Unfree Speech: Aufzeichnungen aus dem Hongkonger Widerstand

Letzten Dienstag wurde der 24-jährige Tong Ying-kit gemäss des Nationalen Sicherheitsgesetzes in Hongkong verurteilt. Er ist der Erste, den es getroffen hat, seit das Gesetz im Juni 2020 in Kraft getreten ist. Viele weitere sind deswegen verhaftet worden. Das Strafmass für Tong wird zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgegeben.

Eben dieses Gesetz war der Anlass für die gewaltigen Proteste, die im Sommer 2019 anfingen – bis zu zwei Millionen Hongkonger:innen gingen auf die Strasse. Das Coronavirus schwächte allerdings die Widerstandsbewegung so weit, dass die Regierung letztlich freie Hand hatte.

Zu den führenden Figuren der Bewegung gehört Joshua Wong. Ich hab mir sein Buch angesehen, Unfree Speech, das er zusammen mit Jason Y. Ng schrieb. Darin stellt Wong dar, wie er zum politischen Aktivismus kam und welche Schwierigkeiten seine Landsleute zu bewältigen haben, hinzu kommt das Gefängnistagebuch, das er während seiner ersten Haft im Jahr 2017 schrieb.

Wong tendiert etwas zum Pathos, betont immer wieder seinen Glauben – er stammt aus einer christlichen Familie. So heisst das erste Überkapitel des Buches doch tatsächlich Genesis. Dennoch bietet Unfree Speech einen griffigen Einblick in Hongkongs Politik seit 1997.

1996 geboren, nur wenige Monate, bevor England Hongkong an China zurückgab, wuchs Wong mit dem Konzept „ein Land, zwei Systeme“ auf. Die Idee war, dass Hongkong zwar zu China gehört, jedoch bis 2047 eine eigenständige Verwaltungszone bleibt. Freilich übt Peking vom Anfang an Druck aus und untergräbt zunehmend die Stellung der Zone. Hongkongs Eliten sind überwiegend pekingtreu, eine Mehrheit der Bevölkerung jedoch fürchtet um ihre Rechte.

So sieht das Grundgesetz vor, dass der:die Regierungschef:in und das Parlament (der Legislativrat) über kurz oder lang vom Volk gewählt werden. Aber: Momentan wird der:die Regierungschef:in von einem Komitee von Pekings Gnaden bestimmt. Und nur die Hälfte der 70 Parlamentssitze werden durch das Volk vergeben; die restlichen Vertreter werden von Berufsverbänden und Konzernen gestellt.
Das Grundgesetz definiert nicht präzise, wann das allgemeine Wahlrecht eingeführt werden soll, und die pekingtreue Fraktion tut alles, um diesen Prozess zu verhindern. Das ist ein grundsätzlicher Konflikt, an dem sich seit 1997 immer wieder Proteste entzünden.

Unfree Speech bietet also einen Abriss über die Geschichte der Widerstandsbewegungen und über Wongs eigene Erfahrungen. Es half mir, einen besseren Überblick über die politischen Vorgänge zu gewinnen, und natürlich hab ich viel Neues gelernt. Das hier zum Beispiel:

Die NPP [New People’s Party] ist eine Partei der Wirtschaftseliten. Ihre Mitglieder entstammen Hongkongs gesellschaftlicher Oberschicht, die sich mit ihrer patriotischen Rhetorik bei der Kommunistischen Partei einschmeicheln, während sie ihre ausländischen Pässe behalten, die ihnen einen potenziellen Fluchtweg ermöglichen. Sie besitzen luxuriöse Anwesen im Ausland und schicken ihre Kinder auf Universitäten im Westen, um sie gegen das lokale Bildungssystem abzuschirmen. Ironischerweise beschuldigt Peking ausgerechnet die Anführer der Regenschirm-Bewegung und die Demokratie-Aktivisten, von »ausländischen Mächten« beeinflusst zu werden. Ihre eigenen sogenannten Loyalisten haben mehr Verbindungen ins Ausland als wir alle.
S. 117

Herausgekommen ist Unfree Speech Anfang 2020, knapp vor dem Beginn der Coronakrise. Seither ist einiges geschehen (wie gesagt, im Sommer 2020 wurde das Nationale Sicherheitsgesetz aktiviert), und aktuell verbüsst Joshua Wong seine dritte Haftstrafe.

Unfree Speech
Von Joshua Wong und Jason Y. Ng
Aus dem Englischen von Irmengard Gabler
S. Fischer, Frankfurt am Main 2020
Erstveröffentlichung im Original: 2020

Bonusmaterial

Ein Gedanke zu “Unfree Speech: Aufzeichnungen aus dem Hongkonger Widerstand

  1. Letztens gab es auf Arte einen Themenabend zur Lage in Hongkong. Hab ich leider größtenteils verpasst, nur das letzte Drittel eines abschließenden Dokumentarfilms gesehen, in dem ein Filmemacher einigen Studenten über gut ein Jahr lang gefolgt ist.

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