Sri Lanka 2018: Die Brille im Meer und der Lindwurm aus Metall

Es war eine saublöde Idee, mit der Brille im Meer schwimmen zu gehen. Armada und ich planschen im warmen Salzwasser, blödeln herum. Eine besonders grosse Welle trifft mich, und da ists passiert: Meine Brille ist weg. Fortgespült. So eine Scheisse.
Wir suchen sofort danach, schwimmen hin und her, wühlen den Grund auf. Bringt alles nichts. Irgend ein Fisch wird sich drüber freuen.

Da ich kein Brillenrezept bei mir habe, brauchen wir erst einmal einen Optiker, der einen Sehtest durchführen kann. In Sri Lanka gibts die Kette Vision Care; die nächste Filiale liegt in Galle. Immerhin: Dorthin wollten wir sowieso. Galle ist ein beliebter Touristenort am südlichen Zipfel der Insel. Wir beschliessen, am nächsten Tag hinzureisen und mir Kontaktlinsen anpassen zu lassen. Auf eine neue Brille müssten wir mehrere Tage warten, das bringt nichts.

Damit ich durch den Abend komme, will mir Armada zwei von ihren Linsen einsetzen. Der Vorgang erweist sich als dramatisch. Ich habe noch nie Kontaktlinsen getragen, denn ich hasse jede Manipulation am Auge — ein Besuch beim Augenarzt ist für mich die Hölle.

So scheint es dann auch ein Ding der Unmöglichkeit, mir Linsen einzusetzen. Ich blinzle sie immer wieder weg, die Augen tränen wie verrückt. Es endet damit, dass ich am Boden liege und mit den Fingern die Lieder offenhalte, während Armada über mir kniet und sich an mir zu schaffen macht. Irgendwann klappt es doch noch. “Ich hab noch nie jemanden erlebt, bei dem das so schwierig ist”, sagt Armada.
Natürlich entspricht ihre Linsenstärke überhaupt nicht meinen Dioptrien, aber immerhin seh ich nicht mehr völlig verschwommen. Wir können im Hotelbistro zu Abend essen.

Das Rausnehmen der Kontaktlinsen ist noch schlimmer als das Einsetzen.

 
Vision Care

Am nächsten Tag dient mir Armada als Blindenführerin. Sie lenkt mich zur Zughaltestelle in Bentota und kauft Tickets für uns beide. Eins kostet gerade mal 100 Rupien, umgerechnet in etwa einen Franken. Der Zug kommt aus Colombo; Bentota liegt auf halbem Weg nach Galle. Die Bahn ist alt und laut und voll, und immer wieder erschreckt uns das Hupen des Zughorns.

Nach einer knappen Stunde kommen wir am Zielbahnhof an. Der Weg zur Vision-Care-Filiale führt durch dichten Verkehr; ohne Armada wär ich aufgeschmissen.

Bei Vision Care läuft die Klimaanlage auf Hochtouren. Draussen Sauna, drinnen Tiefkühltruhe.
Vor uns sind zwei Frauen im mittleren Alter dran — die eine hat ebenfalls ihre Brille im Meer verloren. Also bin ich wenigstens nicht der einzige Doofe.
Endlich komm ich zu meinem Sehtest. Und es stellt sich heraus: Meine Augen verlangen eine Stärke an Sehkorrektur, für die es keine entsprechenden Linsen an Lager hat. Nur wenige Kunden brauchen derart starke. Die Angestellten können mir immerhin welche mitgeben, die annähernd passen.
Das Einsetzen geht schon mal leichter als am Vortag. Endlich seh ich wieder was.

 
Dutch Fort

Ich flaniere mit Armada durchs sogenannte Dutch Fort. Es ist der grosse Anziehungspunkt von Galle. Das Fort wurde von den Portugiesen Ende des 16. Jahrhunderts errichtet, aber die Holländer haben es im 17. Jahrhundert zu einer befestigten Halbinsel ausgebaut. Darum eben: Dutch Fort. Wir gehen die hohen Mauern ab, die die einstige Befestigungsanlage vor dem Meer schützen.

Zwischen diesen Mauern befindet sich eine beschauliche Altstadt mit schönen Häuschen und hippen Läden. Wir geraten an ein Fotoshooting für eine Hochzeit. Ein paar Meter weiter machen wir Halt bei Stick No Bills, einem Geschäft für Poster und andere Drucksachen, und decken uns mit Postkarten ein. Ein Motiv von Raja Segar zeigt ein Liebespaar, innig umschlungen. Es gefällt uns so gut, dass wir die Karte später rahmen und im Schlafzimmer an die Wand hängen.
Schliesslich essen wir im Indian Hut zu Mittag. Das Essen ist gut, doch die Toiletten befinden sich in einem furchterregenden Zustand.


 

Der Lindwurm

Zurück am Bahnhof. Was ich bei der Ankunft noch verschwommen gesehen habe, seh ich nun in aller Klarheit. Das Gebäude ist nicht charmant altmodisch, sondern dreckig und zerfallen. An den beiden Gleisköpfen steht jeweils ein schmutziger Glaskasten mit trübem Wasser, in dem ein paar Fische vor sich hin dümpeln. Es handelt sich dabei um Werbung für ein Aquarium.

Als der Zug einfährt, rennen ihm die Menschen entgegen. Armada und ich merken rasch, wieso: Auf dem Hinweg fanden wir noch mühelos Platz; auf dem Rückweg dagegen sind die Wagen derart voll, dass uns kaum Platz zum Stehen bleibt.

Ein urzeitlicher Lindwurm mit Schuppen aus Metall rumpelt und rattert und setzt sich allmählich in Bewegung. Bald rauscht er am Meer entlang, pflügt die Landschaft um. Er brüllt. Er stösst schwarzen Rauch aus. Wenn er trompetet, nehmen Tiere und Menschen Reissauss. Palmen flattern panisch im Luftstrom, den die wütende Raserei des Lindwurms hervorbringt.

Die Wände des Waggons sind mit Holz getäfelt; früher einmal muss der Zug elegant gewesen sein. Wo ich stehe, fehlt eine Deckenplatte. In der Öffnung seh ich Kabel, und es tropft mir auf den Kopf. Zwar gibt es Ventilatoren, aber die bewegen sich nicht; die frische Luft kommt aus der offenen Zugtür. Armada steht auf den Stiegen, hält sich an einer Stange fest und lehnt sich gegen den brausenden Wind. Würde sie ihren Griff lockern, es würde sie wegwehen. Ich kann kaum hinsehen.

Ich selbst bin zwischen den Mitgliedern einer russischen Grossfamilie eingeklemmt. Zu meinen Füssen hockt ein Junge, der auf seinem Tablet Minecraft spielt. Die anderen Familienmitglieder reichen die ganze Zeit schwere Gespäckstücke hin und her, über alle Köpfe hinweg. Der Sinn dieses Rituals entzieht sich mir. Den Patriarchen erkenn ich daran, dass er seine Sippe mit einem Selfiestick dirigiert.

Der Lindwurm hält in Bentota.

 
Sri Lanka 2018 | Ein Waran kommt zu Besuch | Zwischen Pancakes, Curry und Palmenhörnchen | Zwei Gärten in Bentota | Die Brille im Meer und der Lindwurm aus Metall | Elefanten und andere Viecher | Götter und Gewusel im Pettah Market

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