Hotdogs und Tourettes im Papaya Czar: «Motherless Brooklyn»

Vor zwei Jahren schrieb ich über Edward Nortons Film noir Motherless Brooklyn. Inzwischen hab ich die Zeit gefunden, die Vorlage zu lesen, also Jonathan Lethems gleichnamigen Roman von 1999. Die Lektüre kann ich gerade auch jenen ans Herz legen, die die Adaption gesehen haben. Der Déjà-vu-Faktor ist minimal, denn Film und Buch haben nicht mehr als die Ausgangslage gemeinsam:

Lionel Essrog, ein New Yorker Detektivsgehilfe mit Tourette-Syndrom, klärt den Mord an seinem Mentor auf. Seine Eigenart bringt ihn immer wieder in Schwierigkeiten, allerdings macht gerade das Zwanghafte am Tourette ihn zu einem hervorragenden Detektiv.

Bei Norton (Hauptrolle, Drehbuch und Regie) spielt die Geschichte in den Fünfzigern. Essrog kommt im Laufe der Ermittlungen einem Stadtplanungs-Skandal auf die Spur und legt sich mit dem mächtigsten Mann von New York an. Dabei lernt unser Held den Jazz kennen und lieben, denn die Musik besänftigt seine Tics.

Bei Lethem spielt die Geschichte in der Gegenwart der späten Neunziger – unter anderem daran erkennbar, dass sich ein Teil der Handlung um ein frühes Handy dreht. Zudem liebt der Roman-Essrog nicht den Jazz, sondern die Songs von Prince. Und die Ermittlungen führen ihn nicht in die Stadtplanung, sondern zu einer Zen-Buddhismus-Gemeinschaft, die von einem amerikanischen Mönch geführt wird. (Später kommt eine japanische Delegation zu Besuch.)

Wenig überraschend also, dass das Buch völlig woanders landet als der Film, nämlich in einem Fischerdorf im Norden des Bundesstaates. (Mehr verrate ich nicht.)

Regisseur Norton hat viel Freude daran, Essrogs Faszination für Jazz-Musik bildlich umzusetzen. Autor Lethem lässt im Roman seine Hauptfigur als Ich-Erzähler auftreten, und das Spannende daran ist der spezielle Umgang mit Sprache – das Tourette zwingt diesen Essrog zu einer ausführlichen Auseinandersetzung mit eben jener.
Da gibts viele wenig benutzte Wörter (oder Wortschöpfungen) und verzwirbelte Satzstellungen. Anfangs muss man sich daran gewöhnen, öfters einen Satz zweimal lesen, das Wörterbuch zücken. Aber man gewöhnt sich schnell an den Groove.

Soweit, so gut. Ich empfehle sowohl Buch als auch Film.

Am meisten beschäftigt mich jedoch ein nebensächliche Stelle im Roman, ein Restaurantbesuch.

Essrog geht in einen Fast-Food-Schuppen. Er hat ein paar unfähigen Handlangern ein Handy abgenommen, und seine Glückszahl des Tages ist die Fünf (weswegen er sich fünf Hotdogs bestellt). Nebenbei versucht er, einen Informanten bei der städtischen Müllabfuhr zu erreichen.

Between bites of hot dog and gulps of papaya juice I dialed the Garbage Cop’s office. The Papaya Czar on Eighty-sixth Street and Third Avenue is my kind of place—bright orange and yellow sign pasted on every available surface screaming, PAPAYA IS GOD’S GRATEST GIFT TO MAN’S HEALTH! OUR FRANKFURTERS ARE THE WORKING MAN’S FILET MIGNON! WE’RE POLITE NEW YORKERS, WE SUPPORT MAYOR GIULIANI! And so on. Papaya Czar’s walls are so layered with language that I find myself immediately calmed inside their doors, as though I’ve stepped into a model interior of my own skull.
I washed down the tangy nubbin of the first dog while the phone rang. Papaya Czar’s product did emulate an expensive steak’s melting-in-your-mouthiness, frankfurters apparently skinless and neither bun nor dog crisped in the cooking, so they slid together into hot-dog cream on the tongue. These virtues could be taken in excess and leave one craving the greater surface tension of a Nathan’s dog, but I was in the mood for the Czar’s today. I had four more laid out in a neat row on the counter where I sat, each with a trim line of yellow mustard for an exclamation—five was still my angel.
As for papaya itself, I might as well be drinking truffula seed nectar or gryphon milk, for all I knew—I’d never encountered the fruit in any form except the Czar’s chalky beverage.

S. 160

Erste Anmerkung: Ich hab erst heute kapiert, dass truffula seed nectar eine Anspielung auf Dr. Seuss‘ The Lorax ist. Wieder was gelernt. (Die Bäume, um die es in dem Kinderbuch geht, sind Truffula-Bäume.)

Aber eigentlich fasziniert mich das fiktive Lokal Papaya Czar, eine Anspielung auf den realen Papaya King. Es existiert also tatsächlich ein solcher Schuppen, dessen Spezialität Papaya-Saft und Hotdogs sind.

Nur, dass Lethem aus dem King einen Czar macht (also einen Zar aus dem König). Was ist der Grund dafür? Fürchtete er (oder der Verlag) rechtliche Schritte? Weigerte er sich, Werbung für den Papaya King zu machen, wollte aber trotzdem nicht auf das Lokalkolorit verzichten? Im gesamten Internet finde ich keine Antwort auf meine Frage, und Lethem beantwortet meine Emails nicht.

Aber wieso kümmert mich die Frage überhaupt? Deswegen: 2017 war ich mit Armada Limmat in New York, und zusammen besuchten wir den Papaya King an der Ecke East 86th Street und 3rd Avenue. 1932 wurde die Filiale eröffnet, es ist der originale Papaya King. (Soll heissen, theoretisch hätte die Würstchenbude auch in Nortons Verfilmung auftauchen können.)

Wir bestätigen hiermit: Die Beschreibung aus Lethems Roman stimmt mit dem Lokal überein, bis hin zur Adressangabe. Mal abgesehen davon, dass uns die Hotdogs nicht an teure Steaks erinnert haben. Eher an Schaumstoff und synthetische Aromen. Der Papaya-Saft schmeckt ebenso chemisch. Nicht zu empfehlen.

Letzems Essrog erwähnt zudem einen «Nathan’s dog», das ist eine Bezugnahme auf Nathan’s Famous, eine konkurrierende Hotdog-Kette. Dazu gibts eine schöne Anekdote aus dem Wikipedia-Eintrag zum Papaya King:

In 1976, Nathan’s Famous set up shop next door to Papaya King, and a „hot dog war“ ensued. Nathan’s cut the price of its hot dogs from 50 to 35 cents, while Papaya King sold its hotdogs for a quarter. Six months later, Nathan’s capitulated and left the block.

Merke: Lethem wagt es nicht, den Papaya King Papaya King zu nennen, aber Nathan’s nennt er Nathan’s. Weshalb auch immer.

Der Papaya Czar taucht übrigens auch in Lethems Roman Chronic City (2009). Und der New Yorker Illustrator Sean Rubin hat den kleinen Wortwitz für sein Bilderbuch Bolivar übernommen. (Da gehts um einen Dinosaurier, der sich in der Stadt verkriecht.)

Da haben wirs also: Eine literarische Hommage an ein schlechtes Fast-Food-Restaurant.

Motherless Brooklyn
Krimi von Jonathan Lethem
Faber & Faber, London 2004, 320 Seiten
Erstveröffentlichung: Doubleday, New York 1999

Hier gehts zum New-York-Bericht.
Die Filmkritik zu Motherless Brooklyn gibts hier.

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