Zurich Film Festival 2020: Corona, Geld und Holz

So, das 16. ZFF ist auch schon wieder vorbei. Es ging ohne gröbere Schnitzer vonstatten — trotz neuer Leitung und trotz Pandemie. Christian Jungen (künstlerische Leitung) und Elke Mayer (Geschäftsführung) konnten ihr Versprechen einhalten, ein physisches Festival ohne wenn und aber durchzuführen. „Wir stehen ein für das kollektive Filmerlebnis“, wie Jungen so schön sagte an der Medienkonferenz.

Wobei natürlich trotzdem einiges anders war als sonst. Wie schon zuvor am Fantoche, so dämpften Maskenpflicht, Distanzregeln und Co. ein wenig die Festival-Laune. Handkehrum herrschte ein gewisses Corona-Gemeinschaftsgefühl.

Die interessanteste Neuerung war sicherlich die erstmalige Durchführung des Tags des Zürcher Films, der einen Blick hinter die Kulissen der städtischen Filmindustrie ermöglichte. Eine Zusammenarbeit des ZFF und der Zürcher Filmstiftung.

Misstönig dagegen: Wie sich herausstellte, konnte das ZFF vor allem dank grosszügiger Staatshilfe duchgeführt werden, die anderen Kulturinstitutionen bisher versagt geblieben ist. Währenddessen entliess die NZZ — der das ZFF zur Hälfte gehört — kurz vor Festivalbeginn ihren Filmredaktor. Aus Spargründen.

Florian Keller drückte es in der WOZ vom 1.10. so aus:

Während die Kinos mit ihren Anträgen auf Corona-Unterstützungsgelder seit Mai hingehalten werden, hat das ZFF von Stadt und Kanton Zürich bereits finanzielle Nothilfe über 723600 Franken erhalten, um weggebrochene Sponsorengelder zu kompensieren. […] Direktor Jungen, so erfuhr man derweil in der «Aargauer Zeitung», «bezeichnet sich auch als libertär Denkenden, der sich vom Staat nicht reinreden lassen will». Ganz nach der libertären Maxime: Gewinne privatisieren, bei Verlusten darf der Staat dann gerne mit Kapital dreinreden.

Schlimmer ist bloss, dass ausgerechnet Til Schweiger mit einem Goldenen Auge geehrt wurde. Ja, genau, Til „das schwarze Loch des Kinos“ Schweiger. Til Schweiger, der Kritik so sehr hasst, dass es Pressevisionierungen zu seinen Filmen nur in Ausnahmefällen gibt (sprich, er sie nicht verhindern kann). Eine handliche Übersicht zu seinen sonstigen Verbrechen gibts hier: Til Schweiger: Der letzte Auteur.

Aber genug davon. In erster Linie geh ich ans ZFF, um gute Filme zu entdecken. Die folgenden möchte ich weiterempfehlen:
 

Die letzten Österreicher | Doku über Königsfeld, ein Dörfchen in den karpatischen Wäldern der Ukraine. Im 18. Jahrhundert zog es Österreicher aus dem Salzkammergut dorthin; die Holzindustrie verlangte nach Arbeitern. Heute gibt es dort nur noch wenige, die den alten österreichischen Dialekt sprechen. Dazu ist Königsfeld wirtschaftlich tote Zone, wer kann, zieht weg. (Bloss ein einzelner Unerschrockener setzt sich in den Kopf, ein Skihotel zu eröffnen.)
 

Moving On | Tragikomödie aus Südkorea. Anfangs der Sommerferien: Nach der Scheidung zieht ein Familienvater mit seinen Kindern zum Opa. Seine Schwester hat sich mit ihrem Mann verstritten und zieht ebenfalls ein. Wahnsinnig viel passiert nicht, der Film schildert einfach einen ganz normalen Sommer. Gerade das ist aber unglaublich sympathisch.
 

Never Rarely Sometimes Always | Drama über ein Teenager-Mädchen im ländlichen Pennsylvanien, das abtreiben lassen möchte, ohne dass es die Eltern merken. Die Cousine reist mit ihr nach New York, wo das gesetzlich möglich ist. Der Titel bezieht sich auf eine Szene, bei der es mir beinahe das Herz zerrissen hat.
 

Shithouse | Liebesfilm über einen jungen Studenten, der im Studentenheim eine junge Studentin kennen lernt. Die beiden verbringen eine Nacht miteinander: Trinken, Sex, eine Schildkröte beerdigen. Es funkt also — oder doch nicht? Witzig, lebensnah, herzig.
 

Wood | Doku über Alexander von Bismarck, der für die EIA (Environmental Investigation Agency) illegalen Holzschlag ermittelt. Wie ein Geheimagent arbeitet er mit Verkleidungen und versteckten Kameras, um den Hintermännern auf die Spur zu kommen. Wir sehen ihn in Sibirien, Nordchina, Peru und Rumänien. Bösewicht der Story ist die österreichische Firma Holzindustrie Schweighofer, die in Rumänien und der Ukraine seit Jahrzehnten im grossen Stil illegal Holz schlagen lässt, mit gigantischen Umweltschäden. Womit wir den Bogen zurück zu Die letzten Österreicher geschlagen hätten.
 
 

Tadelnde Erwähnung:

The Dissident | Am 2. Oktober 2018 besuchte der saudische Journalist Jamal Khashoggi die Botschaft seines Landes in Istanbul — er brauchte ein Dokument für die Hochzeit mit seiner Verlobten. Er wurde in der Botschaft auf bestialische Weise ermordet, höchstwahrscheinlich auf direkten Befehl von Mohammed bin Salman, dem Kronprinz von Saudi-Arabien.
Die Doku bereitet den Fall und seine Hintergründe griffig auf. Unter anderem gehts um einen Propaganda-Krieg in den Sozialen Medien, vor allem auf Twitter — auf der einen Seite eine Armee saudischer professioneller Trolle, auf der anderen Dissidenten und Exil-Saudis, die versuchen, die digitale Zivilgesellschaft zu mobilisieren.
Eine tadelnde Erwähnung erhält der Film, weil er sein Publikum über die Musik und den Schnitt ungeniert zu manipulieren versucht. Ausserdem gibt es eine saudumme Szene, in der die Auseinandersetzung zwischen den staatlichen „flies“ und den dissidenten „bees“ als Kampf zwischen computeranimierten Insekten dargestellt wird. Auf der richtigen Seite zu stehen, entschuldigt diese Art plumper Propaganda kein bisschen.
 

Hier gibts die Gewinnerfilme von 2020. Wood hat eine besondere Erwähnung erhalten; ansonsten hab ichs wieder einmal hinbekommen, keinen der ausgezeichneten Filme zu sehen.

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