Videoex 2020: A Machine to Live in

Wenn ich sage, dass Brasília schön ist, würden sie sofort erkennen, dass mir die Stadt gefällt. Aber wenn ich sage, dass Brasília das Abbild meiner Schlaflosigkeit ist, sehen sie das als Vorwurf; aber meine Schlaflosigkeit ist weder schön noch hässlich — ich bin meine Schlaflosigkeit, sie ist gelebt, sie ist meine Verwunderung.*
Clarice Lispector, Brasília: cinco dias, 1964
* Schlecht aus dem Portugiesischen übersetzt von Gregor.

So schrieb die Brasílianische Schriftstellerin Clarice Lispector, nachdem sie 1962 Brasília besucht hatte, die damals brandneue Hauptstadt von Brasilien.
Schon 1891 wurde der Beschluss, eine neue Hauptstadt zu bauen, in der brasilianischen Verfassung festgehalten. (Damals erfüllte noch Rio de Janeiro diesen Zweck.) 1956 endlich wurde der Bau in Angriff genommen, und 1960 wurde Brasília von Präsident Juscelino Kubitschek eingeweiht. Stadtplaner Lúcio Costa, Architekt Oscar Niemeyer und Landschaftsgestalter Roberto Burle Marx trugen die Verantwortung für die Errichtung der Stadt.

60 Jahre nach der Einweihung haben nun Meredith Zielke und Yoni Goldstein, zwei Filmemacher aus Chicago, ein Porträt der Stadt gedreht: A Machine to Live in.
In einem Projektbeschrieb erklärt Goldstein den Film wie folgt: „[…] a hybrid genre documentary disclosing the historical and architectural links between the world’s first fully integrated modernist city project, Brasília, and the techno-mystical, esoteric, and transcendental spaces that have emerged around it.“

Wir sehen also die modernistische Architektur dieser Planhauptstadt, besuchen aber auch Freimaurer, UFO-Kulte, religiöse Sekten — und Sprecher der Kunstsprache Esperanto. Zielke und Goldstein arbeiten heraus, wie Modernismus und Spiritualismus zusammengehen. Faszinierend, dass Esperanto in Brasilien einen spirituellen Zweig hat.

Die Bilder von Brasília sind spektakulär, aber auch ziemlich beängstigend — der Begriff A Machine to Live in trifft die überwältigende Künstlichkeit der Stadt ganz gut, oder die Grosskotzigkeit ihrer Planer.
Vor allem fällt auf, dass das viel mehr ein Ort für Autos als für Menschen ist. So liegt im Stadtzentrum der Jardim Burle Marx — eine grossangelegte Parkanlage, die schön sein könnte, wäre sie nicht von mehreren grossen Strassen durchschnitten, über die ein Strom von Autos, Bussen und Co. fliesst. Die Maschinen-Adern einer Maschinen-Stadt. Dazu sind die grossen Rasenflächen nicht etwa grün, sondern gelb und braun vertrocknet.

Fast schon offensiv lebensfeindlich wirkt ein Vorort, entstanden erst in den letzten Jahren. Die Kamera fliegt über einen Haufen von kleinen Wohnblöcken hinweg. Jedes Haus ist von Parkplätzen umringt, und diese wiederum sind von Strassen umringt. Keine Bäume, keine Blumentöpfe, nur Beton und Blech. Ja, das sieht nach einer Maschine aus. Dass man darin leben kann, ist zu bezweifeln.

Mitunter ist der Film ganz schön trippig. Da läuft zwischendurch ein weisses Pferd durch die Strassen. Oder visuelle Fragmente verdichten sich zu surrealen animierten 3-D-Gemälden. Oder da sehen wir die Taufkapelle neben der Kathedrale von Brasília: Diese Kapelle sieht aus wie eine grosse Scheibe oder wie ein glattgeschliffener Stein. Dieses Ding fliegt prompt wie ein UFO davon.

Zu den Bildern werden Auszüge aus Clarice Lispectors Texten oder aus Interview mit Oscar Niemeyer vorgelesen. Bewohner der Stadt kommen zu Wort und schildern ihre Sicht auf die Stadt.
Viel davon ist mythologisches Geschwurbel — ich geb zu, dass ich die Untertitel öfters ignoriert hab, um stattdessen Bilder und Geräusche über mich hinwegfluten zu lassen.

 
Brasília und Zürich

Gesehen hab ich A Machine to Live in am Videoex, dem Festival für Experimentalfilm und Videokunst. Nach der Vorstellung hab ich Zürich zwangsläufig mit anderen Augen gesehen.

Das Videoex findet im Zeughaushof auf dem Kasernenareal statt — ein Teil der einstigen Militäranlage wird heute als Kultur- und Erholungsraum genutzt. Der Kunstraum Walcheturm beherbergt das Festivalzentrum, während das Festivalkino Z3 jeweils in einem Zeughaus um die Ecke eingerichtet wird — dort hab ich auch schon Theaterstücke der Kunsthochschule gesehen.
Neben dem Walcheturm liegt das Restaurant Zeughaushof. Der Hof selbst heisst Labyrinthplatz und wird von einer grossen Wiese eingenommen — im Gegensatz zu den Rasenflächen in Brasília ist sie tatsächlich grün.
Auf der anderen Seite des Platzes liegt die Alter Kaserne; ein Raum für Partys.
Dieses Jahr zieht die Kantonspolizei aus dem Kasernenareal aus, womit zusätzlich ein Hauptteil des Geländes zur öffentlichen Nutzung frei wird. Die Kasernenwiese wird mit der Öffnung des abgesperrten Teils doppelt so gross; rundherum sollen Cafés, Läden, Kulturorte und Co. entstehen.
Hier gibts den Überblick über den Masterplan Zukunft Kasernenareal Zürich.

Was ich sagen will: Nach all der betongeilen Künstlichkeit von Brasília erscheint der Zeughaushof wundervoll lebendig. Er ist organisch gewachsen. Ungeplant insofern, als dass er den ursprünglichen Zweck schon lange nicht mehr erfüllt. Denn die Menschen haben sich das Militärgelände angeeignet und es wohnlich gemacht. Auf dem Labyrinthplatz kann man verweilen. Die Zeughäuser sind in ihrer altmodischen Bauweise aus der Zeit gefallen, und dass sie recht zerfallen sind, macht sie nur liebenswerter. (Aber zugegeben, die geplanten Renovierungen im Rahmen des Masterplans sind nicht verkehrt.)

Dann verlasse ich das Kasernenareal, um zum Hauptbahnhof zu gelangen. Mein Weg führt mich durch die brandneue Europaallee. Und schon bin ich wieder in Brasília. Ich gehe über Asphalt. Rundherum gewaltige Gebäude aus Stein und Glas. Eine modernistische Betonwüste. Immerhin wurden ein paar Bäume aufgestellt, und ein Restaurant verbreitet ein bisschen Charme mit einer Lichterkette. Und die Euorpaallee ist tatsächlich für Fussgänger geplant, nicht für Autos. Aber es ist ein Ort zum Durchgehen, nicht zum Verweilen. Ich bin froh, als ich im Zug sitze.

 
Apropos Brasilien: Das Xenix zeigt zurzeit neue brasilianische Filme.

A Machine to Live In
Dokumentarfilm/Experimentalfilm
USA 2020, 89 min.
Regie: Yoni Goldstein, Meredith Zielke
Drehbuch: Yoni Goldstein
Videoex
Festival für Experimentalfilm und Video, 22. Ausgabe
Zürich, Zeughaushof
Fr 11.9. bis So 20.9.2020.
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