Wonder Woman, Teil 1 bis 1984

Nach grossem Hin und Her ist Wonder Woman 1984 inzwischen doch noch in den Zürcher Kinos gelandet. Wir erinnern uns: Wegen Corona hat Warner Bros. den Kinostart immer wieder vertagt und sich schliesslich auf eine Streaming-Premiere verlegt. Dort, wos ging, brachte Warner den Film zusätzlich ins Kino.
Für die Schweiz heisst das, dass man Wonder Woman 1984 seit Anfang März auf Sky Show gucken kann; erst jetzt mit der Kinoöffnung ist er auch in die Säle gekommen. Immerhin: Er hielt sich eine Weile in den Charts auf Platz 1 (inzwischen ist er auf Platz 7 runtergepurzelt).

Ich jedenfalls hab ihn mir auch angesehen, vorher aber noch den ersten Teil nachgeholt. Der Konsens der Kritik scheint zu sein: Wonder Woman ist kein Meisterwerk, aber solide, Wonder Woman 1984 dagegen eine Totalkatastrophe. Prüfen wir mal nach, ob das stimmt.

 
 

Wonder Woman

Auf einer magischen Insel im Mittelmeer versteckt sich das Volk der Amazonen und bewacht dort den sogenannten Gotttöter, eine Superwaffe, mit der man einen Gott töten kann. Gedacht ist sie für den bösen Kriegsgott Ares: Gottvater Zeus hat den einst besiegt, aber da er eine Rückkehr von Ares befürchtete, hat er eben den Gotttöter erschaffen. Hab ich oft genug „Gott“ gesagt?

Auf besagter Insel wächst Diana (Gal Gadot) auf, lernt zu kämpfen und stellt fest, dass sie besondere Kräfte hat. Die hat sie noch nicht wirklich unter Kontrolle, aber im Finale kann sie dann plötzlich damit umgehen und damit den Bösewicht besiegen. Ihr merkt schon, die Story ist sehr einfallsreich.

Eines Tages durchfliegt ein Flugzeug den Tarnschirm der Insel und legt eine Bruchlandung hin. An Bord hockt der Amerikaner Steve Trevor (Chris Pine), und er befindet sich auf der Flucht vor deutschen Soldaten.
Denn siehe: Wir befinden uns im Jahr 1945, und der Zweite Weltkrieg ist in vollem Gange.
Moment, falsch: Wir befinden uns im Jahr 1918, und der Erste Weltkrieg ist in vollem Gange.
Steve hat zuvor General Erich Ludendorff (Danny Houston) und dessen Lieblingswissenschaftlerin, Dr. Isabel Maru (Elena Anaya), ausspioniert. Die Frau Doktorin wird „Doctor Poison“ genannt, weil sie eine Expertin für Giftgas ist, und als solche hat sie ein Super-Giftgas entwickelt, das den Deutschen den Sieg bringen könnte.

Für Diana ist klar: So einen Weltkrieg bricht nicht von alleine aus, Ares muss dahinterstecken. Also begleitet sie Steve nach Europa, um den alten Halunken unschädlich zu machen. Steve indes will Ludendorffs Giftgas-Schabernack unterbinden.

Ja, Wonder Woman ein solider Film, aber im langweiligsten Sinne. Die Handlung, die Figuren, die Bilder, die Twists haben wir alle so ähnlich schon gesehen. Vor allem in Captain America: The First Avenger. Da gehts zwar um einen anderen Weltkrieg, aber in der Darstellung gibts keinen echten Unterschied. Deutsche sind Nazis, egal, in welchem Jahrzehnt. Und sie sprechen durchgehend Englisch mit deutschem Akzent.

Das einzig Bemerkenswerte an Wonder Woman ist also tatsächlich, dass es sich dabei um einen der wenigen Superhero-Filmen mit einer weiblichen Hauptfigur handelt. Das war den Verantwortlichen offenbar derart unheimlich, dass sie sich ansonsten alle Experimente verkniffen haben. Immerhin kommt das Ding ohne Zelebrierung von toxischer Männlichkeit aus, wie wirs noch bei Zack Snyders Super- und Batman-Filmen hatten. (Mehr zum Thema.) Wir sind ja genügsam. Und ja, Gal Gadot ist so ziemlich die perfekte Besetzung für die Titelrolle.

Was gibts sonst? Mittelmässige CGI-Effekte. Und jede Menge Pathos: Dialoge voller Schwülstigkeit, eine sirupige Filmmusik, Zeitlupen an allen Ecken und Enden. Die Actionszenen versuppen in den erwähnten Zeitlupen und in einem hilflos wirren Schnitt.

Etwas störts mich übrigens schon, dass dieses Kapitel der Weltgeschichte für Wonder Woman herhalten muss. Ich finds bereits zunehmend fragwürdig, wie der Holocaust und die Nazi-Diktatur in der X-Men-Reihe oder den Marvel-Filmen abgehandelt werden, aber die kann man zumindest ansatzweise ernst nehmen. Wenn sich jedoch Wonder Woman mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzt und dabei nie über Kindergartenniveau hinauskommt, beschleicht einen schon eine gewisse Fremdscham.

Einigermassen bescheuert find ichs beispielsweise, General Erich Ludendorff zu nehmen und ihn zu einem cartoonesken Bösewicht umzuschreiben. Der echte Ludendorff hat den Verlauf des Kriegs entscheidend mitgestaltet und damit viele seiner Gräuel mitzuverantworten. Später war er ein Wegbereiter der Dolchstosslegende und ein früher Mitstreiter von Hitler. (Siehe den Hitler-Ludendorff-Putsch von 1923.) Und im Übrigen: Ludendorff starb nicht bei Kriegsende, sondern erst 1937. (Hoppala, Spoiler.)
Immerhin entblödet sich der Film nicht soweit, Ludendorff zu entlasten, indem er den Weltkrieg Ares zuschreibt. („Ich musste ihn nur ein bisschen inspirieren“, sagt der Kriegsgott sinngemäss im Film.)

Ein letztes Wort über die Sprechweise der Amazonen: Gal Gadot ist bekanntlich in Israel aufgewachsen, Hebräisch ist ihre Muttersprache, und dementsprechend hat sie einen Akzent, den sie anscheinend nicht loswird. Weswegen nun alle Amazonen einen israelischen Akzent haben. Man stelle sich vor, die Verantwortlichen der Terminator-Reihe wären nach demselben Prinzip vorgegangen.
(Ich gebe aber zu: Es ist schon logisch, dass die Amazonen einen eigenen Akzent haben, und der israelische klingt um einiges besser als der österreichische.)

 
 

Wonder Woman 1984

Wie gesagt, «Wonder Woman» ist ein halbwegs solider, aber kein origineller Film. «Wonder Woman 1984» probiert zumindest ein bisschen was anderes. Das fängt damit an, dass die Story in den Achtzigern spielt (genauer gesagt, in meinem Geburtsjahr) und die entsprechende Ästhetik bedient. Natürlich hinkt der Film da Marvel hinterher: Die Neonfarben und die Musik hatte schon «Thor: Ragnarok». Und «Captain Marvel» war bereits eine Superheldinnen-Jahrzehnts-Rückschau (da warens halt die Neunziger anstelle der Achtziger).

Wir haben also das Jahr 1984. Diana trauert immer noch Steve nach, obwohl sie ihn nur ein paar Tage kannte und ihre Affäre 66 Jahre her ist. Weswegen sie dann auch allein in Restaurants sitzt und deprimiert ist. Das ist ein zentrales Thema des Filmes, und damit verliert er mich schon mal, weil er emotionale Unreife romantisiert. Nebenher haben wir hier die Implikation, dass eine Frau ohne Mann eine leere Existenz führt. Das prangere ich an.

Bösewicht des Films ist Maxwell Lord (Pedro Pascal), ein schmieriger Geschäftslappen à la Trump, der seine Firma auf Hype aufgebaut hat. Insgeheim ist sie völlig wertlos, und schon ist ihm ein erster Partner auf die Spur gekommen. Da muss schnell eine Lösung her — ein antiker Zauberstein zum Beispiel, der Wünsche erfüllt. Besagter Stein funktioniert allerdings nach dem Affenpfoten-Prinzip, soll heissen: Für jeden Wunsch, den er erfüllt, fordert er vom Wünschenden einen heftigen persönlichen Preis. Lord umgeht das, indem er wünscht, er selbst werde zum Stein. Zwar muss er nun Wüsche erfüllen wie ein Dschinn, holt sich dafür aber jeweils eine Gegenleistung, die ihm zupass kommt. Ich gebe zu, das ist eine clevere Variation des besagten Affenpfoten-Prinzips. (Nicht, dass der Film das sauber erklären würde, aber ich nehm, was ich krieg.)

Zwischendurch landet der Zauberstein im Smithsonian-Institut, wo ihn die Geologin und Kryptozoologin Barbara Minerva (Kristen Wiig) untersucht. Die wünscht sich erst versehentlich, dass sie wie Wonder Woman wäre, woraufhin sie Superkräfte entwickelt. Und später wünscht sie sich von Lord, dass sie zu einem apex predator, also zu einem Top-Raubtier, wird. Dieser merkwürdig spezifische Wunsch führt dazu, dass sich Barbara in Cheetah verwandelt, eine superstarke Geparden-Frau. Was wiederum eine eher eigentümliche Interpretation des merkwürdig spezifischen Wunsches ist. Nur so zum Sagen: Geparden sind nicht die Top-Raubtiere in ihrem Ökosystem. (Das wären Löwen.) Aber ich werde nicht versuchen, die mysteriösen Mechanismen eines Zaubersteins nachzuvollziehen.

Diana schliesslich wünscht sich ihren Steve zurück, woraufhin der auch erscheint — indem er den Körper eines anderen Mannes übernimmt. Es ist ein bisschen wie in der Serie Quantum Leap, wo der Held durch die Zeit reist, indem er in die Haut verschiedener Leute schlüpft. Soll das dann auch eine Anspielung auf die Serie sein? Von der Handlung her ergibts jedenfalls keinen Sinn. Aber wie schon gesagt: Ich werde nicht versuchen, die mysteriösen Mechanismen eines Zaubersteins nachzuvollziehen.

Eigentlich mag ich die Prämisse um den Zauberstein, denn zur Abwechslung gehts im Zentrum der Geschichte nicht darum, wer am härtesten zuschlagen kann. Das hebt Wonder Woman 1984 schon mal positiv aus dem Superhero-Genre heraus. Dafür ist die Auflösung ebenso undurchdacht und hilflos gefilmt wie der Rest der Geschichte. Und dazu noch unglaublich kitschig. Die schönste Prämisse nützt nichts, wenn sie in inkompetenten Händen landet.

Wonder Woman 1984 dauert zweieinhalb Stunden, und die ziehen sich ordentlich in die Länge. Einmal mehr gibts viele unübersichtliche Actionszenen und minderwertiges CGI-Brimborium, immerhin aber weniger Zeitlupe. Und die Musik kommt diesmal aus der Hans-Zimmer-Werkstatt und ist nicht aktiv nervenzehrend wie das Gedudel, das Rupert Gregson-Williams für den ersten Teil zusammenkomponiert hat.

Aber der Humor. Der Humor! Bevor zum Beispiel Barbara zur Bösewichtin wird, dient sie als comic relief. Der Witz besteht darin, dass Barbara tollpatschig und sozial unbeholfen ist. Kristen Wiig ist im Grunde eine talentierte Komikerin, aber diese Szenen sind kaum auszuhalten in ihrer tiefgreifenden Geistlosigkeit. Ein Elefantenfriedhof des Humors.

Apropos Geistlosigkeit: Alles, was man über diesen Film wissen muss, erklärt sich an folgendem Beispiel. Da gibts eine Montage-Sequenz, in der Diana Steve die Achtzigerjahre erklärt. Unter anderem besuchen sie zusammen eine Open-Air-Ausstellung mit moderner Kunst. Steve hält einen Mülleimer für ein Exponat. HAHAHAHAHAHA!!!
Den Gag haben wir schon tausendmal gesehen, tausendmal ist er nicht lustig gewesen, und ebenso wenig ist ers hier. Trotzdem waren die Verantwortlichen derart stolz drauf, dass sie die Szene sogar in den Trailer gepackt haben. Die Ironie daran: Der Mülleimer ist immer noch künstlerisch wertvoller als dieser Film. BA DUM TSS!

Ganz am Schluss gibts noch einen Überraschungs-Cameo, der seines Zeichens alle anderen Überraschungs-Cameo der Filmgeschichte an Furchtbarkeit übertrifft. Was auch nur wieder konsequent ist.

Konklusion: Wer einen guten Film mit einer weiblichen Heldin und einer Zelebrierung des Achtzigerjahre-Stils sehen will, schaut sich besser Atomic Blonde an.

 

Wonder Woman
USA 2017, 141 Min.
Regie: Patty Jenkins
Drehbuch: Allan Heinberg
Musik: Rupert Gregson-Williams
Mit Gal Gadot, Chris Pine, Danny Huston, Patrick Morgan, Elena Anaya et al.
Wonder Woman 1984
USA 2020, 152 Min.
Regie: Patty Jenkins
Drehbuch: David Callaham
Musik: Hans Zimmer
Mit Gal Gadot, Chris Pine, Kristen Wiig, Pedro Pascal et al.
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2 Gedanken zu “Wonder Woman, Teil 1 bis 1984

  1. Da kommen wir in etwa überein. Ich hab den Hype um Teil 1 nie verstanden, und Teil 2 war zwar schön bunt (und ja, die Musik ist dieses Mal sogar ganz nett), aber langweilig bis maximal nervend.
    Schönes Beitragsbild übrigens… 🙂

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