Goethes tragischer Quark

Was würdest du tun, wenn ein Theatermacher ein ganzes Stück über dich schreibt – und dir einen tragischen Tod andichtet?

In meinem Lieblings-Pausenraum im Büro steht ein Büchertausch-Regal, und während der Kaffeepause les ich gern in Georg Hensels Monumental-Theaterführer Spielplan. Schauspielführer von der Antike bis zur Gegenwart. Ich bin grad am deutschen Sturm & Drang und an Goethes Clavigo. Dieser Clavigo ist ein Frühwerk, das erste Stück, das unter Goethes eigenem Namen erschienen ist. Die Handlung breitet sich folgendermassen aus:

Clavigo ist ein junger Journalist, der darauf hinarbeitet, am spanischen Hof aufzusteigen. Aus Leidenschaft hat er sich mit einer gewissen Marie Beaumarchais verlobt, aus Karrieregründen löst er diese Verlobung wieder auf – woraufhin ihm deren Bruder Konsequenzen androht.
Clavigo nimmt die Auflösung der Verlobung zurück. Aber sein Freund Carlos überzeugt ihn, das Eheversprechen erneut zu brechen.
An diesem nachgedoppelten Verrat stirbt die (kränkliche) Marie. An der Beerdigung ersticht ihr Bruder den treulosen Clavigo in einem Fechtkampf.

Hier nun Georg Hensel:

Der fünfundzwanzigjährige Goethe hat das Stück in einer Woche geschrieben. Als Quelle benutzte er das ›Fragmet meiner Reise nach Spanien‹ seines französischen Zeitgenossen [Pierre-Augustin Caron de] Beaumarchais […]; ein großer Teil seines Stückes ist fast wörtlich aus dem Beaumarchais‘ übersetzt, der tragische Schluss […] weicht von der Historie ab: Marie, die Schwester des Beaumarchais, verheiratet sich in Paris, der historische Don Joseph Clavigo y Faxarda hatte noch jahrzehntelang Gelegenheit, sich über seinen Bühnentod zu amüsieren.

Beaumarchais sah den ›Clavigo‹ – und damit sich selber – in Augsburg auf der Bühne und meinte dazu: »Der Deutsche hat meine Geschichte mit einem Zweikampf und einem Begräbnis überladen, Zusätze, die weniger von Talent zeugen als von Hohlköpfigkeit.«

Hinter dem gebrochenen Eheversprechen und der aus Ehrgeiz verlassenen Marie steckt Goethes Sesenheimer Friederike Brion und hinter dem weltklugen Freund Carlos höchstwahrscheinlich der Darmstädter Kriegsrat Merck, der im übrigen seinem Freund Goethe über den ›Clavigo‹ mitteilte: »Solch einen Quark mußt Du mir künftig nicht mehr schreiben, das können die Anderen auch!«

Georg Hensel, Spielplan, Bd. 1, Ex Libris, Zürich 1986, S. 361

Der reale Clavigo hat Marie Beaumarchais tatsächlich die Ehe versprochen, nicht nur zwei-, sondern grad dreimal. Aber weder ist sie am gebrochenen Herzen gestorben (sie hat einen anderen geheiratet), noch hat Beaumarchais den Clavigo (oder sonst jemanden) mit dem Degen getötet. Aber es muss für die drei gleichermassen lustig gewesen sein, die Bühnendarstellung ihrer Querelen zu sehen.

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