Is there power in a book?

Letztes Jahr ist beim Unrast-Verlag das Buch “Wobblies. Politik und Geschichte der IWW” erschienen, herausgegeben von Gabriel Kuhn. Kuhn ist in linken Kreisen als Verfasser und Herausgeber bekannt.

Die Industrial Workers of the World (IWW) ist eine Gewerkschaft, die häufig “Unorganisierbare” wie Wanderarbeiter*innen, Arbeitslose und Migrant*innen zusammenführt. Im Gegensatz zu Berufsverbänden strebt die IWW die Überwindung solcher Grenzen an. Daher rührt auch die Selbstbezeichnung als “one big union”. Ihre Mitglieder gruppieren sich nach Branchen. Damit wollen sie einerseits berufsspezifische Interessen überwinden, andererseits wollen sie – wenn die Handlungsmacht es erlaubt – im Arbeitskampf grössere Teile der betroffenen Branche lahmlegen können und die überregionale Solidarität unter den Arbeiter*innen fördern. Mit dieser Organisation befasst sich Kuhns Publikation.

Ein halbfertiges Buch

Der Titel des Buches ist jedoch irreführend. “Zwei Memoiren Ehemaliger, dekoriert mit einer knappen Einleitung und ein paar Songtexten” beschreibt den Inhalt treffender. Kuhns Einleitung geht zuerst auf die ungeklärte Herkunft des Begriffs “Wobblie” ein, wie die IWW-Mitglieder manchmal heute noch genannt werden. Anschliessend erzählt er ein wenig über den Songwriter Joe Hill. Hill war IWW-Mitglied und betrieb mit seinen Liedern Propaganda. Berümtheit erlangte er, da er einem Justizmord zum Opfer fiel. Der Prozess strahlte auf die Organisation zurück und bescherte ihr eine noch grössere Bekanntheit.

Erst im folgenden Teil der Einführung widmet sich Kuhn der Geschichte der IWW. Für die Anfangszeit bezieht sich Kuhn ausführlich auf Vincent St. Johns Bericht, der im Buch enthalten ist. Wenn sich die Einleitung aber schon so stark auf diesen Text stützt, warum braucht es sie dann noch? Kuhn geht zwar auch auf die Entwicklung der IWW nach dem Zweiten Weltkrieg ein, dabei zeigt sich leider die Schwäche seiner Einleitung deutlich: Abgesehen vom Nachweis wörtlicher Zitate und gelegentlicher Erläuterungen in den Fussnoten fehlen Nachweise sowohl zu den erwähnten Daten und Ereignissen wie auch ein Hinweis darauf, woher er die englischen Texte hatte, die ihm als Vorlage für die Übersetzung dienten. Auch die Bilder sind ohne Nachweise abgedruckt. Sie könnten aus historischen Dokumenten stammen, gerade so gut könnte Kuhn die Bilder aus einer fünfminütigen Googlesuche haben. Nur der Autor und Gott wissen, woher er seine Informationen hat.

Es ist gerade im Falle eines antiautoritären Linken wie Kuhn seltsam, dass auf Quellenangaben verzichtet wird. Ironischerweise zwingt er die Leser*innen damit nämlich, ihm entweder blind zu glauben oder eigene Recherchen anzustellen – und damit die Arbeit nachzuholen, die Kuhn nicht erledigt hat. Diese Handhabe ist Problem zahlreicher bewegungsnaher Publikationen. Ob der Grund in Unwissenheit und Faulheit liegt oder einem antiakademischen Ressentiment, ja nicht zu genau zu sein, entspringt, sei dahingestellt.

Ist die IWW nun politisch oder nicht?

Der Buchtitel will einfach nicht zum Inhalt passen. Ziel der IWW sei die Abschaffung des Kapitalismus. Als politische Organisation versteht sie sich aber nicht. Diese scheinbar widersprüchliche Selbstbeschreibung ergibt sich daraus, dass die IWW unter Politik parlamentarische Politik und Interessensvertretung konventioneller Gewerkschaften versteht. Unpolitisch ist die IWW demnach, da sie solche Vertreter*innen ablehnt. Worin besteht dann aber die “Politik” der IWW, von der im Titel die Rede ist?

Um die Geschichte ist es nicht besser bestellt. Den Grossteil des Buches machen eine Geschichte der IWW von Vincent St. John und die Erinnerungen Henry McGuckins aus. St. John schrieb den Text 1917, McGuckin verfasste seine Erinnerungen 1968, sie stoppen jedoch ebenfalls beim Jahre 1917. Angehängt ist McGuckins Memoiren ein Text von einem seiner Söhne, der das Familienleben beschreibt. Wenn Kuhns Einleitung nicht wäre, wäre unklar, was nach 1920 aus der IWW wurde. Mit dieser Textauswahl von einer “Geschichte der IWW” zu reden, ist schon starker Tobak.

Die Erinnerung wachhalten

Autobiographische Erzählungen entspringen unterschiedlichen Bedürfnissen und können zahlreiche Funktionen erfüllen: Zeugnis ablegen, Wissen an eine jüngere Generation tradieren, zu einem kulturellen Gedächtnis beitragen. McGuckin beschreibt deutlich seine eigene Motivation:

Es gibt nur einen Grund, warum ich [diesen Text] geschrieben habe: um die Leser daran zu erinnern, dass keine gesellschaftliche Veränderung, seien es höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen oder das Überwinden von Vorurteilen sich jemals >natürlich< ergeben. Sie sind immer das Resultat langer und erbitterter Kämpfe.

Erinnerungen können gerade für marginalisierten Gruppen wichtig sein. Oder dann, wenn die Erfahrungen von Menschen durch eine dominierende (staatliche) Erzählung überlagert und verdrängt werden. So findet in Spanien, speziell in Katalonien, ein guter Teil der Auseinandersetzung mit der Franco-Diktatur über Literatur statt, weil die staatlichen Archive kaum zugänglich oder die Akten nicht geordnet sind und damit Recherchen erschweren.

Memoiren im Dutzend billiger

Bewegungsnahe Geschichtsschreibung findet leider fast ausschliesslich über (auto-)biographische Texte statt. So bedeutungsvoll sie sein mögen, braucht es wohl kein Geschichtsstudium, um das Problem zu erkennen: Eine einseitige Quellenauswahl läuft Gefahr, einseitige Ergebnisse zu liefern. Statt eigene Forschungen anzustellen, wird Vorhandenes – oftmals unkritisch – reproduziert. Warum pflegen ausgerechnet Antiautoritäre so ein unkritisches Verhältnis gegenüber der Geschichte?

In der Einleitung erwähnt Kuhn die “Hobo-Dschungel”. Das sind Unterkünfte und Kochstellen, die Hobos entlang der us-amerikanischen Eisenbahnlinien eingerichtet hatten. Das gesamte Netzwerk des damals neuen Verkehrsmittel wurde von den Hobos verwendet, um eine eigene dezentrale Logistik einzurichten. Eine Studie über diese Schatten-Netzwerke förderte gewiss mehr Erkenntnisse über Hobos und Wobblies zu Tage als zwei knappe Texte Ehemaliger.*

*Der Fairness halber muss erwähnt werden, dass eine solche Studie für Kuhn kaum machbar wäre, da gegen ihn ein Einreiseverbot in die USA in Kraft ist.

Dekorative Liedtexte

Mit der IWW hätte Kuhn ein Leichtes gehabt, für Quellenvielfalt zu sorgen. Leider stehen die Liedtexte und Gedichte von Laura Payne Emerson, Ralph Chaplin, Joe Hill und James J. Ferriter verloren zwischen den grösseren Textblöcken. Wäre das 150-seitige Buch dem Verlag ohne die paar zusätzlichen Seiten zu dünn gewesen? Die verpasste Gelegenheit, auf die Lieder einzugehen, ist um so bedauerlicher, wenn man weiss, was für ein wichtiges Agitationsmedium das Lied für die IWW war. In Kuhns Publikation führen die Lieder ein Schattendasein als ästhetisches Beiwerk. Joe Hill schrieb reihenweise Parodien auf Hymnen der Heilsarmee. Stinkfrech verwendete er dazu deren Melodien und überschrieb sie mit seinem Text. Aus “In the Sweet By-and-By” wird das ironische “you’ll get pie in the sky, in the sky” – aus der “salvation army” macht Hill die “starvation army”. Und wenn auf Geheiss der Bosse die Musikkapelle der Heilsarmee aufmarschierte, um den Streikenden singend christliche Demut und Passivität zu predigen, brauchte Hill sich um die background band nicht zu kümmern. Über die Geschichten, die mit diesen Liedern verbunden sind, liesse sich ein witziges Buch schreiben, das auch für ein breiteres Publikum interessant wäre. Man müsste nur eigene Forschungen anstellen und nicht immer wieder die gleichen Texte auflegen (oder in neuen Texte alte Inhalte wiederholen).

Gabriel Kuhn: Wobblies. Politik und Geschichte der IWW. Münster 2019.

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s