller Zeiten. (Ich dachte die längste Zeit, beide Filme seien der gleiche, bis mich die Pressefrau auf die tatsächlichen Verhältnisse aufmerksam gemacht hat.) Nun gut, nutzen wir die Gelegenheit und ziehen wir einen Vergleich. Aber eines kann ich schonmal vorwegnehmen: Nur einer der beiden Dokumentarfilme ist die Sichtung wert.

Hieronymus Bosch – The Garden of Dreams: Dieser Film wurde vom Museo del Prado in Auftrag gegeben (dem spanischen Nationalmuseum für Kunst in Madrid), und zwar anlässlich der Ausstellung Bosch. The 5th Centenary Exhibition. Bekanntlich jährte sich im vergangenen August der Tod des berühmten Malers zum fünfhundertsten Mal (er lebte von ca. 1450 bis 1516). Nun muss man wissen, dass Bosch zwar in Holland gelebt und gewirkt hat, jedoch viele seiner bedeutendsten Gemälde in Spanien gelandet sind, da König Philipp II. (1527-1598) ein riesiger Fan des Künstlers war. In dem Land wird bis heute geradezu ein Kult um el Bosco veranstaltet.
So gehört zum Bestand des Prado auch das Triptychon Der Garten der Lüste, nicht nur Boschs bekanntestes Gemälde (entstanden um 1500), sondern auch eins der ganz grossen Werke der Kunstgeschichte. Selbiges ist folglich Dreh- und Angelpunkt von The Garden of Dreams. Der Dokumentarfilmer José Luis López-Linares erzählt uns allerlei über das Bild und lässt dafür Experten zu Wort kommen wie zum Beispiel den Sprecher der geschichtsträchtigen Liebfrauenbruderschaft in Holland – jener Bruderschaft gehörte seinerzeit eben auch Bosch an. (Deren Sprecher erklärt uns unter anderem das Wappen des Malers.) Hinzu kommen Kunsthistoriker, eine Restauratorin und andere Leute vom Fach.

Den Grossteil der Interviews bestreiten aber Künstler der Gegenwart, die uns ihre Interpretation vom Garten der Lüste auf die Nase binden. Und da stellt sich leider heraus, dass all die Leute kaum etwas von Belang zu sagen haben. Niemand Geringeres als Salman Rushdie erklärt uns beispielsweise solche Banalitäten wie: „Das Tolle an diesem Gemälde ist, dass es überhaupt nicht wie ein altes Bild wirkt.“ Oder zum Baum-Mensch: „Das ist eins der berühmtesten Bilder im Gemälde und vielleicht ist es ein Selbstporträt, oder vielleicht auch nicht.“ Faszinierend.
Sein dänischer Schriftsteller-Kollege Cees Nooteboom meint wiederum: „Dieses Gemälde stand, oder besser gesagt hing dort all die Jahre, und verströmte seine Kraft, seine Seele oder wie immer Sie das nennen wollen. Vor und nach der französischen Revolution, vor und nach Auschwitz.“ Fazit dieses Gedankengangs: Die Leute von heute schauen sich das Bild anders an als die Leute von damals. Erstaunlich.
Oder da gibt es jene Sängerin, die, konfrontiert mit dem Triptychon, spontan anfängt, ein nervtötendes Geheule von sich zu geben. Himmel hilf.
An anderer Stelle wiederum hören wir den Lana-Del-Ray-Song Gods & Monsters (der auf der Textebene ja einige Anspielungen an christliche Jenseitsvorstellungen enthält), wozu der Regisseur aus Ausschnitten des Triptychons ein Amateur-Musikvideo zusammenschneidet. Was an interessanten Informationen vorhanden wäre, verschwindet unter solchen krampfhaften Versuchen, von Bosch eine Linie zu heute zu ziehen.

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ZFF 2016: Rocco

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„Wenn man seinen Schwanz nicht sieht, taugt der Film nichts“, ruft mir der Kollege noch hinterher.
Beim Rocco in Rocco handelt es sich um Rocco Siffredi, den Porno-Superstar aus Italien. 2015 gab er seinen Rücktritt als Darsteller bekannt (es ist nicht das erste Mal). Zwei französische Regisseure haben ihn in der Zeit davor begleitet, zeigen, wie er seinen letzten Film dreht. Daneben sieht man Rocco, den Geschäftsmann, Rocco, der verschiedene Sprachen spricht, und Rocco, den Familienmenschen. Und ja, man sieht Roccos Schwanz – schon das allererste Bild des Films ist eine Nahaufnahme des berühmten Organs.

Der Dokumentarfilm scheitert also nicht daran, dass er irgendwas verstecken würde, sondern daran, dass die Regisseure keine Distanz zum Subjekt an den Tag legen. Sie geben Siffredi viel Raum, um in langen Monologen seine Ansichten vom Leben auszubreiten, doch diese erweisen sich dann doch als arg banal. Die betonte Ernsthaftigkeit des Films entspricht zu keinem Zeitpunkt seinem Gehalt.
Wenigstens gibt es noch den Cousin, der Siffredi seit Jahren bei der Arbeit begleitet – und ebenso tollpatschig wie cholerisch ist. Er bringt immerhin ein wenig Unterhaltung in den Film.
 

Rocco lief in der Kategorie Special Screenings
Rocco
Frankreich 2016, 107 Min.
Regie & Buch: Thierry Demaizière, Alban Teurlai

Looking Like My Mother: Pinguin des Grauens

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Manche Szenenbilder sind so grossartig, dass mir der zugehörige Film fast schon egal ist. Da sitzt zum Beispiel diese Frau in einem gepolsterten Stuhl, auf ihrem Kopf eine Kartonschachtel mit angemaltem Gesicht. Hinten in der Ecke steht ein riesiges Stofftier, ein gehäkelter Pinguin, der fast bis zur Decke reicht. Eigentlich ist der Pinguin ja ganz süss, aber in diesen Ausmassen wird er unheimlich. Ist er ein menschenfressendes Monster, das sich mit einem harmlosen Äusseren tarnt? Und um wen handelt es sich bei der Frau? Was bedeutet die Kartonschachtel? Trägt sie sie, um sich dem Blick des Horror-Pinguins zu entziehen? (Übrigens, wer von euch hat schon mal Lovecrafts At the Mountains of Madness gelesen?)

Dominique Margot wuchs in Schwamendingen auf. Der Vater ein Westschweizer, die Mutter aus einer Familie strenggläubiger Bergbauern im Berner Oberland. Eine Zürcher Kernfamilie wie viele, auf ihre eigene Weise unglücklich: Eben die Mutter sperrt sich manchmal tagelang im Schlafzimmer ein, wäscht sich nicht mehr, verdächtigt die Nachbarn, sie zu überwachen. Immerhin gibt es Lichtblickte: „Wenn sie rauchte, ging es ihr gut.“
Die Tochter rebellierte, beteiligte sich an den Zürcher Unruhen, macht sich mit einem kleinen Zirkus auf und davon, reist um die halbe Welt.

Als erwachsene Frau, die nun selbst eine Tochter hat, geht sie der Lebensgeschichte, der Depression ihrer Mutter nach, macht einen Film darüber. Befragt alte Bekannte, sucht Fotos und Homevideos hervor, stellt ihre Erinnerungen nach. Da schwebt zum Beispiel eine Käsequiche durch die Luft, die der Mutter verbrannt war, um die sie und der Vater sich gestritten hatten. Die Quiche fliegt über den Himmel, als würden Ausserirdische jene traurige Schwamendinger Siedlung besuchen. Schliesslich landet das UFO: „Die Quiche blieb tagelang auf der Wiese liegen. Meine Eltern sprachen kein Wort mehr miteinander.“

Immer wieder findet Margot tolle, poetische Bilder. Da wird ein Puppenhaus zum Gefängnis – mit dem Pinguin, ein Kuscheltier der Kindheit, als Wärter. Die Kartonschachtel auf dem Kopf, eine Verkleidung für Kinder, als Variante der Eisernen Maske.
Und Margot findet Parallelen, die ihr erst jetzt klar werden. Ihr war gar nicht bewusst, dass ihre Mutter für mehrere Jahre in den USA war. Oder: „Meine Mutter hatte auch Brustkrebs.“
Unter anderem besucht sie eine langjährige Brieffreundin ihrer Mutter, die in Rotterdam lebt. Diese öffnet die Tür, nimmt die jüngere Frau in den Blick: „You look exactly like your mother!“

Bild von Look Now!

Looking Like My Mother
Schweiz 2016, 78 Min.
Regie & Buch: Dominique Margot

 

ZFF 2016: Europe, She Loves

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Vier Städte an den Ecken Europas hat der Zürcher Regisseur Jan Gassmann (Chrigu, Heimatland) besucht. Dort hat er junge Paare begleitet. Geldsorgen, Beziehungsstreit, Sex: Das intime Porträt der eruopäischen Generation zwischen zwanzig und dreissig. Aus Radio und Fernsehen erklingen permanent die Nachrichten: das bedrohliche Rauschen der Krise von Politik und Wirtschaft. Zwischen den Szenen: Bilder von Europa. Die Ansicht der umgekippten Costa Concordia berührt in diesem Kontext besonders.

Europe, She Loves läuft in der Kategorie Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich / Wettbewerb
Letzte Vorstellung: Mi 28.9. um 21 Uhr (Arena 7)
Europe, She Loves
Schweiz/Deutschland 2016, 100 Min.
Regie & Konzept: Jan Gassmann

Authentisches Guatemala zum Einschlafen

Chiquitos — Eine Reise zu den Kindern Guatemalas
Ein Dokumentarfilm von Thomas Rickenmann, CH 2015, 88 Min.
Schlafkritik

Bravo, ein toller Einschlaffilm. Man könnte ihn in 10-Minuten-Stückchen immer wieder ansehen, wenn man Mühe hat Ruhe zu finden. Leider fehlt jeder roten Faden. Ein Mischmasch aus Geschichten und Bilder aus Guatemala plätschert (Notitz an mich selber, nicht in jeder zweiten Schlafkritik das Wort „plätschern“ benutzen) so dahin. Es wird am Anfang klar, dass wohl das Ziel war, etwas über die Mayas und ihren Kalender im Jahr 2012 zu machen, als dieser einen 5200 Jahre alten Zyklus beschloss. Nur war das wohl irgendwie zu wenig spannend oder ergab zu wenig Material. Mir scheint, die Filmemacher haben sich zu wenig Zeit gelassen; für ein so langsames Land wie Guatemala bräuchte man für eine Dokfilm wohl 10 Jahre und viel Schlaf.

Die Geruhsamkeit, die Langsamkeit des guatemaltekischen Alltags ist trotz vieler authenischer Aufnahmen selten erfasst worden. Ein klassisches Problem: die Filmcrew lebt nicht da, sondern war dann auf Besuch, als ein Hähnchen geschlachtet wurde, ein selbstverursachter Kausalzusammenhang sozusagen. Dabei ist es schon was Besonderes, einen Truthahn zu schlachten. Man isst sonst Tortillas mit Bohnen und Reis. Aber das ist nicht das Problem. Der Film versucht sich praktisch ohne „Off Kommentar“. Das ist ein Fehler; es unterstützt zwar das Gefühl neutraler Beobachter zu sein, verhindert aber das Dargestellte irgendwie einschätzen zu können. Ausser man kennt sich in dem Land aus, und dann sagen die Bilder und Geschichten eigentlich gar nichts aus. Der Film wird zu Nebensächlichkeit und man bestaunt das reiche guatemaltekische Kuriositätenkabinett.

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