Ja zu Europa – Nein zu Europa

Am und um den 25. Mai sind Europawahlen. Zeit, sich ein wenig mit der EU zu beschäftigen. Doch wie bekommt man Einblicke in diesen Riesenapparat? Einen spannenden Weg hat Martin Sonneborn gefunden. Der ehemalige Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic” stellte sich vor 5 Jahren als Vorsitzender der Partei „Die Partei“ zur Wahl für das europäische Parlament und wurde mit 0.6 % der Stimmen als Listenerster gewählt. Nun hat er ein Buch über die 5 Jahre als Europaparlamentarier geschrieben.

Weiterlesen

Klassenkampf is back

Édouard Louis‘ erzählerischer Text, der explizit auch inszeniert werden könnte, ist einerseits eine Geschichte, in der ein Sohn an Vaters statt dessen Geschichte erzählt, andererseits eine Abrechnung.
Die ersten beiden Teile des kurzen Textes erzählen von den Widersprüchen zwischen den patriachalen Vorstellungen von Männlichkeit und dem Wesen des Vaters. Sein ganzes Leben lang war es ihm nicht möglich gewesen, einen konstruktiven Umgang damit zu finden. Sobald als möglich hatte der Vater von der Schule abgehen wollen. Bildung und Schulwesen waren assoziiert mit Weiblichkeit und Homosexualität. Bis er ungefähr dreissig Jahre alt war, tanzte der Vater. Der Mutter des Erzählers zu Folge tanzte er bei jeder Gelegenheit und war ein guter Tänzer. Viele Jahre später von seinem Sohn darauf oder auf Photographien aus dieser Zeit angesprochen, verweigert er Auskünfte.
Aufgrund eines Arbeitsunfalls erleidet der Vater starke Verletzungen am Rücken, von denen er nie mehr gänzlich genesen wird. Er ist auf staatliche Unterstützung angewiesen und sieht sich gezwungen – nachdem diese gestrichen worden ist –, in einer anderen Stadt als Strassenkehrer zu arbeiten.
Im Finale zählt der Sohn Präsident um Präsident die Verantwortlichen auf, die Kürzungen im Sozialbereich durchgeboxt haben und so die Gesundheit des Vaters ruiniert haben, bis er zueletzt am Entzug der Unterstützung gestorben ist.
Berührend erzählt der Sohn den Wandel des Vaters, der, auch wenn er für diese Sicht keine Sprache findet, nun mehr nicht Homosexuelle und Ausländer*innen zu Sündenböcken für die gesellschaftlichen Probleme macht, sondern gemerkt hat, wer für seine Misere verantwortlich ist.
Das letzte Wort der Erzählung ist Revolution.

Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Frankfurt am Main 2019.

Erschlagen wir die Armen!

Die namenlose Ich-Erzählerin hat einem ebenfalls farbigen Mann, Asylsuchender, eine Flasche über den Kopf gezogen, woran dieser gestorben ist. Die Aufarbeitung des Falles, bzw. ihr Verhör bildet den losen roten Faden von Shumona Sinhas Roman Assomons les pauvres.
Die Erzählerin arbeitet als Übersetzerin für die Asylbürokratie des französischen Staates; „Sprachgymnastik“ nennt sie, was sie dort betreibt.

Der Titel von Sinhas Roman bezieht sich auf das gleichnamige Prosagedicht Charles Baudelaires. Darin – die Handlung ereignet sich ungefähr 1848 – liest das lyrische Ich Bücher der „Unternehmer für die öffentliche Wohlfahrt“, Proudhon etc., von denen es bald genug hat. Es begibt sich auf die Strasse; einen alten Bettler erblickend, flüstert ihm eine Engelsstimme ein, gleich sei nur, wer es beweise, frei sei nur, wer sich die Freiheit erobere. Das lyrische Ich verprügelt den Bettler, dieser reisst sich aus seiner Passivität und schlägt zurück. Das lyrische Ich erkennt ihn als ebenbürtig an.

Der Roman besteht hauptsächlich aus Szenen des monotonen Alltags, den die Erzählerin beschreibt. So schildert sie im Kapitel De l’autre côté des choses, wie sie durch ein Quartier der margnialisierten, verdrängten, nicht-willkommenen Migrant_innen geht. Alle sind einander fremd: Die Übersetzer_innen und jene, die auf Übersetzung angewiesen sind, die sich schwören, niemals Speichellecker des globalen Nordens zu werden.

Ici les interprètes des pays mutants et ambitieux, des pays orphelins et rancuniers, tous ensemble ont juré craché de ne pas devenir les lèches bottes des pays du Nord. De ne pas oublier. De mettre toujours une bougie dans l’autel secret de leur mémoire. La mémoire est une religion. Une guerre. Ici elle est bonne. Pour défoncer les portes, détruire les hautes murailles et laisser entrer.*

* Hier haben sich die Übersetzer_innen der im Wandel begriffenen und ehrgeizigen Länder, der verwaisten Länder, voller Ranküne, alle zusammen haben sich ausspuckend geschworen, nicht die Speichellecker der Länder des Nordens zu werden. Nicht zu vergessen. Stets eine Kerze auf den geheimen Altar ihrer Erinnerung zu stellen. Die Erinnerung ist eine Religion. Ein Krieg. Hier ist er gut. Um Türen einzuschlagen, hohe Mauern zu zerstören und eintreten zu lassen.

Weiterlesen

Hier kommt Christa

Christa Ruland ist der Abschluss Hedwig Dohms Generationen-Trilogie, erschienen 1902. (Hier gehts zur Besprechung des ersten Teils und hier zu jener des zweiten.) Aus dem Buch weht einem die Jahrhundertwende entgegen, die Moderne ist angebrochen. Im Gegensatz zu den Protagonistinnen der ersten beiden Teile ist Christa Ruland keine tragische Einzelne. Im Gegenteil, sie ist Teil einer freundschaftlich verbundenen Frauengruppe, die mehr oder minder non-konformistisch gesinnt ist. Neben Christa, die eigentlich Volksrednerin werden will, sind da die Schriftstellerin Julia und die Malerin Anselma, aber auch eine professionelle Radfahrerin in Pumphosen steht mit ihnen in Verbindung.

Weiterlesen

Inferno

„Ziellos schlenderte Ursula durch die Strassen. Ihr Ziel war die Strasse selbst. Irgendeine.“ Ursula, die Protagonistin Mela Hartwigs Roman Inferno, macht sich die Nichtorte zu Orten, wie eine Situationistin schweift sie umher, als Künstlerin hat sie ein besonderes Auge für das Ephemere, eine Faszination für das Vorbeihuschende des Alltags.

Fröhlich will sie von ihrer wahrscheinlichen Zulassung zum Kunststudium der Familie berichten. Doch ihre Ausgelassenheit wird sofort zerstört. Wütend fährt ihr Bruder sie an; er trägt ein „dunkles Hemd“.
Noch bis zum Abschluss des Abiturs war ihr Charakter innerlich-träumerisch veranlagt. Nun sieht sie sich mit einer grausamen Realität konfrontiert: Die Nationalsozialist_innen ziehen in Österreich ein. Als Malerin versteht es Ursula, die Mienen und Gesichtszüge ihrer Mitmenschen zu deuten: die hasserfüllte Brutalität ihres Bruders, die sich in seinem Gesicht manifestiert, die langsam heraufgezogene und sich leise einrichtende Resignation ihres Vaters, der entgegengesetzter Überzeugung zum Trotz keine Möglichkeit sieht: Gesinnung könne mensch sich heute nicht mehr leisten.
Ursulas Bruder zwingt sie, ihn an die seiner Ansicht nach „historisch bedeutenden Einzugs-Ansprache“ zu begleiten.
Voller Sorge blickt sie auf die nahe Zukunft und fragt sich, ob ein Ja aus Zwang zu weiteren und damit zur Anpassung führen würde. Ihres Charakters zum Trotz ist Ursula in der Lage, die Gefahren des Kompromisses zumindest halb zu erkennen. Dennoch glaubt sie, zwischen zwei Übeln das geringere wählen zu können und beschliesst deshalb, den ihr angebotenen Freiplatz für das Kunststudium anzunehmen. Nach der „Einzugs-Ansprache“, die zahllose, auch viele Nicht-Nationalsozialist_innen euphorisierte, dämmert ihr die Erkenntnis über den hereingebrochenen Schrecken: Hatte ihr Bruder dem Vater zuvor schon Gewalt angedroht, wird er jetzt handgreiflich; aus dem Kurs im Zeichnensaal, den Ursula besucht, werden Studierende herausgerufen, die Zurückbleibenden sind vor Angst paralysiert. Beim zweiten Aufruf bringt sich ein Student vor aller Augen um.
Ursula hat das Glück, an einen Studenten zu geraten, der über die Ereignisse so schockiert ist wie sie. Sie stützen sich, spenden sich Trost und besprechen die Geschehnisse. (Und wie soll es auch sein: Sie kommen sich auch näher.) Wichtig sei, sagt er, gerade nicht Angst zu haben, denn damit kriegen sie die Leute in den Griff. Die Situation versetzt sie in einen psychischen Ausnahmezustand.

Antifaschistische Literatur bzw. Bücher über die Zeit des Nationalsozialismus inner- und ausserhalb des „Dritten Reiches“ gibt es nicht wenige. Doch im Gegensatz zu Irmgard Keun in Nach Mitternacht, die sich auf den stumpfsinnigen, aus Profitgier motivierten Konformismus des Kleinbürgertums konzentriert, beschreibt Hartwig in Inferno die an Leib und Leben erlebte Gefahr und den Terror, dem die Gedanken und Taten Nichtkonformen ausgesetzt sind.

Um Rat für ihre Situation zu erhalten, wendet sich Ursula an ihre einzige Freundin, obwohl sie sich seit deren Heirat voneinander entfremdet haben. Als Ursula mit dieser zusammentrifft, gesteht letztere, dass sie mit einem Juden verheiratet sei. Ursula ist schockiert. Sowohl die Freundin als auch ihr geliebter Kommilitone halten ihr entgegen, ob sie denn überhaupt Jüd_innen kenne, ob sie einen Grund wisse, weshalb sie diese Minderheit verachtet. Auf einmal sieht sie sich damit konfrontiert, sich mit ihrem unbewussten Antisemitismus auseinandersetzen zu müssen, mit dem sie sozialisiert worden ist.
Nichtsdestotrotz verhilft sie mit ihrem Geliebten der Freundin zur Flucht. Hartwig gelingt es, die beklemmende Atmosphäre und die drohenden Gefahren zivilen Widerstandes darzustellen. Indem sie Ursula als Figur mit antisemitischem Gedankengut portraitiert, gestaltet sie sie als komplexe und ambivalente Figur, sie ist als Protagonistin nicht a priori Sympathieträgerin. Es gibt kein plattes Schwarz-Weiss: hier die guten Widerständigen, dort die bösen Nationalsozialist_innen. Einerseits ist Ursula vom Auftreten und der Brutalität der Bewegung abgeschreckt, andererseits lehnt sie diese scheinbar jedoch nicht gänzlich ab.

Mensch könnte monieren, dass eine Geschichte über den Nationalsozialismus und dessen Folgen wie bei Anna Seghers entlang einer Liebesgeschichte erzählt wird. Schon wieder. Ja schon wieder. Im Gegensatz zu Seghers Transit ist die Liebesbeziehung zwischen Ursula und ihrem Geliebten immerhin stärker in die Handlung eingewoben. Und bietet nicht gerade diese intime Form zwischenmenschlicher Beziehung die Möglichkeit, Ursulas Gespaltenheit zwischen tiefer Zuneigung und entgegengesetzter Gesinnung in der ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit darzustellen?

Als Ursula jedoch Zeugin wird eines Tempelbrandes und grässlichen Jüd_innenpogroms, erkennt sie, dass das, was geworden ist, nicht sein darf. Einer spontanen Kurzschlussreaktion folgend lässt sie sich auf Wagnisse ein, deren Schwere und ihrer Verantwortung dabei sie sich erst allmählich bewusst wird.

Mela Hartwig und ihr Ehemann sind nach dem „Anschluss“ Österreichs ins Exil nach London geflohen. Davor war sie zunächst als Schauspielerin, dann als Schriftstellerin tätig gewesen. Nach dem Krieg machte sie kurzzeitig als Malerin auf sich aufmerksam. Vojin Sasa Vukadinovic macht in seinem Nachwort darauf aufmerksam, dass in Folge des Nationalsozialismus vertrieben Schriftstellerinnen besonders gründlich vergessen wurden. Deshalb kommt ihm das Verdienst zu, auf die Mimi Grossberg, Grete Hartwig Manschinger, Else Jerusalem, Emma Kann, Marta Karlweis, Ruth Landshoff-Yorck, Maria Lazar, Hertha Pauli oder Adrienne Thomas aufmerksam zu machen und auch das weitere Werk Mela Hartwigs zu würdigen. Ebenfalls gebührt dem Droschl Verlag Dank dafür, Mela Hartwigs Werk wieder zugänglich gemacht zu haben. Für die Publikation seien offensichtliche Orthographie- und Interpunktionsfehler korrigiert worden. Ansonsten folge der Druck dem 1948 fertiggestellten Typoskript. Damit bleiben die Spuren des nicht zu Lebzeiten publizierten Romans lesbar.

Mela Hartwig: Inferno. Graz-Wien 2018.

Die naive Kleinbürgerin

Nach der Chronologie der Publikation handelt es sich bei Hedwig Dohms Schicksale einer Seele um den zweiten Band ihrer Generationen-Trilogie. An diese Folge hält sich die Werkausgabe Edition Dohm. Der Logik der Trilogie zu Folge ist es der erste Band. (Den zuerst publizierten Band Sibilla Dalmar habe ich bereits besprochen.)

Unter editorischen Gesichtspunkten ist beim zweiten Band der Edition Dohm zu vermerken, dass er wiederum ein kluges Vorwort enthält. Die Herausgeberinnen gehen auf die formale Aspekte ein (gewisse Rezepient_innen kreiden dem Roman Dohms einen „schlichten Stil“ an) und kritisieren dabei auch die feministische Literaturwissenschaft, die in ihrer Dohm-Rezeption patriachale Ästhetik-Vorstellungen reproduziert und die stilistischen Finessen übersehen habe. Auch auf die Frage, ob es sich beim vorliegenden Roman um eine fiktionalisierte Autobiographie handelt, gehen sie ein und weisen auch in diesem Zusammenhang auf die Reproduktion ungeprüfter Aussagen und Annahmen hin. Im Gegensatz zum ersten Band der Edition enthält dieser angenehmerweise im Anhang Personen- und Sachanmerkungen, neben der schon aus dem ersten Band bekannten Dokumentation zeitgenössischer Rezensionen.

Weiterlesen

Die Nietzscheanerin

Der Roman Sibilla Dalmar aus dem Jahr 1896 ist eigentlich der zweite Teil von Hedwig Dohms (1831–1919) Drei-Generationen-Trilogie. Chronologisch betrachtet ist Sibilla Dalmar jedoch der erste publizierte Roman. (Die Besprechung von Dohms zweiten Roman findet sich hier.) Im Vorwort zum zweiten Roman beschrieb Dohm die mit der Trilogie verbundenen Idee:

In drei Romanen wollte ich drei Frauengenerationen des 19. Jahrhunderts schildern, deren Repräsentantinnen, den Durchschnitt zwar überragend, doch Typen ihrer Zeit sein sollten. […]

Es würden demnach meine drei Frauengenerationen die Lebensbilder von Grossmutter, Tochter und Enkelin entrollen.

Alle drei Romane dienen der Illustrierung des Pindarschen Spruches: ‚Werde, die du bist.‘

Die Herausgeberinnen Nikola Müller und Isabel Rohner orientieren sich für die Edition Dohm, in der sie das Werk der radikalen Feministin wieder zugänglich machen, an der chronologischen Publikationsfolge. So ist 2006 beim trafo Verlag in Berlin Sibilla Dalmar als der erste Band dieser Edition erschienen.

Weiterlesen