Die Eremitage in Sankt Petersburg: Zwischen Kunst, Geschichte und einem ausgestopften Schwan

Mein Highlight des Sankt-Petersburg-Trips war der Besuch der Eremitage. Immerhin ist das das zweitgrösste Kunstmuseum der Welt (nach dem Louvre), also genau mein Ding.

Zu Beginn müssen die Allerliebste und ich doch tatsächlich nach dem Haupteingang suchen (wär doch bloss irgendwo ein Neonschild angebracht) – nach einer Weile finden wir ihn im Innenhof des Winterpalasts, den man vom Alexanderplatz her betritt.
Reiseführer und Tourismus-Seiten warnen immer wieder vor den langen Warteschlangen, aber wir haben Glück, denn jetzt – Ende Oktober – ist die Hochsaison vorbei, und es ist Mittwoch. Wir stehen nicht lange an. Dennoch: Der Eingangsbereich ist vollgepackt mit Menschen; sie stauen sich an den Garderobekassen und bei den Metalldetektoren.
Danach wird es schnell besser: Die Eremitage ist derart weitläufig, dass sich die Massen problemlos verteilen. Mitunter findet man sich allein in einer Galerie wieder.
Dennoch möchte ich nicht wissen, wie es hier an einem Wochenende in den Sommerferien aussieht.

Der Winterpalast ist das Zentrum der Eremitage. Schon 1711 wurde ein solcher für Peter den Grosse erbaut, doch im Laufe der Jahrhunderte wurde das Gebäude mehrmals abgerissen und neu gebaut, rekonstruiert, saniert, renoviert und so weiter. Mehr oder weniger in der heutigen Form existiert der Palast seit 1839. Zweihundert Jahre lang war er die Residenz des Zaren, bis Nikolaus II. im März 1917 abgedankt wurde.

Die Eremitage ihrerseits nahm ihren Anfang Mitte des 18. Jahrhunderts, als Katharina II. (Katharina die Grosse, 1729–1796) anfing, eine Kunstsammlung aufzubauen. Die erworbenen Gemälde stellte sie zunächst im Winterpalast aus; 1764 liess sie zur Unterbringung die kleine Eremitage bauen (1775 war das Gebäude fertiggestellt). Eremitage ist von „Eremit“ abgeleitet, und Katharinas Eremitage wurde so genannt, weil sich die Zarin alleine oder mit Freunden dorthin zurückzog. (Mit einer eigentlichen Eremitage im Sinne eines Rückzugsort für Mönche oder Einsiedler hat das wenig bis gar nichts zu tun.)
Über die Zeit kam Gebäude um Gebäude hinzu, und nach der Revolution 1917 wurde auch der Winterpalast offiziell der Eremitage einverleibt. Des weiteren umfasst sie heute einen Teil des Generalstabsgebäudes auf der anderen Seite des Palastplatzes oder den Menschikow-Palast am Universitätsquai.
Hinzu kommen einige internationale Ableger, wie die Eremitage Amsterdam oder das Guggenheim Hermitage Museum in Las Vegas.

 

Prunk und Pfauen

Die Allerliebste haut irgendwann ab und verschwindet in ein Café. Ich dagegen verbringe den gesamten Nachmittag in der Eremitage, was allerdings immer noch viel zu wenig Zeit ist, um sich alles anzusehen. So habe ich mir im Vorfeld einen Besichtigungsplan zurechtgelegt, der sich auf bestimmte Teile der Ausstellung konzentriert.

Zu den ersten Eindrücken gehört der unglaubliche Prunk. Überall Gold, Marmor und Juwelen. Die Ausmasse der Hallen, Säle und Räume, die Anzahl der Zimmer, Treppen und Flure.
Ein bedeutender Teil der Ausstellung ist russischer Kultur gewidmet (Überraschung), darunter viele, viele Räume, die den Wohnstil der russischen Kaiserfamilie über die Jahrhunderte hinweg repräsentiert. Luxus jenseits aller Vorstellungskraft.
Ich stelle an mir selbst fest: Nach einer Weile kotzt mich diese Opulenz gewaltig an. Ein Gefühl, dass mich beschleicht, seit wir in Sankt Petersburg angekommen sind. Das ist eine Kaiserstadt durch und durch, und sie ist durchsetzt von imperialer Grosskotzigkeit. Die breiten Strassen, die gigantischen Paläste und Kirchen, der Winterpalast: Ausdruck purer Selbstherrlichkeit. Und dies auf dem Rücken einer Bevölkerung, die zum grössten Teil aus Leibeigenen bestand, die in bitterster Armut lebten und zu Tausenden starben, während sie den Aristokraten ihre Anlagen bauten. Wer sich Sankt Petersburg anschaut, kann nachvollziehen, weshalb es zur russischen Revolution kam.

Im Nordpavillon der kleinen Eremitage, in einem barocken Prachtsaal, steht die berühmte Pfauenuhr: Ein luxuriöser Automat aus Gold und Edelsteinen, der einen Pfau auf einem Baum darstellt. Zum Ensemble gehören auch ein Hahn und ein Eichhörnchen, ein Frosch und eine Schnecke.
Gebaut wurde das Ding wohl in den 1770ern in London. Katharina II. kaufte es auf Potjomkins Vorschlag hin. (Ja, das ist jener Potjomkin, nach dem die potemkischen Dörfer und der Panzerkreuzer Potemkin benannt sind, der ein Liebhaber der Zarin und ein wichtiger Feldherr war).
Nach 250 Jahren ist das Uhrwerk ganz schön fragil; es wird nur noch zu besonderen Anlässen eingeschaltet. Neben dem Pfauenkäfig ist ein Bildschirm aufgestellt, der die Uhr in Aktion zeigt.

 

Der Winterpalast im Oktober

Die Pfauenuhr hat auch einen Auftritt in Oktober (1927), mit dem Eisenstein der Oktoberrevolution ein filmisches Denkmal setzte.
Alexander Kerenski war nach der Februarrevolution 1917 und der Absetzung des Zaren Chef der Provisorischen Regierung geworden. In der Oktoberrevolution setzten Lenins Bolschewiki die Regierung ab; Kerenski flüchtete und ging später ins französische Exil.
Im Film nun wird Kerenski mit dem goldenen Pfau verglichen. Ein Emporkömmling, der gern selbst Zar anstelle des Zaren geworden wäre. Wie fair dieser Vergleich ist, möchte ich nicht beurteilen. Aber besonders schlau wars wohl nicht von Kerenski, dass er ausgerechnet den Winterpalast als Residenz für sich und später für seine Truppen wählte.
Oh, und anscheinend wurde es ihm zum Nachteil ausgelegt, dass sein Vor- und Vatersname — Alexander Fjodorowitsch – jenen der letzten Zarsgemahlin entsprachen: Alexandra Fjodorowna. (Weltgeschichte kann ganz schön albern sein.)

Im Hinblick auf die Eremitage ist Oktober auch sonst ein faszinierender Film. Man sieht darin viel vom Museum und seinen Räumen; Eisenstein zeigt neben der Pfauenuhr viele weitere Ausstellungsstücke und schlachtet deren symbolischen Gehalt aus.

Zur Oktoberrevolution und der Eremitage sei dieser Artikel von Michail Piotrowski empfohlen, dem gegenwärtigen Museumsdirektor. Er schrieb ihn 2017 zu einer grossen Ausstellung (The Winter Palace and Hermitage in 1917), die dem Hundert-Jahre-Jubiläum der Revolution gedachte und aufarbeitete, welche Rolle der Winterpalast dabei spielte.
Oben hab ich erwähnt, was die Opulenz der Eremitage in mir auslöste. Anscheinend war ich nicht der einzige, wie Piotrowski an einer Stelle darlegt:

The “storm” was followed by ransacking. Some say that it went on for days, others just 24 hours. The destruction caused was recorded by Vereshchagin’s commission. There are many photographs that make excellent material for a study of the psychology of the mob. It was a real ransacking, fuelled by hatred, in which one can distinguish varying degrees of malice towards Kerensky and the Tsar. The mob of paupers pulled down the curtains and cut the leather from the chairs. Eloquent witnesses to those events are the portrait of Alexander II stabbed with bayonets and two Gallé vases that had their silver bases torn off.

 

Mitfahren auf der russischen Arche

Der ultimative Eremitage-Film ist freilich nicht Oktober, sondern Russian Ark (2002). Regisseur Alexander Sokurow hat diesen vollständig im Museum gedreht und es dann auch zum Thema gemacht.
Wir sehen die Eremitage durch die Augen eines namenlosen Protagonisten, der nie zu sehen, aber zu hören ist (Regisseur Sokurow selbst spricht ihn). Er ist anscheinend nach einem Unfall gestorben und schwebt nun wie ein Gespenst durch die Räume, er unternimmt eine Grand Tour durch die Eremitage, wobei die Geschichte selbst geisterhaft aufersteht:
Wir sehen Peter den Grossen, der sich über irgendein Dokument aufregt und einen seiner Generäle schlägt. Katharina die Grosse, die eine Vorstellung im Eremitage-Theater beklatscht (und danach auf die Toilette rennt). Nikolaus I., der eine persische Delegation am Hof empfängt. Die Familie von Nikolaus II. beim Frühstück. Die Museumsleitung, die während Stalins Zeit Reparaturen bespricht. Aber auch moderne Museumsbesucher treten vor die Kamera.

Die gespenstische Hauptfigur ist den anderen Figuren meist unsichtbar, nur vereinzelt nehmen sie ihn wahr. Die grosse Ausnahme ist Marquis de Custine (Sergei Dontsow), der ihn von Anfang an sieht, ihm ein gutes Stück weit begleitet, auch mit ihm streitet. Der historische Marquis war ein Diplomat, der Russland ausgiebig bereiste und anschliessend das Buch La russie en 1839 schrob, worin er sich äusserst abwertend über die Grossmacht äusserte. Im Film stichelt er dann auch ständig gegen Russland und ist ganz grundsätzlich eine gewaltige Nervensäge.

Am bekanntesten ist Russian Ark dafür, dass der Film in einer einzigen Einstellung gedreht wurde – eine technische Meisterleistung, spektakulär anzusehen. Zweitausend Statisten (ein Grossteil davon in historischen Kostümen) waren im Einsatz, immer wieder gibts grosse Massenszenen bis hin zum Finale mit Liveorchester und einer tanzenden Masse. Erst beim vierten Anlauf hat die Aufnahme geklappt.

Man muss sich sehr genau mit der russischen Geschichte auskennen, um bei der Handlung mitzukommen – ich jedenfalls hatte so meine Probleme. Worum genau sich die Szene mit Peter dem Grossen dreht? Keine Ahnung. Nikolaus I. und die Perser? Die Hintergründe musste ich mir erst ergoogeln. Am Ende kam ich mir wie ein ungebildeter Nappel vor (was ich allerdings auch bin, von daher: nur fair).

Ein schönes Werk also, mal abgesehen davon, dass der Protagonist und der Marquis zu viel schwätzen. Ich bin ziemlich sicher, dass der Film ohne die beiden besser funktioniert hätte.

 

Rembrandt, ein Schwan und Ziegelsteine

Zu den bedeutendsten Abteilungen der Eremitage gehört jene der niederländischen Maler. Eine Halle zum Beispiel ist Rembrandt gewidmet; kein anderes Museum ausserhalb von Holland hat so viele seiner Werke, darunter Die Rückkehr des verlorenen Sohnes.
Oder Danaë — 1985 verübte ein verrückter Litauer ein Anschlag auf das Bild mit Säure und Messer. Erst 1997 wurde die Restaurierung abgeschlossen.
Ob es wohl an diesem Anschlag liegt, dass die Alarmanlage so wenig Toleranz zeigt? Schaut man sich ein Gemälde näher an, brauchts nicht viel und der Alarm schrillt – alle paar Minuten ist er zu hören, auch ich löse ihn einmal aus. Allerdings scheints kein Schwein zu interessieren.

Von Rembrandts zeitgenössischem Landsmann Potter Paulus stammt Bestrafung eines Jägers. Paulus stellt in zwei Bildern einen Gerichtsprozess und sein Ergebnis dar: Im ersten werden ein Jäger und seine Hunde vor ein Gericht geführt, über das ein Löwe thront. Auf dem zweiten sieht man: Der Mensch wurde dazu verurteilt, am Spiess zu braten, während seine Hunde an einem Baum gehängt werden.
Um diese zwei Bilder herum sind in einem äusseren Kreis weitere, kleinere Bilder gruppiert: Oben links der heilige Hubertus (der der Jagd abgeschworen hat, nachdem er einen Hirsch mit einem Kreuz im Geweih sah), rechts die Jagdgöttin Diana. Zwischen den beiden ein Porträt des Jägers mit seinen Hunden und einem erlegten Hasen.
Die restlichen Bilder im äusseren Kreis zeigen verschiedene Jagdszenen. Quasi: Der Jäger jagt und zahlt am Ende den Preis dafür.
Das Werk insgesamt lässt sich als frühen Comic lesen. (Es stammt von 1647.)

Ab und zu stösst man in den Hallen der Eremitage auch auf moderne Kunst. Stupidity is Founded on Mortality (2016) ist die Plastik eines kopflosen menschlichen Skeletts, das einen (ausgestopften) Schwan hochhält. Das Werk stammt vom Belgier Jan Fabre, der Ende 2016/Anfang 2017 eine Ausstellung in der Eremitage hatte.

Wie Rembrandt, so ist auch der flämische Meister Rubens mit einem ganzen Haufen von Bildern vertreten. Aufgefallen ist mir in erster Linie sein Porträt einer Hofdame von Infanta Isabella. Weshalb? Weil die Porträtierte genau wie Natalie Dormer aussieht.

Von Rubens stammt aber auch diese kleine, unfertige Vorstudie zum Gemälde Löwenjagd, das in der Alten Pinakothek in München hängt.
Notizen, Vorstudien oder schlicht unvollendete Werke faszinierend mich immer wieder aufs Neue, geben sie doch einen schönen Einblick in die Entstehung solcher Werke. Siehe auch das Porträt von Admiral Alexander S. Schischkow. Der englische Maler George Dawe porträtierte russische Generäle. Weshalb er jenes von Schischkow nicht fertigstellte, ist nicht bekannt.

Weiter ins Italien der späten Renaissance: Von einer atemberaubenden Farbigkeit ist Madonna und Kind mit Putti von Rosso Fiorentino. Fotografien geben den Eindruck der blauen Strahlen im Hintergrund nur unzureichend wieder.

Wie ich erwähnte, verteilen sich die Menschenmassen ganz gut in der riesigen Eremitage. Ab und zu ist aber plötzlich ein fernes Donnergrollen zu hören. Es dauert jeweils nicht lang, und dann treibt ein Fremdenführer eine Herde Touristen hindurch.
Es ist wie eine Stampede – beim ersten Mal gerate ich in die Horde und habe keine andere Wahl, als mich ein Stück weit mittreiben zu lassen. Beim nächsten Mal weiss ich es besser und bringe mich hinter einer offenen Tür in Sicherheit.

Auf eine nette kleine Kuriosität stosse ich im sogenannten Italienischen Kabinett, einem Raum in der Neuen Eremitage. Normalerweise hängen hier einige Fresken aus Raphaels Schule. Diese wurden allerdings abgehängt – 2020 ist das 500ste Todesjahr von Raphael, und zur Vorbereitung werden die Fresken restauriert. Anstelle der Bilder sieht man die schmucklose Ziegelsteinmauer hinter der Wandverkleidung.

Übrigens: Dass ich kaum russische Kunst erwähne, liegt daran, dass diese schon 1895 zum grössten Teil ins damals neu gegründete Russische Museum ausgelagert wurde. Ich merks mir für die nächste Reise nach Sankt Petersburg.

 
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