Vier Städte an der Ostsee, Teil 4: Sankt Petersburg, Teil 2

Hier gehts zum ersten Teil.

Dienstag

Wir essen Burger im Craft Brew Cafe – und erhalten dafür schwarze Latexhandschuhe. Man macht sich die Hände nicht schmutzig, aber einen Burger mit Handschuhen zu halten ist auch kein besonders angenehmes Gefühl.
Die Bierkarte ist extensiv. Ich hab keine Ahnung mehr, welche Sorte ich getrunken hab, aber ich fands lecker.

An der einen Spitze der Wassilijewski-Insel liegt der Börsenplatz. Zwei grosse Säulen, ursprünglich Leuchttürme, weisen darauf hin, dass das früher eine Anlegestelle für Schiffe war. Heute ist es ein Aussichtspunkt, von dem aus eine wundervolle Sicht über die Newa hat, mit dem Peter-und-Paul-Festung links und der Eremitage rechts.
Aber Achtung: Alte Aristokraten mit Perücken und weiten Kleidern stellen einem nach. Sie wollen sich gegen Geld mit einem fotografieren lassen. Wir ergreifen die Flucht und laufen stattdessen Lenin in die Arme. Dank eines schnellen Ausweichmanövers können wir uns ihm gerade noch entziehen.

Das Wetter ist herrlich. In Erwartung des russischen Herbstes hatten wir Winterkleidung eingepackt, Pullover und Mäntel und so. Jetzt ists mir mitunter derart warm, dass ich im Hemd rumlaufe (ohne Unterhemd).

Wir wollen zur Kunstkammer, aber leider ist sie geschlossen. Ein Zettel am Eingang weist auf irgendeinen sanitären Notfall hin (weiter reichen unsere Russischkenntnisse nicht). Eine asiatische Touristin läuft ebenfalls am geschlossenen Museum auf; wir kommen mit ihr ins Gespräch, und gemeinsam beschliessen wir, zu dritt zum Dostojewski-Museum zu gehen.
Auf dem Weg fotografiert die Frau Metrostationen, und sie erzählt ein wenig von sich: Sie ist eine chinesische Künstlerin und Kuratorin, hat lange Zeit in den USA gelebt, seit ein paar Wochen wohnt sie in Göteborg. Sie ist für ein paar Tage in Petersburg, um Kollegen zu besuchen. Sie war schon in der Erarta, dem Petersburger Museum für Gegenwartskunst, kann es aber nicht weiterempfehlen.
Im Dostojewski-Museum verlieren wir sie aus den Augen.

Dieses Dostojewski-Museum befindet sich in jenem Haus, in dem der Schriftsteller seine letzten Jahre verbrachte. Hier schrieb er Die Brüder Karamasow. Hier starb er 1881 an Lungenblutungen.
Im Eingangsbereich steht ein alter Ticketschalter aus Holz; sehr charmant. Der Rest des Museum ist einigermassen frisch renoviert. Die Ausstellungsträume sind zweigeteilt – zum einen ist da das ehemalige Apartment, das zeigt, wie Dostojewski seinerzeit gelebt hat. (Freilich ist das eine Rekonstruktion; das Museum ging erst 1971 auf.) Zum anderen ist da die eigentliche Ausstellung zu Dostojewskis Werk und Leben. An der Wand Schaukästen mit allerlei Fundsachen, Fotografien oder Briefe. Walkmans erklären einem, was es mit dem Zeug auf sich hat. (Erhältlich in diversen Sprachen.)

An der Sadovaya-Strasse findet man haufenweise Läden und Einkaufszentren. In einem Süssigkeitenladen sehen wir weitere Schokoladen-Pistolen. Ein Besoffener will bei der Allerliebsten eine Zigarette schnorren. Ein paar Teenager sind am Vapen und produzieren gewaltige Dampfwolken. Im Sennaya-Zentrum stehen zwei Automaten traurig in der Ecke. Wir essen Fo Bo und Ramen.

Unser Zimmer im Station Hotel Z12 befindet sich im vierten, obersten Stockwerk. Es gibt keinen Lift, aber wir sind ja noch jung und kräftig und erklimmen das Treppenhaus ohne Probleme.
Links vom Kopf der Treppe befindet sich eine doppelflügelige Tür, die stets geschlossen ist. In dieser Nacht verlasse ich unser Zimmer, um Tee zu holen – im ersten Stockwerk, beim Frühstücksraum, steht ein Wasserspender, aus dem man kaltes oder warmes Wasser rauslassen kann. Daneben ein Kästchen mit Teebeuteln. Tee ist in der Übernachtung inbegriffen.
Ich stelle fest, dass die erwähnte Doppeltüre offen steht. Sie gibt den Blick frei auf heruntergekommene Räume voller Müll; eine rostige Badewanne lehnt gegen die Wand. Ich will das fotografieren und geh ins Zimmer, um das Handy zu holen, aber als ich zurück bin, ist die Tür schon wieder verschlossen.

 

Mittwoch

Kunstkammer, zweiter Versuch. Diesmal werden wir eingelassen. Peter der Grosse hat dieses Museum für Anthropologie und Ethnologie gegründet, 1727 wurde es eröffnet.
Ein Hauptstück der Sammlung sind Gläser mit missgebildeten Föten, tierischen und menschlichen. Hinter dem Museum steckt ein aufklärerischer Gedanke: Peter wollte zeigen, dass es sich bei Missbildungen nicht um Monster oder böse Omen, sondern um natürliche Phänomene handelt. Kampf dem Aberglauben. Das Kuriositätenkabinett hat allerdings auch etwas Sensationalistisches und Voyeuristisches. Man schaut sich die menschlichen Ausstellungsstücke an und denkt sich: „Da steckt doch jeweils ein Schicksal dahinter.“ Und nun machen Touristen Selfies mit den Embryos, um die Fotos nachher auf Facebook zu stellen.
Die ethnologische Ausstellung stellt indigene Völker aus aller Welt vor, und es scheint dabei merklich eine kolonialistische, imperialistische Weltanschauung durch.
Die Kunstkammer könnte eine Modernisierung gebrauchen, im gegenwärtigen Zustand wirkt sie unschön veraltet.

Wenn es um Petersburg geht, sollte man Google Maps keinesfalls zu viel Vertrauen entgegenbringen. Ich hatte auf der digitalen Karte ein Gogol-Museum entdeckt, und wir verbrachten einen Teil des vergangenen Sonntags damit, danach zu suchen, doch alles, was wir vor Ort fanden, war ein Kirchgemeindehaus. Weiss der Teufel, was es damit auf sich hat.
Was aber tatsächlich existiert: Das Restaurant Gogol. Ähnlich dem Dolma ist es eingerichtet wie ein Wohnzimmer, allerdings wie ein Wohnzimmer des 19. Jahrhunderts, genauer gesagt, wie ein Wohnzimmer, das Nikolai Gogols Werk entsprungen sein könnte. Zumindest ist das die Idee der Besitzer. Es ist reiner Kitsch, nichtsdestotrotz fühlt man sich behaglich. Beim Eingang gibts eine Diele, die jedes Mal laut quietscht, wenn jemand drüberläuft – der Soundtrack unseres Besuchs.
Die Bedienung ist freundlich; unsere Kellnerin berät uns ausführlich. Auf dem Menü: Russische und französische Spezialitäten.
Quietsch.
Wir trinken russischen Wein und salziges Mineralwasser.
Quietsch.
Vorspeise: Pelmeni. Dann kommt Beef Stroganoff und Entenbrust.
Quietsch.
Zum Dessert Schokoladen-Sponge-Cake und Himbeersuppe.
Quietsch.

Die Eremitage ist für mich die Hauptattraktion von Sankt Petersburg – ist es doch das zweitgrösste Kunstmuseum der Welt (nach dem Louvre). Genau mein Ding. Dazu gibts später einen eigenen Artikel.

Am Fontanka-Quai bauten früher die reichen Petersburger ihre Häuser. Fünf dieser Buden bilden heute den Galitzin-Loft, einen riesigen Komplex für Kultur, Shopping und Gastronomie. Wir kommen in einen grossen Innenhof, in dem ein paar junge Leute rumstehen. Im Sommer ist hier bestimmt viel los, aber dieser Herbstabend ist doch etwas zu kühl fürs ausgiebiges Draussen-Rumlungern.
Die erwähnten jungen Leute weisen uns den Weg zu unserem Ziel, dem Kazbegi, einem georgischen Restaurant. Es wird zu unserem Lieblingslokal in dieser Stadt: Traditionelle georgische Küche mit trendigem Touch. Sehr sympathisch.
Unser Kellner ist offensichtlich angeheitert, aber das stört uns nichts gross – wir trinken jeweils zwei Gläser von einem halbsüssen Rotwein und sind bald selbst ordentlich intoxiniert.
Georgischer Salat: Tomaten, Gurken und Äpfel mit Walnusspaste. Eben diese Walnusspaste ist die Entdeckung des Abends. Sie steckt auch in den gefüllten Aubergine-Rollen (Badridschani).
Hauptspeise: Brathähnchen Tapaka und Lamm aus dem Topf. Dazu georgisches Brot.

Auf dem Weg zurück ins Hotel: In einer Metrostation prügeln sich zwei besoffene junge Männer. Russland bestätigt seine Klischees.

 

Donnerstag

Ich geh ein letztes Mal ins Cafe Voyage und probiere es noch einmal mit meinen Russischkenntnissen. Ich schaffe es, mir einen Kaffee und ein Croissant zu bestellt. Es hilft, dass ein Kaffee „кофе“ heisst und ein Croissant „круасан“.

Das Hotel bestellt uns ein Taxi zum Flughafen. Der Chauffeur hat sein Auto auf tropische Temperaturen hochgeheizt, aber wir überleben die Fahrt knapp ohne Hitzschlag. Wir kommen noch einmal am Moskauer Platz vorbei. Good bye, Lenin!

 
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