Wong Kar Wai und die Chungking Mansions


Oben: Chungking Express/Unten: Fallen Angels

Als die Allerliebste und ich 2018 einen Trip nach Hongkong machten, verbrachten wir drei Nächte in den berüchtigten Chungking Mansions. Der Gebläudekomplex liegt im Stadtteil Kowloon an der Nathan Road, einer der Hauptverkehrsadern von Hongkong. 1961 eröffnet, umfassen die Mansions fünf Wohnblöcke (von A bis E) und 17 Stockwerke. Dort findet man an die dreissig Restaurants, Clubs und Bars, 90 Gasthäuser, 380 Geschäfte und diverse Manufakturen.

4000 Menschen wohnen dort schätzungsweise, in erster Linie Angehörige von Minderheiten. Nirgendwo sonst in Hongkong findet man so viele Menschen aus Indien, Afrika oder dem Nahen Osten. Darunter Arbeiter aus Festlandchina und ein paar Touristen mit niedrigem Budget.

Die Mansions waren einst für gutbetuchte Mieter gedacht, haben sich über die Jahre aber einen miserablen Ruf erarbeitet. Es kam immer wieder zu Bränden, nicht zuletzt, weil die Zimmer der ursprünglichen Wohnungen in kleinere Zellen unterteilt wurden, mit wenig Rücksicht auf die Elektroinstallation. Hauptsache mehr Zimmer, denn je mehr Leute man reinquetschen kann, desto mehr Miete kriegt man. Die Bodenpreise von Kowloon gehören zu den höchsten der Welt.

In den Mansions geschahen immer wieder Morde und Vergewaltigungen. Sie waren ein Nest für Drogenhändler, Schmuggler, Prostituierte, illegale Einwanderer und Schwarzarbeiter. Nicht alle Gasthäuser und Restaurants hatten eine Lizenz, und es gab einige Fälscherwerkstätte. Nur die Kowloon Walled City war schlimmer (als es sie noch gab).

In den letzten zwanzig Jahren hat sich allerdings viel geändert. Die Mansions wurden in mehreren Phasen generalüberholt, die Sicherheitssysteme modernisiert und überall Kameras installiert. Die Polizei tat ihr Bestes, um die chinesische Mafia zu vertreiben.
So hatten die Allerliebste und ich nie irgendwelche Probleme, ausser, dass uns im Erdgeschoss ständig Inder Flyer für billige Anzüge andrehen wollten. Und ich bekam einen elektrischen Schlag, als ich auf unserem Zimmer mein Handy auflud. In unserem winzigen Raum war das WC zugleich die Dusche, also mussten wir immer aufpassen, das Toilettenpapier nicht nasszumachen.

 
Der Filmer und die Mansions

Dass die Chungking Mansions berühmt sind, ist zu einem guten Teil Wong Kar Wai zu verdanken, der ihnen mit Chungking Express (1994) und Fallen Angels (1995) ein Denkmal setzte. Er hat sie cool und zu einem Anziehungspunkt für Touristen gemacht, was wiederum eine Triebfeder für die erwähnte Sanierung gewesen ist. Die Mieten haben entsprechend zugenommen, viele alte Anwohner und Ladenbesitzer mussten ihren Platz räumen. Ein Gentrifizierungsprozess im Kleinen.

Der Regisseur wurde 1958 in Shanghai geboren, doch als sich in den Sechzigern die chinesische Kulturrevolution abzeichnete, flüchteten seine Eltern mit ihm nach Hongkong. Seine beiden älteren Geschwister blieben in Festlandchina zurück, als die Grenzen geschlossen wurden, und er sah sie erst Jahre später wieder. Wong wuchs im Süden Kowloons auf, und sein Vater fand Arbeit in der Bayside-Bar im Untergeschoss der Chungking Mansions. Dazumal war das ein beliebtes Lokal, unter anderem wars das Hauptquartier der D’Hijacks, einer philippinischen Möchtegern-Beatles-Band.

Ab 1980 studierte Wong Kar Wai Grafikdesign, stieg ins TV-Geschäft ein und drehte schliesslich seinen ersten Kinofilm, das Gangsterdrama As Tears Go By (1988) — sogleich ein Achtungserfolg. Days of Being Wild (1990) war ein Liebesdrama im Hongkong der 60er und Ashes of Time (1994) eine Martial-Arts-Story im mittelalterlichen China.

Ashes war eine grosse und teure Produktion, die sich zwei Jahre lang hinzog. Eine Qual für Wong. Während der Postproduktion gabs eine Zwangspause von zwei Monaten, weil das Equipment für die Nachvertonung nicht zur Verfügung stand. Wong machte das Beste daraus und drehte in der freien Zeit rasch und billig ein Drama über unglücklich Verliebte im Hongkong der Gegenwart — Chungking Express. Teils mit denselben Leuten, die an Ashes arbeiteten und ebenso wie der Regisseur offen für eine Abwechslung waren; selbst Brigitte Lin, dazumal ein Superstar des Hongkong-Kinos (quasi die asiatische Brigitte Bardot), machte mit. Hauptsache keine langen Vorbereitungen, keine komplizierten Drehpläne. Die Szenen, die zu filmen waren, schrieb Wong am Abend vorher oder noch am selben Tag.

Das Drama war innert sechs Wochen abgedreht und kam im Juli 1994 ins Kino. Ashes startete erst im September. Während das Martial-Arts-Spektakel an den Kinokassen weitgehend unterging und von der Kritik zwiespältig aufgenommen wurde, brachte der kleine Liebesfilm Wong Kar Wai den internationalen Durchbruch.

Chungking Express besteht aus zwei sich überschneidenden Episoden. Ursprünglich sollte eine dritte hinzukommen, dafür hats dann allerdings nicht mehr gereicht — doch nach dem unerwarteten Erfolg von Chungking baute Wong sie zu einem eigenen Film aus, Fallen Angels (1995), der seinerseits ebenfalls zwei sich überschneidende Episoden erzählt.

Wong Kar Wai selbst weist gern darauf hin, dass man Chungking Express und Fallen Angels als einen einzelnen, grossen Film betrachten kann. Probieren wir das mal aus.

 
Chungking Express

Von Wong Kar Wai, Hongkong 1994, 102 Min.

Story 1: Ein Kriminalbeamter mit der Nummer 223 (Takeshi Kaneshiro) trauert seiner Freundin nach, die ihn am 1. April verlassen hat. Er hofft, dass es nur ein Scherz war, und gibt ihr einen Monat Zeit, die Abfuhr zurückzunehmen. Jeden Tag kauft er eine Dose mit Ananas-Ringen, die den 1. Mai als Ablaufdatum hat. Meldet sich die Frau immer noch nicht, bis er dreissig Dosen zusammenhat, will er die Trennung akzeptieren.


Chungking Express

Während er mehr und mehr verzweifelt, verbringt Nr. 223 viel Zeit bei einer Imbissbude namens Midnight Express (es gibt Kebab, Pizza und Caesar-Salat). Dort steht ein öffentliches Telefon. Immer wieder versucht er, seine Freundin zu erreichen, erfolglos. Schliesslich verlegt er sich darauf, alten Liebschaften hinterherzutelefonieren. Blöd nur: Keine will was von ihm.

Schliesslich begegnet der Polizist in einer Bar einer Frau (Brigitte Lin) mit Sonnenbrille und blonder Perücke. Sie ist in einen Drogenhandel verwickelt — in den Chungking Mansions hat sie eine Gruppe Inder rekrutiert, um bei einem Flug Kokain zu transportieren. Am Flughafen jedoch setzen sich die Inder ab. Die Frau mit der Perücke stellt fest: Ihr Partner hat sie reingelegt. Was nun?


Chungking Express

Story 2: Ein Streifenpolizist mit der Nummer 663 (Tony Leung Chiu-Wai) wird von seiner Freundin (Valerie Chow), einer Flugbegleiterin, verlassen. Seinen Wohnungsschlüssel gibt sie bei der Imbissbude Midnight Express ab, und so landet dieser in den Händen einer Angestellten (Faye Wong). Jene verliebt sich in den Polizisten und benutzt den Schlüssel, um sich heimlich in seiner Wohnung umzutun: Sie kauft Goldfische für sein Aquarium, wässert seine Pflanzen, hinterlässt ihm eine CD mit dem Song California Dreamin‘. Einmal setzt sie seine Wohnung versehentlich unter Wasser.

Irgendwann kommt Nr. 663 seinem heimlichen Hausgast auf die Spur und lädt sie ein, sich mit ihm in der Bar California zu treffen.

 
 
Fallen Angels

Von Wong Kar Wai, Hongkong 1995, 92 Min.

Story 3: Ein Profikiller (Leon Lai) arbeitet mit einer Partnerin (Michelle Reis) zusammen. Sie sehen sich nur selten, aber die Frau vermittelt ihm seine Aufträge und hält sein versteckt gelegenes Apartment in Ordnung, wenn er weg ist. Sie hat eine mittlere bis schwere Obsession für ihn, durchwühlt seinen Abfall und pflegt in seinem Bett zu masturbieren.


Fallen Angels

Eines Tages lernt der Killer in einem McDonald’s eine durchgeknallte Frau (Karen Mok) mit blonder Perücke kennen und trifft die Entscheidung, seinen Job aufzugeben. Seine Partnerin nimmt die Nachricht mit kalter Wut zur Kenntnis.


Fallen Angels

Story 4: Ein Stummer (Takeshi Kaneshiro) bricht aus dem Gefängnis aus (seine Gefängnisnummer: 663) und flüchtet zu seinem Vater (Chan Man-lei), der in den Chungking Mansions ein kleines Hostel führt. Auf demselben Stockwerk lebt die Partnerin des Killers; sie hilft dem Stummen dabei, sich der Polizei zu entziehen.

Der Ausbrecher kommt zu Geld, indem er nachts in geschlossene Geschäfte einbricht und sie zu seinem eigenen Gewinn betreibt. (Darunter die Imbissbude Midnight Express.) Die Kunden holt er gewöhnlich von der Strasse, um ihnen seine Dienstleistungen aufzuzwingen. Einen Japaner (Toru Saito) trifft es gleich mehrmals.

In der Stadt begegnet der Stumme wiederholt einer manischen jungen Frau (Charlie Yeung) mit Dreadlocks. Sie rast vor Eifersucht, weil ihr Angebeteter ankündigt, eine andere Frau zu heiraten. Der Stumme verliebt sich in die Dreadlock-Frau.

 
Nouvelle Vague und Tarantino

Chungking Express und Fallen Angels drehen sich beiderseits um unglückliche Liebe, darum, wie Schwärmereien und Fantasien an der Realität auflaufen. Takeshi Kaneshiro spielt jeweils eine Hauptrolle (wohlgemerkt, es sind verschiedene Rollen). Und die Filme sind sich stilistisch sehr ähnlich: Eine taumelnde Handkamera, fiebriger Schnitt mit Jump Cuts, die Figuren legen ihre Innenwelt in Voice-Over-Monologen dar. Und sie agieren ganz schön melodramatisch.

Besonders in Actionszenen benutzt Wong Kar Wai den Stutter Step Effect: eine Art stotternde Zeitlupe, bei der das Bild leicht verschwimmt. Woraus Desorientierung resultiert. Kar Wais Zeitlupe zerhackt die Action, ganz anders als die Zeitlupe eines John Woo, die die Action betont.

Dazu ein Soundtrack mit Oldies und ein wenig moderner Popmusik: California Dreamin‘ wird in Chungking Express derart oft angespielt, dass mir der Song inzwischen aus dem Hals hängt. Die letzte Szene von Fallen Angels ist unterlegt vom Only You in einer A-capella-Version der Flying Pickets; das dürfte der bekannteste Moment aus einem Wong-Kar-Wai-Film sein.

Apropos Musik: Faye Wong, Darstellerin der Imbissbuden-Angestellte, war eigentlich eine Cantopop-Sängerin. Von ihr stammt das chinesische The-Cranberries-Cover Dreams. Chungking Express war einer ihrer ersten Filme. Ein Cantopop-Sänger war (und ist) auch Leon Lai, der Profikiller in Fallen Angels.
Die Überschneidung von Pop und Film ist im chinesischen Kino allgemein Gang und Gäbe (umgekehrt hat etwa Jackie Chan nach seinem Durchbruch als Schauspieler mehrere Popalben aufgenommen).

Wie dem auch sei: Mit dem Soundtrack und dem wilden Stil haben beide Filme was von überlangen Musikvideos.

Wong Kar Wai gilt als Vertreter einer Neuen Welle des Hongkong-Kinos in den 80ern und 90ern. Vergleich mit der französischen Nouvelle Vague: Kar Wai spielt mit Genre-Elementen, stellt sie aber auch gern auf den Kopf. (Erwähntes Beispiel: Zeitlupe in Actionszenen.) Stimmung ist wichtiger als Story. Viele Zitate. Nostalgie. Hat auch einiges mit dem postmodernen Kino von Tarantino und Co. zu tun.
Selbiger, also Tarantino, war übrigens ein Förderer von Wong Kar Wais Werk im Westen — er machte einen Deal mit Miramax, um seinen eigenen Verleih Rolling Thunder zu gründen. In erster Linie, um Chungking Express in die US-Kino zu bringen.

 
 
Die Stadt als Hauptdarstellerin

Wong Kar Wai sagt in Interviews, dass es in Chungking Express und Fallen Angels weniger um die Figuren, als um die Stadt Hongkong geht. Die beiden Filme haben kaum Handlung, aber viel Atmosphäre. Wilder Stil — wildes Stadtleben.

Mit den Chungking Mansions als wichtiger Ort beider Filme. Wong Kar Wai flirtet mit dem Ruf der Gebäude: Zusammenstoss der Kulturen, enge Zimmer und Gänge, Verbrechen und Halbseidenes. Wie gesagt: Er hat sie cool gemacht, aber auch zu ihrer Kommerzialisierung beigetragen.

Eine kleine Auffälligkeit: Wong und Co. stammen offensichtlich aus einer anderen (reicheren) Welt als die Bewohner der Mansions. Brigitte Lin wirkt wie ein Fremdkörper, wenn sie dort unterwegs ist — das ist durchaus gewollt, aber auch entlarvend. Die Inder bleiben Stereotypen (sie sind schmutzig, sie haben keine Manieren, sie klauen). Als in Fallen Angels ein paar Schwarze im Hostel vom Vater des Stummen einchecken wollen, kommt es sofort zum Streit wegen der Zimmerpreise. Die Bewohner der Mansions sind in erster Linie Bestandteile einer exotischen Kulisse, keine Figuren.

Chungking Express ist nicht nur von der Story her, sondern auch stilistisch zweigeteilt:
Die Geschichte um Nummer 223 und die Frau mit der Perücke spielt vor allem im abgeranzten südlichen Kowloon (wo eben auch die Mansions liegen) und bei Nacht — eine Film-noir-Hommage.
Dagegen spielt die Geschichte um Nr. 663 und die Angestellte vor allem im Central District und eher bei Tag. Kein Film noir, sondern eine lockere Liebeskomödie (wenngleich eine mit einem melancholischem Ausgang).
Für den Nacht-Teil war Kameramann Wai Keung Lau zuständig, für den Tag-Teil Christopher Doyle (oder umgekehrt — die Quellen widersprechen sich mitunter).

Das Central hat einen besseren Ruf als Südkowloon. Dort wohnen die Armen und die Ausländer, im Central die Reichen und die Expats. (Wobei, wie angemerkt, die Armen und die Ausländer in diesem Film nur begrenzt zu Worte kommen.)

Als Scharnier beider Welten dient die Imbissbude — der Chef derselben (Chan Kam-Chuen) spielt eine Nebenrolle in beiden Episoden von Chungking Express. Das Midnight Express hat später auch in Fallen Angels einen Auftritt, allerdings nur einen kurzen — wie gesagt, es ist eins der Geschäfte, das der Stumme übernimmt.

Heutzutage ist das Midnight Express ein 7-Eleven, und das Gebäude mit der California-Bar gegenüber wurde abgerissen; an seiner Stelle steht inzwischen der California Tower. Das Burger-Restaurant Beef & Liberty im dritten Stock kann ich empfehlen. (Ich hatte einen Weihnachts-Special-Burger, den Sweet Baby Cheesus mit Brie, Blue Stilton und Cranberry Sauce. Nur so am Rande.)


Oben: Chungking Express/Unten: Fallen Angels

Fallen Angels pendelt ebenfalls zwischen Kowloon und Central District, obgleich die Trennung nicht so deutlich ist (beide Geschichten spielen in beiden Stadtteilen, beide Geschichten spielen in der Nacht). Der Stumme pendelt mit seinem Motorrad mehrmals zwischen den Stadtteilen, indem er jeweils den Cross Harbour Tunnel nimmt. Das ist einer von drei Tunneln, die unter dem Victoria Harbour durch führen und Kowloon mit Hong Kong Island verbinden.
Zwar wohnt der Stumme in den Mansions*, aber die Läden, die er kapert, liegen zum grössten Teil im Central District (soweit ich das identifizieren kann).

* Exakter Drehort ist das Chungking House Deluxe Hotel (im Block A).


Fallen Angels

Die Wohnung von Nr. 663 (wir sind wieder bei Chungking Express) liegt ebenfalls im Central, und, Fun Fact, es handelte sich dabei in Wirklichkeit um das Apartment von Kameramann Christopher Doyle. Gleich daneben wurde 1993 die lange Rolltreppe des Walkway-Systems* eröffnet; Wong und Co. haben die brandneue Anlage prompt in ihren Film eingebunden. Während einer Liebesszene des Polizisten und der Flugbegleiterin sieht man die ganze Zeit durchs Milchglasfenster, wie Leute auf der Rolltreppe vorbeifahren.
Nachdem das Drehteam die Wohnung geflutet hatte, klagten die Bewohner darunter wegen Wasserschäden.

* Der Central Elevated Walkway ist ein System von Rolltreppen, Fussbrücken und erhöhten Gehwegen, das Fussgänger vom Autoverkehr trennt.

Noch ein Platz im Central District aus Chungking Express: Der Graham Street Market. Polizist Nr. 663 und die Midnight-Express-Angestellte treffen dort mehrmals aufeinander. Sie holt Gemüse für die Imbissbude, er hilft ihr beim Schleppen. Es ist ein enger, gedrängter Markt. Die übrigen Besucher blicken ab und zu mal in die Kamera.

Nicht ganz sicher bin ich, wo die McDonald’s-Filiale liegt, in der Polizist Nr. 223 in Chungking Express und der Profikiller in Fallen Angels sich was zu Essen holen. Müsste aber irgendwo in Kowloon sein.


Oben: Chungking Express/Unten: Fallen Angels

Apropos Mäc: Nur das Logo von Coca Cola erscheint häufiger als jenes der Burgerbude. Man darf nicht vergessen: Der typische Neon-Look (heute grösstenteils LED-Look) von Hongkong ist der Look greller Werbung. (Ich habe keine andere Stadt in der Welt erlebt, in der Werbung derart omnipräsent ist. Ganze Wolkenkratzerfassaden werden mit Clips bespielt.)

Wieso grad Kowloon und Central? Weil das die urbansten Orte von Hongkong sind, die städtischsten Stadtteile. Es ist wie bei Filmen über Zürich, die das Urbane betonen, indem sie die Langstrasse und die Hardbrücke zeigen. Gibt man der Stadt Hongkong eine Hauptrolle, so zeigt man sie von dieser Seite.


Oben: Chungking Express/Unten: Fallen Angels

Schliessen wir mit einem letzten geografischen Punkt, einem letzten Zentrum der Urbanität: Der Flughafen Kai Tak in Kowloon kommt ebenfalls in beiden Filmen vor. Die Frau mit Sonnenbrille und Perücke verliert dort die indische Drogenschmuggel-Truppe. (Chungking Express.) Der Profikiller geht dorthin, weil er nach einem Auftrag die Stadt verlässt. (Fallen Angels.)
Und es gibt natürlich hier wie dort Bilder von Flugzeugen, die die Häuser der Stadt beinahe touchieren. (Ein Anblick, den man inzwischen vergebens sucht — Kai Tak wurde 1998 geschlossen, Hongkongs Flughafen zog auf die Insel Lantau um.)


Oben: Chungking Express/Unten: Fallen Angels

Man könnte noch einiges weiteres sagen, über die Bars in den zwei Filmen zum Beispiel, oder über das Sport-Stadium in Fallen Angels. Aber ich belasse es mal dabei.

 
Eine Zunahme an Lack

Es gibt dann doch einen bedeutenden Unterschied zwischen Chungking Express und Fallen Angels: Ersterer wurde schnell und schmutzig und billig gedreht. Für zweiteren hatte Wong sehr viel mehr Zeit und Geld zur Verfügung. Das zieht einige Konsequenzen nach sich.

Chungking Express war in vielerlei Hinsicht eine Guerilla-Produktion: Wong und Co. erhielten vom Besitzer-Komitee keine Dreherlaubnis für die Mansions, also mussten sie heimlich arbeiten. Der Regieassistent wohnte für einen Monat dort, legte Pläne an, notierte sich die Touren des Betriebspersonals. Wong Kar Wai:

Als wir schliesslich mit dem Dreh anfingen […], gingen wir wie bei einem Bankraub vor. Wir hatten eine Karte mit den verschiedenen Ausgängen. „Brigitte“, sagten wir, „du gehst hinein und die Kamera folgt dir. Wenn die Sicherheitsleute kommen, nehmen wir diesen Ausgang.“ Als wir das erste Mal filmten, war niemand auf uns vorbereitet, und so haben wir den Sicherheitsdienst überrumpelt; es rechnet ja niemand damit, dass jemand wie Brigitte Lin in den Chungking Mansions auftaucht. Danach wussten sie von uns, und es pendelte sich eine Routine ein. Wir mussten uns jedes Mal neu anpassen. Wir gingen jeweils um 19 Uhr rein; die Sicherheitsleute hatten dann Pause. Chris [Kameramann Christopher Doyle] nahm zwei von unseren Leuten zum Schutz mit, denn der Wachdienst freute sich nicht gerade. Es war sehr dramatisch; Chris trug an jedem Drehtag Verletzungen davon.
Quelle

Beim nächsten Film war das ganz anders. Wieder Wong Kar Wai:

Später, als wir Fallen Angels machten, wurden wir als VIPs behandelt, denn Chungking Express hatte die Mansions weltberühmt gemacht. Das war gut für den Tourismus, gut für das Geschäft, für den Ruf, und so wurden wir plötzlich viel besser behandelt.
Quelle

Übrigens, heutzutage liegt im dritten Stock die Cke Shopping Mall — das „Cke“ bezieht sich auf Chungking Express. (Als das Shoppingcenter 2004 aufging, hiess es tatsächlich noch Chungking Express Mall. Ich nehme an, rechtliche Drohungen führten zur Abkürzung.)
Wie eingangs erwähnt: Chungking Express und Fallen Angels spielten durchaus eine Rolle bei der Gentrifizierung der Chungking Mansions.


Fallen Angels

Jedenfalls: Die unterschiedlichen Drehbedingungen merkt man den Filmen an.
Chungking Express hat etwas Improvisiertes an sich. Ist das Filmteam in den Mansions oder auf der Strasse unterwegs, schauen immer mal wieder Leute in die Kamera. Man erhält einen dokumentarischen Einblick ins Stadtleben, der Film macht einen luftigen, anarchischen Eindruck.

Fallen Angels kommt sehr viel gelackter daher, gekünstelter. Der Film ist stylischer: Einsatz des Weitwinkelobjektivs, die Kamera fast immer in Bewegung, schräg gestellt und ganz nah dran an den Figuren, einzelne Stellen in Schwarzweiss gedreht, harte Kontraste, knallige Farben. Was in Chungking Express ansatzweise vorliegt, geht in Fallen Angels in den Maximum Overdrive.
Einmal reibt sich die Partnerin des Killers minutenlang an einer Jukebox; der ästhetische Moment wird ausgewalzt bis zum Gehtnichtmehr. Es ist ganz schön selbstverliebt und latent nervtötend. Wenn die Frau anschliessend auf dem Bett des Profikillers masturbiert, finden wir uns plötzlich in einem laschen Softporno wieder. Hochglanz zum Gähnen.

Auch die Figuren von Fallen Angels sind ins Extreme gedreht, sind cartoonesk. Zwar haben bereits die in Chungking Express eine Tendenz zum Melodramatischen, aber sie sind halbwegs geerdet. Am abgehobendsten ist noch die Imbissbuden-Angestellte, die mit ihrer frenetischen, schrulligen Art fast aus einer Screwball-Comedy stammen könnte. Ab und zu wird sie in Kritiken als Beispiel für die Trope des Manic Pixie Dream Girls angeführt — was allerdings schwer verkennt, dass sie nicht bloss eine Funktion für die Entwicklung der männlichen Hauptfigur erfüllt, sondern eine eigenständige Figur mit einer eigenständigen Motivation ist. Und dass sie viel eher die Hauptfigur der Tag-Episode ist als Nr. 663. Wir verbringen mehr Zeit mit ihr, wir lernen sie näher kennen. Und das Ende macht deutlich, dass sie nicht abhängig vom Polizisten ist.

Fallen Angels allerdings hat gleich zwei Manic Pixie Dream Girls: Die Prostituierte mit der blonden Perücke, die den Profikiller davon überzeugt, seinen Job aufzugeben. Und die Dreadlock-Frau, die den Stummen dazu bringt, sein Leben zu überdenken. Die beiden Frauen haben praktisch keinen eigenen Charakter und dienen einzig der Entwicklung der männlichen Figuren, und sie sind derart frenetisch und schrullig, dass sie kaum noch auszuhalten sind.
Die Partnerin des Profikillers hat immerhin eine eigene Motivation, jene beschränkt sich aber weitgehend darauf, vom Profikiller besessen zu sein. Und am Ende fällt sie ins Klischee der woman scorned (der Frau, die sich dafür rächt, verschmäht worden zu sein).

So kommts jedenfalls, dass mir Chungking Express weitaus sympathischer ist als Fallen Angels.

2 Gedanken zu “Wong Kar Wai und die Chungking Mansions

  1. Wow, schöner Artikel! Ich muss die Filme auch unbedingt mal wieder sehen. Und jetzt hab ich noch viel mehr Bock auf Hongkong, als sonst schon immer.
    Ich hatte mich vorletztes Jahr schon ein bisschen durch Filme, vornehmlich Hong Kong Noirs, gefräst, die sich mit dem Ende des Status als Kronkolonie und den neuen Einfluss der Regierung vom Festland beschäftigen. Spannende Sache. Ich hab hier auch noch Lektüre, „Schöner Schmerz – Das Hongkong-Kino zwischen Traditionen, Identitätssuche und 1997-Syndrom“ von Petra Rehling, die gelesen werden will…

    Gefällt 1 Person

    • Hongkong ist schon eine extrem faszinierende Stadt, im Film und auch sonst.
      Ich stelle ja nächstens einen längeren Reisebericht online, wo ich detaillierter drauf eingehe. Der Kulturkonflixt zwischen Hongkong und Festlandchina war damals überall zu spüren, auch wenn wir in einer ruhigen Zeit dort waren, vor dem Ausbruch der 2019er-Proteste.

      Gefällt 1 Person

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