London: Gebrauchte Bücher aus Brixton

Direkt vor unserem Hotel in Balham liegt eine Bushaltestelle. Praktisch. Als wir jedoch an jenem Samstagmorgen nach Brixton wollen, haben wir Pech: Wegen einer Messerstecherei oben in Whitechapel wurde die Linie unterbrochen. Dann halt ein Umweg mit der U-Bahn. Die Victoria Line hat in Brixton ihre südliche Endhaltestelle.

Einen guten Ruf hat das Viertel nicht gerade. Nach dem Zweiten Weltkrieg siedeln sich hier viele Immigranten an, eine grosse afrikanisch-karibische Community entsteht. Das Viertel wird mit den Jahren zum sozialen Brennpunkt: Wirtschaftskrisen, Armut, Kriminalität, Rassismus, Polizeigewalt.

Auf der Platte London Calling (1979) von The Clash findet sich der Song The Guns of Brixton, er erzählt von diesen Problemen. Bassist Paul Simonon, der ihn schrieb, wuchs selbst in Brixton auf. Er nimmt Bezug auf den Reggae der jamaikanischen Einwanderer und auf den jamaikanischen Gangsterfilm The Harder They Come (1972).

Der italienische Regisseur Franco Rosso dreht in Brixton und Deptford das Drama Babylon – dieses dreht sich um eine Gruppe schwarzer Jugendlicher und die Reggea-Szene. Am Ende stürmen Polizisten einen Musikclub.

Babylon kommt im November 1980 ins Kino, im April 1981 beginnt der Brixton Riot – die Reaktion auf ein neues Gesetz, das es Polizeibeamten erlaubt hat, Leute nach Gutdünken anzuhalten und zu durchsuchen. Es hat vor allem junge schwarze Männer getroffen. Die Proteste führen zu hunderten Verletzten, Autos und Häuser werden angezündet. Zu solchen Rassenunruhen kommt es in den 80ern und 90ern immer wieder.

Die Allerliebste und ich verlassen die U-Bahn-Haltestelle, und das Brixton, das wir antreffen, hat nur noch wenig zu tun mit dem Brixton aus The Guns of Brixton und Babylon. Die riots liegen Jahre zurück. Seit der Jahrhundertwende hat die Gegend eine Aufwertung erfahren. Brixton ist sicher und trendig, kein Brennpunkt mehr, sondern ein Anziehungspunkt (für Touristen wie uns). Dafür können sich die alteingesessenen Anwohner und Ladenbesitzer die Preise weniger und weniger leisten.
Immerhin, im Moment ist Brixton noch immer bunt: Menschengemisch, Wandgemälde*, farbige Fassaden, Neonreklamen. An jeder Ecke tönt Reggae aus Lautsprechern.

* Unter anderem gibts eins von Ziggy Stardust. David Bowie stammt ebenfalls aus Brixton.

Wir essen Brunch in der Canova Hall, einem italienischen Restaurant mit Pizzaofen und einer eigenen Gin-Destillerie. Einst war das die Kantine des Kaufhauses Bon Marché. Das Restaurant, 2017 eröffnet, hat sich einen herben industriellen Charme bewahrt. Unverputzte Wände, Beton, Plättchen, Holzbänke. Wir bestellen einen Avocado & Feta Toast sowie Truffle Scrambled Eggs. Die Speerspitze der Gentrifizierung.

Spaziergang durch den Brixton Market. Ein weitläufiger Markt mit Strassenständen und überdachten Einkaufspassagen. Läden für Stoffe und Taschen, Fisch, Gewürze, Perücken und Haarpflegeprodukte. Cafés, kleine Restaurants, Streetfood. Die meisten Läden und Lokale sind allerdings noch geschlossen. In einer Passage, die so niedrig ist, dass ich vornübergebeugt gehen muss, kauft die Allerliebste eine Schutzhülle für ihr Handy.

Ein Strassenprediger verbreitet seine Botschaft mit dem Lautsprecher. Keine Ahnung, worums geht; er plärrt auf Spanisch.

Das Ritzy gehört zu Englands ältesten Kinos (1911 wurde es erbaut). Es zeigt Blue Story, ein britisches Drama um Strassengangs und Hip Hop (nicht Reggae). Wie Babylon wurde es zum Teil in Deptford gedreht.

Nicht weit vom Ritzy sprechen uns ein paar linke Aktivisten an, die mit Flyern, Buttons und Co. gegen die Konservativen werben. Sie haben unsere Anteilnahme. Zwei Wochen später werden Boris Johnson und seine Komplizen haushoch gewinnen. (Seufz.)

Noch so ein kleiner Dinosaurier, der sich der Gentrifizierung entgegenstellt: Das Antiquariat Book Mongers. Der eingebürgerte Amerikaner Patrick Kelly hat den Laden vor bald 30 Jahren eröffnet. Die Regale sind ordentlich sortiert, hinten im Laden gibts eine Lese-Ecke.
Neben dem Eingang liegt ein uralter, extrem miesepetriger Kater. Popeye heisst er. Man streichelt ihn besser nicht, denn er beisst. Und er ist der Grund, weswegen Hundebesitzer draussen bleiben müssen.
Ich kaufe ein Snoopy-Buch (A New Peanuts Book Featuring Snoopy; es ist der Nachdruck eines Buches von 1957), und eins von Philip K. Dick (Our Friends From Frolix 8).

Wir verbringen eine gute Stunde im Book Mongers, dann müssen wir weiter. Die Theater im West End rufen.

 
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