Hongkong 2018, Teil 6: Der Victoria Peak und das zerbrochene Handy


Blick vom oberen Central auf den Wolkenkratzer The Center.

 

Dienstag, 11. 12. 2018

Heute wollen wir zum Victoria Peak. Also setzen wir einmal mehr mit der Star Ferry rüber zum Central District.

Bevor wir den Peak erklimmen, frühstücken wir im Brunch Club.
Armada bekommt Eggs Benedict, ich den Mix Grill: Sauerteig-Brot, Eier, Schinken, Pouletbrust, Schweinswürstchen, Pilze, Tomaten, Bohnen, Hash Browns. Das sollte reichen zur Stärkung.

Das Brunch Club liegt an der Grenze zu den Mid-Levels, also dort, wo Hongkong allmählich so richtig steil wird, wo man als Fussgänger*in bevorzugt die Rolltreppen des Central Elevated Walkway benutzt.
Man geht auf steilen Strassen, während sich rundherum Wolkenkratzer in den Himmel strecken. Sehr desorientierend. Es hat was von der Traumstadt in Inception, die sich zusammenfaltet.


Wohntürme an der Grenze zu den Mid-Levels.

 
Victoria Peak

Das Peak Tram nahm ursprünglich 1888 den Betrieb auf, die heutige Version der Standseilbahn läuft seit der Generalüberholung von 1989 — und es handelt sich dabei um Schweizer Ingenieurskunst. 1’365 lang ist die Strecke, die Trams überwinden 368 Höhenmeter, die Steigung beträgt bis zu 48%. Inzwischen ist eine Renovation geplant.
(Mehr zur Bahn gibts hier.)

An der Talstation erwartet uns eine lange, lange Warteschlange, obwohl es noch relativ früh am Tag ist.

Wir haben uns sagen lassen, dass die Aussicht auf der rechten Seite die bessere ist. Auf jeden Fall ist sie spektakulär. Weils zum Teil weit runtergeht, und weil die Steigung mitunter extrem ist, ist die Fahrt nicht unbedingt was für Leute mit Höhenangst. Noch mehr Desorientierung.

Die Bahn fährt nicht zum eigentlichen Victoria Peak, sondern zum Nebengipfel Victoria Gap. An der Bergstation steht der Peak Tower, eine Touristenfalle mit Läden und Restaurants. Von der Rolltreppe aus haben wir unseren ersten Ausblick über Hongkong.

Auf dem Dach des Peak Tower befindet sich die Sky Terrace, eine 360-Grad-Plattform. Der Zugang ist allerdings ziemlich teuer, und rund um das Gebäude gibts genug versteckte Orte mit einem grandiosen Ausblick. Wo einem zudem nicht haufenweise andere Tourist*innen über die Füsse latschen. Selbst für die Verhältnisse in Hongkong ists hier beengt. Und dabei ist noch nicht einmal Hochsaison.


Die Aussicht von der Bergstation auf den Victoria Harbour.

Armada und ich wollen zum eigentlichen Victoria Peak hinauf. Das sind noch einmal gut anderthalb Kilometer Wegstrecke, 140 Höhenmeter.
Verblüffend: Um den Peak Tower herum stauen sich die Menschenmassen, aber nach zehn Minuten Spazieren begegnet man kaum noch jemandem.

Wir machen eine kleine Rast im Victoria Peak Garden, einer wunderschönen kleinen Parkanlage.

Und endlich sind wir am Victoria Peak selbst, dem höchsten Punkt von Hongkong.


Blick vom Victoria Peak gen Süden. Vorne Hong Kong Island, in der Mitte Ap Lei Chau (Aberdeen Island) und hinten Lamma Island.

Auf dem Weg zurück zur Bergstation stossen wir auf den Governor’s Walk. Der kleine Wanderpfad führt quasi aussen um den Victoria Peak Garden herum. Ein schmaler Weg, umgeben von dichter Vegetation. Ab und zu gerät die Aussicht ins Blickfeld. Es hat Parkbänke und Strassenlampen.
Wir gehen den Pfad eine halbe Stunde lang ab. In einer der bevölkerungsreichsten Orte der Welt. Und begegnen dabei keinem einzigen Menschen.


Der Governor’s Walk auf dem Victoria Peak.

An der Bergstation haben sich die Massen noch einmal vermehrt. Deswegen nehmen wir auch nicht das Peak Tram zurück ins Zentrum, sondern einen Bus. Noch einmal Aussicht.

 
Der Nordwesten von Hong Kong Island


Wohnblöcke am westlichen Rand von Kennedy Town.

Mit einem Doppeldecker-Bus fahren wir nach Kennedy Town, dem nordwestlichen Ende von Hong Kong Island. Die letzten Ausläufer der Stadt, bevor Mount Davis kommt — jener Berg sitzt an der nordwestlichen Spitze von Hongkong. Von Kennedy Town aus gehen wir zurück in Richtung Innenstadt, gelangen an die Belcher Bay Promenade und geniessen den Blick auf den Victoria Harbour.

Viele Hochhäuser auch hier. Vor den Fenstern sind Wäscheleinen angebracht. Wäsche flattert im Wind, der um die Gebäude pfeift.

Im Schaufenster eines Maklerbüros steht ein kleines Aquarium. Darin schwimmt eine Schildkröte traurig herum.

Zwischen den Wohnblöcken erhebt sich eine Strasse in die Luft — es ist die Zufahrt zur Route 4, jener Autobahn, die von hier im Westen bis rüber an die Ostspitze von Hong Kong Island führt.


Autobahnzufahrt zur Route 4.

Irgendwann kommen wir zum Restaurant Hometown Dumpling. Denn ja, Armada und ich wollen mal richtige Dumplings essen, während wir in Hongkong sind.
Der Laden ist voll, weil beliebt, und wir werden zu anderen Leuten an einen der runden Tische gesetzt. Einer der Tischnachbarn übersetzt, als sich herausstellt, dass der Kellner kein Englisch kann.
Tatsächlich schmecken die Dumplings fantastisch.
Nun hab ich ja immer wieder Schwierigkeiten mit den klobigen Essstäbchen in Hongkong, und diese mit Öl zubereiteten Teigtaschen entziehen sich meinen ungeschickten Fingern konsequent: Ich versuch eine zu essen, aber sie flutscht mir immer wieder davon.
Wie machens die anderen Gäste? Aha: Man bugsiert einen Dumpling auf einen Löffel, führt diesen zum Mund und fixiert die Tasche mit den Stäbchen, während man hineinbeisst. Wieder was gelernt.
Ein Mann isst seine Dumplings, indem er die Füllung mit den Stäbchen aus der Teighülle pult. Verstösst das nicht gegen gute Manieren?

Wir spazieren weiter durchs Viertel. Ich kanns nicht sein lassen und schau mich in einem DVD-Laden um. Als ehemaliger Gore-und-Splatter-Fan halte ich natürlich nach den berüchtigten Category-III-Labels Ausschau, finde aber keins. Die gesamte Auslage ist von der Sonne und dem Alter ausgebleicht.

Zum Abschluss des Tages ein Abstecher in den Central District. Auf einen Drink im Quinary. Die Bar ist dunkel, edel, cool.
In meinem Notizbuch steht: „Vape in Drinkform. Tüte mit Zimt-Rauch.“ Ich habe keine Ahnung mehr, was ich damit gemeint habe, aber das Quinary serviert tatsächlich einige „smoked“ Drinks, also welche mit Rauch.


Gebäude an der Hollywood Road.

 

Mittwoch, 12. 12. 2018

Das Hong Kong Museum of History erzählt die Geschichte der Stadt nach. Dazu gibts eine aktuelle Wechselausstellung: Gilded Glory: Chaozhou Woodcarving. Also über Holzschnitzarbeiten aus dem chinesischen Bezirk Chaozhou. Die sind anscheinend weitum berühmt: Hausschreine, Baudekor, Statuen etc. — filigrane Schnitzereien mit rotem Lack oder Goldfolie. Fantastisches Kunsthandwerk.

Zur festen Ausstellung gehört auch ein Indoor-Nachbau historischer Stätten in Hongkong, von der Urzeit über das frühe China und die Kolonialzeit bis heute.
Ganz am Ende kommt die Ausstellung auf die Rückgabe von 1997 zu sprechen, und auf die Tatsache, dass Hongkong als Sonderverwaltungszone nur bis 2047 bestehen bleiben wird. Der Ton ist unmissverständlich pro Vereinigung.

Draussen mache ich noch ein letztes Foto vom Museum. Als ich mein Smartphone zurück in die Tasche stecken will, gleitet es mir aus der Hand, knallt auf den Boden — und der Bildschirm zerspringt. Einzig die Schutzfolie hält ihn noch zusammen.


Links: Das Hong Kong Museum of History. Rechts: Das Hong Kong Museum of Science.

Nathan Congee & Noodle scheint mir ein Relikt aus den 80er-Jahren zu sein: Die Sitzplätze an den Wänden haben Lehnen aus rotem Kunstleder, die quadratischen Säulen sind verspiegelt. Anscheinend gibts den Laden schon seit 50 Jahren. Soll heissen, es gab ihn, denn inzwischen ist das NCN dauerhaft geschlossen.
Der Besitzer versteht kein Englisch, oder nur wenig, aber auch hier übernimmt ein Gast die Übersetzungsarbeit. Ich bestelle Congee mit Abalone.
Congee ist das asiatische Pendant zur Haferschleimsuppe, besteht allerdings aus Reis. Abalonen sind eine Sorte grosser Meeresschnecken mit einer Schale auf dem Rücken. Bei uns nennt man sie auch Seeohren, Meerohren oder Irismuscheln. Die Konsistenz und der Geschmack erinnern an Tintenfisch, nur, dass die Stücke ziemlich gross sind. Ich liebe das Zeug, die Allerliebste kann damit nur wenig anfangen.

Nicht weit vom NCN liegt der Jademarkt. Das ist eine grosse Lagerhallen mit hunderten von Ständen, auf denen allerlei Jadeschmuck dargeboten wird. Kaum dass wir in die Nähe kommen, stürzen sich die Verkäuferinnen auf uns, und buhlen aggressiv um unsere Aufmerksamkeit. Wir ergreifen die Flucht.

Zum Abendessen gehen wir ins Spring Deer. Es ist ein klassisches Restaurant, ähnlich dem Luk Yu Tea House. Ebenfalls recht versnobt, ebenfalls steht Haifischflossensuppe auf der Karte. Aber weil wir jetzt lange in Kowloon rumspaziert und hungrig sind, essen wir trotzdem dort.
Da wir nach dem Essen zum Flughafen wollen, sind wir eher leger gekleidet — alle anderen Gäste tragen feine Sachen. Samt und sonders Chinesen. Es hilft nicht, dass unser Kellner einen Kasernenhof-Ton draufhat.
Wir bestellen verschiedene Häppchen, und alles schmeckt fantastisch.
Als ich die Toilette aufsuchen will und sie nicht finde, wende ich mich diskret an den Kellner — und er brüllt mich an: «You want to the toilet? I will show you the toilet!» Und er führt mich zu den Toiletten.
Nach dem Bezahlen hauen wir schleunigst ab.

Es ist schon dunkel. Wir nehmen den Bus zum Flughafen.


In der Seitenstrasse befindet (oder befand) sich das Nathan Congee & Noodle.

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