Fantoche 2021: Splatter-Trash, Filmgeschichte und Mutanten

Das diesjährige Fantoche war mein erstes Kinoerlebnis mit Zertifikatspflicht. Wobei, auch wenn sie es nicht mussten, die meisten Leute haben noch Masken getragen und die Abstände eingehalten, wo es ging. Sehr verantwortungsbewusst.

Gewisse Anfangsschwierigkeiten gabs auf Seiten der Kinogänger:innen: Ein Freund von mir, der extra für eine Vorstellung angereist war, hatte nicht verstanden, dass er ein Zertifikat braucht (das war noch vor der Einführung der offiziellen Pflicht), und keines dabei, weder ausgedruckt noch auf dem Handy.
Es gab zwar ein kostenloses Testcentre beim Festivalzentrum, aber bis wir dort und zurück beim Kino Trafo gewesen wären, wäre der Film zur Hälfte vorbei gewesen. Pech. Stattdessen gingen wir in die Unvermeid-Bar des Teatro Palino. Hat uns gefallen.

Was war aber mit den Filmen, die ich gesehen habe? Das hier sind meine Lieblinge aus dem Programm.

 
Historie de Mr. Vieux-Bois | Lortac & Cavé, CH 1921, 12 Min. (Ausschnitt) | Der Schweizer Animationsfilm feiert dieses Jahr sein 100-Jahre-Jubiläum, 1921 erschien nämlich Histoire de Mr. Vieux-Bois. Genau genommen wurde er in einem Pariser Studio produziert, aber die Auftragsgeber kamen aus Genf, und als Vorlage diente ein Comic von Rodolphe Töpffer (ebenfalls ein Genfer).

Zum Jubiläum hat die GSFA (der Verband der Schweizer Animationsfilmer:innen) ein Filmprogramm zusammengestellt. Eine Auswahl daraus hatte Vorpremiere am Fantoche. Und diese Begann mit dem ersten Teil von Histoire de Mr. Vieux-Bois (ca. 12 Minuten).

Die Animation basiert auf Legetrick (vorgefertigte Elemente werden auf einem Hintergrund verschoben) und wirkt aus heutiger Sicht primitiv, die Story ist nicht grad berauschend: Mr. Vieux-Bois verliebt sich in eine Frau, sie will nichts von ihm wissen, er begeht mehrere Suizid-Versuche.
Lustig: Gezeigt wurde eine Version mit deutschen Zwischentiteln, und diese Titel sind voller Rechtschreibfehler und fragwürdiger Übersetzungen. Der Film hat es seinerzeit nicht in die Deutschschweiz geschafft.
Sehr cool jedoch war die Live-Musikbegleitung. (Melissa Chen an der Geige.)

 
Night Bus | Joe Hsieh, Taiw 2020, 20 Min. | Der Film war im Internationalen Wettbewerb zu sehen; zu Beginn der Vorstellung liess die Moderatorin durchblicken, im Programmationsteam sei der kontrovers diskutiert worden. Kein Wunder: Night Bus ist miserabel animierter Splatter-Trash über eine nächtliche Busfahrt, die in Gewalt und Tod endet. Durch und durch haarsträubend. Aber zweifellos der lustigste Film des Festivals.

 
Ding | Malte Stein, D 2021, 5 Min. | Ein Mann ist auf der Strasse unterwegs. Und wird von einem Baby verfolgt. «Das ist übrigens kein Baby, sondern ein Dämon», sagte Regisseur Malte Stein im anschliessenden Q&A. Wie auch immer: Sehr verstörend, das Filmchen. Verstörender noch als Night Bus.

 
To the Last Drop | Simon Schnellmann, D 2021, 6 Min. | Die Geschichte eines Krebspatienten und des Infusionsständers, der ihn betreut. Der Tropfen im Titel bezieht sich auf das Tropfen der Chemo. Sehr witzig, sehr traurig.

 
Perfect Blue | Satoshi Kon, Jap 1998, 81 Min. | Dieses Jahr präsentierte das Festival eine Retrospektive zu Satoshi Kon (1963–2010). Perfect Blue ist sein bekanntestes Werk. Es geht um Mima, eine junge Frau, die genug davon hat, Popsängerin zu sein, und ins Schauspielfach wechselt. Ein Fan goutiert das überhaupt nicht und stalkt sie.

Ein Psychothriller über Star-Kultur mit einigen Anleihen bei «Psycho». Mima driftet irgendwann selbst leicht in den Wahnsinn ab; Realität, Film im Film und Träume verschwimmen. Ein Mindfuck.
Etwas fragwürdig: Besagter stalkender Fan wird als hässlicher Untermensch dargestellt.
Unfreiwillig komisch: Das Internet spielt eine wichtige Rolle, aber der Film stammt von 1998, und so haben die Figuren nicht wirklich einen Begriff davon, was dieses World Wide Web ist. Mima muss sich von ihrer Agentin sogar erklären lassen, wie man eine Maus benutzt. Aus heutiger Sicht sehr putzig.

 
Écorce | Samuel Patthey, Silvain Monney, CH 2020, 15 Min. | Die Spezialität von Samuel Patthey besteht darin, seine Notizbücher zu animieren. Vor ein paar Jahren lief am Festival schon Travelogue Tel Aviv: Alltägliche Momente aus der israelischen Stadt, die Patthey in gezeichneten Notizen festgehalten hatte. (Den Film gibts inzwischen übrigens gratis online.)
Écorce nun versammelt Momente aus einem Altersheim.

 
Un caillou dans la chaussure | Eric Montchaud, F 2020, 11 min. | Der neue Schüler in der Klasse ist ein Frosch. Nicht so häufig im Land der Hasen. Er spricht seltsam. Und weshalb hat er Angst vor Strassenlampen? Un caillou dans la chaussure ist ein Puppen-Animationsfilm, der davon erzählt, wie es ist, ein Flüchtlingskind zu sein. Und das mit sehr kreativen, eindrücklichen Bildern.

 
Junk Head | Takahide Hori, Jap 2021, 101 Min. | Takahide Hori hat diesen Puppen-Animationsfilm weitgehend im Alleingang gedreht.
In ferner Zukunft ist die Erde von einer gigantischen Stadt überwuchert. Die Menschen an der Oberfläche sind unsterblich, aber impotent und geschlechtslos. Eine Sonde macht in den unteren Levels ein Foto von einem Mutanten, der einen Pimmel hat. Die Lösung für alle Fortpflanzungsprobleme? Ein mutiger Abenteurer begibt sich auf eine Expedition in den Untergrund.
Junk Head ist völlig durchgeknallt; das Highlight des Fantoche.

 

Fantoche 2021: 19. Internationales Festival für Animationsfilm
Baden
Mo 7.9.–So 12.9.2021
fantoche.ch

 

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