Mangazeichner, Salamander und andere Tiere: Yoshiharu Tsuges «Rote Blüten»

Nach der Lektüre von Der nutzlose Mann hab ich mir gleich das andere Buch von Yoshiharu Tsuge geholt, das es auf Deutsch gibt: Rote Blüten. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von zwanzig kurzen Comicgeschichten, die ursprünglich zwischen 1966 und 1973 erschienen. Und zwar in der Zeitschrift Garo, die äusserst wichtig war für die alternative Manga-Szene. Mit diesen Storys ist Tsuge bekannt geworden.

Sie sind stilistisch breit gefächert, und offensichtlich hat Tsuge über die Jahre hinzugelernt. Die erste und älteste Geschichte etwa, Chicko (1966), ist ziemlich simpel gezeichnet, erinnert an alte Kinder-Manga. Die späteren Beiträge sind künstlerisch ausgefeilter, Tsuge probiert mehr aus, wechselt je nachdem zwischen Cartoonstil und Realismus.

Wie viele Geschichten im Band, ist Chicko autobiografisch angehaucht. Hauptfigur ist ein Mangazeichner, seine Frau arbeitet in einer Bar – das kennen wir aus Der nutzlose Mann. Chicko ist der Name eines Reisfinken, den die Frau sich als Haustier gewünscht hat. Aber auch der Mann hat seine Freude am Tier. Einmal spielt er allerdings allzu wild mit dem Vogel, und dieser stirbt. Der Mann vergräbt ihn im Garten, um den Unfall vor seiner Frau zu verheimlichen.

Die titelgebende Story, Rote Blüten (1967), gehört ebenfalls zur autobiografischen Fraktion. Wieder kommt der Mangazeichner vor, allerdings eher als Nebenfigur. Er befindet sich auf einem Ausflug irgendwo im japanischen Hinterland. (Ausflüge und Reisen sind immer wieder die Ausgangslage von Tsuges Erzählungen.) Dort begegnet er einem Mädchen, Sayoko, das auf einen kleinen Gemischtwarenladen aufpasst. Er fragt sie, ob es in der Gegend einen guten Angelplatz gibt. «Keine Ahnung. Da müssen Sie Masaji fragen.» Das ist ein Rotzbengel, der Sayoko ständig schikaniert. Aber mit Angelplätzen kennt er sich aus.

In erster Linie dreht sich die Geschichte um die Kleine und darum, dass sie ihre erste Menstruation erlebt — darauf beziehen sich die roten Blüten im Titel. Ansonsten passiert nicht wirklich viel. Der Fokus liegt auf der Alltagsbeobachtung, nicht auf dem Handlungsbogen. Das ist ein Element bei Tsuge, das immer wieder kommt.

Dazu gibts jene Beiträge, die ohne Tsuges Stand-in auskommen. In die Pilze (1966) etwa handelt von einem Enkel und seinem Grossvater. Die zwei planen, am kommenden Tag Pilze sammeln zu gehen. Opa warnt: «Wenn du morgen verschläfst, nehm ich dich nicht mit.» Allerdings bekommt der Kleine vor Aufregung kein Auge zu, und das Ticken der Wanduhr hält ihn wach, wird ihm zur Obession.
Am Morgen steht der Alte auf und merkt, dass der Enkel verschwunden ist. Ganz am Ende sehen wir: Der Bub sitzt schlafend im Pendelkasten. Er wollte wohl das Pendel blockieren, um das Ticken aufzuhalten.

Einen harten Schlenker ins Makabre macht Der Salamander (1967). Das Amphibium erzählt von seinem Leben in der Kanalisation. «Schon seit ich denken kann, lebe ich in dieser stinkenden Höhle voller Unrat.» Er ernährt sich von Würmern und Tierkadavern und vertreibt sich die Zeit damit, den Müll, der zu ihm geschwemmt wird, neugierig zu untersuchen. «Neulich hielt ich gerade Mittagsschlaf, da stiess etwas Sonderbares gegen meinen Kopf. Ich hatte so etwas noch nie gesehen.» Es ist ein menschlicher Fötus, der wohl abgetrieben wurde.

Diese Geschichte zeichnet Tsuge in einem detaillierten, weitgehenden realistischen Stil, und die Bilder sind ziemlich abscheulich. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie den Horror-Mangaka Hideshi Hino zu seinem Buch The Bug Boy (1975) inspirierten. Darin verwandelt sich ein Junge zu einer Art Raupe (ja, Hino hat wohl auch Kafka gelesen) und landet ebenfalls in der Kanalisation, wo er sich unter anderem von Kadavern ernährt.
Hino hat das Abwasser-Setting später nochmal in seinem Film Mermaid in a Manhole (1988) aufgegriffen. (Einer der wenigen Filme, bei denen es mir flau im Magen wird.)

Letztes Beispiel: Verschraubt (1968), auf Japanisch Neji-shiki, ist anscheinend Tsuges bekannteste Geschichte und überhaupt ein einflussreiches Werk. Die Idee dazu hatte er aus einem Traum. Entstanden ist ein surrealer Comic voller Bilder des Todes, des Krieges und des Zerfalls.
Ein junger Mann steigt aus dem Meer (über ihm die Silhouette eines Bombenflugzeugs), nachdem eine Qualle ihm am linken Arm verletzt und eine Blutader durchtrennt hat. Verzweifelt sucht er nach einem Arzt, der die losen Enden der Ader vernähen kann.

Sehr verstörend, die Story. Aber nicht so verstörend wie die vom Salamander. Brrr.
 

Rote Blüten
Von Yoshiharu Tsuge
Aus dem Japanischen von John Schmitt-Weigand
Reprodukt, Berlin 2019

Reprodukt hat übrigens für den Oktober 2021 das nächste Yoshiharu-Tsuge-Buch angekündigt: Yoshios Jugend.

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