Halloween 2021: Monster Dog

Was, schon wieder ein Claudio-Fragasso-Film? Der italienische Schrott-Regisseur verfolgt mich echt in meinen Albträumen. Letztes Jahr hab ich zu Halloween Rats: Notte di terrore besprochen, den dystopischen Ratten-Horror, den Fragasso zusammen mit seinem ewigen Komplizen Bruno Mattei verbrochen hatte.
Direkt danach machte er Monster Dog – ohne Hilfe von Mattei, dafür mit der seiner Frau Rossella Drudi. Sie ging ihm beim Drehbuch zur Hand (allerdings ohne dafür einen Credit zu kriegen).
Ausserdem beteiligt: Schock-Rocker Alice Cooper in der Hauptrolle. Allein schon das dürfte einen Blick wert sein.

Wie kams zum Film? Der holländisch-italienisch-amerikanische Produzent Eduard Sarlui hatte seinerzeit Rats gesehen und war davon derart begeistert (weshalb auch immer), dass er Fragasso gleich für einen weiteren Tierhorror engagierte. Die Logik: Wenns mit Ratten geklappt hat, klappts sicher auch mit Hunden. White Dog (1982) oder der Stephen-King-Verfilmung Cujo (1983) waren ja einträgliche Vorbilder.

Wobei Monster Dog in erster Linie schon ein Werwolf-Film ist. Das Genre war Anfang der Achtziger gross in Mode:
An American Werewolf in London (1981), The Howling (1981), Wolfen (1981), The Company of Wolves (1984), nur um ein paar zu nennen.

Aber schon klar: Hund, Wolf, ist doch eh dasselbe. So oder so, Hunde-Werwolf-Horror war genau das Richtige für einen Trittbrettfahrer wie Fragasso.

Er und sein Team drehten im Frühling und Sommer 1984 in Spanien. Das Land hatte sich spätestens in der goldenen Zeit des Spaghetti-Westerns als kostengünstige Drehstätte für Produktionen aus aller Welt etabliert. (Fragasso und Mattei selbst hatten dort 1979/1980 Virus: Hölle der Lebenden Toten runtergekurbelt.)

Zudem ist Spanien insofern eine sinnige Produktionsstätte für Monster Dog, als dass dort Paul Naschy wirkte – er war der Ober-Werwolf der Kinowelt, spielte einen solchen von 1968 bis 2005 in fünfzehn Filmen (je nach Zählung könntens auch vierzehn oder sechzehn gewesen sein). Wer sich im Werwolf-Genre auskennt, kennt den unglückseligen Polen Waldemar Daninsky. (Naschy verkörperte durchaus auch andere Filmmonster, aber das ist ein anderes Thema.)

Es gibt sogar eine direkte Verbindung zwischen Naschy und Fragasso: Carlos Aured, der spanische Co-Produzent von Monster Dog, führte bei mehreren Naschy-Vehikeln Regie. Passt doch alles wunderbar zusammen.

Übrigens: Da er schon mal ein spanisches Büro eröffnet hatte, liess Sarlui parallel zu Monster Dog einen zweiten Film drehen: The Falling, besser bekannt als Alien Predators. Ein Werk, mit dem ich mich früher oder später auch werde auseinandersetzen müssen.

Was gibts noch zu sagen? Regisseur Fragasso zerstritt sich seinerzeit mit Produzent Sarlui, weil der den Film eigenmächtig schnitt und anscheinend um 20 Minuten Spielzeit erleichterte. Was einiges erklärt, aber dazu später mehr. Jetzt steigen wir mal in die Handlung ein.

 
Willkommen zu Hause, Vincent Raven

Immer ein gutes Zeichen: Die ganzen Italiener und Spanier verstecken sich im Vorspann hinter englischen Pseudonymen.

Dann fängt die Story auch schon an, und zwar nicht schlecht, soll heissen: mit einem Alice-Cooper-Video.

Tja, ganz nett, allerdings kein Highlight in Coopers Schaffen. Klingt, als hätte man den Song in einer Garage aufgenommen. Dazu muss man wissen: Die Cooper-Songs in diesem Film sind unfertige Demo-Versionen. (Ich konnte allerdings nicht eruieren, ob aus Versehen in der Postproduktion die unfertige Fassung verwendet wurde, oder ob es gar nie eine fertige Fassung gab.)

Item. Genau genommen ist das sowieso kein Alice-Cooper-Video, sondern ein Vincent-Raven-Video. Vincent Raven heisst drum die Figur, die Cooper spielt. Jene ist freilich biografisch hart inspiriert vom Schockrocker.

Raven schaut sich besagtes Video zusammen mit seiner Freundin/Videoproduzentin Sandra an, und er ist alles andere als begeistert: «Ich finds beschissen!» (Schön, wenn der Film gleich seine eigene Kritik mitbringt.)
Die zwei sind grad mit einem Wohnmobil unterwegs. Hinten drin hocken die anderen vier Mitglieder des Produktionsteams: Marilou, Angela, Frank und Jordan. Ihr könnt euch die Namen merken oder auch nicht. Sind sie von Belang? Nein.

Vincent findet das Video also beschissen.
Sandra: «Deshalb sollen wir ja auch aufs Land fahren, an den Ort deiner Kindheit, damit du wieder ein bisschen Power kriegst.»

Vincent war seit zwanzig Jahren nicht mehr daheim (nominell spielt der Film irgendwo in kalifornischen Hinterland), seine Eltern sind längst tot. Nur Joss, der Hausmeister, lebt noch dort und passt auf das Anwesen der Familie auf. Und auf eben diesem Anwesen soll das nächste Vincent-Raven-Video entstehen.

Vincent über Joss: «Er war schon alt, als ich noch klein war. Seine Hände haben dauernd gezittert. Deshalb haben wir ihn auch immer gebeten, unsere Shakes zu machen.»

Vincent und Sandra in ihrem Wohnmobil.

Äh, Moment mal, mir ist grad was aufgefallen. Vincent Raven? Heisst so nicht dieser Berner Mentalist, der mit Raben auftritt? Der durch die Show The Next Uri Geller berühmt wurde? Potzblitz! Es gibt gruselige Zufälle. (Sogar noch gruseliger: Der reale Vincent Raven hat ein eigenes Musikvideo.)

Noch eine Anmerkung: In der englischen Originalfassung fällt auf, dass die Schauspieler:innen durchs Band nachsynchronisiert wurden – auch Alice Cooper.
Nun, bei den anderen hats vielleicht damit zu tun, dass sie allesamt spanische oder argentinische Menschen sind. Und dann wurde Cooper wohl aus Gründen der Symmetrie ebenfalls synchronisiert. Oder weil er hier das Schauspieltalent und die Ausstrahlung eines nassen Waschlappens demonstriert. (Tut mir ja leid, aber es ist so.)

Letzte Anmerkung für den Moment: Cooper und seine Kollegin Victoria Vera liegen nur fünf Jahre auseinander, aber er schaut aus, als könnte er ihr Vater sein. Das Leben eines Rockstars ist kein Jungbrunnen.

Vorhin hab ich ja Joss, den Hausmeister erwähnt. Der passt in der Tat auf das Anwesen der Familie auf, ist über Vincents Heimkehr unterrichtet und bereitet eine Unmenge an Sandwiches vor.
Kaum ist er damit fertig, wird er von einem losen Fensterladen abelenkt. Und dann bellen auch irgendwo noch Hunde in die Gegend hinein. Joss guckt nach und Pardauz: Das bellende Rudel lümmelt im Hinterhof rum. Der Hausmeister guckt entgeistert. Passieren tut aber nichts. Jedenfalls nichts, das wir sehen würden.

Seht mal, wie nett er lächelt.

Es nachtet und nebelt. Vincent und Co. halten an einer Strassensperre. Verantwortlich für selbige: ein dicker Sheriff und sein Deputy. Der Sheriff heisst Sheriff Morrison und kann sich an Vincent als kleiner Junge erinnern. Und umgekehrt.
Vincent: «Na, und ob ich mich erinnere! Ich hab oft auf Ihrem Schoss gesessen und Ihnen die Hose vollgepisst!»
Sheriff: «Ich glaub, du hast es immer angehalten, bis ich gekommen bin. Ja, ich glaube, er hat sich nen Sport draus gemacht! Vielleicht hört sich deine Musik deshalb so bepisst an.»
Allgemeines Gelächter.
(Wenn das mal nicht die hohe Dialogkunst ist.)

So weit, so gut. Frage: Weswegen die Strassensperre? Der Sheriff und sein Deputy – jenerwelcher heisst Dan – warnen Autofahrer:innen vor einem Rudel bösartiger Hunde, das in der Nacht unterwegs ist und die Gegend unsicher macht. Anscheinend haben die Viecher schon mehrere Leute zerfetzt und eine ganze Familie ausgelöscht. Unschön. (Für Hausmeister Joss verheisst das nichts Gutes.)

Aus der Zeit vor social distancing.

Vincent und Konsorten setzen ihren Weg fort. Sheriff Morrison und Deputy Dan hören was im Dickicht. Sie gehen nachgucken und verlieren sich im Nebel augenblicklich aus den Augen. Was für Geistesgrössen. Fünf Minuten später hat das Hunderudel beide Gesetzeshüter regelkonform zerrissen.

Vincent derweil fährt mit dem Wohnmobil einen Schäferhund an. Um das schwer verletzte Tier von seinem Leid zu erlösen, schlägt er ihm mit einem Stein den Schädel ein. Die anderen fünf stehen rum und gucken blöd aus der Wäsche.
Da springt ein alter Zausel aus den Büschen und erschreckt unsere Helden. «Das hättet ihr nicht tun dürfen», sagt er. Der Zausel ist voller Blut und trägt zerfetzte Kleidung. «Ihr alle werdet sterben», warnt er und hüpft wieder in die Büsche davon.

Und da fragt er sich, weshalb er als Anhalter keinen Erfolg hat.

Vincent und Sandra rennen ihm mit der Taschenlampe hintendrein, denn da sie herzensgute Menschen sind, wollen sie den anscheinend verletzten und offensichtlich geistig verwirrten Alten ins Krankenhaus zwingen. Doch das Einzige, was sie in den Büschen finden, ist ein monströses Hundewesen. Vincent und Sandra scheissen sich vor Angst in die Hose, machen stante pede kehrt, rennen zurück zum Wohnmobil, und alle zusammen machen sich unsere Freunde aus dem Staub.

Fragesso und Co. geben sich alle Mühe, das Hundemonster nur ansatzweise zu zeigen, bei Nacht und Nebel und nicht länger als Sekundenbruchteile. Und trotzdem wird sehr deutlich, dass das eine Handpuppe aus Pappe ist. Ein durchschnittliches Kasperle-Theater hat bessere Spezialeffekte.
Aber damit wir uns nicht falsch verstehen: Genau so will ich meine Filmmonster haben.

Als Ittenbach Praktikant bei der Augsburger Puppenkiste war.

Dann gelangen unsere Freunde auch endlich zu Vincents Familien-Anwesen. Hausmeister Joss lässt sich nirgends blicken (uh oh), aber in der Küche stehen die erwähnten Sandwiches bereit, dazu jede Menge Dosen mit Dr. Pepper. Unsere Freunde haben Hunger bis unter die Arme und stürzen sich aufs Buffet wie englische Pauschaltouristen, nur Vincent klaubt ein Gewehr von der Wand und schaut sich im leeren Haus um. Er geht Raum für Raum durch. Passieren tut nichts, ausser, dass Laufzeit vergeht.

Etwas spärlich eingerichtet, aber durchaus wohnlich.

Die Freunde in der Küche sind gut gelaunt, bloss Angela ist es sichtlich unbehaglich, und sie ominöst vor sich hin: «Wir sind hier nicht sicher. Ich weiss nicht, ich hab so ein komisches Gefühl.»
Jordan: «Fang nicht wieder damit an, Angie.»
Angela: «Irgendwas ist da. Ich fühle es, ich weiss es ganz genau. Wir sind hier in Gefahr. Der alte Mann hatte recht, wir hätten nie hierherkommen dürfen. Es werden furchtbare Dinge hier passieren.»
Alte Spassbremse.

Nachts schlafen die Leute. In einem Zimmer die Jungs, in einem anderen die Mädels. Angela träumt. Und zwar träumt sie vom alten Zausel, ausserdem davon, dass ihre Freunde Zombies sind etc. Der alte Mann behauptet frech, Vincent wolle sie alle töten.
Der Traum endet damit, dass sich Angela einem Schaukelstuhl nähert. Jemand hockt drin. Angela meint, Vincent von hinten zu erkennen. Tippt ihm auf die Schulter. Er dreht sich um – und erweist sich als Werwolf. Angela erwacht kreischend und reisst damit die anderen ebenfalls aus dem Schlaf.
Sie erzählt von ihrer Träumerei, die Herren und Damen Freunde nehmens mit Humor. Nur Vincent bleibt seltsam still.

Gibt es was Deprimierenderes als eine Ü30-Pyjama-Party?

Etwas später. Die Leute sind alle wieder im Bett, nur Sandra schleicht sich ins Wohnzimmer. Vincent hockt im Schaukelstuhl, allerdings nicht in Werwolf-Form. Dafür schmökert er in einem themenverwandten Wälzer: «Werewolves. Myths, Legends and Scientific Realities». Grad hat er eine Seite aufgeschlagen mit einem Bild, das Lon Chaney Jr. als Werwolf in «The Wolf Man» (1941) zeigt. Wissenschaftliche Fachliteratur, offensichtlich.

Vincent erklärt: «Werwölfe existieren tatsächlich.» Sandra findet die Vorstellung unerhört, skandalös und dem 20. Jahrhundert nicht angemessen.
Vincent fährt fort: «Vor genau zwanzig Jahren ist hier etwas Furchtbares passiert.» Damals hätte ein Rudel Hunde ganze Familien ausgelöscht. Also so wie jetzt. «Die Leute wurden verrückt, sie brauchten einen Sündenbock und haben dann meinen Vater beschuldigt.» Anscheinend hatte der Vater eine Krankheit, die ihn dazu brachte, in Vollmondnächten über die Felder zu rennen und den Mond anzuheulen. Einmal hat er sogar ein Kälbchen gerissen. «Er war gerade dabei, die Innereien aufzufressen.» Mir scheint, als hätten die Leute mit ihrem Verdacht nicht völlig Unrecht gehabt.
Jedenfalls: «Sie haben ihn mit Heugabeln einfach erstochen, dann haben sie ihn mit Benzin übergossen und in Brand gesteckt.» Uffz. Als nächstes hat Vincent das Dorf verlassen. Was ja verständlich ist.
Also, nochmals zum Mitschreiben: Vincent ist der Überzeugung, dass es Werwölfe gibt. Sein Vater war aber ganz bestimmt keiner, er hat bloss Kälber zerfleischt.

Es folgt der einzige Moment des Films, der sowas wie echten Grusel verbreitet: Auf dem Weg zum Bett betrachtet Sandra das Roberts’sche Familiengemälde im Wohnzimmer. Und entdeckt darauf, versteckt im Gebüsch, eine höllische Hundekreatur. Brrr … Keine Ahnung, wer das Ding gemalt hat, aber an der Person ist ein surrealistischer Meister verlorengegangen.

Das Gemälde wäre auch ohne Monsterhund ganz schön gruselig.

 
Homo homini lupus

Der nächste Morgen kommt, unsere Helden beginnen zuversichtlich ihr Tagwerk und bereiten die Dreharbeiten vor. Seltsam rührend finde ich den Umstand, dass Vincent sich sein Goth-Make-up höchstselbst aufträgt.

Diese Montagesequenz wird untermalt von einem Stück der Prog-Rock-Band The Alan Parsons Project. The Raven heisst das Ding und stammt von Tales of Mystery and Imagination, einem Konzeptalbum über Edgar Allan Poe. Sehr clever. Ich frage mich, wie Fragasso und Co. sich die Rechte leisten konnten. (Im Abspann wird die Band übrigens nicht genannt.)

Apropos Musik: Der bisherige Soundtrack kommt mir sehr bekannt vor. Und das liegt daran, dass er aus De Lift (zu Deutsch: Fahrstuhl des Grauens) stammt. Jener Horrorschocker wurde in Holland gedreht, und so nehme ich an, dass Produzent Sarlui mit seinen holländischen Verbindungen irgendwas damit zu tun hat.

Ist aber auch egal. Es wird Zeit für den zweiten von insgesamt zwei Alice-Cooper-Songs, die Monster Dog hat:

Der Dreh wird abgebrochen, als die totgekillte Leiche von Hausmeister Joss durch ein Innenfenster kracht und auf Angela landet. Ihre Freunde reagieren sehr bestürzt, Vincent guckt teilnahmslos.
Er und die anderen rasen davon, um im Gang hinter dem Innenfenster nachzugucken, wer die Leiche durchs Fenster geschmissen hat. Zu sehen ist jedoch keiner und niemand.

«It’s Raining Man» mal anders.

Die schwer traumatisierte Angela, von ihren Freunden allein gelassen, sieht den alten Zausel (ist es eine Vision? Steht er tatsächlich da?), verfällt in einen geistesabwesenden Zustand und latscht durch die Eingangstür davon.

Als die anderen feststellen, dass Angela verschwunden ist, geht Vincent nach draussen, um sie zu suchen. Die anderen sollen derweil das Wohnmobil beladen und bloss niemanden ins Haus lassen.

Eine Aufregung jagt die andere: Kaum ist Vincent weg, tauchen vier zwielichtige Typen in einem alten, kaputten Auto auf. Die Burschen sehen aus, als seien sie aus irgendeinem billigen Western entlaufen, und so ist es auch. Will sagen: Die Darsteller haben alle in diversen Euro-Western mitgespielt, allen voran Charly Bravo (eigentlich Ramón Carlos Mirón Bravo), Nebendarsteller in 100 Rifles, Bianco Apache oder Scalps (letzte beiden von Fragasso und Mattei). Hier tritt Bravo als Lou auf, Anführer des suspekten Quartetts.

Ein zünftiger Paella-Western, das wär jetzt schon was.

Machen wirs kurz: Die vier sind Bösewichte, haben davon gehört, dass Vincent zurückgekehrt ist, und messerscharf schlussgefolgert, dass die zeitliche Korrelation kein Zufall ist und der verlorene Sohn hinter den Hundeangriffen der letzten Tage steckt. Also wollen sie ihn umbringen, bis er nicht mehr lebt. Wie sie es schon mit seinem Vater gemacht haben. Anführer Lou hält zu dem Zweck sogar eine Kugel aus Silber bereit.
Die Lumpen überwältigen unsere Freunde und zerschiessen die Räder des Wohnmobils.

Derweil findet Vincent Angela draussen in der Pampa.
Angela: «Ich hab diese Vision …»
Vincent: «Vergiss das! Wir müssen hier verschwinden!»

Vincent und Angela laufen zurück zum Anwesen und direkt in die Arme der schiesswütigen Übeltäter. Eine Kugel trifft Angela, und sie scheidet melodramatisch aus dem Leben.

Vincent ergreift die Flucht, Lou und zwei seiner Spiessgesellen nehmen die Verfolgung auf. Der vierte Unhold, Ed, fasst den Auftrag, die restlichen Freunde unschädlich zu machen. Ed richtet seinen Schiessprügel auf Frank und Jordan (na, wer hat sich die Namen gemerkt?) und faucht: «Ich kann euch nicht leiden!» Frank und Jordan überwältigen ihn, Sandra jagt ihm einen Schürhaken durch den Fuss. Marilou ist keine grosse Hilfe und Angela liegt immer noch tot in der Ecke.

Man kanns mit den Nahaufnahmen auch übertreiben.

Obacht! Das Hunderudel erscheint, greift in den Zwist ein und zerfetzt Frank. Ed entkommt den Kötern, aber auch bloss, weil er sich selbst aus Versehen mit einer Öllampe in Brand steckt. Autsch. Noch ein Kandidat für den Darwin-Award.
Der Monsterhund, den Sandra und Vincent am Tag zuvor im Gebüsch gesehen haben, tritt ebenfalls auf die Szene. Jordan stellt sich ihm mutig und heldenhaft entgegen. Dafür wird er blutig entleibt. Das hat er davon.

Angriff der Augsburger Puppenkiste: Teil 2.

Vincent liefert sich einstweilen ein Katz-und-Maus-Spiel mit Lou und den verbliebenen zwei Handlangern. Die Sequenz könnte tatsächlich aus einem Western stammen. (Anscheinend hat Fragasso ja den Anspruch, in jeden seiner Filme eine Western-Szene einzubauen.) Einem der Spitzbuben schiesst Vincent die Schädeldecke weg; ein schöner Splattereffekt. Auch die anderen zwei Rabauken erledigt er mit abgebrühter Effektivität. So viel zu den Schurken.

Man merkt, dass Spaniens Schaufensterpuppen keine Gewerkschaft haben.

Anschliessend schliesst sich Vincent Sandra und Marilou an, die eben vom Monsterhund durchs Haus gejagt wurden und sich jetzt in einem Schlafzimmer verbarrikadieren.

«Hier ist Johnny!»

 
Das Finale nähert sich in grossen Schritten

Es ist wieder einmal Nacht, und die Leute schlafen. Sandra erwacht und stellt fest, dass Vincent abgängig ist. Also geht sie nachgucken. Er steht in der Eingangshalle. Die Hunde ignorieren ihn. «Sie sind ganz ruhig geworden. Einfach so.» Er befiehlt Sandra, sie solle sofort Marilou holen.

Gegenlicht macht Hunde friedlich.

Zu dritt zwängen sie sich durch die Hundemeute (man erinnere sich an die entsprechende Szene aus The Birds, halt mit Hunden statt Vögeln) und setzen sich ins Auto der toten Schurken. Aber ach, keine Schlüssel da. Sandra und Vincent schleichen sich zurück ins Haus, um die Leichen der Bösewichte zu durchsuchen. Marilou bleibt einstweilen im Auto zurück.
Vincent und Sandra finden die Schlüssel bei einem der Halunken. Ach du Schreck: Lou wacht Timing-gerecht von den Toten auf und versucht, Vincent zu erwürgen. Sandra knallt ihn (also Lou) ab. Dieses Mal ist der Schuft endgültig hin.

Zurück zum Auto. Vincent und Sandra gucken nicht auf die Rückbank, und so stellen sie erst nach ein paar Minuten Fahrt fest, dass Marilou zerfleischt ist und der Monsterhund neben ihr auf dem Rücksitz hockt. Besagter Monsterhund beisst Vincent in die Schulter. Das ist womöglich ungut.

«Aahhh! Nicht meine schöne Lederjacke!»

Sandra kann gerade noch aus dem Wagen springen, bevor selbiger verunfallt. Da wird sie vom alten Zausel gepackt. Er setzt zu einem letzten, erklärenden Monolog an:

«Ich sage dir, er wird meinen Platz einnehmen. Sein Blut ist dasselbe wie meins. Und mein Blut ist dasselbe wie das seines verfluchten Vaters, der mich damals angesteckt hat. Ja, damals vor zwanzig Jahren war es. Damals hat er mich zerfleischt und damit angesteckt. Und seither hab ich nur darauf gewartet, dass sein Sohn zurückkehrt, um sein Erbe zu übernehmen. Jetzt wird er die Hunde beherrschen für immer!»

Der alte Zausel bricht tot zusammen und lebt nicht mehr.

«Nebenbei, haben Sie Interesse an einem neuen Staubsauger?»

Zu ihrem Erschrecken stellt Sandra fest, dass Vincent sich in einen Werwolf verwandelt. (Die Effekte spotten jeder Beschreibung.) Er reicht ihr seine Flinte und brüllt: «Erschiess mich! Mach schon! Bitte!»
Sie ist eine Weile hin- und hergerissen, tut aber schliesslich, wie ihr geheissen. Das Ende des Hundemonsters.
Allerdings, wenn ihr aufgepasst habt, so wisst ihr, dass Angela sich die silberne Kugel eingefangen hat, die für Vincent gedacht war. Fortsetzung?

Beim Gedanken an die Zahnarztrechnung läufts mir kalt den Rücken runter.

Wir schauen uns nochmal das Video zu Identity Crisis an, dann kommt der Abspann (hm, Joss und sein Darsteller sind vergessen gegangen) und endlich ist der Film vorüber.

 
Hinlänglich kompetente Geisterbahn

Für die Verhältnisse von Claudio Fragasso ist Monster Dog tatsächlich kompetent gemacht. Was nicht viel heisst, aber immerhin. Kameraführung und Ausstattung sind in Ordnung, und der Drehort hat Stil. Vereinzelt kommt tatsächlich Atmosphäre auf (das Gemälde!), es gibt eine anerkennenswerte Menge an Hunde-Statisten (fünfzig Tiere dem Vernehmen nach, alle aus einer Schule für Blindenhunde), und letztlich sorgt Alice Cooper für einen Star-Appel, den kein anderer Fragasso-Heuler hat. Man merkt, dass Produzent Sarlui sowas Ähnliches wie ein richtiges Budget einbrachte.

Aber am Ende des Tages ist das halt doch ein Fragasso-Film, und das heisst in erster Linie, dass das Drehbuch hinten und vorne keinen Sinn ergibt. Es ist eine laue Ausrede dafür, ein paar Szenen aneinanderzuhängen, die für das Publikum die Kosten eines Kinotickets rechtfertigen. In diesem Fall sinds ein paar Splattereffekte, die beiden Alice-Cooper-Musikvideos und das Hundemonster. Letzteres ist furchtbar anzuschauen, eine effektetechnische Totalkatastrophe – und gerade deswegen würde ich argumentieren, dass es den Schauwert erhöht statt senkt.

Produktionsfoto mit der Monsterhund-Puppe und Alice Cooper (rechts).

Die Handlung folgt also einer Art Revue-Logik. Dass sie Sinn ergibt, ist von Beginn weg nicht eingerechnet.
Ich meine: Was sollte das mit Joss, der durchs Fenster kracht? Wer integriert auf einem Familienporträt einen Höllenhund? Wer zum Teufel ist der alte Zausel und weshalb war er 20 Jahre lang inaktiv?

Das offensichtlichste Beispiel von Drehbuch-Demenz ist jene Szene, in der Vincent und Sandra die Schlüssel holen und anschliessend zurück ins Auto steigen, ohnen einen Blick auf die Rückbank zu werfen – alldieweil der Monsterhund schön brav ein paar Minuten wartet, bevor er sich zu erkennen gibt.

Es ist halt cool, wer will da nach Logik fragen? Man soll Monster Dog nicht als Film verstehen, sondern als Geisterbahn auf Zelluloid.

Wegen Drehbuchfragen: Meine Blu-ray-DVD-Edition enthält einige Interviews, und Drehbuchautorin Rossella Drudi gibt tatsächlich Erklärungen zur Story ab, trägt damit aber bloss zu weiterer Verwirrung bei. So sagt sie, dass Vincent am gleichen Virus wie sein Vater leide. Einem Werwolf-Virus, der mit seiner Rückkehr ausgebrochen sei. Im Film kriegt Vincent den Virus aber erst, als ihn der alte Zausel beisst. Naja.

Wie eingangs erwähnt, wurde Monster Dog von Sarlui eigenmächtig zurechtgeschnitten und angeblich um 20 Minuten erleichtert. Kann es sein, dass die Story damit mehr Sinn ergeben hätte? Fragasso und Drudi bestehen darauf. Ich habe meine Zweifel, denn ich kenne das Schaffen der beiden. Das einzige, was dazugekommen wäre, wäre ein Haufen Zeitschinderei. Schon die vorliegende Fassung tendiert vereinzelt dazu. Siehe beispielsweise die Szene, in der Vincent minutenlang durchs Haus schleicht, ohne dass irgendwas passiert. (Fragasso bezeichnet das in den Interviews als «Atmosphäre».)

Im Bonus-Material meiner Edition gibts einige entfallene Szenen, genauer gesagt, erweiterte Szenen aus einer japanischen Fassung, die ungefähr vier Minuten länger dauert als die internationale. Die Bonus-Minuten bestehen zum Grossteil aus irrelevantem Gefasel der Figuren.
Interessant ist aber, dass der abschliessende Monolog vom alten Zausel anders formuliert ist als in der internationalen Fassung. Und zwar so:

«Now he will take my place. His blood is like mine, and my blood is like that of his accursed father, who passed it on to me. It was twenty years ago, the night when Lou Roberts sank his teeth into my neck, and I’ve been waiting ever since for his son to come back and take over his inheritance. Now he will command them! He will become the lord of the dogs!»

Das ist die Version, die offensichtlich auch der deutschen Synchronfassung zugrunde liegt. Die internationale Fassung lautet aber so:

«I tell you now, he’s taken my place. And his blood is as tainted as mine. Vince was just a baby. Horrible things happened. His father sank his teeth into my neck, and now Vincent has come back to help me. Now, for better or worse, we have a new king, who will live in the house of the dead forever!»

Das ist um einiges unklarer. Weiss der Teufel, woher der Unterschied kommt. Soweit ich es heraushören kann, sind die Synchro-Sprecher bei beiden englischen Fassungen dieselben.

Regisseur Fragasso und der alte Zausel (Schauspielername unbekannt).

Was bleibt noch zu sagen? So beachtlich Alice Cooper als Schock-Rocker ist, als Hauptdarsteller ist er eine Talent- und Charisma-freie Zone sondergleichen.
Und bös gesagt: Im Vergleich zu den anderen Protagonist:innen hat er rein äusserlich was ziemlich Trollhaftes. Nicht gerade das Material für einen Heldendarsteller.
Die Besetzung war ja auch nicht seine Idee, sondern wuchs auf dem Mist von Produzent Sarlui. Und ich traue Fragasso keine Sekunde zu, aus einem unerfahrenen Schauspieler grosse Leistungen rauszuholen.

Apropos Fragasso: Zu seinem Regiestil gibts eine Anekdote. Anscheinend ruinierte der Produktionsfotograf mal eine wichtige Szene. Woraufhin Fragasso ihn wutentbrannt verfolgte und mit einer Flinte auf ihn schoss. Kein Wunder, dass die spanische Crew ihn als «el director loco» bezeichnete.

Zurück zu Cooper. Zwei, drei Jahre später spielte der in John Carpenters Prince of Darkness (1987) einen psychopathischen Obdachlosen, der eine dämonische Armee führt – und dort macht er seine Sache wunderbar.

Übrigens, Cooper hatte 1984 grade eine Entziehungskur hinter sich (er hatte lange an Alkohol- und Drogensucht gelitten). Die Rolle in Monster Dog nahm er unter anderem auch an, weil ihm das Engagement etwas Abstand und eine klare Tagesstruktur bot. Immerhin in der Hinsicht hat er von den Dreharbeiten profitiert.

Lasst uns die Summe ziehen: Monster Dog ist ein hinlänglich hanebüchener Mumpitz mit solidem Unterhaltungswert. Durchaus geeignet für eine Halloween-Trash-Party.

 
Zur Fassung

Zur Verfügung stand mir die Editon von Camera Obscura, die zugleich eine Blu-ray und eine DVD enthält.
Neben Trailern und den erwähnten entfallenen Szenen finden sich im Bonusmaterial diverse Interviews, die sehr erhellend sind (leider fehlt Eduard Sarlui; wäre echt noch spannend, was der zu sagen hätte), sowie ein erläuterndes Booklet. Die meisten meiner Hintergrundinfos hab ich von dort.

 

Monster Dog
Originaltitel: Leviatán
Alternative Titel: The Bite, Los perros de la muerte, The Lord of the Dogs, Il signore dei cani
Spanien/USA/Puerto Rico 1985, 84 Min.
Regie: Claudio Fragasso
Drehbuch: Claudio Fragasso und Rossella Drudi
Mit Alice Cooper, Victoria Vera, Barta Barri, Charly Bravo et al.

 

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