Tagebuch eines Taugenichts

Sukezo hat seine Familie zu einer Versteigerung für Steine geschleppt. Seine Hoffnung war, einige Stücke zu verkaufen — doch niemand war interessiert. Er bleibt auf sämtlichen Kosten sitzen. Seine Frau bricht auf der Strasse zusammen, weint und wütet. „Diese verdammten Steine! Was soll das alles? Ich halt das nicht mehr aus! Du raubst mir den letzten Nerv! Auch mit den Kameras und dem Antiquitätenladen hast du es nie richtig versucht. […] Warum bist du nur so?“

Der nutzlose Mann ist ein Manga von Yoshiharu Tsuge, ein Spätwerk des Künstlers, autobiografisch gefärbt. Jedenfalls ist der Protagonist, Sukezo, ebenfalls ein Mangazeichner. Weil der aber miserabel darin ist, sich Aufträge zu verschaffen, gibt er auf und schlägt sich stattdessen mit Gelegenheitsjobs durch. Sukezo versucht eben, schöne Steine zu verkaufen, trägt Leute über einen Fluss, oder restauriert alte Kameras, um sie weiterzuverkaufen. Als junger Mann hat er sich auch als Reis-Schmuggler versucht, oder er half dabei, ein Quartier-Magazin zu gründen. Alles erfolglos.

Weil er kein Geld heimbringt, arbeitet seine Frau, zum Beispiel in einem Wettbüro, aber das reicht auch kaum zum Leben.

Der Manga bedient eine Aussteiger-Romantik. Man kann sich gut vorstellen, wie es Yoshiharu Mitte der Achtziger geht: Er, 1937 geboren, ist 49 Jahre alt, ein Künstler, passt schlecht in ein Japan der Salarymen, der Leistungsbringer, des totalen Wirtschaftbooms. Auch die Manga-Industrie befindet sich in einem Umbruch der Professionalisierung (hab ich mir sagen lassen). Yoshiharu schreibt ein Buch über einen Mann, der sich dem konsequent entzieht.

Im letzten Kapitel kriegt Sukezo von einem befreundeten Antiquar ein Buch empfohlen. Es ist eine Haiku-Sammlung von Inoue Seigetsu (1822-1887). Der war ein Bettler, ein Obdachloser, ein Säufer. Aber er war eben auch ein Dichter. Ein nutzloser Mann, der Kunst geschaffen hat.

Der Unterschied zu Sukezo: Der hat eine Familie, die von ihm abhängig ist und darunter leidet, dass er nichts auf die Reihe kriegt. Das versetzt der Romantik einen Dämpfer.

In einem anderen Kapitel kommt Sukezo mit einem Vogelhändler ins Gespräch. Der weigert sich, Sittiche oder Papageien zu züchten, sondern setzt auf einheimische Vögel. Das veranlasst Sukezo zu einer Tirade: „Das Traditionelle, Japanische gilt als provinziell, aber alles, was aus dem Westen kommt, ist schick, selbst wenn es der letzte Dreck ist. Hauptsache, es ist Englisch. Wie kann man sich so leicht der Moderne verschreiben?“ Nachdem er mit seiner Tirade fertig ist, lässt die schlafende Frau des Vogelhändlers einen lauten Furz.

Apropos Kapitel: Der nutzlose Mann erschien sukzessive im Magazin Comic Baku, in in sich geschlossenen Kapiteln. (Von der ersten bis zur letzten Geschichte verändert sich der Stil merklich.)

Und Apropos Furz: Yoshiharu ist dem Vulgären nicht abgeneigt. Es geht öfters mal um Körperausscheidungen. Und um Sex. Als sich Sukezo dem Steinhandel verschreibt, besucht er einen Experten. Der hat ein besonderes Exemplar — geformt wie eine Vulva. „Ein vulgärer Stein … Ohne jede Eleganz und Poesie“, erklärt besagter Experte. „Aber im feuchten Zustand eine Rarität … Einfach einmalig.“

Der nutzlose Mann
Originaltitel: Muno no hito
Von Yoshiharu Tsuge
Aus dem Japanischen von Nora Bierich
Reprodukt, Berlin 2020
Erstveröffentlichung: 1985/1986 in der Zeitschrift Comic Baku

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