Mein Herrchen ist ein Tintenfisch

Grundsätzlich ist Pallas oder die Heimsuchung ein Invasionsroman: Eine technisch weit überlegene Rasse überfällt die Erde, tötet einen Grossteil der Bevölkerung und macht alles kaputt. Ein paar hundert oder tausend Menschen lassen die Aliens (die Tintenfischen ähneln) jedoch am Leben und nehmen sie mit auf ihren Heimatplaneten Pallas. Nach und nach stellt sich heraus, oder lässt sich zumindest vermuten, dass der Plan der Palladier schlicht darin besteht, sich die überlebenden Menschen als Schosstiere zu halten. Das erinnert an H.G. Wells‘ War of the Worlds, nur dass die Überlegenheit der Palladier total ist: Die Menschheit ist in kürzester Zeit unterworfen und es gibt keinen deus ex machina in Form irgendwelcher Grippeviren, die die Erde vor den Invasoren retten würde.

Die Handlung schildert uns ein Ich-Erzähler aus seiner äusserst beschränkten Perspektive. Er versucht verzweifelt, aus den Vorgängen einen Sinn zu ziehen, doch die Aliens und ihre Welt sind ihm als Menschen derart fremd, dass ihm das auch nach Jahrzehnten nicht gelingt. Wenn er den Palladiern irgendwelche Motive oder Beweggründe unterstellt, drängt sich der Verdacht auf, dass er sie unzulässig vermenschlicht — dessen ist sich der Erzähler allerdings auch selbst bewusst.
Die Übermacht der Ausserirdischen beisst sich mit dem Chauvinismus des Erzählers: Als patriotischer Franzose und Ex-Soldat fühlt er sich Schwarzen oder Frauen überlegen, ergibt sich umgekehrt aber auch einer Art Sklavenmentalität der tintenfischenen Herrenrasse gegenüber. Nichts wünscht er sich sehnlicher, als den Palladiern seine Intelligenzu zu beweisen, zumindest ansatzweise eine Kommunikation auf Augenhöhe herzustellen — doch es bleibt dabei: Für die Palladier sind die Menschen nicht viel mehr als das, was ein Chihuahua für uns ist.

Ebenso eindrücklich wie die Fremdheit der Aliens, ist in Pallas auch der Untergang der menschlichen Zivilisation beschrieben. Die entführten Menschen haben nicht mehr bei sich als die Kleidung auf dem Leib, und diese ist nach ein paar Jahren verrottet. Sie konnten keine Werkzeuge oder sonst irgendwelche Gegenstände mitbringen. Der Planet selbst bietet bloss flachen Boden, iglu-artige Häuser und Steine, die alle aus demselben, leicht weichen Material bestehen — unmöglich, hier irgendwas herzustellen. Oder irgendwas aufzuschreiben. Nackt und untätig stromern die Menschen herum. Die Palladier füttern sie mit einem Brei, alle Ausscheidungen werden vom Boden automatisch absorbiert. Weil es sonst nichts zu tun gibt, haben die Leute viel Sex. Den unerwünschten Nachwuchs sortieren die Palladier aus.
Die übrigen Kinder wachsen heran — und für sie ist das Leben auf Pallas ganz normal; die Erde kennen sie nur noch aus Erzählungen. Mehr und mehr erkennt der Ich-Erzähler, dass die Menschheit der Zukunft eine völlig andere sein wird. Die Niederlage ist komplett, Hoffnung gibt es keine.

Über den Autor: Informationen zu Edward de Capoulet-Junac findet man nicht so ohne weiteres. Angeblich ist er 1930 geboren und hat neben Pallas nur einen weiteren Roman geschrieben: L’ordonnateur des pompes nuptiales (1961) — anscheinend wurde dieser nie auf Deutsch übersetzt. Ab und an liest man Mutmassungen darüber, dass „Edward de Capoulet-Junac“ ein Pseudonym sei. Aber Autor und Werk sind wohl schlicht zu unbekannt, als dass man darüber jemals Näheres erfährt.

Pallas oder die Heimsuchung (Pallas ou la tribulation)
Von Edward de Capoulet-Junac
Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985
Erstveröffentlichung 1967 (Frankreich)

Französische Kritik zum Roman.

Die kleinen Monsterkiller

Walter Murchs Return to Oz (1985) gehört zu meinen Lieblingsfilmen — und ich finde ihn auch deutlich besser als den Musicalklassiker The Wizard of Oz von 1939 (übrigens: auch wenn es der Titel nahelegt, ist Return to Oz keine Fortsetzung, oder zumindest keine offizielle).
Denn wer zieht denn schon doofes Gesinge und Getanze schaurigem Grusel vor? Wer wollte ernsthaft behaupten, die unbeholfenen Kostüme und Kulissen von 1939 wären der technische Meisterleistung von 1986 überlegen? Und wer zum Teufel braucht Judy Garland, wenn er Fairuza Balk hat? (Balk war schon mit 11 Jahren die bessere Schauspielerin als die 17-jährige Garland, die eh viel zu alt für die Rolle war.)

Aber stellen wir die Filme mal beiseite, es gibt ja noch die Buchvorlage. The Wonderful Wizard of Oz erschien 1900; L. Frank Baum hat sich die Story ausgedacht, W. W. Denslow hat sie illustriert, zusammen haben sie Literaturgeschichte geschrieben — das Buch war derart erfolgreich, dass Baum bis zu seinem Tod 1919 dreizehn Fortsetzungsromane und viele weitere Texte über die Welt von Oz schrieb (ganz zu schweigen von seinen Nachfolgern, die das Werk fortführten).
Dem 30er-Jahre-Film ist wohl zu verdanken, dass vom ganzen Oz-Komplex nur noch das erste Buch der Öffentlichkeit geläufig ist. Wenn überhaupt: Wer heutzutage hat das Ding wirklich gelesen? Ausser mir, meine ich.

(Anmerkung am Rande: Return to Oz greift sich immerhin Elemente aus dem zweiten und dritten Buch heraus.)

Die Grundzüge der Handlung dürften wohlbekannt sein: Die kleine Dorothy lebt mit ihren Eltern in Kansas, wird aber von einem Wirbelsturm mitsamt ihrem Hund in das Land Oz getragen. Dort trifft sie eine sprechende Vogelscheuche, einen Mann aus Blech und einen feigen Löwen. Zusammen wollen sie beim Zauberer von Oz vorsprechen, damit der bei ihren jeweiligen Problemen hilft. Er stellt allerdings eine Forderung: Damit er ihnen ihre Wünsche erfüllt, müssen sie die böse Hexe im Westen beseitigen.

Bei der Lektüre kommt schnell der Verdacht auf, dass sich Baum freimütig bei Lewis Carrolls beiden Alice-Büchern hat inspirieren lassen: Hier wie dort landet ein kleines Mädchen in einem wundersamen Land, wo es ebenso wundersame Gestalten kennenlernt und es schliesslich mit einer bösen Matriarchin zu tun kriegt.
Nur, dass Alice Engländerin und Dorothy Amerikanerin ist. Böse gesagt: The Wonderful Wizard of Oz ist intellektuell deutlich simpler gestrickt, und fast alle Konflikte werden durch Mord und Totschlag gelöst. Dorothy und ihre Freunde bringen ja nicht nur zwei Hexen um (Achtung, Spoiler!), ohne sich dabei viel zu denken, sondern richten auch unter der Tierwelt von Oz ein wahres Gemetzel an. Einmal schickt ihnen die böse Hexe im Westen ihre tierischen Handlanger entgegen, um sie fertig zu machen. Da killt der Blechmann vierzig Wölfe mit der Axt oder dreht die Vogelscheuche vierzig Krähen den Hals um. The Wonderful Wizard of Massenmord.

Die erwähnten Alice-Bücher liest man auch als Erwachsener mit Gewinn, The Wonderful Wizard of Oz ist doch eher ein reines Kinderbuch. Keine Ahnung, wie das mit den Folgebänden aussieht; ich habe keine grosse Lust, mich da reinzustürzen. Aber Return to Oz finde ich immer noch toll.

Ingeborg Bachmann – „Male oscuro“

Die Publikation des ersten Bandes der neuen Edition des Werkes Ingeborg Bachmanns signalisiert zweierlei: Einerseits haben sich die Verlagsjuristen von Piper und Suhrkamp auf einen Kompromiss geeinigt – die Werkausgabe wird gemeinsam von beiden Verlagen publiziert. Andererseits ist nun eine Werkedition Bachmanns im Entstehen begriffen, die literaturwissenschaftlichen Kriterien standzuhalten verspricht.

Überraschenderweise wird die „Salzburger Bachmann Edition“ durch eine Sammlung intimer Traumaufzeichnungen und Briefentwürfen aus Bachmanns „Zeit der Krankheit“ eröffnet – „Male oscuro“ ist der Titel eines Romans von Giuseppe Berto, den Ingeborg Bachmann in einem der hier publizierten Texte zitiert.  Die Herausgeberinnen Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni besitzen denn auch genug Taktgefühl, diesen Umstand, intime Texte zu veröffentlichen, zur Sprache zu bringen, zu problematisieren und selbstkritisch darauf zu reflektieren. Begründet wird die Publikation dieser privaten Notizen und Entwürfe – Traumaufzeichnungen, Briefe und Briefentwürfe – mit dem engen Zusammenhang der mit Bachmanns prosaischem Spätwerk, dem „Todesarten-Projekt“ besteht. Die Hintergründe werden nicht aus biographischer Sensationsgeilheit beleuchtet. „Aber war das wirklich nötig?“ Diese Frage muss sich die Publikation dennoch gefallen lassen. Warum wollen GermanistInnen und EditionsphilologInnen immer noch mehr erfahren über die mögliche Bedeutung des Lebens ihrer AutorInnen für das gesamte Werk und die jeweiligen Werkzusammenhänge? Es gebe genügend Beispiele, die dafür sprechen, dass die Forschung Zusammenhänge und Bedeutungen aufdecken kann, die vorher nicht erkennbar waren und neue Lesarten eines Werkes eröffnen, ohne dass dabei dieses auf die Biographie seines Autors, seiner Autorin reduziert wird. Doch andererseits konnte 1971 bei der Publikation von Bachmanns Todesarten-Roman „Malina“ niemand ahnen, dass Passagen aus dem sogenannten Traumkapitel zusammenhängen mit oder sogar hervorgegangen sind aus Traumaufzeichnungen von Bachmanns eigenen Träumen. Die Thematik, welche der Roman verhandelt, konnte dennoch begriffen, das Buch dennoch rezipiert werden. Brauchen wir also solche Informationen? Oder dient die Aufbereitung bisher unzugänglicher Texte nicht eher dazu, dem akademischen Betrieb neue Texte zuzuführen, deren Beforschung zu ermöglichen, so dass wieder ein paar Doktorantenthemen gesichert sind und sich die Maschinerie für ein paar weitere Jahre am Laufen halten kann? Zumindest der Verdacht drängt sich auf.

Die Frage stellt sich nicht zum ersten Mal. Germanistik und Editionsphilologie zeichnen sich durch eine charakteristische Schamlosigkeit aus, wenn es um die Publikation intimer oder zumindest privater Dokumente anderer geht. Der Indiskretionen sind schon manche begangen worden, gerade in Bezug auf die Veröffentlichung von Briefwechseln; in den seltensten spricht man sich gegen die Publikation aus – was für ein Interesse auch der Verleger dabei mit hineinspielt, darüber wollen wir nicht spekulieren. Darum ist bei aller Brisanz und der bleibenden Fragwürdigkeit zum Trotz den beiden Herausgeberinnen ihr Bewusstsein für die Problematik und ihr selbstkritischer Umgang damit hoch anzurechnen. Die selbstkritische Befragung und Rechtfertigung der Publikation ist ehrlich. Im Kommentar, der die Hälfte des Bandes ausmacht, werden die Hintergründe der publizierten Texte erläutert und in Bachmanns Leben kontextualisiert. Er wird seinem Vorsatz gerecht, nicht sensationslüstern biographischen détails nachzusteigen, sondern konzentriert sich darauf, literaturwissenschaftlich den Zusammenhang zwischen den hier publizierten Texten und dem Spätwerk Bachmanns aufzuzeigen. Wie bei der zweiten grossen Edition, die im Entstehen ist, nämlich der Kritischen Gesamtausgabe von Walter Benjamins „Werke und Nachlass“ freut man sich auch bei diesem Band über den Abdruck von Typo- und Manuskripten.

Dieser erste Band lässt trotz der mit ihm verbundenen Bedenken Vorfreude auf die folgenden aufkommen. Der zweite Band, „Das Buch Goldmann“, soll schon am 10.04.2017 erscheinen. Die Edition ist sorgfältig und professionell gestaltet. SpezialistInnen mögen einzig bei détails ein leichtes Bedauern über verpasste Gelegenheiten verspüren: zwar wird im Kommentar unter „Auswahl und Überlieferung“ darauf hingewiesen, dass es sich um eine ausgewählte Textsammlung handelt. Warum andere Texte, die also auch in Frage hätten kommen können, nicht aufgenommen wurden, bleibt unerklärt. Auch auf die Verwendung diakritischer Zeichen, ein unabdingbares Instrument der Editionsphilologie, wurde weitgehend verzichtet. Die Begründung, die Nachvollziehbarkeit soll für eine breite Leserschaft gewährleistet sein, ist freilich legitim. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Herausgeber in der Lage sehen, diesen Usus für den fragmentarischen Nachlass besonders aus dem Todesarten-Projekt, beizubehalten.

Ingeborg Bachmann: „Male Oscuro“. Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit. Herausgegeben von Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni. Berlin etc. 2017.

Holzfällen: Ein Mann hat die Wut

„Während alle auf den Schauspieler warteten, der ihnen versprochen hatte, nach der Aufführung der Wildente gegen halbzwölf zu ihrem Abendessen in die Gentzgasse zu kommen, beobachtete ich die Eheleute Auersberger genau von jenem Ohrensessel aus, in welchem ich in den frühen Fünfzigerjahren beinahe täglich gesessen war und dachte, dass es ein gravierender Fehler gewesen ist, die Einladung der Auersberger anzunehmen.“

So beginnt die schönste Schimpftirade (eine Erregung, so der Untertitel) deutscher Sprache, die sich im Folgenden fast zweihundert Seiten lang hinzieht. Der Icherzähler gehörte einst dem künstlerischen Kreis um das Ehepaar Auersberger in Wien an, als er noch ein junger angehender Schriftsteller war. Schliesslich verkrachte er sich jedoch mit der Gesellschaft und entzog sich über zwanzig Jahre jeglichem Kontakt, wanderte zwischendurch nach London aus – bis eine Frau, die Joana, die zum selben Kreis gehört und die der Icherzähler damals gerne mochte, sich zuhause in ihrem Heimatdorf erhängt, und der Icherzähler die Auersberger wiedertrifft, woraufhin ihn Frau Auersberger zu einem künstlerischen Abendessen einlädt, zu dem ein berühmter Schauspieler vom Burgtheater erwartet wird, woraufhin der Icherzähler die Einladung wider besseren Wissens annimmt und auch tatsächlich hingeht. Da sitzt er nun im Ohrensessel, wie einst vor über zwanzig Jahren, und schimpft innerlich vor sich hin, fast schon in der Art eines stream of consciousness (wenn auch nicht ganz so radikal wie bei Joyce), in einem manischen Tonfall, in dem sich dieselben Themen immer wieder wiederholen, was einerseits dem Zwanghaften am Cholerischen entspricht, andererseits einen Rhythmus und eine Musikalität entwickelt, die an Ravels Bolero erinnern, der in der Tirade dann auch tatsächlich eine Rolle spielt. Gegen diesen Stil muss man mit aller Macht ankämpfen, um nicht automatisch in ihn zu verfallen, sobald man über Holzfällen schreibt, derart eingängig ist der Rhythmus und die Musikalität dieses Stils. Eine Chance, an Bernhard heranzureichen, hat man doch eh nicht (man muss sich nur mal anschauen, wie Maxim Biller in seiner Rezension zu Bernhards Meine Preise an dem Versuch scheitert).

Der Icherzähler schimpft über die Auersberger, über alle, die zu diesem künstlerischen Kreis dazugehören, aber auch über sich selbst, weil er zu schwach war, die Einladung zu diesem künstlerischen Abendessen auszuschlagen, oder weil er auf seine Art ebenso verlogen und widerwärtig ist wie sie, weshalb sich seine Wut gerade auch gegen ihn selbst richtet. Der Icherzähler schimpft darüber, dass ihm die Auersberger und ihre Spiessgesellen immer von den hohen Weihen der Kunst erzählt, dann selbst aber doch nur dilettantischen Quatsch geschaffen haben (mehr dazu hier), dass sie einst über den Kunstbetrieb Wiens geschimpft, sich aber längst selbst dem Staat an den Hals geworfen haben und jetzt Staatskunst machen. Der Icherzähler schimpft über junge Leute, über alte Leute und über die Künstlervernichtungsmaschine Wien.

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Die Angst des Schriftstellers bei der Verfilmung

tormannbuchfilm02Vergangenen Herbst schrieb ich über Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte (siehe hier). Der Dokumentarfilm handelte von Peter Handke, seinem Leben, seiner Kunst und von den Hobbys, denen er heutzutage nachgeht (Hemden besticken und den Gartenweg mit Muschelschalen säumen). Bin im Wald hat mich durchwegs beeindruckt, allein schon der Einblick in Handkes Notizbücher lohnt sich das Ansehen. Jedenfalls war der Film für mich ein Anlass, mich wieder einmal mit dem Schaffen des Österreichers auseinanderzusetzen. Und so hab ich (unter anderem) seinen berühmtesten Text nochmals gelesen, Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (ich wies schon mal darauf hin).
Die Erzählung fängt an wie folgt:

Dem Monteur Peter Bloch, der früher ein bekannter Tormann gewesen war, wurde, als er sich am Vormittag zur Arbeit meldete, mitgeteilt, dass er entlassen sei. Jedenfalls legte Bloch die Tatsache, dass bei seinem Erscheinen in der Tür der Bauhütte, wo sich die Arbeiter gerade aufhielten, nur der Polier von der Jause aufschaute, als eine solche Mitteilung aus und verliess das Baugelände. (S. 3)

Dieser Bloch leidet (anscheinend ganz plötzlich und aus dem Nichts heraus) an einer fatalen Unfähigkeit, die Menschen um sich herum, ja seine gesamte Umwelt zu verstehen. (Dass ihn irgendwer entlassen habe, zum Beispiel, stimmt anscheinend gar nicht.) Alles kommt ihm seltsam vor, was er in der Welt wahrnimmt, insbesondere aber jede menschliche Interaktion: Im nachhinein wunderte er sich, dass die Kassiererin die Geste, mit der er das Geld, ohne etwas zu sagen, auf den drehbaren Teller gelegt hatte, mit einer anderen Geste wie selbstverständlich beantwortet hatte. (S. 3)
All die kleinen Dinge, die wir für normal halten, sind ihm plötzlich fragwürdig. Es ist, als sei mit einem Mal sein ganzer Referenzrahmen zusammengefallen, das Modell, das er von der Welt hatte, um sich darin bewegen zu können: Mit geschlossenen Augen überkam ihn eine seltsame Unfähigkeit, sich etwas vorzustellen. Obwohl er sich die Gegenstände in dem Raum mit allen möglichen Bezeichnungen einzubilden versuchte, konnte er sich nichts vorstellen. (S. 19)
Schnell merken wir, dass sein Problem mit der Weltwahrnehmung ein Problem mit der Sprache ist: Er behalf sich, indem er statt Wörter für diese Sachen Sätze bildete, in der Meinung, eine Geschichte aus solchen Sätzen könnte ihm erleichtern, sich die Sachen vorzustellen. (S. 19f.)

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Das sich der Feststellung zu entziehen versuchende Tier Michel Houellebecq

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„Sexualität ist eine Sonne.
Sexualität ist ein Abgrund.“

André Comte-Sponville

Michel Houellebecq ist kein Autor, den man flüchtigen Bekannten empfiehlt. Zu kontrovers sind seine Thesen, zu provokant seine Sprache, zu abstossend seine Sicht auf unsere Gesellschaft, zu animalisch sein Verständnis von Sexualität, als dass man unkommentiert mit ihm in Verbindung gebracht werden möchte. Man kennt sich ja noch nicht wirklich…

„Ich habe meine Hand genähert und sie unter das Körbchen geschoben, so dass ich nach und nach ihre Brust ertasten konnte. Sie hat sich nicht gerührt, sondern ist nur ein wenig starr geworden und hat die Augen geschlossen. Ich habe meine Hand weiter vorgeschoben, ihre Brustwarzen waren hart.“ (Elementarteilchen)

Zum ersten DVD-Abend bringt man besser keinen Porno mit. Die Gefahr der Ächtung überwiegt die mögliche Wirkung der Suggestion. Bekanntlich wird die Emma noch gelesen, und seit dem scheusslichen Kollektivgegrabsche in Köln und der im Leerlauf drehenden Lehrveranstaltung zur Sexualkultur im Sinai wärmt auch Alice Schwarzer wieder das Sitzleder Deutscher Talkshows. Lieber Vorsicht walten lassen, ein wenig schüchtern, gar prüde wirken, und möglichst konform gehen. Houellebecq demaskiert – und das tut gut.

Kein anderer ernstzunehmender Autor unserer Zeit hat sich in so kurzer Zeit so viele leidenschaftliche Feinde geschaffen, wie Michel Houellebecq – und gleichzeitig so viele begeisterte Leser gewonnen. Die Feuilletonszene spie Gift und Galle, verlangte mit spitzer Feder des Houellebecqs Kopf. Bis heute sind die Kritiker nicht verstummt. Elitenschweiss belohnt des Pöblers Fleiss.

Aber spätestens seit dem Erscheinen seines Kulturromans Karte und Gebiet, in dem sich die zeitgenössische Kulturindustrie entkleidet spiegelt, prägt eine innige Hassliebe die Beziehung der Kritiker zum Kritisierten. Endlich wird über ihresgleichen geschrieben. Vor lauter Begeisterung leidet die Radish seither an Dauerschluckauf, und im Jahr 2010 wird Houellebecq den Prix Concourt verliehen. Vom diplomierten Bauer zum Literatenkönig.

„Der Boden rings um das Haus war steinig und sehr weiss, von geradezu erbarmungslosem Weiss. Die Katze hat mich mehrmals angesehen, während ich onanierte, aber sie hat die Augen geschlossen, bevor ich ejakulierte. Ich habe mich gebückt, einen grossen Stein aufgehoben und den Schädel der Katze zertrümmert; Gehirnmasse spritzte auf.“ (Elementarteilchen)

Die von Zigarettenrauch und vom Alkohol gegerbte Haut, die schlaksige Gestalt und die übergrosse Stirn, welche die Augen zu verdecken scheint, machen Houellebecq durchaus zu einer Gestalt, von der man erwartet, dass sie den Leser skrupellos in den Abgrund stürzt. Aber wohl kaum, dass man deren sexuellen Fantasien teilt oder zumindest deren Faszination nachvollziehen kann.

Schier unerträglich wird es, wenn man sich beim Lesen Michel Houellebecq in der Rolle des Protagonisten vorstellt. Ihm quasi beim Sex zuschaut. An seiner Lust teilhat. Bedenkt man die vielen autobiographischen Züge in seinen Werken, erscheint diese Befürchtung gar nicht so abwegig.

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Sprechbehinderte Schüler

Die neuen Pisa-Resultate sind raus und die Ernüchterung ist gross. Schweizer SchülerInnen können zwar gut rechnen, aber schlecht lesen. Anscheinend hat ein nicht unerheblicher Teil unseres Nachwuchs Mühe mit dem Textverständnis.

Lilo Lätzsch, seit 1978 Sekundarlehrerin in der Stadt Zürich, erzählt: «Ich stelle oft fest, dass unsere Schüler zwar schön vorlesen können. Aber wenn sie das Blatt umdrehen müssen und erzählen sollen, was sie gerade gelesen haben, tun sie sich schwer.»
NZZ am Sonntag, 12.12.16

Das Pisa-Ergebnis bestätigt jene, die eh schon lange davon sprechen, dass die Jugend von heute weder schreiben noch lesen kann. Weil sie keine Bücher oder Zeitungen, sondern nur noch Facebook-Beiträge lesen. Weil sie keine Briefe mehr schreiben, sondern nur noch Whatsapp-Nachrichten.
Jetzt werden allerlei Gegenmassnahmen durchdiskutiert: Migrantenkinder in ihrer Muttersprache fördern. Eltern dazu anhalten, ihren Kindern vorzulesen. Den Pisa-Test in Frage stellen. Was man gegen die Leseschwäche machen soll oder kann, interessiert mich gar nicht so sehr, aber die oben zitierte Aussage, die Lamentos über die Lesefähigkeit der Jugend, sie alle erinnern mich an eine Stelle in Peter Handkes Die Angst des Tormanns beim Elfmeter von 1970, ein Buch, das ich gerade wieder einmal lese.

Da flüchtet, nachdem er eine Frau erwürgt hat, Bloch, der Protagonist, in ein unbedeutendes kleines Grenzdorf. Dort begegnet er eines Tages dem Schuldiener, der grad Holz hackt. Weil Bloch dem Schuldiener eine Frage stellt, haut dieser mit dem Beil daneben, so dass ein Holzscheit wegfliegt und ein Holzstoss zusammenfällt.

Aber es folgte nicht mehr darauf, als dass er den Schuldiener in die halbdunkle Holzhütte hinein fragte, ob es denn für alle Schulklassen nur dieses eine Schulzimmer gebe, und dass der Schuldiener antwortete, für alle Schulklassen gebe es nur dieses eine Schulzimmer.
Kein Wunder, dass die Kinder beim Schulaustritt noch nicht einmal reden gelernt hätten, sagte der Schuldiener plötzlich, indem er das Beil in den Hackklotz schlug und aus der Hütte trat: nicht einmal einen einzigen eigenen Satz könnten sie zu Ende sprechen, sie redeten miteinander fast nur in einzelnen Wörtern, ungefragt überhaupt nicht, und was sie lernten, sei nur Merkstoff, den sie auswendig gelernt heruntersagten; darüber hinaus seien sie zu ganzen Sätzen unfähig. „Eigentlich sind alle mehr oder weniger sprechbehindert“, sagte der Schuldiener.

Peter Handke: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970). Suhrkamp 2014, S. 94

Also bitte keine Panik wegen Pisa, Schüler waren immer schon dumm.