Van Helsing vs. The League of Extraordinary Gentlemen

Zurzeit versuchen die Allerliebste und ich, unsere DVD-Regale in Ordnung zu bringen: Alle Filme, die wir nicht unbedingt behalten wollen, werfen wir raus.
Bei einigen ist die Sache klar: Pearl Harbor oder Cabin Fever haben kein Recht darauf, Platz zu verschwenden. Andere Filme müssen wir uns erst noch einmal anschauen, bevor wir eine Entscheidung treffen. Und so haben wir ein Double Feature mit The League of Extraordinary Gentlemen und Van Helsing veranstaltet.

Ein direktes Vergleichen ergibt hier ja durchaus Sinn, weil doch einige Gemeinsamkeiten die Filme verbinden:

  • Die Startdaten liegen nur ein knappes Jahr auseinander (Juli 2003 für TLoEG, Mai 2004 für VH).
  • Beide Filme nehmen klassische Figuren, um eine neue Geschichte zu erzählen.
    Diese Figuren überschneiden sich gar: In VH haben wir Dracula, in TLoEG immerhin Mina Harker. Und beiderorts tritt Dr. Jekyll/Mr. Hyde auf.
  • In beiden Filmen spielt Richard Roxburgh den Bösewicht.
  • Sie wurden in Tschechien gedreht.
  • Sie wurden von Publikum und Kritik lauwarm aufgenommen.
  • Sie enden mit einem Sequel-Versprechen, das nie eingelöst wurde.
  • Ihre Regisseure teilen sich den Vornamen: Bei TLoEG ists Stephen Norrington, bei VH Stephen Sommers.

Kommen wir zur Handlung. Achtung, von hier an gibts Spoiler.

The League of Extraordinary Gentlemen

Im Jahr 1899: Ein mysteriöser Bösewicht — das Phantom — greift Deutschland sowie England an und versucht, einen Weltkrieg zu provozieren. Die britische Regierung, vertreten durch M (Richard Roxburgh), holt den Abenteurer Allan Quatermain (Sean Connery) aus seinem Ruhestand in Kenia — er soll ein Team von Menschen mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten leiten. Als da wären:

  • Mina Harker (Peta Wilson): Hat die Fähigkeiten eines Vampirs, seit sie von Dracula gebissen wurde.
  • Kapitän Nemo (Naseeruddin Shah): Ein genialer Schwertkämpfer und Wissenschaftler, der über ein Team von Technikern sowie ein gigantisches U-Boot verfügt. Zu seiner Crew gehört unter anderem Ishmael (Terry O’Neill), der Erzähler aus Moby-Dick.
  • Rodney Skinner (Tony Curran): Ist unsichtbar.
  • Dorian Gray (Stuart Townsend): Ist unsterblich.
  • Dr. Henry Jekyll (Jason Flemyng): Kann sich mittels eines Serums in ein superstarkes, superwütendes Ungetüm verwandeln.

Hinzu kommt Tom Sawyer (Shane West) vom amerikanischen Geheimdienst. Er kann gut schiessen (aber nicht so gut wie Quatermain).

Diese Gruppe reist nun nach Venedig — die Staatsoberhäupter der Welt treffen sich dort zu einem geheimen Geheimtreffen. Das Phantom plant einen Anschlag auf selbiges. Muss man verhindern. Aber ach, unter den Extraordinary Gentlemen befindet sich ein Verräter. Oh, und es stellt sich heraus, dass es sich beim Phantom in Wirklichkeit um M handelt, was wiederum eine Tarnidentität des totgeglaubten Überbösewichts Professor James Moriarty ist. (Ich hab ja vor Spoilern gewarnt.)

 

Van Helsing

Im Jahr 1888: Der Monsterjäger Van Helsing (Hugh Jackman) bringt in Paris Mr. Hyde (Stimme: Robbie Coltrane) zur Strecke. Anschliessend wird er vom Vatikan nach Transsilvanien geschickt, wo Graf Dracula (Richard Roxburgh) sein Unwesen treibt.

Van Helsing erhält Unterstützung durch den erfinderischen Mönch Carl (David Wenham) sowie durch die rumänische Monsterjägerin Anna Valerious (Kate Beckinsale) — sie will ihren Bruder Velkan (Will Kemp) rächen, der zu einem Werwolf wurde und jetzt in Draculas Diensten steht. Dracula bekommt fürderhin Hilfe von drei Vampirbräuten.

Was will der böse Graf eigentlich? Er will die Abertausenden von toten, geflügelten Dämonenkinder, die er mit seinen Bräuten gezeugt hat, zum Leben erwecken — dies mittels einer mächtigen Apparatur, die er sich von Dr. Frankenstein (Samuel West) hat bauen lassen. Diese Apparatur benötigt allerdings einen biologischen Konduktor, um den Strom eines Blitzschlags richtig abzuleiten, und dieser biologische Konduktor wird durch das Frankensteinmonster (Shuler Hensley) personifiziert. Nun gilt es, besagtes Monster vor dem Zugriff Draculas zu bewahren.

Ausserdem ist Van Helsing in Wirklichkeit der Erzengel Gabriel und hat sich mit Dracula schon im 15. Jahrhundert geprügelt, das dann aber wegen einer Amnesie vergessen. (Was sich Stephen Sommers halt im Koksrausch so ausgedacht hat.)

 
Eins vorweg: Ihren Platz im Regal durfte keine der beiden DVD behalten. Ansonsten möchte ich eine weitere Gemeinsamkeit der Filme anführen: Sie setzen jeder für sich ein an sich cooles Konzept in den Sand.

Die League of Extraordinary Gentlemen ist eine Superheldentruppe à la Avengers oder Justice League — Autor Alan Moore hatte das sicherlich im Hinterkopf, als er 1999 die Comicvorlage schrob. Kapitän Nemo ist eine Art Batman, Mr. Hyde eine Art Hulk, eine unsichtbare Person gibts auch bei den Fantastic Four etc. Und Crossovers zwischen verschiedenen Hauptfiguren sind im Superheldencomic nichts Neues. Literarische Helden und Comic-Konventionen, das passt zusammen.

Besagte Comicvorlage ist dann auch ziemlich knorke (Besprechung folgt — irgendwann), im Film funktionierts allerdings gar nicht, und das nicht bloss, weil die Filmemacher die Vorlage zum grössten Teil ignoriert haben.
Das Hauptproblem besteht eher darin, dass 106 Minuten arg wenig Zeit sind, um derart viele verschiedene Figuren zugleich abzuhandeln, ohne dass sie zu totalen Pappkameraden verkommen. Das ist vielleicht die Lehre aus dem Marvel-Universum: Ein Crossover-Film wie The Avengers (2012) klappt deutlich besser, wenn man die einzelnen Figuren vorher in ihren eigenen Filmen aufgebaut hat.
Quatermain zum Beispiel leidet darunter, dass sein Sohn bei einem Einsatz ums Leben kam, während Minna Harker und Doarian Gray eine zurückliegende Romanze verbindet, die schlecht endete. Dinge, die wir nie gesehen haben, die bloss in den Raum gestellt werden, die uns am Arsch vorbeigehen.

Ansonsten: The League of Extraordinary Gentlemen ist nie wirklich schlecht, aber eben auch nie wirklich gut.
Es gibt keine herausragende Schauspielerleistungen, keine wirklich geistreichen Dialoge, und die intertextuellen Spielereien sind meist zum Augenverdrehen — man nehme bloss die ganzen James-Bond-Zitate, die Sean Connery in den Mund gelegt werden. Auch die Spezialeffekte sind manchmal mies, manchmal okay, aber nie toll.
Es ist ein Film, der nach Mittelmässigkeit und brachliegendem Potenzial riecht. Es hat der Produktion sicher nicht geholfen, dass sich Regisseur Stephen Norrington und Hauptdarsteller Sean Connery bis aufs Blut hassten. Von täglichen Schreikonzerten wird berichtet. Connery zog sich anschliessend aus dem Filmgeschäft zurück, Norrington hat nie mehr inszeniert (und dabei hatte er sich einst mit Death Machine (1994) und Blade (1998) als vielversprechender Regisseur bewiesen).

 
Van Helsing wiederum ist eine Art Neuauflage der Universal-Monster-Crossovers der 1940er. Die klassischen Horrormonster hatten sich damals mit Dracula (1931), Frankenstein (1931) und The Wolf Man (1941) etabliert.
Dann erschien 1943 mit Frankenstein Meets the Wolf Man der erste Doppelauftritt vom Frankensteinmonster und dem Werwolf; in House of Frankenstein (1944) gesellte sich den zweien Dracula hinzu.

Diese Crossoverfilme waren keine hohe Kunst, aber lustiger Trash. So hatte das Regisseur Stephen Sommers wohl auch für Van Helsing geplant, und eigentlich war er genau der richtige Mann dafür — bereits mit The Mummy (1999) und The Mummy Returns (2001) hatte er einem klassischen Universal-Monster ein zwar strunzdummes, aber äusserst unterhaltsames Update verpasst.

Van Helsing jedoch ist eine unentschuldbare Totalkatastrophe, selbst ein Frankensteinmonster von Film: Die Story ist ebenso hirntot wie unnötig kompliziert und wird zugeschmiert mit CGI-Effekten, die zwischen miserabel und entsetzlich lavieren. Die Allerliebste und ich sahen den Film auf einem HD-Fernseher, der diese Computergrütze gnadenlos entlarvte. Ein Seherlebnis, das uns erschüttert zurückliess. Van Helsing hatte ein für seine Zeit astronomisches Budget von 160 Millionen, ihm trieft jedoch die Billigkeit aus allen Poren.
Schönes Detail diesbezüglich: Es ist klar ersichtlich, dass es sich beim Familienschloss der Valerious in Wirklichkeit um irgendein Schlossmuseum in Prag handelt (die Schauspieler geben sich dann auch alle Mühe, nicht gegen die Vitrinen zu laufen).

David Wenham als Bruder Carl ist ein enervierend unlustiger Comic Relief, und Van Helsings Outfit mit dem Schlapphut und den langen Haaren sieht auch an Hugh Jackman bescheuert aus.
Das Schlimmste aber ist, dass Kate Beckinsale den ganzen Film über mit einem furchtbaren osteuropäischen Akzent spricht. Ein Regie-Einfall aus der Hölle.

Riecht LoEG nach Mittelmässigkeit, so stinkt Van Helsing nach Gülle.
Wenn der Film so was wie einen Lichtblick hat, dann ist es das Frankensteinmonster: Die Gestaltung der halb-elektrischen Kreatur ist originell, Shuler Hensley gibt sich in der Rolle alle Mühe — soll heissen, seine Figur geht einem am wenigsten auf die Nerven.

Im Gegensatz zu Stephen Norrington darf Stephen Sommers übrigens immer noch Filme drehen. Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.

 

The League of Extraordinary Gentlemen
Regie: Stephen Norrington
Drehbuch: James Dale Robinson
USA/D/CZE/GB 2003, 106 Min.
Mit Sean Connery, Shane West, Peta Wilson, Stuart Townsend, Tony Curran, Naseeruddin Shah, Jason Flemyng, Richard Roxburgh et al.
Van Helsing
Regie und Drehbuch: Stephen Sommers
USA/CZE 2004, 131 Min.
Mit Hugh Jackman, Kate Beckinsale, Richard Roxburgh, David Wenham, Velkan Valerious, Shuler Hensley et al.

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