Kinorückschau 2021: Die Krümel unter den Fussnägeln

Halten wir mal Rückschau auf das vergangene Filmjahr. Dank Corona war wieder vieles anders: Die Schweizer Kinos konnten erst im April aufmachen, die Solothurner Filmtage mussten online stattfinden, das Kino Frosch im Zürcher Niederdorf wurde endgültig geschlossen.

Seither läuft alles mehr oder weniger in gewohnten Bahnen, auch wenn die Säle eher schlecht gefüllt sind. Immerhin, der massive Erfolg von No Time to Die zeigt, dass Bond nicht nur die Welt, sondern auch das Kino retten kann.

So weit, so gut. Noch besser: Unter den Filmen, die ich im Kino sah, gabs viele gute. Bevor wir zu denen kommen, liste ich aber den Bodensatz auf.

Hinweis: Wo ich mal was geschrieben habe, verlinke ich das Geschriebene, ansonsten einfach den Trailer zum entsprechenden Film.

 
Tadelnde Erwähnung

  • No Time to Die: Von wegen Retter des Kinos. So richtig schlecht ist der zwar nicht. Aber dieser längste aller Bond-Filme (2 Stunden, 43 Minuten) kommt einem auch so vor. Als Abgesang auf die Ära Craig eher verunglückt. Kein «Schön wars!», sondern ein «Endlich vorbei!».
  • The Matrix Resurrections: Ein Film, der derart unnötig ist, dass sich konsequenterweise die Handlung darum dreht, wie unnötig der Film ist. Immerhin, das Wiedersehen mit Keanu Reeves und Carrie-Anne Moss macht einiges wett.
  • The French Dispatch: Schon klar, dass ich mit Wes Andersons Stil wenig anfangen kann, ist meine eigene Schuld. Aber wie er hier politische Themen systematisch entpolitisiert, ist ganz objektiv eine niederträchtige Nummer.
  • Es ist nur eine Phase, Hase: Hätte ich diesen Film mehr als 30 Minuten durchgehalten, wäre er fraglos auf dem ersten Platz gelandet.

Kommen wir zu den echten Lowlights des Jahres. Trommelwirbel!

 

5. Tides
Science-Fiction von Tim Fehlbaum, D/CH 2021, 104 Min.

Astronaut:innen landen auf einer Erde, die nach einer Umweltkatastrophe weitgehend überschwemmt ist. Eine schweizerisch-deutsche Koproduktion von Tim Fehlbaum, der mit Hell ein ziemlich gutes Regiedebüt hingelegt hatte. Aber Tides ist einfach ein Remake von Waterworld. Abzüglich des Unterhaltungswerts.

 
4. Spell
Horror von Mark Tonderai, USA 2020, 91 Min.

Seit Get Out gibts eine Welle von Filmen, die mit den Mitteln des Horrorgenres von Rassismus erzählen. Spell ist die Trash-Variante davon: Ein afroamerikanischer Familienvater landet in den Händen von afroamerikanischen Hinterwäldlern. Es folgt ein fantasieloses Abspulen von Klischees. Zwar versuchen die Filmemacher, eine Aussage zu machen, die läuft am Ende aber auf nichts hinaus.

 

3. Wonder Woman 1984
Superheldinnenfilm von Patty Jenkins, USA 2020, 145 Min.

Wonder Woman 1984 düfte das gesamte Wohlwollen verspielt haben, den sich der erste Teil erarbeitet hat. Ein wirres Drehbuch, seichter Humor, miserable CGI-Effekte und die implizite Botschaft, dass eine Frau eine leere Existenz führt, wenn sie keinen Mann hat. Der Tiefpunkt des Superheld:innen-Genres in diesem Jahr.

 
2. Spiral: From the Book of Saw
Horror von Darren Lynn Bousman, USA 2021, 93 Min.

Uffza. Der neunte Film aus dem Saw-Universum verlangt einen starken Magen. Nicht der Splattereffekte wegen, die sind bloss lachhaft. Und lachhaft ist auch Chris Rock in der Hauptrolle: Er spielt einen desillusionierten, knallharten Cop, wirkt aber stets wie ein Zwölfjähriger, der sich erwachsen vorkommt, weil er «fuck» sagt.
Dazu ist die Inszenierung krampfhaft auf cool getrimmt, was sehr schnell sehr nervtötend wird. Die typische Videoclip-Ästhetik der Reihe hat sich überlebt, besonders, wenn sie derart inkompetent hingewerkelt ist.
Das Traurige daran: Regisseur Darren Lynn Bousman hat mehrere Teile der Reihe inszeniert, darunter auch den zweiten, den ich als den besten bezeichnen würde. Jetzt hab ich Angst, mir den noch einmal anzusehen.

 

1. Halloween Kills
Horror von David Gordon Green, USA 2021, 105 Min.

Wenn wirs schon von Horrorfilmreihen haben: Halloween Kills ist der zwölfte Film aus dem Halloween-Franchise und der mittlere Teil einer Trilogie, die das vierte Reboot darstellt, sofern ich richtig rechne.

Halloween (2018) war keine Grosstat, aber ganz nett. Wo der aufhörte, macht Halloween Kills direkt weiter. Wobei «weitermachen» das falsche Wort ist. Der Film macht nicht weiter, er tritt 105 Minuten auf der Stelle, bis ein Abspann kommt. Es passiert nichts von Belang, nichts wird erreicht, die Figuren sind am Ende genau so weit wie am Anfang. Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) liegt untätig in einem Spitalbett rum, die Dialoge bestehen ausschliesslich aus der Wiederholung desselben Satzes:

«Evil dies tonight!» «Evil dies tonight!» «Evil dies tonight!» «Evil dies tonight!» «Evil dies tonight!» «Evil dies tonight!» «Evil dies tonight!» «Evil dies tonight!» «Evil dies tonight!» «Evil dies tonight!» «Evil dies tonight!» «Evil dies tonight!» «Evil dies tonight!»

Die Halloween-Reihe hat wahrlich genügend schlechte Einträge, aber selbst eine Obergurke wie Halloween: Resurrection hatte zumindest so was Ähnliches wie einen Sinn und Zweck. Halloween Kills schindet einfach die Zeit bis zum nächsten, letzten Teil der Trilogie (Halloween Ends ist für den Oktober 2022 angekündigt).

Halloween Kills ist der schlechteste Halloween-Film und der schlechteste Film von 2021. Herzlichen Glückwunsch.

 
Die Liste mit den Jahres-Highlights folgt demnächst.

2 Gedanken zu “Kinorückschau 2021: Die Krümel unter den Fussnägeln

  1. Mit den Plätzen 1-3 kommen wir (fast) überein, aber NO TIME TO DIE fand ich toll, gerade weil er eben nicht einfach nur ein Agenten-Abenteuer bot (er es eigentlich sogar zur Seite schob, Nachfolge oder Evil Genious waren irgendwie komplett egal), sondern eben das nun richtig ins Zentrum rückte, was schon seit CASINO ROYALE mit schwang, nämlich: Bond auf der Suche nach Liebe und Sinn in einer Welt, die er fortwährend immer weniger versteht. Für mich kein perfekter Film, aber der perfekte Abschluss der unperfekten Craig-Saga, den ich so kurzweilig fand, dass ich ihn Mitte November noch im Kino und einen Monat später noch im Heimkino gesehen habe, ohne dass er in meinen Augen etwas verloren hätte (sogar im Gegenteil, gerade in der Zweitsichtung erfasst man die Andeutungen und Querverweise noch besser). Er hat es in meine Top 5 für 2021 geschafft (was aber auch nicht so schwierig war, bei der Konkurrenz).

    Ach ja, Top 5 für 2021 (nach Deutschlandstart):
    1. BETWEEN THE INFINITE TWO MINUTES
    2. BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN
    3. LIMBO
    4. NO TIME TO DIE
    5. PIG

    Flirt: MOSQUITO STATE, A COP MOVIE, NOBODY, VICIOUS FUN, NEW ORDER

    Flop 5:
    1. SKY SHARKS
    2. HALLOWEEN KILLS
    3. SAW: SPIRAL
    4. WONDER WOMAN 1984
    5. ARMY OF THE DEAD

    Böser Blick: FREAKY, GODZILLA VS KONG, MORTAL KOMBAT, PRISONERS OF THE GHOSTLAND, NIGHT RAIDERS

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  2. „No Time to Die“ hat mich vor allem sehr müde gemacht. Aber mal schauen, wie der noch altert.

    Die Bestenliste kommt dann noch. Kann aber schon sagen, dass von „Godzilla vs. Kong“ noch zu reden sein wird … 😉

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