Halloween 2017: Hirnpower aus dem Weltraum

Ostern, Weihnachten und ähnlicher Quatsch kann mir gestohlen bleiben; mein Lieblingsfeiertag ist Halloween. Nicht wegen der Süssigkeiten oder der verkleideten Kinder, sondern weil das der einzige Feiertag ist, den man mit dem Schauen von Horrorfilmen begeht. Heute im Programm:

Das ist ein billiger Science-Fiction-Grusel-Heuler von 1957. Um sich den filmhistorischen Kontext vor Augen zu führen: Im selben Jahr kamen 12 Angry Man heraus, The Bridge on the River Kwai, Das siebente Siegel oder Kubricks Paths of Glory. Und eben dieses Meisterwerk der Filmgeschichte, in der ein Typ mit einer Axt auf einen riesigen Ballon in der Form eines Gehirns einschlägt. Aber der Reihe nach:

Da, schaut mal, das ist der Nuklearwissenschaftler Steve in seinem gemütlichen kleinen Wohnlabor. (Aber echt: Das ist irgendein herkömmliches Wohnzimmer, im dem Elektroschrott rumsteht.) Steve stellt auf seinen Messgeräten mehrere plötzliche Ausbrüche erhöhter Radioaktivität fest — und er weiss auch, woher selbige stammen: „Da geht irgendwas am Mystery Mountain vor sich.“ Möglicherweise etwas … Mysteriöses?

Gemeinsam mit seinem Assistenten Dan fährt Steve zum Mystery Mountain. Dort finden beiden eine Höhle, die vor ein paar Wochen noch nicht da war, meint jedenfalls Steven. Sie gehen hinein und laufen damit in ihr Verderben, denn in besagter Höhle treffen sie auf ein riesiges, schwebendes, halb durchsichtiges Gehirn. Mit Augen. Unsere Helden verlieren ein bisschen ihre Fassung, schiessen mit Pistole und Gewehr auf das komische Ding. Selbiges ist allerdings immun gegen Blei und attackiert Steve und Dan seinerseits mit einem Strahl, der den zweien das Bewusstsein raubt.

Steves Verlobte Sally macht sich Sorgen um ihren angehenden Ehemann: Seit Steve zusammen mit Dan zum Mystery Mountain gefahren ist, hat sie nichts mehr von ihm gehört. Und dabei ist das schon eine Woche her!
Just in dem Moment steht Steve bei ihr auf der Veranda. Zunächst freut sich Sally, aber dann findet sie, Steve habe sich verändert: „Du hast mich noch nie so geküsst!“
Steve ist als zurück, aber was ist mit Dan? Steve erklärt: „Ach, du kennst doch Dan. Im Herzen ist er ein Playboy. Eine Woche in den Bergen, und er musste nach Las Vegas, um sich zu erholen.“ (Soll wohl heissen, im Laufe einer Woche hat es sich bei Dan soweit aufgestaut, dass er dringen die Dienste einer Prostituierten brauchte.)
Dans Samenstau hin oder her, Steve macht mit dem Küssen weiter. „Davon kribbelt meine Zunge“, sagt Sally, durchaus nicht unerfreut. Doch dann wird Steve aufdringlich und zerreisst ihr das Oberteil; Sallys Hund Georgie fängt an zu bellen und fällt Steve an, der seinerseits dem Hund einen Tritt verpasst und wütenderweise mit dem Auto davonbraust.

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ZFF 2017: Rückschau

Einmal mehr ist eine Ausgabe des Zurich Film Festival zuende. Was mir davon am meisten geblieben ist: Der ZFF-Trailer ist des Teufels. Vor jeder verdammten Vorführung läuft das Ding; nach dem dritten, vierten Mal überkommen mich jeweils Aggressionen. Die Hackfressen im Filmchen kenne ich besser als das Gesicht meiner Freundin. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann fürs nächste Jahr einen neuen (und vor allem kürzeren) Trailer.

In diesem Jahr kam das Riffraff als Spielort hinzu, was ich sehr begrüsse. Dank der zusätzlichen Vorstellungen dort fiel dieses Jahr für mich die Notwendigkeit weg, die Weltreise hinaus in die Arena Cinemas zu unternehmen.
Im Übrigen ging es mir plötzlich auf: Die Tage des Zurich Film Festival sind die einzige Zeit im Jahr, in denen die Kitag-Kinos erträglich sind (zumindest das Corso). Keine halbe Stunde Werbung vor Filmbeginn, keine Pause mittendrin, ein Publikum, das nicht zu 90% aus doofen Teenagern besteht.

Bei der Vorstellung von 1945 flüsterte mir meine (etwas ältere) Sitznachbarin zu, ich solle Bescheid geben, wenn sie mich mit ihrem Popcornessen störe. Das fand ich rührend, aber unnötig: Popcorn gehört zum Kinoerlebnis hinzu, und gerade was das Zurich Film Festival anbelangt, wundert es mich immer wieder, wie überaus still das Publikum ist. Wie jeder Mensch mit Manieren hasse ich im Kino nichts mehr als Leute, die während der Vorstellung telefonieren, aber trotzdem finde ich, dass gerade an einem Festival mehr Leben herrschen dürfte. Nun ja, so ist das halt in der Schweiz.

Apropos Hass: Auf meiner Liste der Menschen, die nach der Revolution an die Wand gestellt gehören, steht der Typ mit den hochgesteckten Rastas ganz oben.

Mein Lieblingsfilm am Festival war On Body and Soul, mein persönlicher Tiefpunkt Lasst die Alten sterben.

 
Gewinnerfilme

Internationaler Spielfilmwettbewerb: Pop Aye (Kirsten Tan)
Internationaler Dokumentarfilmwettbewerb: Machines (Rahul Jain)
Spielfilmwettbewerb Schweiz/Deutschland/Österreich: Blue My Mind (Lisa Brühlmann)
Kritikerpreis: Blue My Mind (Lisa Brühlmann)
Publikumspreis: A River Below (Mark Grieco)

Alle weiteren Auszeichnungen findet man hier.

 
Die Kulturmutant-Übersicht zum ZFF 2017

1945 (Ungarisches Holocaustdrama)
Another News Story (Doku über die Medien in der Flüchtlingskrise)
Brigsby Bear (Tragikömodie über einen Bunkermenschen)
Lasst die Alten sterben vs. Die Gentrifizierung bin ich (Punks und Bünzlis im Schweizer Film)
Let There Be Light (Doku über Kernfusion)
My Life Without Air (Porträt des Weltmeisters im Freitauchen)
On Body and Soul (Ungarischer Liebesfilm)
Tiere (Schweizer David-Lynchiade)
Weightless (Psychodrama mit magischem Realismus)
You Were Never Really Here (Psychothriller mit Joaquin Phoenix)
ZFF 72 zum Thema „blau“ (Kurzfilmwettbewerb)

ZFF 2017: Weightless

Let There Be Light
Regie: Jaron Albertin
Drehbuch: Enda Walsh, Jaron Albertin
USA 2017; 99 min.
Internationaler Spielfilm / Wettbewerb

Joel (Alessandro Nivola) ist plötzlich gezwungen, sich um seinen Teenagersohn (Eli Haley) zu kümmern, nachdem dessen Mutter spurlos verschwunden ist. Der Junge ist schwer übergewichtig und spricht kein Wort. Dabei hat Joel selbst psychischen Probleme (es wird angedeutet, dass er einen Selbstmordversuch hinter sich hat) und bringt es gerade so fertig, mit seinem Job (auf einer Müllhalde) und einer Freundin zurechtzukommen. Jetzt aber sitzt dieses seltsame Kind bei ihm zuhause, während die Fürsorge Druck macht. Natürlich kommt das nicht gut.

Mitunter gehen mir die immer gleichen tristen Sozialdramen mit dokumentarischem Anhauch, die in unsere Arthousekinos gespült werden, auf die Nerven — da ist ein Film wie Weigthless eine Wohltat. Spielfilm-Debütant Jaron Albertin, der vom Musikvideo her kommt (und viel Werbung dreht), bedient sich eines sanften magischen Realismus. Es gibt also immer wieder surreale Momente oder poetische Blicke auf kleine Details.
Da kauft Joel zum Beispiel eine Matratze für seinen Sohn, entfernt die Plastikfolie und wirft diese zu Boden, nachdem er sie zusammengebauscht hat. Nun zeigt Albertin, wie sich diese Folie langsam knisternd wieder auffaltet.
Oder da fährt Joel einmal mit seinem Sohn zu einer Tankstelle, was unvermittelt in eine Traumsequenz übergeht, in der er und sein Kind in der Dunkelheit die Strasse entlang gehen. Sehr simpel, aber ziemlich beunruhigend.

Detail am Rande: Johnny Knoxville, der einstige Jackass-Star, spielt Joels Boss. Und Knoxville macht das verdammt gut.

ZFF 2017: My Life Without Air

My Life Without Air
Regie und Buch: Bojana Burnać
Kroatien 2017; 73 min.
Internationaler Dokumentarfilm / Wettbewerb

Ein Porträt von Goran Colak, dem Weltrekordhalter im Freitauchen (also im Luftanhalten). Ein Einblick in die teils skurrilen Details eines skurrilen Sports. Bojana Burnać verzichtet weitgehend auf erklärende Kommentare (ein-, zweimal äussert sich Colak selbst), lässt die Bilder für sich selbst sprechen, lässt den Bildern Zeit. Der Film ist so zurückhaltend und streng wie der Protagonist.

Ein Moment berührte mich besonders: Burnać zeigt einmal, wie sich Colak seine Wohnung verlässt. Statt nun zu schneiden, behält die Regisseurin das Bild bei. Wir sehen nichts als die leere Wohnung: spartanisch eingerichtet, präzise aufgeräumt, peinlich sauber. Fast schon steril. Das einzige Lebenszeichen ist ein Roomba, der leise über den Boden surrt und seine Arbeit tut. Obwohl sich Colak nicht einmal in der Szene befindet, lernt man hier wahnsinnig viel über ihn.

ZFF 2017: Another News Story

Another News Story
Regie: Orban Wallace
GB 2017; 86 min.
Internationaler Dokumentarfilm / Wettbewerb

2015 geht der britische Filmemacher Orban Wallace mit einem Team nach Griechenland, um die Flüchtlingskrise auf der Insel Lesbos festzuhalten. Dort beobachtet er, wie ein Gummiboot voller Menschen an der Küste landet — und wie sich eine Horde von Reportern und Kameraleuten darauf stürzt wie die Geier. Damit hat er sein Thema: Wie die Medienleute vor Ort mit der Krise umgehen.

Wallace geht die Balkanroute ab, an der sich die Flüchtlingsströme entlang bewegen. Er begegnet immer wieder denselben Leuten, unter den Flüchtlingen ebenso wie unter den Reportern. In den zwei Monaten, in denen Wallace und sein Team unterwegs sind, erleben sie zentrale Höhepunkt der Krise. Wir sehen die Folgen der unmenschlichen Politik Ungarns unter Präsident Viktor Orban. Wir sehen die Journalistin, die nach zwei Flüchtenden tritt (eine interessante Aufbereitung des Falls gibt es hier), sehen, wie der ertrunkene Dreijährige Alan Kurdi zum Symbol der Krise wird — und wir sehen, wie sich nach den Anschlägen in Frankreich um das Bataclan plötzlich die öffentliche Meinung unsinnigerweise gegen die Flüchtlinge richtet.

Nach der Vorführung bantwortet Orban dem Publikum ein paar Fragen; er trägt Frack, denn grad vorher fand die Preisverleihung im Opernhaus statt. (Another News Story gewann allerdings nichts.) Wie er erzählt, waren die Dreharbeiten eine spontane, ungeplante Sache. Am Anfang hatten sie Probleme, überhaupt die Kamera zum Laufen zu bringen, weil noch keiner von ihnen mit diesem Modell gearbeitet hatte. Geld hatten sie so gut wie keines; sie schliefen ebenso in Zelten wie die Flüchtlinge, die sie begleiteten. Das erklärt wohl, weshalb dem Film ein bisschen die Sicht auf das grosse Ganze abgeht. Wie ein Zuschauer anmerkt, fehlt zum Beispiel die Perspektive der Redaktionen, also der Leute, die die Reporter ins Feld schicken, die bestimmen, von wo berichtet wird. Aber Wallace wollte auch keine klassische Doku mit erklärenden Interviews, sondern einen Erlebnisbericht.

Wallace wird ausserdem danach gefragt, wie er und sein Team die eigene Position inmitten der Ereignisse reflektiveren. Im Grunde sind Wallace und Co. ja bloss ein weiteres Medienteam. Ein ständiger Krieg mit sich selbst sei das gewesen, so der Filmemacher. Ihre Rettung war der Unterschied zwischen News und Dokumentarfilm: Sie gingen nicht hin, um am Ende einen dreissigsekündigen Beitrag fürs Fernsehen zu drehen, sondern blieben am Thema dran und nahmen sich Zeit, es auszuerzählen.

ZFF 2017: Let There Be Light

Let There Be Light
Regie: Mila Aung-Thwin, Van Royko
Drehbuch: Van Royko
Kanada 2017; 80 min.
Internationaler Dokumentarfilm / Wettbewerb

Nukleare Fusion ist eine Alternative zur Kernspaltung und als solche eine eierlegende Wollmilchsau: eine fast unerschöpfliche, aber umweltschonende Energiequelle ohne radioaktive Abfälle. Klingt für mich fast ein bisschen zu gut, um wahr zu sein, aber es gibt Abertausende Wissenschaftler mit geringfügig besseren Kenntnissen der Teilchenphysik als ich, die daran arbeiten. So entsteht in Südfrankreich, unter Aufsicht der internationalen Organisation ITER, eine gigantische Maschine, in der man erstmals Fusion machen will (wenn alles klappt, schon im Jahre 2025).

Die kanadischen Dokumentarfilmer porträtieren das Projekt mit viel Begeisterung (zu viel Begeisterung?), und zeigen nebenher ein paar kleinere, privat finanzierte Projekte. Wer wird die technischen Probleme schliesslich überwinden? Die Leute vom internationalen Megaprojekt? Oder die Tüftler in ihren Garagen? Das wird die Zukunft zeigen. Der Optimismus der Beteiligten ist ansteckend, aber man fühlt auch die Frustration darüber, dass das öffentliche Interesse an der Fusion eingeschlafen ist und die Förderung mehr und mehr zusammenschrumpft.
Wie die Wissenschaftler betonen, ist die Fusion ein Projekt, das noch mehrere Generationen in Anspruch nehmen wird — wie früher der Bau einer Kathedrale. Aber diese Art von Langzeitdenken beisst sich natürlich damit, wie heutzutage Politik gemacht wird.

Ein Lob für den fantastischen Soundtrack von Trevor Anderson, der ein paar coole elektronische Einflüsse hat.
Eine Schelte für den Titel, der zum einen religiösen Unterton impliziert (den der Film zum Glück nicht hat)und zum anderen derart generisch ist, dass es kompliziert wird, den Film zu googeln. Und siehe da: Ebenfalls dieses Jahr kam ein anderer Film mit dem Titel Let There Be Light heraus: das Regiedebüt von Ex-Hercules-Darsteller Kevin Sorbo, der darin auch die Hauptrolle spielt — die Rolle eines Atheisten, der nach einer Beinahe-Todes-Erfahrung zum Christ wird. Jesses.