Notizen aus Prag

 Folgender Text enthält definitiv Spuren von Sarkasmus und Zynismus. Der Autor möchte darauf hinweisen, dass er keinen Therapeuten braucht und sich des Lebens erfreut. Manchmal.

Prag, 20.6-23.6

  • Sonnenschein, heisse Temperaturen, Touristenmassen. Eindrücke eines dreitägigen Aufenthaltes in Prag mit einer Reisegruppe. (Mea culpa, mea maxima culpa!) Altersdurchschnitt: Mitte fünfzig?
     
  • Das Antlitz des real-existierenden Kapitalismus ist in Prag dasselbe wie in Paris oder Rom. (Souvenirs, Krimskrams, spektakularistisch konstruierte „Sehenswürdigkeiten“.)
     
  • Vielleicht ist Prag das Paris des ehemaligen Ostblocks. In wievielen Jahren wird die Karlsbrücke zusammenzubrechen drohen unter der Last der von Liebespaaren angebrachten Schlössern?
     
  • Wenn sich ein solches Paar trennt, fährt eine/r der beiden nach Prag, findet das Schloss, welches sie damals anbrachten, und fräst es ab?
     
  • In vielen Restaurants werden die Touristen mit der Gleichgültigkeit behandelt, die sie verdienen.
     
  • Eine Spezialität schweizer TouristInnen: nur sie können sich auf einer Pauschal-Reise auch noch so angenehm wohltätig fühlen: schliesslich sind die armen bedauernswerten Menschen auf ihr Geld angewiesen. Gut, gibt’s die Schweizer Touristen.

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Ingeborg Bachmann – „Male oscuro“

Die Publikation des ersten Bandes der neuen Edition des Werkes Ingeborg Bachmanns signalisiert zweierlei: Einerseits haben sich die Verlagsjuristen von Piper und Suhrkamp auf einen Kompromiss geeinigt – die Werkausgabe wird gemeinsam von beiden Verlagen publiziert. Andererseits ist nun eine Werkedition Bachmanns im Entstehen begriffen, die literaturwissenschaftlichen Kriterien standzuhalten verspricht.

Überraschenderweise wird die „Salzburger Bachmann Edition“ durch eine Sammlung intimer Traumaufzeichnungen und Briefentwürfen aus Bachmanns „Zeit der Krankheit“ eröffnet – „Male oscuro“ ist der Titel eines Romans von Giuseppe Berto, den Ingeborg Bachmann in einem der hier publizierten Texte zitiert.  Die Herausgeberinnen Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni besitzen denn auch genug Taktgefühl, diesen Umstand, intime Texte zu veröffentlichen, zur Sprache zu bringen, zu problematisieren und selbstkritisch darauf zu reflektieren. Begründet wird die Publikation dieser privaten Notizen und Entwürfe – Traumaufzeichnungen, Briefe und Briefentwürfe – mit dem engen Zusammenhang der mit Bachmanns prosaischem Spätwerk, dem „Todesarten-Projekt“ besteht. Die Hintergründe werden nicht aus biographischer Sensationsgeilheit beleuchtet. „Aber war das wirklich nötig?“ Diese Frage muss sich die Publikation dennoch gefallen lassen. Warum wollen GermanistInnen und EditionsphilologInnen immer noch mehr erfahren über die mögliche Bedeutung des Lebens ihrer AutorInnen für das gesamte Werk und die jeweiligen Werkzusammenhänge? Es gebe genügend Beispiele, die dafür sprechen, dass die Forschung Zusammenhänge und Bedeutungen aufdecken kann, die vorher nicht erkennbar waren und neue Lesarten eines Werkes eröffnen, ohne dass dabei dieses auf die Biographie seines Autors, seiner Autorin reduziert wird. Doch andererseits konnte 1971 bei der Publikation von Bachmanns Todesarten-Roman „Malina“ niemand ahnen, dass Passagen aus dem sogenannten Traumkapitel zusammenhängen mit oder sogar hervorgegangen sind aus Traumaufzeichnungen von Bachmanns eigenen Träumen. Die Thematik, welche der Roman verhandelt, konnte dennoch begriffen, das Buch dennoch rezipiert werden. Brauchen wir also solche Informationen? Oder dient die Aufbereitung bisher unzugänglicher Texte nicht eher dazu, dem akademischen Betrieb neue Texte zuzuführen, deren Beforschung zu ermöglichen, so dass wieder ein paar Doktorantenthemen gesichert sind und sich die Maschinerie für ein paar weitere Jahre am Laufen halten kann? Zumindest der Verdacht drängt sich auf.

Die Frage stellt sich nicht zum ersten Mal. Germanistik und Editionsphilologie zeichnen sich durch eine charakteristische Schamlosigkeit aus, wenn es um die Publikation intimer oder zumindest privater Dokumente anderer geht. Der Indiskretionen sind schon manche begangen worden, gerade in Bezug auf die Veröffentlichung von Briefwechseln; in den seltensten spricht man sich gegen die Publikation aus – was für ein Interesse auch der Verleger dabei mit hineinspielt, darüber wollen wir nicht spekulieren. Darum ist bei aller Brisanz und der bleibenden Fragwürdigkeit zum Trotz den beiden Herausgeberinnen ihr Bewusstsein für die Problematik und ihr selbstkritischer Umgang damit hoch anzurechnen. Die selbstkritische Befragung und Rechtfertigung der Publikation ist ehrlich. Im Kommentar, der die Hälfte des Bandes ausmacht, werden die Hintergründe der publizierten Texte erläutert und in Bachmanns Leben kontextualisiert. Er wird seinem Vorsatz gerecht, nicht sensationslüstern biographischen détails nachzusteigen, sondern konzentriert sich darauf, literaturwissenschaftlich den Zusammenhang zwischen den hier publizierten Texten und dem Spätwerk Bachmanns aufzuzeigen. Wie bei der zweiten grossen Edition, die im Entstehen ist, nämlich der Kritischen Gesamtausgabe von Walter Benjamins „Werke und Nachlass“ freut man sich auch bei diesem Band über den Abdruck von Typo- und Manuskripten.

Dieser erste Band lässt trotz der mit ihm verbundenen Bedenken Vorfreude auf die folgenden aufkommen. Der zweite Band, „Das Buch Goldmann“, soll schon am 10.04.2017 erscheinen. Die Edition ist sorgfältig und professionell gestaltet. SpezialistInnen mögen einzig bei détails ein leichtes Bedauern über verpasste Gelegenheiten verspüren: zwar wird im Kommentar unter „Auswahl und Überlieferung“ darauf hingewiesen, dass es sich um eine ausgewählte Textsammlung handelt. Warum andere Texte, die also auch in Frage hätten kommen können, nicht aufgenommen wurden, bleibt unerklärt. Auch auf die Verwendung diakritischer Zeichen, ein unabdingbares Instrument der Editionsphilologie, wurde weitgehend verzichtet. Die Begründung, die Nachvollziehbarkeit soll für eine breite Leserschaft gewährleistet sein, ist freilich legitim. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Herausgeber in der Lage sehen, diesen Usus für den fragmentarischen Nachlass besonders aus dem Todesarten-Projekt, beizubehalten.

Ingeborg Bachmann: „Male Oscuro“. Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit. Herausgegeben von Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni. Berlin etc. 2017.