Hongkong 2018, Teil 3: Der Buddha von Lantau

 

Samstag, 8. 12. 2018

Auf der Fähre zwischen Macau und Hongkong. Diesmal ist der Seegang stärker, mir ist flau im Magen. In der Reihe hinter uns hocken ein paar australische Männer im mittleren Alter. Sonnenbrillen, kurze Hosen, Polo-Shirts mit hochgestellten Kragen. Sie schauen sich auf einem Tablet gemeinsam Videos an; offensichtlich sind sie Fans sehr lauter Comedy. Im Filmchen schreit immer wieder einer: „It’s very rad!“ Ich kommt mir selbst wie in einer Comedysendung vor.

Zurück in Hongkong. Wieder Passkontrolle, wieder Körpertemperatur-Scanner. Wir wechseln vom Pier gleich zum nächsten, denn wir reisen weiter nach Lantau, der grössten Insel der Sonderverwaltungszone. Zusammen mit den anderen Gebieten der New Territories kam sie 1898 zu Hongkong; sie ist weit dünner besiedelt als Kowloon oder Hong Kong Island. An der Nordküste findet sich die Flughafeninsel, an der Nordostspitze das Hong Kong Disneyland Resort. Ansonsten: viele Strandhotels, eine grosse Tempelanlage. Letztere wollen wir uns anschauen.

Auf der Fähre von Hong Kong Island nach Lantau kommen wir mit einem älteren Pärchen ins Gespräch. Sie Amerikanerin, er Engländer. Bankmenschen. Sie lebten früher drei Jahre als Expats in Hongkong, eins ihrer Kinder kam dort zur Welt. Sie besuchen das Land immer mal wieder.
Die beiden sagen, dass im Sommer alle, die es sich leisten können, Hongkong verlassen: Die Hitze, der Smog.
Die Frau findet es schade, dass es zwischen Europäer*innen und Chines*innen keine nennenswerte Schnittmenge gibt. (Das ist natürlich eine Folge der Kolonialpolitik.) Und sie moniert, dass Hongkong keine Kultur kenne.
Der Mann: „In Hongkong hat sich nach der Rückgabe an China lange wenig verändert — erst in den letzten fünf Jahren ist viel passiert. Das Festland übt zunehmend Druck aus.“ Aha. Ich denke an die Regenschirm-Bewegung von 2014. Damals auf der Fähre wissen wir noch nicht, dass ein halbes Jahr später neue, noch grössere Proteste ausbrechen werden, und wie drastisch Festlandchina reagieren wird.


Ein Blick zurück auf Hong Kong Island.

 
Untergang einer Dynastie

Wir legen in Mui Wo an, einem Badeort mit knapp fünfeinhalbtausend Einwohner*innen an der Silvermine Bay. Um diese Jahreszeit sind nur wenige Tourist*innen unterwegs. Der Ort bereitet sich auf den Winterschlaf vor.

Soweit ich das sehe, spielte sich in Mui Wo nur einmal etwas von weltgeschichtlicher Bedeutung ab: 1278 starb hier der vorletzte Kaiser der Song-Dynastie, der damals achtjährige Duanzong. Er befand sich auf der Flucht vor den mongolischen Truppen, die zu dem Zeitpunkt einen Grossteil von China erobert hatten — bereits 1271 hatte sich Kublai Khan, ein Enkel von Dschingis Khan, zum neuen Kaiser ausrufen lassen.
Der kleine Duanzong und sein Gefolge waren mit einem Boot unterwegs und gerieten in einen Hurrikan; der Kaiser fiel von Bord und wäre fast ertrunken. Seine letzten Monate verbrachte er in Hongkong, bis er eben in Mui Wo krankheitsbedingt starb.

Sein jüngerer Bruder Zhao Bing wurde sogleich zum neuen Kaiser gekrönt. Er fand sein Ende 1279, mit sieben Jahren, nachdem seine Fraktion die Seeschlacht von Yamen verloren hatte, nicht weit vom Perlflussdelta. Er weilte mit seinen Leuten in Kowloon, als die Nachricht kam. Ein Militärkommandeur hob ihn auf die Arme und sprang mit ihm von einer Klippe, um einer Gefangennahme durch die Mongolen zu entgehen. Nach über 300 Jahren der Herrschaft ging mit Zhao Bing die Song-Dynastie im Meerwasser unter.
Dieser Episode verdankt Kowloon übrigens seinen Namen: Auf Deutsch bedeutet dieser „neun Drachen“. Und mit diesen neun Drachen sind die acht Hausberge plus Kaiser Zhao Bing gemeint.
(Mehr zu den letzten beiden Kaiser der Song-Dynastie hier und hier.)

 
Piraten, Olympiade und Gespenster


Die Silvermine Bay, vom Hotelzimmer aus gesehen.

Wir übernachten im Silvermine Beach Resort, einem Familienhotel, das schon bessere Tage gesehen hat: Die Gänge sind mit einem filzigen Teppichboden ausgelegt, die Fenster auf dem Zimmer dreckig. Immerhin: Schöne Aussicht auf den Strand und das Meer. Um diese Jahreszeit ist das Wetter ziemlich schroff, aber gut für einsame Strandspaziergänge.

Armada und ich wollen zum Silvermine Waterfall hinauf, brauchen vorher aber einen Bissen. Mangels Alternativen holen wir uns Sandwiches in einem Starbucks. Immerhin: Mein Poulet-Brötchen mit Marmelade ist topp. Und hier kriegt man im Starbucks einen einfachen Espresso, nicht wie in der Schweiz, wo sie nur noch Doppios verkaufen.

Vom Strand aus führt ein betonierter Wanderpfad den Berg hoch. Tropische Vegetation umgibt uns. Der Silvermine Waterfall erweist sich als Bächlein, das über ein paar Steine plätschert. Daneben eine befestigte Picknickstelle und eine öffentliche Toilette.
Wir gehen weiter und kommen zur Silvermine Cave – das ist der Eingang jener ehemaligen Silbermine, die der Gegend ihren Namen gegeben hat. Der alte Schacht ist nach ein paar Metern versiegelt.
Auf Lantau wird seit Jahrhunderten Silber geschürft, diese Mine wurde aber erst in den 1860ern eröffnet. Und bereits in den 1890ern wieder aufgegeben. Es heisst, dass der stillgelegte Stollen von Piraten und Schmugglern benutzt wurde.


Die Silvermine Cave.

Unser Wanderpfad geht über zum Olympic Trail, der von Mui Wo aus einmal quer über die Insel führt. 2008 wurde er eröffnet, als China die Olympischen Sommerspiele beherbergte und in Hongkong die Reitwettbewerbe ausgetragen wurden. Wohlgemerkt, der Trail hatte nie direkt etwas mit der Olympiade zu tun, hier sind also keine Wettkämpfer*innen entlanggerannt.

Wir verlassen den Pfad bald wieder und machen eine Schlaufe zurück in Richtung Silvermine Bay. Wir passieren ein paar kleine Dörfer und Tempelchen, sehen einzelne Haus-Schreine. Es ist schon dunkel, als wir auf eine Hütte stossen, die neben einem alten, knorrigen Baum steht. Vor der Hütte zwei Parkbänke. Rundum nichts als flaches Feld. Stille. Von Armada und mir abgesehen, sind die Gespenster unter sich.


Ein Rastplatz am Old Village Path.

Endlich zurück in Mui Wo. Auf der nächtlichen Strasse sind ein paar Kühe unterwegs. Kein Mensch weit und breit.

Abendessen im The Stoep, einem südafrikanischen Restaurant. Die Pommes und meine Rippchen frisch vom Grill sind okay, aber der Fisch und das Gemüse der Allerliebsten sind Tiefkühlware mit der Beschaffenheit von Gummmi.

 

Sonntag, 9. 12. 2018

Für heute haben wir uns vorgenommen, den Tian Tan Buddha des Po Lin Klosters zu besuchen. Dafür begeben wir uns zum Busbahnhof neben der Fährstation. Englisches Frühstück im Mucho Gusto, einen winzigen Tex-Mex-Schuppen.

Dann rein in den Bus und ab ins Dorf Ngong Ping, wo das Kloster steht. Die Fahrt im klimatisierten Car dauert gut eine halbe Stunde und führt unter anderem über die Staumauer des Shek-Pik-Reservoir, einem grossen Stausee für Trinkwasser.

Rundherum bewaldete Hügel. Die riesige bronzene Buddhastatue sehen wir schon von weitem, sie blickt über die Bäume hinweg. Wir steigen aus dem Bus. Auf der einen Seite der Buddha, auf der anderen Seite Masten mit Lautsprechern, aus denen eine pompöse Orchesterversion von Stille Nacht plärrt.
Besagte Lautsprecher gehören zum Ngong Ping Village. Dabei handelt es sich nicht um das tatsächliche Dorf, sondern um eine Kulisse für Imbissbuden und Andenkenläden. Und klar, es befindet sich fest im Griff des Weihnachtsgeschäfts. Massen von Tourist*innen. Haufenweise Regenpelerinen und Selfie-Sticks. Die Leute geben Geld aus, essen Snacks, fotografieren. Der Buddha lächelt nachsichtig.

Das Einkaufsdorf gehört zur Bergstation der Ngong Ping 360, einer Seilbahn, die das Kloster mit Tung Chung verbindet, der grössten Stadt auf Lantau (gleich beim Flughafen).
Die Ngong Ping 360 nebst Village ist ein Grossprojekt der MTR Corporation, Hongkongs ÖV-Konzern. 2006 wurde die Seilbahn eröffnet. Sie sollte den Tourismus beleben und die Gegend aufwerten. Es gab Einwände von Buddhisten und Umweltschützern, aber die zählten letztlich nicht.


Zu Füssen des Tian Tan Buddah.

1906 war Ngong Ping noch eine abgelegene Hochebene, auf die sich nur wenige Leute verirrten. Drei Zen-Mönche liessen sich hier nieder, um in Ruhe ihre Übungen zu machen. Mit der Ruhe wars aber bald vorbei, denn sie gewannen mehr und mehr Anhänger*innen, und 1924 wurde das Po-Lin-Kloster gegründet.

1993 liess das Kloster den Tian Tan Buddha errichten, 2014 kam die Halle der Zehntausend Buddhas hinzu. Die ergänzen sich als Touristenattraktionen hervorragend mit der Seilbahn und dem Einkaufsdorf. Wahrscheinlich hätten wir genau so gut ins Disneyland am anderen Ende der Insel gehen können.
Heutzutage ist das Kloser die grösste Tempelanlage in Hongkong. Gold und Prunkt überall. Die grosse Halle beherbergt tatsächlich zehntausend Buddhastatuen. Je mehr, desto heiliger.

Seit Deng Xiaoping Ende der 70er die Öffnung Chinas vorantrieb, nahmen auch die Po-Lin-Mönche Kontakt mit ihren Kollegen vom Festland auf. Seither wird die Annäherung stetig ausgebaut. Auf der Website des Klosters kann man lesen:
„Im Bemühen, den Buddhismus zu verbreiten und sich der Globalisierung zu öffnen, ist das Kloster in seinem Konzept von lokaler südchinesischer Architektur abgekommen und orientiert sich stattdessen am Design von Pekings Palästen. Während es auf seine Entwicklung in den letzten hundert Jahren zurückblickt, freut sich das Po-Lin-Kloster auf eine neue Phase seiner Geschichte, mit einer zeitgemässen Vorstellung von nationaler Identität.“

Wir nehmen die 260 Treppenstufen zum Buddha hinauf, zusammen mit den ganzen anderen Tourist*innen. Rundherum Aussicht auf friedliche grüne Hügel, Nebelschwaden und Wolken. Die Buddha-Statue ist eine der grössten der Welt, darum auch bekannt als Big Buddha. Auf der Brust prangt eine Swastika — das ursprüngliche Glückssymbol, nicht die Version der Nazis.
Der Buddha sitzt in einer Lotusblüte. Unter seinem Hintern befindet sich ein Museum mit Restaurant.

Mit dem Bus zurück nach Mui Wo. Bei der Fährstation gehen wir den Mui Wo Cooked Food Market ab, eine Reihe kleiner Restaurants direkt an der Silvermine Bay. Wir setzen uns beim Wah Kee hin. Die Tintenfischsuppe schmeckt wunderbar, aber die klobigen Essstäbchen bereiten mir einmal mehr Probleme; nach einer Weile verkrampfen sich meine Hände. Eine Katze schleicht über das Geländer am Wasser. Im Fernseher läuft ein alter Hongkong-Actionfilm; die Wirtin ist ganz darin versunken.


Das Dörfchen Ngong Ping mit dem Po Lin Kloster.

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