Fantoche 2017: Fisch, Katze, Dino

Letzte Woche war Fantoche – siehe meine Vorschau beim Züritipp. Ich hab mich dann auch höchstselbst nach Baden begeben, um mir möglichst viel anzugucken. Die offiziellen GewinnerInnen der Jury- und Publikumspreise sind allesamt hier aufgeführt, im Folgenden weise ich auf meine persönlichen Festival-Lieblinge hin.

L’acteur
Die Retrospektive war dieses Jahr dem französischen Animationsfilmer Jean-François Laguionie gewidmet, der seit über fünfzig Jahren in der Branche werkelt. Neben seinen letzten beiden Langfilmen Louise en hiver und Le Tableau sowie einem Dokumentarfilm über den Mann, gabs auch einen Programmblock mit Kurzfilmen. L’acteur (1975) ist die grandiose kleine Geschichte eines Theaterschauspielers, der sich vor einer Aufführung Spiegel schminkt, sich nach der Aufführung wieder abschminkt und anschliessend nach Hause geht. Wir sehen zum grössten Teil nicht mehr als das Gesicht des Schauspielers im Spiegel, und doch ist L’acteur aussergewöhnlich fesselnd und berührend.

Nachtstück
Regisseurin Anne Breymann erzählte im kleinen Q&A vor der Vorstellung, dass zwei Dinge ihr die Idee für ihren Kurzfilm gaben: Zum einen das Glücksspiel, zum anderen Steinmännchen. In Nachtstück gehts dann auch um Waldgeister, die sich nächstens auf einer Lichtung treffen, um gegeneinander zu spielen. Dies sind die Regeln: Man würfelt mit einer Handvoll Steinchen und knallt den Würfelbecher schliesslich auf den Tisch. Wer dabei das höhere Steinmännchen produziert, hat gewonnen. Bei den zwei Spielern in der Geschichte geht es dann sehr schnell um alles oder nichts. Sehr spannend, sehr atmosphärisch.

Negative Space
Während ein Mann zur Beerdigung seines Vaters geht, reflektiert er über sein Verhältnis zu diesem. Andere Väter und Söhne bauen zum Beispiel über die Beschäftigung mit Autos eine Beziehung auf, beim Ich-Erzähler und seinem Vater hingegen war es das Packen von Koffern.
Max Porter und Ru Kuwahata haben hier ein kleines Meisterwerk klassischer Erzählkunst hinbekommen: Sie übermitteln dem Publikum alle nötigen Informationen auf denkbar eleganteste Art und Weise*, finden einige wunderschöne Bilder** und beenden ihren Film mit einer simplen, aber genialen Pointe, für die es beide Male, als ich den Film sah, spontanen Applaus von den Zuschauern gab.

* Beispiel: Beim Blick in die Vergangenheit sehen wir die Mutter mit einer Zigarette in der Hand. In der Gegenwart sehen wir dann eine alte Frau in Trauerkleidung — als wir die Zigarette in ihrer Hand entdecken, identifizieren wir sie sofort als die Mutter. So banal das klingen mag, es ist vor allem ein tolle Nutzung von Bildsprache.
** Beispiel: Da fantasiert der Ich-Erzähler mal das Innere eines Koffers als Ozean, wo die Meerestiere Unterhosen oder Hemden sind.

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Commando: Let off some steam

Cooke: You scared, motherfucker? Well, you should be, because this Green Beret is going to kick your big ass!
Matrix: I eat Green Berets for breakfast. And right now, I’m very hungry!
Cindy: I can’t believe this macho bullshit …

Commando ist ein Meisterwerk des Actionfilms, einer der besten Filme aller Zeiten und etablierte Arnold Schwarzenegger endgültig als muskelbepackten Actionhelden, der reihenweise One-liner von sich gibt. (Damals hatte er eben erst seinen Durchbruch mit den beiden Conan-Filmen und The Terminator.)
Schwarzenegger ist hier John Matrix (!), einst Leiter eines Spezialkommandos, jetzt aber im Ruhestand. Da entführen böse Leute seine Tochter (gespielt von einer blutjungen Alyssa Milano, die gerade eben in Who’s the Boss? angefangen hatte. Embrace of the Vampire und Charmed waren noch ein paar Jahre hin.) Die Lumpenhunde stellen Matrix vor die Wahl: Entweder, er reist sofort gen Lateinamerika ab, um ein bestimmtes Staatsoberhaupt zu töten – oder er kriegt das Mädchen per Post in Einzelteilen zugeschickt.
(Die Filmlogik will es, dass Matrix und sein Team einst einen Diktator ab- und einen guten Demokraten an seine Stelle setzten. Wie es die USA in Südamerika halt stets gemacht haben. Nun will der Diktator seinen Posten zurück.)
Die Schufte setzen Matrix in ein Flugzeug, er springt jedoch während des Startes ab, nachdem er seinen Bewacher heimlich das Genick gebrochen hat. (Zur Stewardess: „Don’t disturb my friend, he’s dead tired.“) Jetzt hat er genau elf Stunden, bevor das Flugzeug am Reiseziel ankommt und sein Manöver auffliegt. Bis dahin muss er die Spitzbuben ausschalten und seine Tochter finden. Immerhin hilft ihm dabei die Flugbegleiterin Cindy (Rae Dawn Chong).

Hier einige Bemerkungen zum Film:

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Locarno 2017: Lucky

Lucky
Regie: John Carroll Lynch
USA 2017, 88 Min.
Retrospettiva

Denkt an Fargo (den Film, nicht die überflüssige Serie). Die Polizistin hat einen Mann, Norm, der Enten malt für einen Briefmarken-Wettbewerb. John Carroll Lynch hat ihn gespielt, einer jener ewigen Nebendarsteller, die dauernd irgendwo auftauchen, ohne dass man sich ihre Namen merken würde (Face/Off, Gothika, Gran Torino, Ted 2, The Walking Dead etc.)

Lynch hat nun seinen ersten Film als Regisseur gedreht, Lucky, was nicht nur der Titel, sondern auch der Name der Hauptfigur ist. Lucky ist ein 90-jähriger Greis, glaubt nicht an Gott, lebt in einem abgelegenen Wüstenkaff, spult jeden Tag mehr oder weniger dieselbe Routine ab: Fitnessübungen nach dem Aufstehen, Zigaretten holen, Gameshows gucken, in der Lieblingsbar eine Bloody Mary trinken. Und rauchen. Jede Menge rauchen.
Lucky ist ein sensationeller kleiner Film, zunächst einmal wegen Harry Dean Stanton in der Hauptrolle. Wie Lynch ist er ein ewiger Nebendarsteller (und das schon seit 1956), hat sich aber immerhin mit Wim Wenders Paris, Texas zum Indie-Darling hochgearbeitet.
Stanton ist auch im echten Leben 90 Jahre alt (inzwischen 91), sieht allerdings aus wie 147. Ein ledriges, freundliches Reptil, dessen Worte man mitunter schwer versteht und dessen Gesichtszüge im Gesicht festgefräst scheinen – umso heftiger ist aber der Effekt, wenn Stanton aus dieser lethargischen Art ausbricht. Minimales Schauspiel, maximale Wirkung.

Lange bevor Lynch dazustiess, schrieben Logan Sparks und Drago Sumonja ihrem guten Freund Stanton das Drehbuch auf den Leib (wie Sparks im Podiumsgespräch erzählt). Angeblich haben sie nichts viel mehr gemacht, als die Lebensweisheiten des alten Mannes festzuhalten.
(Rührend übrigens, wie ergriffen Sparks da ist. Lucky feierte seine internationale Premiere im FEVI, dem grössten Kinosaal der Schweiz mit um die 3’500 Plätzen, fast völlig ausgelastet. „Da drin waren mehr Leute als in meiner Heimatstadt leben, wo wir gedreht haben!“)
Die erwähnten Lebensweisheiten sind vielleicht nicht immer ganz so tiefsinnig, wie gedacht (anscheinend ist Stanton ein Fan vom New-Age-Schwurbler Eckhart Tolle), zeichnen aber das Bild eines exzentrischen, spannenden Charakters.

Von Stanton abgesehen ist Lucky deswegen ein sensationeller kleiner Film, weil er eben ein kleiner Film ist. Zum grössten Teil besteht er aus einer Aneinanderreihung belangloser Geschehnisse, eine Handlung (mit Dramaturgie und so) gibt es nur ansatzweise: Eines Morgens hat Lucky eine Art Schwächeanfall und fällt hin. Sein Doktor (Ed Begley Jr.) empfiehlt ihm daraufhin, einen Heimpflegedienst in Anspruch zu nehmen – aber noch bevor man sagen kann: „Hui, ich weiss schon, worauf das hinausläuft“, endet dieser Handlungsstrang in der Sackgasse. Luckys lebt sein Leben mehr oder weniger so weiter wie bisher. Diese Verweigerung dramatischer Konsequenzen macht mir den Film ewig sympathisch.
Allerdings, Lucky kommt nach dem Unfall schon ein klein wenig ins Grübeln, wegen Sterblichkeit und Einsamkeit und so. Vielleicht öffnet er sich seinem Umfeld gegenüber. Aber wird er seine atheistische Weltsicht überdenken? Nein, wird er nicht, denn wir sind hier nicht bei The Bucket List oder einem ähnlichen Mistfilm. Im Gegensatz zu einem Mistfilm wie The Bucket List verkneift sich Lucky auch jegliche Sentimentalität (wo der Film in dieselbe zu kippen droht, bewahrt ihn stets Lynchs zurückhaltende Inszenierung davor).

Apropos Lynch: In einer Nebenrolle ist David Lynch zu sehen (nicht mit dem Regisseur verwandt, soweit ich das sehe), als Besitzer einer Schildkröte, die Reisaus genommen hat (dieser Lynch und Stanton sind ja alte Freunde, die schon vielfach zusammengearbeitet haben). Oder Tom Skerritt als ehemaliger Soldat, der mit Lucky (Ex-Navy) traurige Kriegsgeschichten austauscht (ein kleiner Bonus für Fans: Stanton und Skerritt sind zuletzt vor fast vierzig Jahren gemeinsam aufgetreten, nämlich in Alien). Oder da wären Beth Grant als Barbesitzerin und James Darren als ihr Freund. Oder Barry Shabaka Henley als Wirt des örtlichen Diners (die Rolle, die ursprünglich John Carroll Lynch hätte spielen sollen, bevor er den Regiestuhl übernahm). Ed Begley Jr. als Arzt hab ich schon erwähnt. Will sagen: Lucky versammelt einige der besten Namen, die das Hollywood-Altenheim zu bieten hat, und es ist eine Freude, diesen VeteranInnen zuzuschauen.

Zum Abschluss eine Beobachtung. Dieses Jahr kamen/kommen folgende drei Filme ins Kino: Logan, Lucky und Logan Lucky. So was Albernes, pfui!

Und noch eine allerletzte Anmerkung: Einer unserer Nachbarn hat einen Mops namens Lucky. Es vergeht kaum ein Tag in meinem Leben, an dem ich besagten Nachbarn nicht nach Lucky rufen höre.

Allerallerletzte abschliessende Überlegung am Rande: John Carroll Lynch hat am Podiumsgespräch auch erzählt, wie er ab und zu mit Stanton zu kämpfen hatte, weil dieser sich nicht genau an die Worte im Drehbuch hielt. Er (also Lynch) habe aber darauf bestanden, weil schliesslich jedes Wort im Drehbuch genau überlegt sein, von seiner Bedeutung und seinem Rhythmus her. Das ist genau die gegenläufige Arbeitsweise zu Verão Danado, wo die Dialoge von den Schauspielern improvisiert wurden — und der mir eben auch auf die Nerven ging, weil die Figuren viel austauschbaren Stuss von sich geben.
Schon klar, beide Filme hatten ganz unterschiedliche Zielsetzungen, aber das Beispiel zeigt vielleicht, dass man bei improvisierten Dialogen extrem darauf aufpassen muss, was am Ende herauskommt; dass man dabei angewiesen ist auf sprachgewandte Schauspieler und einen konsequenten Cutter.

Locarno 2017: Jacques Tourneur – Kurzfilme

Das PalaCinema ist nicht die einzige bauliche Änderung: Zu meinem tiefen Entsetzen musste ich feststellen, dass irgendwelche Unmenschen das Ex*Rex umgebaut haben. Die alten und abgewetzten, aber coolen weissen Ledersessel von einst wurden gegen neue, rote ausgetauscht. In so einer Umgebung kann man doch keine Retrospektiven zeigen! Noch schlimmer: Das Ex*Rex heisst jetzt GranRex. Und das prangere ich an.

 
Kurzfilme von Jacques Tourneur
USA, diverse
Retrospettiva

Die diesjährige Retrospektive ist Jacques Tourneur gewidmet, der so einige Meisterwerke des Horrorfilms schuf: Cat People (1942), I Walked with a Zombie (1943), Night of the Demon (1957) und mehr.
Aber die Retrospektive präsentiert auch sein restliches Zeug, die Kurzfilme zum Beispiel, die er von 1936 bis 1942 für MGM inszenierte, Auftragsarbeiten unterschiedlicher Art:
Propagandafilme wie Yankee Doodle Goes to Town (Sinngemäss: „Hört nicht auf die Pessimisten, wir werden den Zweiten Weltkrieg schon überstehen.“).
Kurzdokus über den Mann in der eisernen Maske oder über den Fluch und Segen des Radiums (die damaligen Hoffnungen in das Element als Heilmittel haben sich im Rückblick irgendwie nicht erfüllt).
Oder kuriose Storys wie Killer Dog (Parodie auf sensationalistische Berichterstattung: ein Hund wird vor Gerichts des Mordes an Schafen angeklagt) oder The Incredible Stranger (das Highlight des Programmblocks; mehr sag ich dazu gar nicht, schaut euch das Ding mal an, wenn ihr die Gelegenheit erhaltet, husthustyoutubehust). Sehr witzig ist auch The Grand Bounce.

Die Inszenierung ist immer ungefähr dieselbe: Die (durchaus aufwändigen Bilder) bleiben weitgehend stumm, abgesehen von der Musik und der Stimme eines Erzählers. Drei oder vier Beispiele stammten aus der MGM-Serie The Passing Parade, gesprochen vom damals wohl ziemlich bekannten John Nesbitt.
Lustiges Detail am Rande: In einigen der Kurzfilme wird Jacques Tourneur als „Jack Tourneur“ geführt (immerhin nicht als „Jack Turner“).

Als letztes im Programmblock kam Films de famille: schlicht ein Zusammenschnitt von Homevideos aus dem Privatzbesitz der Familie Tourneur. Da sieht man einen Segelausflug, den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer oder wie Tourneurs Frau ein Reh füttert. Packend, fesselnd, zum Nachdenken anregend. Am bemerkenswertesten ist noch, dass John Kelly, der in The Grand Bounce einen Boxer spielte, beim Segelausflug dabei war.
Auf 16mm gedreht, sind die Aufnahmen tonlos – doch bei der Aufbereitung haben sich irgendwelche Tonfragmente hineingeschlichen; ein dumpfen, maschinelles Stampfen und Dröhnen, das sich wie eine Vorform der Nine Inch Nails anhört. Zusammen mit den Homevideobildern ergibt das einen Effekt des totalen existenzialistischen Grauens.

Apropos Projektion: Wer auch immer in der Projektionskabine hockte, hatte anscheinend einen schlechten Tag, denn es gab eine ganze Reihe von Ton- und Bildausfällen. Es war aber amüsant, nach dem x-ten Mal an die zweihundert Leute gleichzeitig resigniert seufzen zu hören.

Filmfestival Locarno 2017: Verão Danado

Holy FUCK, ist es dieses Jahr heiss in Locarno! Wenn man ein Kino verlässt, fühlt es sich an, als würde man aus einer Tiefkühltruhe in einen aktiven Vulkan springen. Zwei Schritte in der Sonne und BAMM!, man verzischt in einer Dampfwolke. Passend also, dass ich mir als erstes einen Film angesehen habe, dessen Titel auf Deutsch soviel heisst wie Verdammter Sommer.

 
Verão Danado
Regie: Pedro Cabeleira
Portugal 2017, 128 Min.
Concorso Cineasti del presente

Da dieser Film von einer Generation handelt, die ziellos vor sich hindümpelt, darf es wahrscheinlich nicht wundern, dass auch die Handlung ziellos vor sich hindümpelt. Sie folgt Chinco (Pedro Marujo), der nach seinem Philosophie-Studium ohne Job dasteht. Statt Bewerbungen rauszuhauen oder zu Bewerbungsgesprächen zu gehen, hängt er mit Kumpels herum, nimmt Drogen und geht zu Partys. Das wird bald einmal repetitiv (noch eine Party und noch eine Party und noch eine Party …) und zieht sich bei einer Laufzeit von über zwei Stunden arg in die Länge.

Regisseur Pedro Cabeleira kam fast mit seinem gesamten Team an die Vorführung. Für einen Grossteil der Crew (auch für Cabeleria selbst) war Verão Danado der erste Spielfilm. Wie die Anwesenden erklärten, stand während des Drehs zwar das Grundgerüst der Story, die Szenen an sich waren aber zu einem Grossteil improvisiert – und den Eindruck macht das Ergebnis dann auch. Nichts als ewig lange, ausgewalzte Szenen, in denen irgendwelche Leute irgendwelchen Unsinn plappern oder in irgendwelchen Clubs herumhampeln. Ähnlich wie Sebastian Schipper in Victoria, so versuchen auch Cabeleria und Co. den Charme von feuchtfröhlicher Zusammenkünfte einzufangen, aber hier wie dort gilt: Von aussen betrachtet nervt besoffenes Geschwätz bloss.

Und was noch schlimmer nervt: Cabeleria ist ein grosser Fan von Stroboskopeffekten. Mehr als einmal musste ich mir eine Hand vors Gesicht halten, weil mir das verdammte Geblinke selbst noch bei geschlossenen Augen in denselben weh tat.
Wie Cabeleira erklärte, wollten er und seine Freunde ein junges, alternatives portugiesisches Kino machen, jenseits von öffentlicher Finanzierung und von hergebrachten Konventionen. Ein Film, der zu einem guten Teil buchstäblich unansehbar ist – das ist nun wirklich unkonventionell.

Ich scheine nicht der einzige gewesen zu sein, der mit Cabelerias Vision wenig anzufangen wusste, denn immer wieder schienen Smartphone-Screens auf (was mich bei einer anderen Aufführung genervt hätte, hier aber nicht, nur schon deswegen, weil auch die Figuren im Film die ganze Zeit am Telefon hängen), und es gab einen steten Strom von Zuschauern, die den Saal verliessen. Andererseits waren da am Ende auch viele, die begeistert geklatscht haben, und als das Q&A losging, meinte einer aus dem Publikum: „Ich verneige mich demütig vor dem Talent, das sich hier gezeigt hat.“ Und: „[Der Film] ist pure Grossartigkeit.“ Also hört nicht allein auf mich.

Im Übrigen fand ich längst nicht alles schlecht an Verão Danado, insbesondere das Tondesign gefiel mir: Immer wieder wird da an der Tonmischung herumgedreht, um allerlei faszinierende Effekte hinzubekommen. Da tanzt zum Beispiel Chinco mit einer Frau im Club, wobei die stampfende Musik allmählich derart extrem in den Bass kippt, dass sie kaum noch hörbar, fast nur noch zu spüren ist. Und wenig später, immer noch in der Clubszene, herrscht einmal plötzlich totale Stille, woraufhin ein Geigensolo einsetzt.
Surreale Elemente wie diese sagen mir zu. Nur nicht am Ende, wo wiederum während einer Clubszene der Ton wegfällt und stattdessen eine Stimme zu hören ist, die auf Englisch ein Gedicht vorliest, das ebenso pathosgetränkt und selbstherrlich wie flach ist – sowas bezeichnet man in Fachkreisen als prätentiöse Kümmelkacke.

Nochmals im Übrigen: Verão Danado lief im PalaCinema, dem brandneuen Multiplex, das an die Piazza Grande anschliesst. Endlich gibts in Locarno einen grossen Kinosaal mit bequemen Sitzen (die Plastikstühle im FEVI oder im Sala und Altra Sala hält ja kein Hinterteil aus). Zudem bleibt zu hoffen, dass das Festival nun die Zuschauermassen etwas besser in den Griff kriegt.

Annie Hall: Einmal ohne Allen, bitte.

 
1. Aus Charles Bukowskis Kurzgeschichte Schlechte Nacht (engl. Bad Night) in der Sammlung Jeder zahlt drauf (engl. Septuagenarian Stew, 1990):

Die Situation machte Monty irgendwie nervös. Wäre er doch lieber zum Baseballspiel gegangen. Oder vielleicht lief irgendwo ein Woody-Allen-Film. Woody hatte immer Probleme mit seinen Frauen. Aber seine Frauen waren alle schön und intelligent, und sie hatten immer Zeit für lange Spaziergänge im Park und so Sachen. Und Woody hatte immer einen gutbezahlten Job, und wenn es mit einer schönen, intelligenten Frau Probleme gab, griff er einfach zum Telefon und rief eine andere schöne, intelligente Frau an. Millionen von Männern wünschten sich, sie hätten Woodys Probleme mit Frauen.

2. Der Film Annie Hall erzählt davon, wie Annie (Diane Keaton) und Alvy (Woody Allen) sich kennenlernen, ineinander verlieben und wieder auseinanderleben.

3. Woody Allen spielt Alvy Singer, einen jüdischen, aus Brooklyn stammenden Komiker. Er spielt also sich selbst. Und er geht mir unsäglich auf die Nerven. Er ist nervös und weinerlich, unfähig zu normaler Kommunikation: Wenn er den Mund aufmacht, purzeln keine Sätze, sondern Stand-up-Routinen heraus. Und er ist nonstop am Jammern: Er weigert sich, im Kino einen Film anzuschauen, der schon angefangen hat, hat Panik davor, mit Annie zusammenzuziehen, will nicht in öffentlichen Garderoben duschen.
Einmal wird er nach Kalifornien eingeladen, um in einer Fernsehshow einen Preis zu überreichen, und quängelt herum, weil es für ihn Stress bedeutet, New York zu verlassen. Menschen, die ständig was zu mäkeln haben, sind das Allerletzte. Ausserdem ist Alvy ein herablassendes Arschloch, das seine Freundinnen runtermacht (er macht sich z.B. drüber lustig, dass Annie das Wort „neat“ verwendet). Ich finde das längst nicht so charmant wie all die Frauen in diesem Film.

4. Ohne Allens Manierismen wäre Annie Hall ein grossartiges Werk. Der Film stellt im Grunde eine ganz alltägliche Liebesgeschichte dar, ohne die ganzen blöden Liebesfilmklischees. Die nonlineare Erzählweise (Zeitsprünge, Aussparrungen und so) gibt ihm Tempo und Dynamik. Annie Hall ist ein Film, der auch davon handelt, was passiert, nachdem der Junge das Mädchen kriegt. Davon, dass Beziehungen schwierig am Laufen zu halten sind, und darüber, dass Sex oft enttäuscht.
Am Ende, nachdem sich Alvy und Annie getrennt haben, fliegt Alvy extra nach Kalifornien, um Annie zurückzugewinnen. Was in einem dahergelaufenen Liebesfilm das grosse romantische Finale einläuten würde, erweist sich in Annie Hall als eine dumme Idee, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.
(Gerade dieser Realismus beisst sich aber heftig mit der herumkaspernden Kunstfigur, die Allen spielt.)

5. Sehr nett ist Allens Methode, hier die Vierte Wand zu durchbrechen. Er externalisiert die Gedanken von Alvy nicht nur, indem sich dieser direkt ans Publikum wendet, nein, Alvy greift sich auch wiederholt irgendwelche Figuren aus dem Hintergrund, um mit ihnen zu sprechen – so führt er einmal ein einzelnes, zusammenhängendes Gespräch mit einer Reihe von wechselnden Hintergrundfiguren.

6. Die beste Szene geht an Christopher Walken (oder „Christopher Wlaken“, wie er im Abspann heisst). Seht sie euch an. Es ist nicht zuletzt auch die lustigste Szene des Filmes, weil Wlaken seinen Part sehr trocken spielt, ohne das aufdringliche Getue Allens.

7. Apropos Wlaken: 1978 gewann er einen Oscar für The Deer Hunter — aber er ist nur einer von mehreren späteren Stars, die in Annie Hall einen Kurzauftritt haben. Shelley Duval (The Shining) gibt hier einen One-Night-Stand von Alvy. (Ist übrigens schon mal jemandem aufgefallen, dass Duval wie ein gottverdammtes Alien aussieht?) Jeff Goldblum (Jurassic Park) hat eine Minirolle als Partygast, der am Telefon hängt. Und gegen Schluss des Filmes sieht man aus der Ferne, wie Alvy und Annie sich mit ihren jeweiligen neuen Partnern vor einem Kino treffen. Alvys neue Freundin? Wird gespielt von Sigourney Weaver (Alien).

8. Die berührendste Szene: Annie versucht sich als Sängerin, tritt das erste Mal auf, in irgendeinem Club. Sie singt ein langsames, sanftes, romantisches Lied. Währenddessen unterhalten sich die Leute lärmend, eine Bedienung lässt was fallen, das Telefon läutet. Kein Schwein interessiert sich für sie. Es bricht einem das Herz.

Bonus: Vor einer Million Jahren oder so hab ich mit Dirk M. Jürgens vom Buddelfisch einen Comic über Woody Allen gemacht.

Annie Hall
USA 1977, 93 Min.
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen, Marshall Brickman
Mit Woody Allen, Diane Keaton, Tony Roberts et al.

handicaped facing

dodlheirat

Ich kannte mal einen Schauspieler. Wir waren nicht gerade gut befreundet, aber ich mochte ihn ganz gern und begegnete ihm ab und zu. Dieser Mann spielte dann die Hauptrolle in einem Westschweizer Film über einen Autisten, eben diesen, und gewann für diese Arbeit den Schweizer Filmpreis gegen eine sehr etablierte Konkurrenz. Mich hat das damals sehr gefreut für ihn. Bis ich den Film ein Jahr später auf Arte gesehen hab und ihn nach einer halben Stunde hab ausschalten müssen, zu sehr hab ich mich fremdgeschämt für diesen fernen Freund, der da den Kasper macht für etwas, von dem er offensichtlich nichts versteht. Ein anderer Freund nannte diesen Film „Guten Zeiten, Schlechte Zeiten für Linke“.

Ich kenne mich aus persönlichen Gründen sehr gut aus mit Menschen mit Behinderung, denn ich verdienen seit Jahren mein Brot mit ihnen bzw. mit der Unterstützung von ihnen. So habe ich mir auch den Film „Wedding Doll“ angeschaut. Zum Film. Er ist solala. Es geht um eine junge Frau mit Namen Hait. Sie hat sich als Kind auf Grund eines Zwischenfalls mit anderen Kindern, mehr wird nicht verraten, eine leichte Behinderung eingefangen. Der Hauptteil dreht sich um ihre unschuldige Liebe zu einem Mitarbeiter. Dieser Part ist misslungen bzw. ziemlich langweilig. Spannender ist jener Teil, welcher sich um den Konflikt ihrer Mutter zwischen Behüten und Loslassen dreht. Dieser ist eher gelungen.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die auf dem Spiel mit Klischees beruhende amerikanische Herangehensweise total scheitert. Ob das am Thema liegt, weil der Trend eigentlich in die Richtung geht, Menschen mit Behinderung nicht mehr zu verallgemeinern, sondern in ihrer Diversität zu zu lassen, oder daran, dass der Film in Israel spielt, weiss ich nicht. Die Authentizität, die erreicht werden möchte, berührt einen höchsten ab und zu und dann peinlich. Drehbuch auf jeden Fall zero Points. Aber auch die Machart ist sehr, damit zu klassisch. Man würde wohl dem Menschen mit Behinderung gerne neue Geschichten geben, irrt aber in den üblichen Wendungen der unglücklichen Liebes- und Familiengeschichte herum, ohne Mut, aufs Ganze zu gehen.

Ich hab mal vor Jahren einen Film mit lauter Kleinwüchsigen gesehen, die 120 Minuten lang mies behandelt wurden und sich auch gegenseitig mies behandelten. Leider mag ich mich nicht mehr an den Titel des Films erinnern. Der Regisseur, der später oder schon da anscheinend, so sagt es die Erinnerung, sehr erfolgreich wurde, sprang als Entschädigung als einer Art Wette und Ausgleich für die Schauspieler in einen Kaktus und hat sich lebenslänglich einen Schaden zugefügt. Die kleingewachsenen Menschen liess er einen Film lang sinnlos aufeinander losgehen, zusammen mit bösartigen Tiere. Der Film war total an den Haaren herbeigezogen und hat mir trotzdem viel über das Menschsein erzählt. Wenn es der Film ist, denn ich dann raus gegoogelt hab, der es sein könnte, mag ich mich offensichtlich nicht an viel erinnern und an das auch noch falsch.

Ganz anders „The Weeding Dools“ als handelsüblicher Samstagabendschinken mit halt einer Frau mit Behinderung zum emotionalen Zuspitzen. Die Schauspielerin Moran Rosenblatt, welche „Hait“ spielte, bekam in Israel ebenfalls einen wichtige Preis für ihre Darbietung. Ich fand diese genau so lächerlich wie jene von dem wunderbaren Schauspieler aus der Schweiz. Denn beide haben einfach mit grossen Gesten das überspielt, was als Charakter der Protagonisten hervorkommen könnte. Die Schwäche der Schauspielerei, die ich eher vom Theater her kannte, das man zu subtilem Spiel nicht fähig ist, weil man glaubt, es trage nicht genug und dass man dann mit grosser Kehle drüberfahren müsse, äussert hier einen unbewussten Blick auf Menschen mit Behinderung. Denn damit illustrieren sie, dass ein Mensch mit Behinderung immer vor allem eines bleiben kann: ein Behinderter. (Man sagt heute im deutschen Sprachraum politisch korrekt deshalb Menschen mit Behinderung, damit der Mensch vor der Behinderung kommt, auch sprachlich, im Spiel der beiden hier erwähnten Schauspieler in den jeweiligen Filmen ist es umgekehrt. )

Dabei hätte es ja durchaus kreatives Potential, sich Menschen mit Behinderung zu widmen. Diese scheitern oft an unserer kollektiven Vorstellung von Sein und Schein und wir an den ihren. Da liegen also durchaus spannende Geschichten. Aber im Gegensatz zu den meisten Filmhelden werden sie nicht irgendwann plötzlich gut oder perfekt, weil sie bleiben ja zumindest in unseren Augen behindert. Diese Problem löst man, indem Menschen mit Behinderung, wie bei „Wedding Doll“ die arme Hait, besonders gut und besonders schön sein müssen. Dabei kämpfen Menschen mit Behinderung in aktuellen politischen Prozessen gerade um Mitbestimmung und wenn nötig Hilfe, aber egal zu welchen Bedingungen. Auch Arschlöcher haben Barrierefreiheit verdient. Hier tritt ein sozialer Rassismus zutage, den solche Filme auch noch im Namen des Guten für sich zu proklamieren getrauen. Menschen mit Behinderung sind also grundsätzlich schlecht und deshalb müssen sie besonders gut sein. Und es spitzt sich an einem weiteren Punkt sogar noch zu.

Es gibt inzwischen genug professionelle Schauspieler mit einer Behinderung, die eine solche Rolle spielen könnten. Und deshalb finde ich solche Filme einfach nur noch peinlich. Sie scheitern nicht nur in ihrer Resonanz zur Realität, wo man sich mehr Mut zu fiktiven Freiraum wünscht, nein sie billigen sich selbst in diesem Scheitern als Prothese von Menschen, die besser sein müssen, als es die Gesellschaft zu sein schafft. Übel! Man traut diesen Menschen offensichtlich nicht zu, sich selbst zu spielen, und spricht ihnen damit die kulturelle Selbstdefinition ab. Dabei muss man natürlich z.B. ans Theater Hora aus Zürich denken und darf sich erstaunt fragen, ob für einmal das Theater dem Film um Jahre voraus ist.

 

Wedding Doll, Israel 2015, 82 Min
Regie & Drehbuch: Nitzan Giladi
Mit Moran Rosenblatt, Assi Levy, Roy Assaf u. a.