Zurich Film Festival 2021, Teil 1: Das Allgemeine und die Tiefpunkte

Das 17. ZFF stand einmal mehr im Zeichen der Pandemie – in die Kinos oder ins Festivalzentrum durfte nur, wer ein Zertifikat vorweisen konnte. Dafür ist die Maskenpflicht gefallen, und wir durften (oder besser: mussten) uns wieder neben wildfremde Leute setzen. Es ist immer noch ein wenig gewöhnungsbedürftig.

Neu am ZFF: Das Kongresshaus als Spielstätte. Dort gibts einen riesigen Saal mit fast 1300 Plätzen. Ich habs allerdings fertiggebracht, keinen einzigen Film dort zu gucken. Naja, vielleicht nächstes Jahr.

Ebenfalls neu: Das ZFF hat jetzt ein Signet, also ein kurzes animiertes Symbol mit Musik. Das vor jeder einzelnen Vorstellung gelaufen ist (selbst in den Pressevisionierungen). Die pompöse, plärrende Fanfare entwickelt nach dem zehnten oder zwanzigsten Mal durchaus einen gewissen Nerv-Faktor.

Jetzt aber zu den Filmen.

 

Tiefpunkt ehrenhalber

Der eigentliche Tiefpunkt war Es ist nur eine Phase, Hase. | Florian Gallenberger, D 2021, 105 Min. | Eine Komödie mit Christoph Maria Herbst, basierend auf dem gleichnamigen Buch von Maxim Leo und Jochen Gutsch. Die beiden haben den Begriff «Alterspubertät» geprägt.
Herbst spielt einen Mann gegen die 50, der sich alt fühlt und versucht, was dagegen zu machen. Unter anderem steckt er sich eine Metallkugel in den Hintern, weil er in einem Youtube-Video hört, dass man so die Potenz trainieren kann. Hilft alles nichts, seine Frau hat einen One-Night-Stand mit einem Jüngeren. Und so weiter. Jeder Witz hat einen Bart, jedes Klischee wird bedient. Eine Komödie für Leute, die das Wort «Pubertier» benutzen, ohne sich dafür zu schämen. Nach einer halben Stunde mochte ich nicht mehr, darum kein abschliessendes Urteil.

Stattdessen:

 

Tiefpunkt

Everything Will Change | Marten Persiel, D/NL 2021, 93 Min. | Im Jahr 2054 stösst ein junger Mann, der Platten sammelt, auf das Album Pet Sounds der Beach Boys – und darin auf ein Foto der Band mit einer Giraffe. Was zur Hölle ist eine Giraffe? Ein Tier, das im Jahr 2054 längst ausgestorben ist. Der junge Mann macht sich mit zwei Freunden auf eine grosse Recherche-Reise. Die Moral von der Geschichte: In den 2020ern hätte man noch eine Chance gehabt, das grosse Artensterben zu verhindern.
In diese Rahmenhandlung sind Interview mit Wissenschaftlern und sonstigen Experten (sowie Wim Wenders) eingeschnitten. Daraus lernt man ein paar interessante Fakten, zum Beispiel über shifting baselines (Menschen unserer Epoche fällt nicht auf, wie viele Tierarten schon ausgestorben sind, weil sie nie eine Welt mit diesen Arten gekannt haben).
Doch die Interviews sind alles in allem eher belanglos, einzelne Befragte tendieren zur Esoterik, und es fällt auf, wie sehr alle am Offensichtlichen vorbeischrammen: Umweltzerstörung und Artensterben passieren nicht einfach, weil Menschen böse oder dumm sind, sondern weil das kapitalistische System darauf fusst, neben der Arbeitskraft von Menschen alle natürlichen Ressourcen auszubeuten. Selbst wenn man keine marxistische Einstellung teilt: Dieser Film zeigt, was passiert, wenn man keine grundsätzlichen Fragen stellt, sondern bloss Symptombekämpfung betreibt.
So ist es kein Wunder, dass der Film beim leidigen Mythos der Überbevölkerung landet. Sinngemäss heisst es: Menschen müssten sich auf gewisse Gebiete und auf eine bestimmte Menge Kinder beschränken. Dabei lebt ein Grossteil der Menschheit mit einem ökologischen Fussabdruck, der kaum der Rede wert ist – das Problem liegt bei einer verschwindend kleinen Minderheit, die unglaublich viele Ressourcen verschwendet.
Dabei ist es nicht einmal die Oberflächlichkeit, wegen der ich Everything Will Change für völlig misslungen halte. Es ist wegen der Rahmenhandlung um die drei Protagonist:innen. Handlung, Figuren und Dialoge bewegen sich auf Kindergarten-Niveau, und als wären die nicht runtergedummt genug, gibt es zusätzlich eine Erzählerin, die einem alles, was passiert, noch einmal vorkaut. Selten hab ich einen Film erlebt, der sein Publikum derart herablassend behandelt.

 

Auch nicht so toll

The French Dispatch | Wes Anderson, USA/D 2021, 107 Min. | Es kann sein, dass es einfach an mir liegt: Meines Wissens bin ich der einzige Mensch auf der Welt, der mit Wes Andersons Werk nichts anfangen kann. Bei The French Dispatch ist das nicht anders. Ich bewundere zwar die Ausstattung, Kulissen und Kostüme, die punktgenaue Kameraarbeit, die erstklassige Besetzung. Aber trotzdem find ich ihn furchtbar.
Der Titel ist der Name einer Sonntagsbeilage, die ein Amerikaner in einem französischen Städtchen leitet. Dieser Chefredaktor stirbt – Ausgangslage für einen Rückblick auf die Geschichte des Blättchens, genauer gesagt, auf vier Artikel. Da gehts um ein Stadtporträt, einen verrückten Künstler, die 68er-Bewegung und eine Entführung.
Mich nervt die totale Substanzlosigkeit des Films, erst recht angesichts der Themen, die er anschneidet. Anderson zitiert Jacques Tati und Jean-Luc Godard, erzählt von abstrakter Kunst und eben der 68er-Bewegung, und der Journalist in der letzten Episode ist offensichtlich James Baldwin nachempfunden. Alles sehr politische Elemente und Figuren.
Aber: Anderson entzieht ihnen jegliche politische Dimension. Er liebt die Ästhetik, zu sagen hat er nichts. Schlimmer noch, er erhebt das Nichts-zu-sagen-Haben zum Prinzip. Weswegen der ganze Film auch noch als Hommage an den Journalismus extrem ärgerlich ist.

 

17. Zurich Film Festival
Zürich 2021
Do 23.9.–So 3.10.2021
zff.com

 
Hier gibts meine fünf Lieblingsfilme vom 17. Zurich Film Festival.

2 Gedanken zu “Zurich Film Festival 2021, Teil 1: Das Allgemeine und die Tiefpunkte

  1. Wenn ich einen Titel wie ES IST NUR EINE PHASE HASE höre, krieg ich schon das kalte Kotzen.Das ist so typisch Spießer-Deutsch, das ist symptomatisch für das deutsche Kino, weil man dem Publikum dies quasi aufzwingt, durch die Talk-Shows, Morning-Shows und die Boulevard-Presse jagt, wo einem suggeriert wird, dass man dies toll finden muss. Und bei einem nicht kleinen Teil des Zielpublikums wirkt das auch noch. Deswegen kommt einem, der nicht zu dieser im Gleichschritt marschierenden Masse gehört, das umso ekelhafter vor und es erscheint einfach sinnlos, da gegen anzustänkern.

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