Von Games- und Buchbesprechungen

Seit einiger Zeit überlege ich mir, zur Abwechslung mal hier ein Computerspiel zu besprechen. Mit Jahrgang 1992 bin ich mit dem Klassiker Age of Empires II aufgewachsen und erlebte als 11-, bzw. 12-Jähriger die grossartigen Spiele-Jahre 2002 und 2003. Seitdem Covid-19 sich ausgebreitet hat, verbringe ich wieder mehr Zeit mit Games und meiner ständig wachsenden Sammlung (*hust* Steam Sales *hust*).

Computerspiele sind schon längst mehr als die augenkrebsverursachenden Pixelhaufen der frühen Zeit. Die Welt der Computer- und Konsolenspiele hat sich in zahlreiche Genres ausdifferenziert. Die gegenwärtigen Trends bilden ein eigenartiges Gemisch von Innovation und Repetition. Während EA Games mit Fifa bösen Zungen zu Folge zum 21. Mal dasselbe Spiel veröffentlicht, entstehen gerade im Bereich der Indie-Studios Spiele, die bekannte Mechaniken umdenken oder neue Wege gehen. Der Erfolg von Demon´s Souls (2010 für die PlayStation erschienen) Dark Souls (2011 für die PlayStation, 2012 für PC erschienen) des Studios From Software hat ein neues Subgenres begründet, das so genannte «Souls-like», Games die sich an den Mechaniken der beiden Vorbilder orientieren. Immer öfter entstehen auch Ein-Mensch-Projekte wie das atmoshperic horror game «Adam – Lost Memories» oder der Shooter «Bright Memory». Wollte man die Games- und Filmbranchen miteinander vergleichen, wären die Giganten wie EA, Ubisoft und Blizzard Activision das Hollywood der Computerspiele, während die Indie-Entwickler das Pendant zum Arthouse Kino darstellten.

Ich hab jedoch festgestellt, dass ich keine Gamebesprechung schreiben kann, wenn ich nicht vorher auf die medialen Eigenheiten eingehe. Seit ich wieder mehr Zeit mit Spielen verbringe, habe ich ein Magazin wiederentdeckt, mit dem ich ebenfalls aufgewachsen bin: die PC Games. Beim Durchblättern wurden mir zwei Dinge bewusst. Erstens, gerade in Zeiten, in denen Games kaum noch auf CDs im Laden, sondern digital über Verkaufsplattformen wie Steam verkauft werden, ist eine Berichterstattung im Print-Medium von Vorteil. So stosse ich im Magazin immer wieder auf die eine oder andere (Indie-)Perle, die ich sonst nie bemerkt hätte.

Zweitens führten mir die Artikel nochmals vor Augen, dass Games anders rezensiert werden als Bücher. Um nicht all zu sehr Birnen mit Äpfeln zu vergleichen (auch wenn sich in beiden Fällen um Früchte handelt), würde ich die Besprechungen, die in Magazinen wie der PC Games oder der Gamestar erscheinen, mit Buchbesprechungen in Die Zeit, WOZ und Konsorten vergleichen. Natürlich sind das nicht die einzigen Rezensionsplattformen, mittlerweile ist es auch auf Steam möglich, Empfehlungen für andere Spieler*innen zu hinterlassen. Diese würde ich aber am ehesten mit Besprechungen auf Amazon vergleichen. Die weiteren Überlegungen konzentrieren sich auf die Print-Medien, genauer auf die PC Games. Mittlerweile erscheinen vereinzelt auch Besprechungen in grossen Zeitungen wie der Zeit, diese beschränken sich jedoch auf AAA-Titel und besprechen nur, was ohnehin schon alle kennen.

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Der Grösste unter euch soll sein wie der Kleinste

Sowohl von Anarchist*innen als auch in historischen Darstellungen wird Anarchismus oftmals als per se atheistisch und antireligiös beschrieben. Es stimmt, dass aus anarchistischen Kreisen oftmals heftige Kritik an Gott und Kirche formuliert worden ist. Einer der bekanntesten Texte ist die fast nur noch aus Beschimpfungen bestehende Polemik Johann Mosts Die Gottespest. Liest man solche Kritiken und Polemiken genauer, ist es oftmals nicht so sehr die Religion an sich, die in erster Linie kritisiert wird, sondern die Verquickung der kirchlichen Institutionen mit den Machthabern.

Indem sich der Mainstream-Anarchismus als atheistisch und antireligiös definiert, blendet er jedoch Teile der eigenen Strömungen aus; eine Ironie, wenn man bedenkt, dass von Anarchist*innen immer wieder die Anklage erhoben wird, von allen Seiten verfolgt und marginalisiert zu werden. Tatsächlich gibt es nicht nur im Christentum, sondern auch im Judentum und Buddhismus Aspekte, die als anarchistisch interpretiert werden, und Denker*innen, die danach streben, Anarchismus und Religion miteinander zu verbinden. Lev Tolstoj ist wohl der bekannteste christliche Anarchist; er kritisierte in seinem letzten Lebensabschnitt die orthodoxe Kirche vehement und genoss unter vielen Anarchist*innen ein hohes Ansehen. Tolstojs Ideen stellen jedoch nur die Spitze des Eisbergs des christlichen Anarchismus dar.

Ein scheinbares Paradox

Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung, herausgegeben von Sebastian Kalicha, hält eine Palette von Beiträgen bereit. Neben einer Interpretation der Bergpredigt beinhaltet das Buch auch theoretische Überlegungen zu Theorie und Praxis des christlichen Anarchismus, stellt zwei Aktivist*innen des Catholic Worker Movement vor, führt in das Denken des pazifistischen libertären Theologen Jacques Ellul ein und schliesst mit einem historischen Beitrag über Ketzer.

Wer mit der Bibel etwas vertraut ist, wird nicht darüber überrascht sein, dass die Bergpredigt (Mt 5,1-7,29) Jesu für die christlich-anarchistische Interpretation von zentraler Bedeutung ist. Darin verkündet Jesus seine Lehre. Die Passagen zur Versöhnung (Mt 5,21-26), zum Ehebruch (Mt 5,27-30) und zum Schwören (5,33-37) stellen eine Radikalisierung der Zehn Gebote dar. Nicht mehr sollen die Menschen nach dem Prinzip „Auge um Auge“ handeln, sondern auf Vergeltung verzichten. Jesus ruft die Zuhörenden dazu auf, gewaltlos zu leben und die Nächstenliebe zu praktizieren. In seiner Predigt kritisiert er zudem „die Heuchler“, die ihren Glauben zur Schau tragen und demnach grösseren Wert auf Prestige legen als auf Lebenspraxis.

Die Bergpredigt ist übrigens nicht die einzige Stelle, an der sich eine radikale Interpretation anbietet. So heisst es im Lukas-Evangelium (Lk 22,25-26): „Die Könige herrschen über ihre Völker und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen.26 Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste und der Führende soll werden wie der Dienende.“ Die wohl prominenteste Szene der Bibel, in der Geld und Handel kritisiert werden, stellt die Tempelreinigung dar.

Für den gewaltfreien christlichen Anarchismus ist die Aufforderung zum „Nicht-Widerstand“ ausschlaggebend. Wer, auf die rechte Wange geschlagen, auch noch die linke hinhält, unterläuft die Erwartung des aggressiven Gegenübers und tritt aus der Gewaltspirale heraus. Die Bergpredigt, so anarchistische Interpret*innen wie Michael C. Eliott und Walter Wink, erziehe nicht zur Passivität und Unterwerfung. Im Gegenteil: Gewaltfreies Verhalten sei eine aktive Strategie. Wer sich dem Teufelskreis der Gewalt verweigert, behalte die Handlungsfähigkeit.

Christliche Aktivist*innen

Während in den theoretischen und exegetischen Teilen des Buches durchaus unterschiedliche Interpretationen und Ansichten wiedergegeben werden, konzentriert sich das Kapitel von Tom Cornell zur Catholic Worker Bewegung auf zwei Einzelpersonen, Dorothy Day und Ammon Hennacy.

So interessant die Biographien der beiden sind, wirkt dieser Teil doch weniger vielschichtig und nimmt sich wie eine unkritische Hommage aus. Dadurch bringt dieser mehr das Leben zweier Aktivist*innen näher und weniger die Bewegung, der sie angehörten. Die Organisation mit ihren Zielen und Erfolgen, Widersprüchen und Meinungsverschiedenheiten kommt weniger zur Geltung.

Wider alle irdische Herrschaft

Der historischer Abriss von Sebastian Kalicha und Gustav Wagner über Leben und Werk des tschechischen Laientheologen und Reformators Petr Chelčický (ca. 1390-1460) schliesst den Band ab. In seinem Buch Das Netz des Glaubens übt Chelčický Kritik an den Herrschern und all jenen, die im Namen Christi Gewalt ausüben.

Die Geschichte des (europäischen) Christentums wird im Allgemeinen oft gleichgesetzt mit der Geschichte der kirchlichen Institutionen. Chelčický ist aber neben Peter Valdes, Franz von Assissi und ihren Anhänger*innen einer jener dissidenten Christen, die aufgrund ihres radikalen Glaubensverständnisses von der Kirche als Ketzer verfolgt worden sind. Wie Thomas Müntzer kritisierte er die bestehenden Herrschafts- und Gesellschaftsverhältnisse und strebte nach deren Veränderung. Wenn die Ideen dieser Menschen nicht als anarchistisch bezeichnet werden sollten, da der Anarchismus eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist, so ist doch festzuhalten, dass sich nicht nur für den christlichen Anarchismus ein Rückbezug auf deren Texte und Leben anbietet.

Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden

Kalicha geht es nicht darum, die Leser*innen zu Anarchismus und Christentum zu bekehren. Sein Anliegen ist es, Einblick in Theorie und Praxis einer unbekannten Strömung zu geben und „unter nicht-religiösen AnarchistInnen ein Bewusstsein für libertäres Christentum, für progressive und anarchistisch inspirierte Strömungen in der christlichen Community zu schaffen und so argumentativ gegen unreflektierte und reflexartige Schnellschüsse gegen alles Religiöse und Christliche aufzutreten.“

Anarchismus, der sich als per se atheistisch definiert und Religion nur als unterdrückerisches Dogma kennt, reproduziert eben jenes Schwarz-Weiss-Denken, das in westlichen Gesellschaften vorherrscht und es zu kritisieren und überwinden gälte. Ein Anarchismus, der libertäres Christentum an seinen eigenen Veranstaltungen nicht zulassen kann, wiederholt die Marginalisierung, die ihm von der Gesellschaft widerfährt. Möge darum die Lektüre dieses Buches die Fähigkeit zu offenem Denken unter seinen Leser*innen fördern und die Menschen, die für die gleichen Werte aus unterschiedlichen Gründen heraus einstehen, zusammenbringen.

Sebastian Kalicha (Hg.): Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung. Heidelberg 2013.

Das Buch der wahrscheinlich anarchistisch beeinflussten Künstler*innen

Allan Antliffs Buch Anarchie und Kunst liest sich wie eine in die Länge gezogene Seminararbeit. Es stellt den misslungenen Versuch dar, ein an sich interessantes Thema zu beleuchten: das Verhältnis von Anarchie und Kunst.

Im ersten Kapitel widmet sich Antliff dem Realismus des Malers Gustave Courbet, den er auf Grund seiner Beteiligung an der Pariser Commune 1871 in der Nähe zum Anarchismus verortet wissen will. Courbet sorgte mit seinen Gemälden immer wieder für Skandale in der bürgerlichen Kunstwelt. Pierre Joseph Proudhon, ein zwischen Anarchismus und Reformismus schwankender Journalist und Schriftsteller,* verfasste eine umfangreiche Verteidigung Courbets, in der Proudhon zugleich sein Kunstverständnis darlegt. Kunst sei, was im Dienste des gesellschaftlichen Fortschrittes stehe. Dazu gehörten für Proudhon auch die Gemälde Courbets. Das Kapitel endet mit der Erwähnung seines Engagements in der Commune und den Umständen seines Todes.

*Zwar war es Proudhon, der das Wort Anarchie in einem positiven Sinn verwendet hat, doch kann deswegen nicht sein ganzes Schaffen als anarchistisch bezeichnet werden. Dies erfährt man bei Antliff freilich nicht.

Ab diesem Punkt lassen Sprache und Argumentation des Buches immer mehr zu wünschen übrig. Wie eine Lithographie im Stande sein soll, «scharfe Kritik am Hunger zu üben», erschliesst sich wohl nur dem Autor. Zwischen Darstellung und Interpretation zu trennen, hält er wohl für überflüssig. Von den Neoimpressionisten weiss er zu berichten, dass «anarchistische Politik» deren «Technik durchtränkte». Um seine These zu untermauern, zitiert Antliff eine andere Studie. Deren Argument erschöpft sich darin, dass zwischen den harmonisch gesetzten Farbtupfern und den – imaginierten – Individuen einer anarchokommunistischen Gesellschaft Ähnlichkeiten bestehen würden.

Das dritte Kaptiel ist dem französischen Künstler Francis Picabia und dem New Yorker Dada gewidmet. Das Portrait d’une jeune fille en toute nudité will Antliff genauer unter die Lupe nehmen. Allerdings möchte er nur seine Interpretation mit den Leser*innen teilen. In seinem Buch, das doch einige Abbildungen enthält, fehlt gerade die zu einem der zentralen Bilder, die er interpretiert. Dass der Autor an fundierten Recherchen nicht interessiert ist, wird spätestens dann klar, wenn er diese durch Wahrscheinlichkeitsrechnungen ersetzt (sämtliche Hervorhebungen von mir):

Jahre später erzählte Duchamp, die Lektüre Stirners* in München habe zu seiner «vollständigen Befreiung» geführt. Er und Picabia standen sich sehr nahe, und nach der Rückkehr nach jenem Herbst, diskutierten sie wahrscheinlich ausführlich über Stirners Ideen.

Beispielsweise haben Duchamp und Picabia möglicherweise im Oktober jenen Jahres, unmittelbar vor Picabias Reise in die Vereinigten Staaten, auf ihrer Reise ins französische Jura über Stirner gesprochen.

Diese sexuelle Note hatte Pariser Wurzeln. Denn höchstwahrscheinlich lieferte die Anregung in gewissem Grade Der Supermann (1902, dt. 1969) ein satirischer […] Roman des französischen Satirikers Alfred Jarry.

Als Picabia in New York ankam, dürfte der Fall Tice, aufgrund seiner Erfahrungen mit dem amerikanischen Feldzug gegen das «Laster» während der Armory Show, also sehr wahrscheinlich seine Aufmerksamkeit erregt haben.

*Stirner war ein Zeitgenosse von Karl Marx und gilt, obwohl er sich nie so bezeichnet hat als einer der wichtigsten individualanarchistischen Denker.

Den Rest des Buches geht es so weiter. Antliffs Interpretationen nehmen sich so aus wie der Ausstellungskatalog eines Museums.

Allan Antliff: Anarchie und Kunst. Von der Pariser Kommune bis zum Fall der Berliner Mauer. Übersetzt von Katja Cronauer. Lich/Hessen 2011.

Is there power in a book?

Letztes Jahr ist beim Unrast-Verlag das Buch “Wobblies. Politik und Geschichte der IWW” erschienen, herausgegeben von Gabriel Kuhn. Kuhn ist in linken Kreisen als Verfasser und Herausgeber bekannt.

Die Industrial Workers of the World (IWW) ist eine Gewerkschaft, die häufig “Unorganisierbare” wie Wanderarbeiter*innen, Arbeitslose und Migrant*innen zusammenführt. Im Gegensatz zu Berufsverbänden strebt die IWW die Überwindung solcher Grenzen an. Daher rührt auch die Selbstbezeichnung als “one big union”. Ihre Mitglieder gruppieren sich nach Branchen. Damit wollen sie einerseits berufsspezifische Interessen überwinden, andererseits wollen sie – wenn die Handlungsmacht es erlaubt – im Arbeitskampf grössere Teile der betroffenen Branche lahmlegen können und die überregionale Solidarität unter den Arbeiter*innen fördern. Mit dieser Organisation befasst sich Kuhns Publikation.

Ein halbfertiges Buch

Der Titel des Buches ist jedoch irreführend. “Zwei Memoiren Ehemaliger, dekoriert mit einer knappen Einleitung und ein paar Songtexten” beschreibt den Inhalt treffender. Kuhns Einleitung geht zuerst auf die ungeklärte Herkunft des Begriffs “Wobblie” ein, wie die IWW-Mitglieder manchmal heute noch genannt werden. Anschliessend erzählt er ein wenig über den Songwriter Joe Hill. Hill war IWW-Mitglied und betrieb mit seinen Liedern Propaganda. Berümtheit erlangte er, da er einem Justizmord zum Opfer fiel. Der Prozess strahlte auf die Organisation zurück und bescherte ihr eine noch grössere Bekanntheit.

Erst im folgenden Teil der Einführung widmet sich Kuhn der Geschichte der IWW. Für die Anfangszeit bezieht sich Kuhn ausführlich auf Vincent St. Johns Bericht, der im Buch enthalten ist. Wenn sich die Einleitung aber schon so stark auf diesen Text stützt, warum braucht es sie dann noch? Kuhn geht zwar auch auf die Entwicklung der IWW nach dem Zweiten Weltkrieg ein, dabei zeigt sich leider die Schwäche seiner Einleitung deutlich: Abgesehen vom Nachweis wörtlicher Zitate und gelegentlicher Erläuterungen in den Fussnoten fehlen Nachweise sowohl zu den erwähnten Daten und Ereignissen wie auch ein Hinweis darauf, woher er die englischen Texte hatte, die ihm als Vorlage für die Übersetzung dienten. Auch die Bilder sind ohne Nachweise abgedruckt. Sie könnten aus historischen Dokumenten stammen, gerade so gut könnte Kuhn die Bilder aus einer fünfminütigen Googlesuche haben. Nur der Autor und Gott wissen, woher er seine Informationen hat.

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Klassenkampf is back

Édouard Louis‘ erzählerischer Text, der explizit auch inszeniert werden könnte, ist einerseits eine Geschichte, in der ein Sohn an Vaters statt dessen Geschichte erzählt, andererseits eine Abrechnung.
Die ersten beiden Teile des kurzen Textes erzählen von den Widersprüchen zwischen den patriachalen Vorstellungen von Männlichkeit und dem Wesen des Vaters. Sein ganzes Leben lang war es ihm nicht möglich gewesen, einen konstruktiven Umgang damit zu finden. Sobald als möglich hatte der Vater von der Schule abgehen wollen. Bildung und Schulwesen waren assoziiert mit Weiblichkeit und Homosexualität. Bis er ungefähr dreissig Jahre alt war, tanzte der Vater. Der Mutter des Erzählers zu Folge tanzte er bei jeder Gelegenheit und war ein guter Tänzer. Viele Jahre später von seinem Sohn darauf oder auf Photographien aus dieser Zeit angesprochen, verweigert er Auskünfte.
Aufgrund eines Arbeitsunfalls erleidet der Vater starke Verletzungen am Rücken, von denen er nie mehr gänzlich genesen wird. Er ist auf staatliche Unterstützung angewiesen und sieht sich gezwungen – nachdem diese gestrichen worden ist –, in einer anderen Stadt als Strassenkehrer zu arbeiten.
Im Finale zählt der Sohn Präsident um Präsident die Verantwortlichen auf, die Kürzungen im Sozialbereich durchgeboxt haben und so die Gesundheit des Vaters ruiniert haben, bis er zueletzt am Entzug der Unterstützung gestorben ist.
Berührend erzählt der Sohn den Wandel des Vaters, der, auch wenn er für diese Sicht keine Sprache findet, nun mehr nicht Homosexuelle und Ausländer*innen zu Sündenböcken für die gesellschaftlichen Probleme macht, sondern gemerkt hat, wer für seine Misere verantwortlich ist.
Das letzte Wort der Erzählung ist Revolution.

Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Frankfurt am Main 2019.

Erschlagen wir die Armen!

Die namenlose Ich-Erzählerin hat einem ebenfalls farbigen Mann, Asylsuchender, eine Flasche über den Kopf gezogen, woran dieser gestorben ist. Die Aufarbeitung des Falles, bzw. ihr Verhör bildet den losen roten Faden von Shumona Sinhas Roman Assomons les pauvres.
Die Erzählerin arbeitet als Übersetzerin für die Asylbürokratie des französischen Staates; „Sprachgymnastik“ nennt sie, was sie dort betreibt.

Der Titel von Sinhas Roman bezieht sich auf das gleichnamige Prosagedicht Charles Baudelaires. Darin – die Handlung ereignet sich ungefähr 1848 – liest das lyrische Ich Bücher der „Unternehmer für die öffentliche Wohlfahrt“, Proudhon etc., von denen es bald genug hat. Es begibt sich auf die Strasse; einen alten Bettler erblickend, flüstert ihm eine Engelsstimme ein, gleich sei nur, wer es beweise, frei sei nur, wer sich die Freiheit erobere. Das lyrische Ich verprügelt den Bettler, dieser reisst sich aus seiner Passivität und schlägt zurück. Das lyrische Ich erkennt ihn als ebenbürtig an.

Der Roman besteht hauptsächlich aus Szenen des monotonen Alltags, den die Erzählerin beschreibt. So schildert sie im Kapitel De l’autre côté des choses, wie sie durch ein Quartier der margnialisierten, verdrängten, nicht-willkommenen Migrant_innen geht. Alle sind einander fremd: Die Übersetzer_innen und jene, die auf Übersetzung angewiesen sind, die sich schwören, niemals Speichellecker des globalen Nordens zu werden.

Ici les interprètes des pays mutants et ambitieux, des pays orphelins et rancuniers, tous ensemble ont juré craché de ne pas devenir les lèches bottes des pays du Nord. De ne pas oublier. De mettre toujours une bougie dans l’autel secret de leur mémoire. La mémoire est une religion. Une guerre. Ici elle est bonne. Pour défoncer les portes, détruire les hautes murailles et laisser entrer.*

* Hier haben sich die Übersetzer_innen der im Wandel begriffenen und ehrgeizigen Länder, der verwaisten Länder, voller Ranküne, alle zusammen haben sich ausspuckend geschworen, nicht die Speichellecker der Länder des Nordens zu werden. Nicht zu vergessen. Stets eine Kerze auf den geheimen Altar ihrer Erinnerung zu stellen. Die Erinnerung ist eine Religion. Ein Krieg. Hier ist er gut. Um Türen einzuschlagen, hohe Mauern zu zerstören und eintreten zu lassen.

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Hier kommt Christa

Christa Ruland ist der Abschluss Hedwig Dohms Generationen-Trilogie, erschienen 1902. (Hier gehts zur Besprechung des ersten Teils und hier zu jener des zweiten.) Aus dem Buch weht einem die Jahrhundertwende entgegen, die Moderne ist angebrochen. Im Gegensatz zu den Protagonistinnen der ersten beiden Teile ist Christa Ruland keine tragische Einzelne. Im Gegenteil, sie ist Teil einer freundschaftlich verbundenen Frauengruppe, die mehr oder minder non-konformistisch gesinnt ist. Neben Christa, die eigentlich Volksrednerin werden will, sind da die Schriftstellerin Julia und die Malerin Anselma, aber auch eine professionelle Radfahrerin in Pumphosen steht mit ihnen in Verbindung.

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Inferno

„Ziellos schlenderte Ursula durch die Strassen. Ihr Ziel war die Strasse selbst. Irgendeine.“ Ursula, die Protagonistin Mela Hartwigs Roman Inferno, macht sich die Nichtorte zu Orten, wie eine Situationistin schweift sie umher, als Künstlerin hat sie ein besonderes Auge für das Ephemere, eine Faszination für das Vorbeihuschende des Alltags.

Fröhlich will sie von ihrer wahrscheinlichen Zulassung zum Kunststudium der Familie berichten. Doch ihre Ausgelassenheit wird sofort zerstört. Wütend fährt ihr Bruder sie an; er trägt ein „dunkles Hemd“.
Noch bis zum Abschluss des Abiturs war ihr Charakter innerlich-träumerisch veranlagt. Nun sieht sie sich mit einer grausamen Realität konfrontiert: Die Nationalsozialist_innen ziehen in Österreich ein. Als Malerin versteht es Ursula, die Mienen und Gesichtszüge ihrer Mitmenschen zu deuten: die hasserfüllte Brutalität ihres Bruders, die sich in seinem Gesicht manifestiert, die langsam heraufgezogene und sich leise einrichtende Resignation ihres Vaters, der entgegengesetzter Überzeugung zum Trotz keine Möglichkeit sieht: Gesinnung könne mensch sich heute nicht mehr leisten.
Ursulas Bruder zwingt sie, ihn an die seiner Ansicht nach „historisch bedeutenden Einzugs-Ansprache“ zu begleiten.
Voller Sorge blickt sie auf die nahe Zukunft und fragt sich, ob ein Ja aus Zwang zu weiteren und damit zur Anpassung führen würde. Ihres Charakters zum Trotz ist Ursula in der Lage, die Gefahren des Kompromisses zumindest halb zu erkennen. Dennoch glaubt sie, zwischen zwei Übeln das geringere wählen zu können und beschliesst deshalb, den ihr angebotenen Freiplatz für das Kunststudium anzunehmen. Nach der „Einzugs-Ansprache“, die zahllose, auch viele Nicht-Nationalsozialist_innen euphorisierte, dämmert ihr die Erkenntnis über den hereingebrochenen Schrecken: Hatte ihr Bruder dem Vater zuvor schon Gewalt angedroht, wird er jetzt handgreiflich; aus dem Kurs im Zeichnensaal, den Ursula besucht, werden Studierende herausgerufen, die Zurückbleibenden sind vor Angst paralysiert. Beim zweiten Aufruf bringt sich ein Student vor aller Augen um.
Ursula hat das Glück, an einen Studenten zu geraten, der über die Ereignisse so schockiert ist wie sie. Sie stützen sich, spenden sich Trost und besprechen die Geschehnisse. (Und wie soll es auch sein: Sie kommen sich auch näher.) Wichtig sei, sagt er, gerade nicht Angst zu haben, denn damit kriegen sie die Leute in den Griff. Die Situation versetzt sie in einen psychischen Ausnahmezustand.

Antifaschistische Literatur bzw. Bücher über die Zeit des Nationalsozialismus inner- und ausserhalb des „Dritten Reiches“ gibt es nicht wenige. Doch im Gegensatz zu Irmgard Keun in Nach Mitternacht, die sich auf den stumpfsinnigen, aus Profitgier motivierten Konformismus des Kleinbürgertums konzentriert, beschreibt Hartwig in Inferno die an Leib und Leben erlebte Gefahr und den Terror, dem die Gedanken und Taten Nichtkonformen ausgesetzt sind.

Um Rat für ihre Situation zu erhalten, wendet sich Ursula an ihre einzige Freundin, obwohl sie sich seit deren Heirat voneinander entfremdet haben. Als Ursula mit dieser zusammentrifft, gesteht letztere, dass sie mit einem Juden verheiratet sei. Ursula ist schockiert. Sowohl die Freundin als auch ihr geliebter Kommilitone halten ihr entgegen, ob sie denn überhaupt Jüd_innen kenne, ob sie einen Grund wisse, weshalb sie diese Minderheit verachtet. Auf einmal sieht sie sich damit konfrontiert, sich mit ihrem unbewussten Antisemitismus auseinandersetzen zu müssen, mit dem sie sozialisiert worden ist.
Nichtsdestotrotz verhilft sie mit ihrem Geliebten der Freundin zur Flucht. Hartwig gelingt es, die beklemmende Atmosphäre und die drohenden Gefahren zivilen Widerstandes darzustellen. Indem sie Ursula als Figur mit antisemitischem Gedankengut portraitiert, gestaltet sie sie als komplexe und ambivalente Figur, sie ist als Protagonistin nicht a priori Sympathieträgerin. Es gibt kein plattes Schwarz-Weiss: hier die guten Widerständigen, dort die bösen Nationalsozialist_innen. Einerseits ist Ursula vom Auftreten und der Brutalität der Bewegung abgeschreckt, andererseits lehnt sie diese scheinbar jedoch nicht gänzlich ab.

Mensch könnte monieren, dass eine Geschichte über den Nationalsozialismus und dessen Folgen wie bei Anna Seghers entlang einer Liebesgeschichte erzählt wird. Schon wieder. Ja schon wieder. Im Gegensatz zu Seghers Transit ist die Liebesbeziehung zwischen Ursula und ihrem Geliebten immerhin stärker in die Handlung eingewoben. Und bietet nicht gerade diese intime Form zwischenmenschlicher Beziehung die Möglichkeit, Ursulas Gespaltenheit zwischen tiefer Zuneigung und entgegengesetzter Gesinnung in der ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit darzustellen?

Als Ursula jedoch Zeugin wird eines Tempelbrandes und grässlichen Jüd_innenpogroms, erkennt sie, dass das, was geworden ist, nicht sein darf. Einer spontanen Kurzschlussreaktion folgend lässt sie sich auf Wagnisse ein, deren Schwere und ihrer Verantwortung dabei sie sich erst allmählich bewusst wird.

Mela Hartwig und ihr Ehemann sind nach dem „Anschluss“ Österreichs ins Exil nach London geflohen. Davor war sie zunächst als Schauspielerin, dann als Schriftstellerin tätig gewesen. Nach dem Krieg machte sie kurzzeitig als Malerin auf sich aufmerksam. Vojin Sasa Vukadinovic macht in seinem Nachwort darauf aufmerksam, dass in Folge des Nationalsozialismus vertrieben Schriftstellerinnen besonders gründlich vergessen wurden. Deshalb kommt ihm das Verdienst zu, auf die Mimi Grossberg, Grete Hartwig Manschinger, Else Jerusalem, Emma Kann, Marta Karlweis, Ruth Landshoff-Yorck, Maria Lazar, Hertha Pauli oder Adrienne Thomas aufmerksam zu machen und auch das weitere Werk Mela Hartwigs zu würdigen. Ebenfalls gebührt dem Droschl Verlag Dank dafür, Mela Hartwigs Werk wieder zugänglich gemacht zu haben. Für die Publikation seien offensichtliche Orthographie- und Interpunktionsfehler korrigiert worden. Ansonsten folge der Druck dem 1948 fertiggestellten Typoskript. Damit bleiben die Spuren des nicht zu Lebzeiten publizierten Romans lesbar.

Mela Hartwig: Inferno. Graz-Wien 2018.

Die naive Kleinbürgerin

Nach der Chronologie der Publikation handelt es sich bei Hedwig Dohms Schicksale einer Seele um den zweiten Band ihrer Generationen-Trilogie. An diese Folge hält sich die Werkausgabe Edition Dohm. Der Logik der Trilogie zu Folge ist es der erste Band. (Den zuerst publizierten Band Sibilla Dalmar habe ich bereits besprochen.)

Unter editorischen Gesichtspunkten ist beim zweiten Band der Edition Dohm zu vermerken, dass er wiederum ein kluges Vorwort enthält. Die Herausgeberinnen gehen auf die formale Aspekte ein (gewisse Rezepient_innen kreiden dem Roman Dohms einen „schlichten Stil“ an) und kritisieren dabei auch die feministische Literaturwissenschaft, die in ihrer Dohm-Rezeption patriachale Ästhetik-Vorstellungen reproduziert und die stilistischen Finessen übersehen habe. Auch auf die Frage, ob es sich beim vorliegenden Roman um eine fiktionalisierte Autobiographie handelt, gehen sie ein und weisen auch in diesem Zusammenhang auf die Reproduktion ungeprüfter Aussagen und Annahmen hin. Im Gegensatz zum ersten Band der Edition enthält dieser angenehmerweise im Anhang Personen- und Sachanmerkungen, neben der schon aus dem ersten Band bekannten Dokumentation zeitgenössischer Rezensionen.

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Die Nietzscheanerin

Der Roman Sibilla Dalmar aus dem Jahr 1896 ist eigentlich der zweite Teil von Hedwig Dohms (1831–1919) Drei-Generationen-Trilogie. Chronologisch betrachtet ist Sibilla Dalmar jedoch der erste publizierte Roman. (Die Besprechung von Dohms zweiten Roman findet sich hier.) Im Vorwort zum zweiten Roman beschrieb Dohm die mit der Trilogie verbundenen Idee:

In drei Romanen wollte ich drei Frauengenerationen des 19. Jahrhunderts schildern, deren Repräsentantinnen, den Durchschnitt zwar überragend, doch Typen ihrer Zeit sein sollten. […]

Es würden demnach meine drei Frauengenerationen die Lebensbilder von Grossmutter, Tochter und Enkelin entrollen.

Alle drei Romane dienen der Illustrierung des Pindarschen Spruches: ‚Werde, die du bist.‘

Die Herausgeberinnen Nikola Müller und Isabel Rohner orientieren sich für die Edition Dohm, in der sie das Werk der radikalen Feministin wieder zugänglich machen, an der chronologischen Publikationsfolge. So ist 2006 beim trafo Verlag in Berlin Sibilla Dalmar als der erste Band dieser Edition erschienen.

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