Die Nägel und die Toten

„Zu den Letzten ihres Standes gehören inzwischen auch die Dompteure der Dinosaurier des Industriezeitalters.“ So poetisch (wenn auch etwas gestelzt) beginnt die Kurzdoku Der Nagelschmied von Winterthur Von 1997 stammt es und aus der Reihe Der Letzte seines Standes? des Bayrischen Rundfunks. Regisseur Rüdiger Lorenz selbst hat einige der Folgen auf seinen Youtube-Kanal Handwerk-Zeitreise gestellt.

Der Nagelschmied von Winterthur ist ein Porträt von Arthur Paul, der noch mit 86 Jahren in der Nagelfabrik in Winterthur arbeitete. Es war und ist die letzte ihrer Art in der Schweiz. Heutzutage handelt es sich dabei in erster Linie um einen Museumsbetrieb, auch wenn tatsächlich immer noch Nägel hergestellt werden.

Lorenz‘ Doku selbst hat heute etwas Dinosaurier-Mässiges; die nostalgische Verklärung und die Kritik an der Moderne können einem mitunter auf die Nerven gehen. Aber die Gemütlichkeit der Erzählweise ist auch ziemlich charmant.
Zudem erinnert mich das Video daran, dass ich im März 2011 mal selbst in der Fabrik war – Kollege Albi führte dort sein Theaterstück Totenbetrieb auf. Den Einakter hatten wir 2008 in ganzer Gänze in der ersten Ausgabe des Konverter-Hefts abgedruckt.
Ein Stück über das Elend der Arbeiter.

Er gibt mir einen Job, da darf ich ihn doch nicht einen Schuft schimpfen! Ein Segen für die Menschheit, wer einem anderen Menschen Arbeit gibt. Das ist als ob er ihm Brot und ein Dach geben würde. Und was muss ich ihm im Gegenzug dafür geben? Doch beinahe nichts! Das bisschen Arbeit. Diese verdammte Schichtarbeit.

Das Stück spielte in der Haupthalle der Nagelfabrik, die Schauspieler bewegten sich zwischen den Maschinen. Ich erinnere mich an den Geruch von Beton, Motoröl und altem Stahl. Eine der Figuren, ich weiss nicht mehr, welche, trat von ganz hinten in der Halle auf, und bewegte sich mithilfe eines Trottinetts.

Der Mensch arbeitet, um zu leben, gibt sein Leben aber zugleich für die Arbeit hin. Im Stück kehrt unter anderem einer, der nach seiner Entlassung Suizid beging, an den Arbeitsplatz zurück. Wo soll er auch sonst hin? In die Hölle? Die kennt er zur Genüge.

In Der Nagelschmied von Winterthur sagt der Sprecher einmal über die Fabrik:

Es ist noch lebendiges Zeugnis. Gerade beginnende Industrialisierung. Massenfertigung. Automation. Die Maschine, das Maschinelle tritt in den Vordergrund. Verdreckt, verschmiert von Öl wird der Mensch Teil der Maschine. Er bedient sie, gibt ihr Leben, und sie vielleicht ihm. Aus Handwerkern werden Handlanger der Maschinen.

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