Magnus – Der Mozart des Schachs

Obwohl erst 25 Jahre alt, ist Magnus Carlsen seit vielen Jahren unangefochten der beste Schachspieler der Welt. Der Dokumentarfilm „Magnus“ begleitet das Ausnahmetalent vom Sandkasten bis zum Gewinn der Weltmeisterschaft.

Es ist nicht einfach, einen Film über Schach zu drehen, der ein grösseres Publikum erreichen kann. So enttäuschte erst kürzlich der Spielfilm „Pawn Sacrifice“ mit Tobey Maguire als Weltmeister Bobby Fischer an den Kinokassen, und ausser eingefleischten Schachspielern wird wohl wenigen Kinogängern ein anderer Film, der von Schach handelt, ein Begriff sein. „Magnus“ könnte das ändern. Denn im Film geht es zwar schon um Schach, aber vor allem um den Werdegang eines Wunderkindes, der auch für Nicht-Schachspieler interessant ist.

© Moskus Film / Knut Bjerke
© Moskus Film / Knut Bjerke

Der Film beginnt mit Aufnahmen des sehr jungen Carlsen. Oft in Gedanken, hatte er schon sehr früh Freude daran, selbständig Aufgaben zu lösen. Einen komplizierten Lego-Bausatz baute er in wenigen Stunden zusammen, und er konnte innert Kürze ein Buch über Hauptstädte, Flaggen und Einwohnerzahlen verschiedener Länder auswendig lernen. Der Vater förderte die Begabung, indem er Magnus bereits mit fünf Jahren das Schachspielen beibrachte. Damit begann eine Karriere, die ihresgleichen sucht. Carlsen arbeitete sich kontinuierlich an die Weltspitze vor und wurde im Alter von 22 Jahren Weltmeister.

© Moskus Film / Knut Bjerke
© Moskus Film / Knut Bjerke

Der Film ist sehr nahe an Carlsen dran. Es werden nicht nur sportliche Highlights gezeigt, sondern auch persönliche Momente im Kreise von Carlsens Familie oder ein nachdenklicher und verträumter Junge, dem der Trubel um seine Person oft zu viel zu sein scheint. In Interviews äussern sich auch andere Spitzenspieler über das Phänomen Carlsen, und man erfährt nebenbei, welch unterschiedliche Charaktere sich im Schachzirkus tummeln. „Magnus“ ermöglicht auf unterhaltsame Art Einblick in einen Mikrokosmos, der auch Nicht-Schachspielern herzlich empfohlen sei.

Magnus – Der Mozart des Schachs
Norwegen 2016, 78 Min.
Regie: Benjamin Ree

Dogville im Schauspielhaus Zürich

dogvilleb03 Illustration: Gregor Schenker

Die Vorlage könnte aktueller nicht sein. Da kommt eine Frau in ein kleines Städtchen und bittet um Schutz und Unterkunft. Wovon sie flieht und ob sie gute Absichten hat, weiss niemand. Um sie zu testen, wird ihr zunächst zwei Wochen provisorisch Unterkunft gewährt, dann will die Gemeinschaft darüber entscheiden, ob sie länger bleiben darf. Als Zeichen ihres guten Willens, hilft sie den Bewohnern von Dogville bei ihrer täglichen Arbeit. Im heutigen Jargon würde man sagen, dass sie sich so gut wie es geht zu integrieren versucht, um eine definitive Anerkennung ihres Flüchtlingsstatus zu erhalten. Die Gastfreundschaft (Willkommenskultur?) des Dorfes schlägt aber ziemlich schnell in Gewalt und Ausbeutung um.

Lars Van Triers Spielfilm aus dem Jahr 2003 zeichnet ein düsteres Bild des Menschen. Obwohl der Film in den Rocky Mountains und in den 30er-Jahren spielt, erinnert er uns heute mühelos an brennende Flüchtlingsheime und an schreiende „besorgte Bürger“. Der Film erlangte auch wegen seiner speziellen Machart Bekanntheit: Die Häuser Dogvilles sind mit weisser Kreide auf eine schwarze bühnenähnliche Fläche eingezeichnet, auf jegliche Illusion wird verzichtet. Van Trier soll sich dazu unter anderem von Bertolt Brechts epischem Theater inspiriert haben lassen.

Wie soll man eine solche Vorlage, die bereits im Original theatrale Mittel nutzt, auf einer eigentlichen Bühne umsetzen? Im Pfauen steht kein gezeichnetes Dorf, sondern die Handlung spielt in einem an einen Container oder Frachtschiff erinnernden Bühnenbild. Es bietet eine Vielzahl an Leitern, Luken und Vorsprüngen, welche die Stadtbewohner wie selbstverständlich umturnen. Das führt dazu, dass die Einheimischen gerade zu Beginn einen sehr verspielten und athletischen Wesenszug bekommen und dadurch auch eine ironische Distanz zu ihren Figuren. Es wird allgemein viel getanzt in diesem Dogville, beispielsweise im Gleichschritt an den Dorfversammlungen oder wenn zu Beginn jeder Stadtbewohner mit einem eigenen Song vorgestellt wird.

Zusätzlich erzeugt ein Solomusiker (Michael Verhovec), der zusammen mit seinen Instrumenten sichtbar in einer Nische sitzt, Geräusche und Stimmung. Der als Schauspieler anwesende Erzähler (Nils Kahnwald) gibt ihm dazu das Kommando und bestimmt so die Atmosphäre der Szenen. Dieser Erzähler, welcher gleichzeitig auch noch kleinere Rollen übernimmt, beispielsweise den Wachhund Moses, schaut dem Treiben zu und kommentiert es. „Das war nicht die Schuld von Dogville. Aber so war es nun mal“, sagt er einmal. Auch die anderen Stadtbewohner sprechen hin und wieder über sich selbst in der dritten Person. Das schafft einen zusätzlichen Abstand zur Handlung, rückt Dogville noch weiter vom Zuschauer weg und lässt selten Identifikation mit einer Figur zu.

Regisseur Stephan Kimmig übersetzt den Stoff nicht ins heutige Europa und überlässt die Übersetzungsleistung dem Zuschauer. Die spielerische und erzählerische Distanzierung hilft dabei nicht. Zwar strotzt die Inszenierung vor Spielfreude und szenischen Ideen, lässt uns den Kopf schütteln über die Thematik, aber so ratlos zurück wie wenn wir in den Nachrichten Flüchtlingsheime brennen sehen.

Der Vorhang ist zu, viele Fragen bleiben offen. Dabei wären gerade jetzt Antworten gefragt, aber die kann und will das Theater nicht geben, oder?

 
Nächste Vorstellung am 7.11.
Dogville auf der Schauspielhaus-Seite