Kinorückschau 2022: Die Kröten, die man schlucken muss

Jetzt ist es wieder passiert: Zwölf Monate sind rum! Für mich ein Anlass, einen Blick zurück aufs vergangene Kinojahr zu werfen. Das Konzept bleib sich gleich: Erst die Filme, die ich schlecht fand, danach die guten.
In der Worst-Kategorie haben sich sechs Kandidaten durchgesetzt, in der Best-Kategorie werdens ein paar mehr sein. Naja, fangen wir an.

 

Tadelnde Erwähnung: Rotzbub: Willkommen in Siegheilkirchen
Animationsfilm von Marcus H. Rosenmüller und Santiago López Jover, Österreich 2021, 85 Min.
Eine animierte Kindheitsgeschichte im Österreich der Nachkriegszeit, lose basierend auf dem Leben und Werk des Cartoonisten Manfred Deix (1949–2016). Deix malte sehr kunstvoll menschliche Hässlichkeit, im Film ist davon die Hässlichkeit übrig geblieben. Dazu gibts seichte Satire und abgeschmackte Komik. Filmische Leichenfledderei.

Bin nach einer halben Stunde aus dem Kino raus, daher kriegt das Machwerk keinen offiziellen Schlechtesten-Platz. Heisst umgekehrt: So übel das restliche Zeug auf der Liste auch ist, zumindest hab ichs bis zum Abspann durchgehalten.

 
7. Mad Heidi
Trashfilm von Johannes Hartmann und Sandro Klopfenstein, Schweiz 2022, 92 Min.

Das eidgenössische Pendant zu Iron Sky, im Guten wie Schlechten: Eine Trashfilm-Hommage, die sich über Nazis (im weitesten Sinne) lustig macht, finanziert per Crowdfunding.

Ganz wie Iron Sky foutiert sich Mad Heidi um jeden ernsthaft bösen Witz. Was bleibt, ist ein Haufen halblustiger Ideen mit ein paar kalkulierten politischen Unkorrektheiten. Das wäre an sich noch okay. Allerdings: Die Macher haben keinerlei Gespür für Rhythmus und Timing. Für eine Komödie ist das der Todesstoss. Jeder Witz wird ausgewalzt, bis er seine Wirkung verliert, sämtliche Szenen gehen länger als nötig. Ein Film, so zäh wie das Fondue vom Vortag.

Schon klar, der Aufwand hat Anerkennung verdient. Ausstattung und Kostüme sind grandios, die Besetzung von Casper Van Dien ist ein Meisterstück, die Macher und ihre Fans bringen sichtlichen Enthusiasmus mit. Aber was bringts, wenn kein einziger Gag sitzt?

Bis anhin hat es bloss Kung Fury fertiggebracht, eine ähnliche Idee erfolgreich umzusetzen. Und das hat viel damit zu tun, dass er bloss eine halbe Stunde dauert.

 

6. Scream
Horror von Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett, USA 2022, 115 Min.

Nach The Matrix Resurrections schon wieder ein Film, der nach x Jahren noch einmal ein abgenudeltes Franchise aufwärmt und sich rechtfertigt, indem er einen selbstironischen, aber letztlich zahnlosen Kommentar absondert. «Ha ha, ist es nicht ironisch, wie scheisse wir sind?»

Dass Scream die eigene Überflüssigkeit zum Thema macht, macht den Film nicht weniger überflüssig. Was am ersten Scream noch subversiv war, ist längst zur langweiligen Repetition der immergleichen Nummer verkommen.
Und es spricht für sich, dass kein Mensch ausserhalb dieses Films jemals den Begriff requel benutzt hat. (Der Begriff bezeichnet eine Mischung aus sequel und reboot. So wollens jedenfalls die Drehbuchautoren.)

 
5. Occhiali neri
Horror von Dario Argento, Italien 2022, 90 Min.

Apropos schlechter Horror und das Aufwärmen von altem Zeug: Dario Argento hat sich nach mehrjähriger Pause noch einmal ein Alterswerk geleistet.

Eine blinde Prostituierte und ein kleiner Waisenjunge werden von einem Killer verfolgt. Das ist amateurhaft gefilmt und zäh anzuschauen. Zwar gibt es ein bisschen unfreiwillige Komik, die kann aber auch nichts mehr wettmachen.
Das ganze Ding wirkt, als hätte Argento selbst überhaupt keine Lust darauf gehabt, noch einmal Regie zu führen. Weiss der Teufel, wieso er es sich (und uns) trotzdem angetan hat.

Das Sahnehäubchen? Der Film wurde mit NFT beworben. Brrrr.

Hier gibts den detaillierten Verriss.

 

4. All Quiet on the Western Front
Kriegsfilm von Edward Berger, D/USA 2022, 147 Min.

Diese dritte Verfilmung des Remarque-Romans ist ein Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn ein Regisseur die Vorlage hinten und vorne nicht verstanden hat.

Remarque gab jenen einfachen Soldaten eine Stimme, die in den Schützengräbern und Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs völlig sinnlos verheizt wurden. Edward Berger nimmt den Fokus weg vom Kanonenfutter und bedient stattdessen Great-Man-Theorie, indem er Daniel Brühl als Oberverhandler Matthias Erzberger einführt – wobei der Regisseur nebenher den Mythos füttert, dass die Entente-Mächte den Deutschen ungewöhnlich harsche Friedensbedingungen aufgezwungen hätten. (Mehr dazu hier.)

Dass der Tod der Hauptfigur willkührlich und bedeutungslos ist, ist ein zentraler Punkt des Romans. Von daher hat er seinen Titel: Paul Bäumer fällt an einem Tag, an dem der Heeresbericht vermerkt: «Im Westen nichts Neues.»
Im Film kriegt Bäumer ein breitgetretenes Ende voller Tragik und Pathos. Mit anderen Worten: Edward Berger gibt ihm einen Heldentod. Womit er den Krieg heroisiert. Genau das, was Remarque noch kritisierte.

Dazu passt, dass Berger den Krieg auch ästhetisch abfeiert. Man nehme nur die Szene mit den Panzern und Flammenwerfern: ein audiovisuelles Spektakel, das auch aus einem Superheldenfilm stammen könnte. Captain America: The First Avenger, Wonder Woman, All Quiet on the Western Front. Aus dem Antikriegsroman ist cineastische Kriegsverherrlichung geworden.

 
3. Die schwarze Spinne
Literaturverfilmung von Markus Fischer, Schweiz 2022, 116 Min.

Der einzige Film, den ich mir dieses Jahr zweimal angesehen habe, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass so etwas überhaupt ins Kino kommt. Wenn es um rein handwerkliche Inkompetenz geht, nimmt sich Die schwarze Spinne das Siegertreppchen. Ich kann mich an keinen anderen Film erinnern, bei dem mir allein schon das Sounddesign aufgefallen ist, weil es derart schlecht ist – da hört sich ein Schwertkampf an, als würden die Kontrahenten mit Besteck aufeinander losdreschen.

Auch sonst: Schnitt, Ausstattung, Effekte, Schauspielleistungen – alles auf Amateurniveau. Eine ganz und gar trostlose, witzlose und einfallslose Neuverfilmung von Jeremias Gotthelfs Novelle.
Das einzig Interessante, das Markus Fischer und Co. in den Sinn kam, war eine feministische Interpretation der weiblichen Hauptfigur. Aber das verläuft nach ein paar oberflächlichen Fingerzeigen prompt im Sande.

Mark Rissis Version von 1983 war auch ziemlicher Trash, aber die hatte tatsächlich ein paar interessante Ideen, machte mehr aus den beschränkten Mitteln und war keine elende Geduldsprobe.

 

2. Rubikon
Science Fiction von Magdalena Lauritsch, Österreich 2022, 110 Min.

Drei Napfsülzen hocken auf einer Raumstation rum und keifen sich an. Fast zwei Stunden lang. Und am Ende stellt sich heraus, dass das ganze Gestreite und Getue für den Ausgang der Handlung komplett unerheblich war.

Darum gehts: Besagte Napfsülzen auf besagter Raumstation kriegen mit, wie sich auf der Erde ein giftiger Nebel ausbreitet, der den Grossteil der Menschheit auslöscht. Ihre Weltraum-Algenzucht könnte den Überlebenden die Rettung bringen – aber wie kriegen sie die auf die Erde geliefert? Sollen sie stattdessen auf Nummer sicher gehen und sich auf der Station einrichten? Vor allem aber: Wen interessierts?

Hannah (Julia Franz Richter), Gavin (George Blagden) und Dimitri (Mark Ivanir) sind mit Abstand die geschwätzigsten und unsympathischsten Figuren des Jahres, womöglich der Filmgeschichte insgesamt. Rubikon nimmt der Idee vom Ende der Menschheit ihren Schrecken.

 
1. The King’s Man
Agentenfilm von Matthew Vaughn, USA/GB 2021, 131 Min.

Schau mal an: Das Remake von Im Westen nichts Neues war dieses Jahr tatsächlich nicht der schlechteste Film über den Ersten Weltkrieg.

The King’s Man ist ein Prequel zur Kingsman-Reihe und erzählt davon, wie die Geheimorganisation entstand. Die Story dreht sich um ihren Gründer (Ralph Fiennes), der eine Verschwörung um den erwähnten Weltkrieg aufdeckt.
Regisseur Matthew Vaughn hatte immer schon eine reaktionäre Seite an sich, in diesem Teil bricht sie voll durch: The King’s Man ist Propaganda für die britische Krone und den Imperialismus, den sie verkörpert.

Die britische Monarchie (und zwar nur die britische) wird vorbehaltlos als gute Sache dargestellt. Ihre Verbrechen – etwa die Schaffung von Konzentrationslagern während des Zweiten Burenkriegs – werden verharmlost. Die Hauptfigur (gespielt von Ralph Fiennes) lernt, dass ein richtiger Mann kein Mitleid zeigt, sondern seine Feinde erbarmungslos tötet. Für Homophobie sorgt die Darstellung von Rasputin als schwuler Gefahr für unsere Helden. Am Ende kommt wieder der oben erwähnte Mythos, die Entente habe den Deutschen zu harte Friedensbedingungen gesetzt.

Und ganz am Ende erweist sich der Zweite Weltkrieg als eine Gemeinschaftsarbeit von Kommunisten und Nazis: In einer After-Credit-Sequence sehen wir, wie sich Lenin und ein junger Hitler die Hände schütteln. Der Vermittler zwischen den beiden: Erik Jan Hanussen. Ein Jude. So feiert Regisseur Matthew Vaughn neben der Hufeisentheorie («links und rechts sind gleich schlimm») auch noch gleich antisemitische Verschwörungstheorien.

Gespielt wird Hanussen übrigens von Daniel Brühl, der offenbar eine Schwäche dafür hat, in fragwürdigen Filmen über den Ersten Weltkrieg mitzuspielen.

Nur eins besänftigt den Ärger über diesen Film: dass dieses Jahr die Queen starb.

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