McKellen, Richard, ein Handlungsreisender: Dreimal Theater in London

Letzten November waren die Allerliebste und ich für ein paar Tage in London. Unter anderem haben wir uns drei Theaterstücke angesehen. Und zwar diese hier:

 
Ian McKellen on Stage

Das Harold Pinter Theatre im Ldononer West End: Wir sitzen weit oben, und die Zuschauerränge sind derart steil gebaut, dass mir beim Blick auf die Bühne schwindlig wird. Dort unten, weit unten, sind ein paar Teppiche ausgelegt; daneben steht eine grosse Kiste.
Das Licht geht aus, Ian McKellens Stimme donnert: Er liest eine Stelle aus Tolkiens The Lord of the Rings. Es ist jene mit Gandalf und dem Balrog: „You shall not pass!“ McKellen weiss, weshalb das Publikum gekommen ist.

Das Licht geht an, der Schauspieler tänzelt auf die Bühne. „The Lord of the Rings hab ich vorher nie gelesen“, sagt er. „Jetzt mindestens einmal pro Jahr.“
Er trägt Skinny Jeans, Jackett, einen grossen Schal. Die Soloshow feiert seinen 80sten Geburtstag, aber er gibt sich betont sportlich, wirbelt den ganzen Abend lang herum. Einmal macht er sich lustig darüber, wie er mit Anfang zwanzig im Agatha-Christie-Stück Black Coffee den Butler als Klischee eines zittrigen alten Mannes spielte.

In der erste Hälfte der Show erzählt McKellen aus seinem Leben, holt dazu immer wieder Requisiten aus der grossen Kiste (zum Beispiel Gandalfs Schwert, das ihm zum Abschluss der LotR-Dreharbeiten geschenkt wurde). Er erzählt energetisch, seiner Stimme lauscht man gern, er hat viel erlebt.

Als Dreijähriger war er das erste Mal im Theater (in einer Inszenierung von Peter Pan), er spielte Theater an der Schule und an der Universität („Professioneller Schauspieler? Nichts für mich!“), arbeitete mit Laurence Olivier, Judie Dench oder Anthony Hopkins.
Apropos Judie Dench: Sie ist neben ihm in der Verfilmung von Cats zu sehen, die in wenigen Wochen ins Kino kommt. Er hat die Rolle des Theaterkaters Gus, und er singt für uns dessen Lied. Noch können wir nicht ahnen, dass Cats eine Totalkatastrophe von Film, ein Jahrhundertflop werden würde. (Immerhin: McKellens Szene darin ist so ziemlich die einzig gute.)

1988 outete sich McKellen in einer Radiosendung als schwul, im Engagement gegen die Clause 28 – ein Gesetzeszusatz, der Kommunalbehörden die „Förderung von Homosexualität“ verbieten sollte. Leider ohne Erfolg: Der Paragraph blieb bis 2003 in Kraft.
1991 wurde McKellen von der Queen zum Ritter geschlagen. Bei der Gelegenheit stellte er fest: „Ich hab meinen Namen mein ganzes Leben lang falsch ausgesprochen!“

Die zweite Hälfte der Show ist ganz Shakespeare gewidmet. McKellen bittet das Publikum darum, die Titel der Stücke in den Saal hineinzurufen. („Mal schauen, ob wir alle zusammenbekommen.“) Zu jedem erzählt er etwas, spielt eine kurze Szene – er hat ja in fast allen mitgespielt.
Eine Frau ruft „Macbeth“, was allgemeines Stöhnen und Zischen auslöst. (Es bringt anscheinend Unglück, diesen Titel auszusprechen, weshalb man in Theaterkreisen nur vom „scottish play“ spricht.)

Zum Abschluss führt McKellen noch einen kleinen Trick vor: Das Licht geht für eine Sekunde aus, er ist verschwunden. Taucht aber gleich wieder auf: Er hat sich blitzschnell in der Kiste versteckt. „Weil die Zuschauer das sicher mögen.“

Ian McKellen on Stage
Von und mit Ian McKellen
Regie: Sean Mathias
Harold Pinter Theatre, 21.11.2019
Premiere: 25.1.2019

 
 
Richard III

Ich hatte eine traditionelle Inszenierung erwartet – das Sam Wanamaker Playhouse gehört zu Shakespeare’s Globe, einem Nachbau von Shakespeares eigenem Globe Theatre.* Dessen Eingangsbereich ist modern, der Theatersaal selbst ist jedoch im Stil des 17. Jahrhunderts erbaut. Für die Beleuchtung sorgen allein Kerzen. Wir sitzen auf Holzbänken.
Die Bühne allerdings ist von Erde überhäuft, und die hintere Wand besteht aus Spannholzplatten, vollgesprüht mit Graffiti-Tags: „York“, „Henry VI“ etc. Richard, gespielt von Sophie Russell, hält den berühmten Eröffnungsmonolog („Now is the winter of our discontent“) in einem dreckigen Football-Outfit.

* Das Globe selbst wurde 1997 eröffnet, das Playhouse 2014 – benannt ist es nach dem amerikanischen Schauspieler und Regisseur Sam Wanamaker, dem Initiator des Wiederaufbaus. Shakespeare’s Globe befindet sich ca. 230 Meter vom Standort des ursprünglichen Globe Theatre entfernt, das dort von 1599 bis 1644 stand.

Shakespeares Richard III schliesst an die Henry VI-Trilogie an, die das Globe-Ensemble parallel zum Richard ebenfalls spiel, in einer zusammengestrichenen Version als einzelnes Stück. Die dortigen Schlachten sind dem Vernehmen nach als Football-Spiele inszeniert.

Vorgängig hab ich den Text zu Richard III gelesen (fertig geworden bin ich auf dem Flug nach London). Dabei hab ich festgestellt, dass es ganz schön knifflig ist, bei den Figuren und der Handlung durchzublicken, wenn man die Henry VI-Stücke nicht im Hinterkopf hat. Daher kommts auch, dass viele Inszenierungen diese Bezüge runterspielen und Richard III als Standalone-Version auf die Bühne stellen. Aber eben: Die Globe-Fassung bezieht sich explizit auf das Prequel.
Noch schwerer hatte es meine Begleitung, die das Stück nicht gelesen hat – auch wenn das Globe keine Vollversion zeigt und einige Figuren weglässt, so muss ich immer wieder flüsternd erklären, wer wer ist. Die ganzen Doppelbesetzungen machens nicht einfacher.

Aber das Ensemble kann ja nichts für unser Unwissen, und ansonsten begeistert uns die Inszenierung. Die Doppelbesetzungen sind sinnig, werden doch Richards Opfer und Richards Freunde von denselben Darstellern gespielt – mit zunehmender Paranoia sieht Richard in jedem einen Verräter, der ermordet werden muss.
Frauen, Männer, schwarz, weiss, alt, jung – die Rollen sind wild durcheinandergewürfelt besetzt. Unglaublich lebendig wirkt das.

Highlight ist aber Sophie Russell als Richard. Sie spielt ihn ganz ohne Buckel oder Ähnliches, ihre Missbildung ist das Frausein. Damit tut das Regie-Duo einen ganz eigenen Subtext auf und dreht diesen unter anderem weiter, indem es Richard eine Affäre mit seiner rechten Hand Buckingham (Jonathan Broadbent) auf den Leib inszeniert.
Überhaupt ist Russells Spiel ein riesiges Vergnügen. Regelmässig, wenn jemand Richards Mordkomplotten zum Opfer fällt, singt sie Kris Kristoffersons melancholisches Liebeslied For the Good Times: „Don’t look so sad, I know it’s over./But life goes on, and this old world will keep on turning.“ Eine Liveband begleitet sie. Einmal singt sie den Song als Elvis-Imitator, einmal mit Sombrero und Maracas. Bei aller Albernheit behält dieser Richard aber seine Bestialität – nach der Pause ist die Bühne mit Plastikplanen ausgelegt: All das Blut!

Richard III
Von William Shakespeare
Regie: Llinca Radulian, Sean Holmes
Mit Sophie Russell, Steffan Donnelly, Jonathan Broadbent, Matti Houghton, Sarah Amankwah, Leaphia Darko etc.
Sam Wanamaker Playouse, 22.11.2019
Premiere: 13.11.2019

 
 
Death of a Salesman

Arthur Millers Stück stammt von 1949, entstand also dreihundert Jahre später als Richard III — und ist im Gegensatz zu diesem doch hoffnungslos antiquiert. Death of a Salesman dreht sich im Kern darum, dass der junge Biff seinen Vater (den „Salesman“ im Titel) bei einer Affäre überrascht. Deswegen hat er das Vertrauen in den Mann verloren, deswegen ist sein ganzes Leben aus dem Tritt geraten. Das ist der grosse Twist, der Dreh- und Angelpunkt der Handlung, der Höhepunkt des Stücks. Und aus heutiger Sicht ist das in seiner moralischen Verstocktheit kaum noch nachvollziehbar. Ein Stück für Opas Mottenkiste.

Immerhin: Wie die Inszenierung von Richard III, so gewinnt auch diese ihren Reiz durch die Besetzung: In dieser Version von Death of a Salesman werden der alte Handlungsreisende und seine Familie von schwarzen Darstellern gespielt. Der Kampf darum, den amerikanischen Traum zu verwirklichen, der hoffnungslose Kampf einer kleinbürgerlichen Familie gegen den Abstieg, das abweisende Verhalten des (weissen) Chefs: Das erhält durch die Besetzung eine ganz andere Ebene. Die Integration von Jazz und Gospel unterstreicht das.

Das ist aber das einzige Lob für eine ansonsten plumpe Regie voller oberflächlicher Spielereien. Besonders ein Gimmick zerstört jede Freude an dieser Inszenierung:
Der alte Handlungsreisende flüchtet sich immer wieder in Träumereien, Gegenwart und Vergangenheit vermischen sich zunehmend, man könnte es als beginnende Demenz interpretieren. Deswegen haben wir eine Reihe von Rückblenden — und jede dieser Rückblende wird mit einem Stroboskop-Effekt eingeleitet. Spätestens nach dem dritten Mal geht einem das Geblinke tödlich auf die Nerven. Ein Regie-Einfall aus der Hölle.

Death of a Salesman
Von Arthur Miller
Regie: Marianne Elliott, Miranda Cromwell
Mit Sope Dirisu, Wendell Pierce, Sharon D. Clarke, Happy Loman etc.
Piccadilly Theatre, 23.11.2019
Premiere: 1.5.2018

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