Kinorückschau 2017: Die Lustwiese der Ehre

Nachdem wir die schlechtesten Filme des Jahres durchgegangen sind, kommen wir zu den besten — jene Werke, die mich wieder damit versöhnen, dass ich den hoffnungslosen und unrentabeln Beruf des Filmkritikers ausübe. Jene Werke, die ich euch hiermit ans Herz lege.

 
13. Blue My Mind (Lisa Brühlmann, Schweiz 2017)
Ein Coming-of-Age-Drama über ein Zürcher Mädchen, das mit der Pubertät nicht nur die Sexualität für sich entdeckt, sondern an sich auch eine unheimliche Verwandlung feststellt. Die Dialoge klingen zum Teil furchtbar künstlich, teils aber auch herrlich natürlich: „Chli Cheekbones zeige!“ Ich habe ja den Verdacht, dass das damit zusammehängt, wie stark sich die Schauspieler ans Drehbuch halten – denn gerade die erwachsenen Professinellen sind kaum zum Aushalten. Aber vielleicht ist das auch grad die Absicht, und vielleicht täusche ich mich sowieso.
Wie dem auch sei: Sowohl in den gelungenen wie auch weniger gelungenen Momenten ist Blue My Mind ein erinnerungswürdiges Teenager-Märchen. (Wenn der Schweizer Filmnachwuchs künftig mehr sowas produziert und weniger 08/15-Sozialdramen, weisch wie wär ich froh!)

12. Rue de blamage (Aldo Gugolz, Schweiz 2017)
Jedes Mal, wenn ich von Zürich aus nach Luzern fahre, seh ich vom Zug aus die Statue auf dem Kreuzstutz-Kreisel: Ein riesiger Mann aus Beton mit blauen Metallstangen in den Händen. Was es damit auf sich hat, erfährt man in diesem Dokumentarfilm, und auch, was sich sonst so tut und was für Leute da leben an der Baselstrasse (dem Ghetto von Luzern). Regisseur Gugolz kommt erstaunlich nah ran an die Leute, ohne zum Voyeur zu werden; diese Balance muss man erst einmal hinbekommen.

11. Atomic Blonde (David Leitch, USA/Deutschland/Schweden 2017)
Dieses Jahr kam ja leider kein neuer Film von Nicolas Winding Refn ins Kino, aber Atomic Blonde ist the next best thing: Mit dem 80er-Jahre-Soundtrack, den neon-düsteren Bildern und der knallharten Gewalt erinnert diese James-Bond-Variation stark an das Werk des Dänen. Refn für den Mainstream, sozusagen. Charlize Theron empfiehlt sich nach Mad Max: Fury Road und diesem Film als weibliche Actionheldin unserer Zeit.
(Im Übrigen verdienen die Filmemacher Lob dafür, aus einer lahmen Vorlage etwas Lohnenswertes gemacht zu haben.)

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Kinorückschau 2017: Die Müllhalde der Schande

Schon klar, ich bin wieder verdammt spät dran mit meiner Kinorückschau. Aber man ist nicht zu spät, solang es noch Spinner gibt, die ihre Weihnachtsdekoration nicht weggeräumt haben.
Also: Welche Kinofilme haben mit 2017 begeistert? Welche hätten mir das Medium Film beinahe verekelt?
Wie üblich, kommen hiermit erst die schlechtesten Filme; der Beitrag mit den besten folgt demnächst.
Eins vorweg: Aufgrund einer beruflichen Änderung war ich 2017 nicht mehr darauf angewiesen (jedenfalls längst nicht mehr im selben Masse), Aufträge für Filmkritiken anzunehmen, sondern konnte weitgehend selbst entscheiden, welche Werke ich mir ansehe – soll heissen, ich liess eine Menge Filme bewusst aus. Kein Matthias Schweighöfer diesmal!
Bei jenen Filmen, über die ich schonmal was geschrieben hab, gibts entsprechende Verlinkungen.
Und ja, es wird im Folgenden extremst griesgrämig. Ihr seid gewarnt.

 
12. La La Land (Damien Chazelle, USA 2016)
Ihr könnt mich alle mal! La La Land fiel für mich als Musical grundsätzlich mal flach, weil mich kein Song und keine Tanznummer herausragend dünkte. Findet echt niemand sonst, dass der anzitierte Singin‘ in the Rain (1952) ein völlig anderes Niveau hat? Wirklich gestört hat mich aber, dass La La Land etwas aussagen will, nämlich über die Liebe zur Kunst und die Kompromisse, die man dafür eingehen muss, nicht zuletzt im Beziehungsleben. Ein interessantes Thema, zu dem der Film leider nur banale Antworten parat hat, ganz zu schweigen davon, dass die beiden Hauptfiguren die geistige Reife von Dreijährigen an den Tag legen. Ich konnte Mia und Sebastian auf den Tod nicht ausstehen (und dabei bin ich ein Fan von Emma Stone und Ryan Gosling).

11. Tiere (Greg Zglinski, Schweiz/Österreich/Polen 2017)
„David Lynch für den Kindergarten“, war mein Urteil nach der Sichtung am ZFF. Und dabei bleibe ich.

10. This Beautiful Fantastic (Simon Aboud, GB 2016)
Einer exzentrischen jungen Frau (Jessica Brown Findlay), die unter diversen Neurosen leidet, droht der Rauswurf aus ihrem Haus, sofern sie ihren Garten nicht in Ordnung bringt, aber wegen ihrer Neurosen fällt ihr das schwer. Zum Glück helfen ihr der bärbeissige Nachbar (Tom Wilkinson) und dessen netter Koch (Andrew Scott).
Der britische Filmemacher Simon Aboud hat Le fabuleux destin d’Amélie Poulain (2001) gesehen und sich gesagt: „Das kann ich auch.“ Nein, kann er nicht. This Beautiful Fantastic kopiert die Amélie teilweise bis in die Details (die Frisur!), soll ebenso charmant, herzerwärmend und exzentrisch sein, ist aber bloss einfallslos, klischiert und nervtötend.

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Biedermann und das Quadrat

Letzthin hab ich im Riffraff The Square gesehen, den neuen Film von Ruben Östlund, eine Satire auf den schwedischen Kunstbetrieb. Manchmal an der Grenze zur Plattheit: Ziemlich am Anfang hat Christian (Claes Bang) — Kurator eines Museums für Gegenwartskunst und Hauptfigur der Handlung — ein Interview mit einer amerikanischen Journalistin (Elisabeth Moss). Sie konfrontiert ihn mit einem Text von der Webseite des Museums (es ist der Beschrieb zu einer Ausstellung), einen Text, den Christian offenbar selbst nicht versteht. Haha, Kunsttexte sind schwer verständlich, sehr originell.

Lustiger sind da schon kleine, feine Beobachtungen. Der Raum, in dem das Interview stattfindet, enthält auch eine Installation, bestehend aus vielen Schotterhäufchen. An der einen Wand sitzt eine leicht übergewichtige Aufseherin auf einem Klappstuhl — das Bild hat etwas Rührendes. Einmal werfen Besucher einen Blick in den Raum, trauen sich aber nicht, hineinzugehen. Ein andermal kommt dann tatsächlich einer rein, so ein richtiger Hipster. Als er die Installation fotografieren will, bellt die Aufseherin, dass er das nicht dürfe. Das hat etwas von einem Roy-Anderson-Film.

Was einem aber wirklich im Gedächtnis bleibt, sind die Szenen, in denen Regisseur Östlund den Hebel bei sozialen Konventionen und Interaktionen ansetzt. Nach der Vernissage-Party schläft Christian mit der Journalistin. Ist schon der Akt in seiner alltäglichen Lächerlichkeit witzig, so wird es richtiggehend brutal, als die Frage aufkommt, wer das Kondom entsorgt — ein Abgrund der Geschlechterkriegs tut sich auf.
Die Journalistin hat übrigens einen Schimpansen zum Haustier. Es gibt nie eine Erklärung dazu, aber ich seh darin eine Anspielung auf Max, Mon Amour.

Herzstück des Films ist die Szene, die auch das Plakat ziert. Da hocken während eines Empfangs die ganzen reichen Gönner und Kulturmenschen herausgeputzt im Festsaal und erwarten ergebendst eine Performance. Da tritt auch schon der Künstler auf. Sein Ding: Er benimmt sich wie ein Affe. Prothesen an den Armen ermöglichen ihm einen Gang wie der eines Gorillas; er brüllt und grunzt, betatscht die Leute, benimmt sich immer wilder. Es dauert nicht lange, bis die Situation eskaliert.
Eine unglaubliche Szene, ein bitterböser Kommentar auf das Verhältnis von Künstlern und Publikum. Auf begüterte Bildungsbürger und Mäzene, die sich Künstler wie Haustiere halten, aber es gar nicht goutieren, wenn sich diese Haustiere daneben verhalten. Darauf, dass Künstler gern provozieren dürfen, dabei aber bloss nicht die gemütliche Konsumentenrolle des Publikums stören sollen. Überhaupt auf die Grenze zwischen Künstler und Publikum, auf das Rollenverständnis, auf die festgefahrenen Konventionen im herkömmlichen Kunstbetrieb.
Hat man The Square gesehen, kriegt man Lust, mit einer Fakel und einem Kanister Benzin ins nächste Kunsthaus zu rennen.

(Den Künstler spielt übrigens Terry Notary, der sich ganz wie der berühmtere Andy Serkis auf die Darstellung von Motion-Capture-Kreaturen spezialisiert hat, vor allem Affen: Kong in Kong: Skull Island, Rocket in der neuen Planet of the Apes-Trilogie.)

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Halloween 2017: Hirnpower aus dem Weltraum

Ostern, Weihnachten und ähnlicher Quatsch kann mir gestohlen bleiben; mein Lieblingsfeiertag ist Halloween. Nicht wegen der Süssigkeiten oder der verkleideten Kinder, sondern weil das der einzige Feiertag ist, den man mit dem Schauen von Horrorfilmen begeht. Heute im Programm:

Das ist ein billiger Science-Fiction-Grusel-Heuler von 1957. Um sich den filmhistorischen Kontext vor Augen zu führen: Im selben Jahr kamen 12 Angry Man heraus, The Bridge on the River Kwai, Das siebente Siegel oder Kubricks Paths of Glory. Und eben dieses Meisterwerk der Filmgeschichte, in der ein Typ mit einer Axt auf einen riesigen Ballon in der Form eines Gehirns einschlägt. Aber der Reihe nach:

Da, schaut mal, das ist der Nuklearwissenschaftler Steve in seinem gemütlichen kleinen Wohnlabor. (Aber echt: Das ist irgendein herkömmliches Wohnzimmer, im dem Elektroschrott rumsteht.) Steve stellt auf seinen Messgeräten mehrere plötzliche Ausbrüche erhöhter Radioaktivität fest — und er weiss auch, woher selbige stammen: „Da geht irgendwas am Mystery Mountain vor sich.“ Möglicherweise etwas … Mysteriöses?

Gemeinsam mit seinem Assistenten Dan fährt Steve zum Mystery Mountain. Dort finden beiden eine Höhle, die vor ein paar Wochen noch nicht da war, meint jedenfalls Steven. Sie gehen hinein und laufen damit in ihr Verderben, denn in besagter Höhle treffen sie auf ein riesiges, schwebendes, halb durchsichtiges Gehirn. Mit Augen. Unsere Helden verlieren ein bisschen ihre Fassung, schiessen mit Pistole und Gewehr auf das komische Ding. Selbiges ist allerdings immun gegen Blei und attackiert Steve und Dan seinerseits mit einem Strahl, der den zweien das Bewusstsein raubt.

Steves Verlobte Sally macht sich Sorgen um ihren angehenden Ehemann: Seit Steve zusammen mit Dan zum Mystery Mountain gefahren ist, hat sie nichts mehr von ihm gehört. Und dabei ist das schon eine Woche her!
Just in dem Moment steht Steve bei ihr auf der Veranda. Zunächst freut sich Sally, aber dann findet sie, Steve habe sich verändert: „Du hast mich noch nie so geküsst!“
Steve ist als zurück, aber was ist mit Dan? Steve erklärt: „Ach, du kennst doch Dan. Im Herzen ist er ein Playboy. Eine Woche in den Bergen, und er musste nach Las Vegas, um sich zu erholen.“ (Soll wohl heissen, im Laufe einer Woche hat es sich bei Dan soweit aufgestaut, dass er dringen die Dienste einer Prostituierten brauchte.)
Dans Samenstau hin oder her, Steve macht mit dem Küssen weiter. „Davon kribbelt meine Zunge“, sagt Sally, durchaus nicht unerfreut. Doch dann wird Steve aufdringlich und zerreisst ihr das Oberteil; Sallys Hund Georgie fängt an zu bellen und fällt Steve an, der seinerseits dem Hund einen Tritt verpasst und wütenderweise mit dem Auto davonbraust.

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ZFF 2017: Rückschau

Einmal mehr ist eine Ausgabe des Zurich Film Festival zuende. Was mir davon am meisten geblieben ist: Der ZFF-Trailer ist des Teufels. Vor jeder verdammten Vorführung läuft das Ding; nach dem dritten, vierten Mal überkommen mich jeweils Aggressionen. Die Hackfressen im Filmchen kenne ich besser als das Gesicht meiner Freundin. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann fürs nächste Jahr einen neuen (und vor allem kürzeren) Trailer.

In diesem Jahr kam das Riffraff als Spielort hinzu, was ich sehr begrüsse. Dank der zusätzlichen Vorstellungen dort fiel dieses Jahr für mich die Notwendigkeit weg, die Weltreise hinaus in die Arena Cinemas zu unternehmen.
Im Übrigen ging es mir plötzlich auf: Die Tage des Zurich Film Festival sind die einzige Zeit im Jahr, in denen die Kitag-Kinos erträglich sind (zumindest das Corso). Keine halbe Stunde Werbung vor Filmbeginn, keine Pause mittendrin, ein Publikum, das nicht zu 90% aus doofen Teenagern besteht.

Bei der Vorstellung von 1945 flüsterte mir meine (etwas ältere) Sitznachbarin zu, ich solle Bescheid geben, wenn sie mich mit ihrem Popcornessen störe. Das fand ich rührend, aber unnötig: Popcorn gehört zum Kinoerlebnis hinzu, und gerade was das Zurich Film Festival anbelangt, wundert es mich immer wieder, wie überaus still das Publikum ist. Wie jeder Mensch mit Manieren hasse ich im Kino nichts mehr als Leute, die während der Vorstellung telefonieren, aber trotzdem finde ich, dass gerade an einem Festival mehr Leben herrschen dürfte. Nun ja, so ist das halt in der Schweiz.

Apropos Hass: Auf meiner Liste der Menschen, die nach der Revolution an die Wand gestellt gehören, steht der Typ mit den hochgesteckten Rastas ganz oben.

Mein Lieblingsfilm am Festival war On Body and Soul, mein persönlicher Tiefpunkt Lasst die Alten sterben.

 
Gewinnerfilme

Internationaler Spielfilmwettbewerb: Pop Aye (Kirsten Tan)
Internationaler Dokumentarfilmwettbewerb: Machines (Rahul Jain)
Spielfilmwettbewerb Schweiz/Deutschland/Österreich: Blue My Mind (Lisa Brühlmann)
Kritikerpreis: Blue My Mind (Lisa Brühlmann)
Publikumspreis: A River Below (Mark Grieco)

Alle weiteren Auszeichnungen findet man hier.

 
Die Kulturmutant-Übersicht zum ZFF 2017

1945 (Ungarisches Holocaustdrama)
Another News Story (Doku über die Medien in der Flüchtlingskrise)
Brigsby Bear (Tragikömodie über einen Bunkermenschen)
Lasst die Alten sterben vs. Die Gentrifizierung bin ich (Punks und Bünzlis im Schweizer Film)
Let There Be Light (Doku über Kernfusion)
My Life Without Air (Porträt des Weltmeisters im Freitauchen)
On Body and Soul (Ungarischer Liebesfilm)
Tiere (Schweizer David-Lynchiade)
Weightless (Psychodrama mit magischem Realismus)
You Were Never Really Here (Psychothriller mit Joaquin Phoenix)
ZFF 72 zum Thema „blau“ (Kurzfilmwettbewerb)

ZFF 2017: Weightless

Let There Be Light
Regie: Jaron Albertin
Drehbuch: Enda Walsh, Jaron Albertin
USA 2017; 99 min.
Internationaler Spielfilm / Wettbewerb

Joel (Alessandro Nivola) ist plötzlich gezwungen, sich um seinen Teenagersohn (Eli Haley) zu kümmern, nachdem dessen Mutter spurlos verschwunden ist. Der Junge ist schwer übergewichtig und spricht kein Wort. Dabei hat Joel selbst psychischen Probleme (es wird angedeutet, dass er einen Selbstmordversuch hinter sich hat) und bringt es gerade so fertig, mit seinem Job (auf einer Müllhalde) und einer Freundin zurechtzukommen. Jetzt aber sitzt dieses seltsame Kind bei ihm zuhause, während die Fürsorge Druck macht. Natürlich kommt das nicht gut.

Mitunter gehen mir die immer gleichen tristen Sozialdramen mit dokumentarischem Anhauch, die in unsere Arthousekinos gespült werden, auf die Nerven — da ist ein Film wie Weigthless eine Wohltat. Spielfilm-Debütant Jaron Albertin, der vom Musikvideo her kommt (und viel Werbung dreht), bedient sich eines sanften magischen Realismus. Es gibt also immer wieder surreale Momente oder poetische Blicke auf kleine Details.
Da kauft Joel zum Beispiel eine Matratze für seinen Sohn, entfernt die Plastikfolie und wirft diese zu Boden, nachdem er sie zusammengebauscht hat. Nun zeigt Albertin, wie sich diese Folie langsam knisternd wieder auffaltet.
Oder da fährt Joel einmal mit seinem Sohn zu einer Tankstelle, was unvermittelt in eine Traumsequenz übergeht, in der er und sein Kind in der Dunkelheit die Strasse entlang gehen. Sehr simpel, aber ziemlich beunruhigend.

Detail am Rande: Johnny Knoxville, der einstige Jackass-Star, spielt Joels Boss. Und Knoxville macht das verdammt gut.