El infierno: Die Hölle, das sind wir alle

Vor ein paar Monaten veröffentlichte der mexikanische Journalist und Schriftsteller Antonio Ortuño in „Le monde diplomatique“ einen Brief aus Guadalajara — und wunderte sich darin über die Leserschaft und Medienleute in Deutschland.

Manche Kommentare über mexikanische Bücher, die sich mit der bei uns herrschenden extremen Gewalt auseinandersetzen (wie auch einige meiner eigenen) und ins Deutsche übersetzt sind, lassen vermuten, dass die Literaturexperten, die sie verfasst haben, von den Zusammenhängen nicht die geringste Ahnung haben.

Uns Autoren werden Absichten und Einflüsse unterstellt, die einfach absurd und der Fantasie der Kommentatoren entsprungen sind. Mir wurde mehr als einmal zu meiner großen Überraschung nachgesagt, ich sei ein „Schüler von Tarantino“ oder „geprägt vom Hollywood-Actionkino“. Solche Anmerkungen halten sich natürlich nicht mit den wirklichen Gründen auf, warum wir heute in meinem Land so schreiben und so leben.

Daran musste ich denken, als ich El infierno sah. Die schwarze Komödie dreht sich um Benny (Damián Alcázar), der nach zwanzig Jahren als illegalem Einwanderer in den USA aus eben diesen ausgeschafft wird. „Don’t come back“, sagt ihm der US-Polizist an der Grenze. Notgedrungen kehrt Benny in sein Heimatdorf zurück. Auf dem Weg dorthin wird er erst von Räubern und bei einer Kontrolle von einem Soldaten ausgeraubt. Seine Mutter erkennt ihn kaum wieder, und sein kleiner Bruder ist tot: Er stieg beim Drogenkartell auf, wurde reich und als El Diablo berüchtigt – bis er ermordet wurde.

Sn. Miguel Arcangel (jemand hat daraus auf der Ortstafel „Sn. Miguel Narcangel“ gemacht) ist ein Städtchen ohne Hoffnung. Es ist öd und wüst, Arbeit gibt es keine, Leute werden auf offener Strasse erschossen. Zu Geld kommt nur, wer zum Kartell geht.
Benny versucht erst, sich rauszuhalten. Aber er fängt etwas mit der Frau seines toten Bruders an und versucht, seinem Neffen zu helfen, der wegen einer Gaunerei im Gefängnis landet. Dazu braucht er eben (Bestechungs-)Geld. Und deswegen wendet er sich an seinen Jugendfreund Eufemio (Joaquín Cosío), genannt El Cochiloco, der ihm einen Job beim örtlichen Obergangster verschafft.

Damit ist der weitere Kurs des Films vorgegeben: „El Benny“, wie er jetzt heisst, muss sich anfangs noch an die Gewalt gewöhnen, freundet sich aber schnell mit der Kohle an, die er als Handlanger des Kartells verdient. Es folgen extravagante Cowboy-Outfits, aufgemotzte Karren, ein teures Haus.
Der erwähnte Oberboss hat einen Bruder, mit dem er bis auf den Tod verfeindet ist, und bald schon führen die beiden Familien einen brutalen Krieg, bei dem auch Kinder ermordet werden. Am Ende stehen auf dem Friedhof ein paar Mausoleen mehr.

El infierno ist eine bitterböse Satire auf die mexikanische Gesellschaft: Politik, Polizei, Armee und Kirche stecken allesamt in der Tasche des Drogenbosses, und es gibt keinen Menschen, der moralisch auch nur halbwegs aufrecht wäre. Selbst Benny, zunächst noch als sympathischer Tölpel gezeichnet, wird bis aufs Mark korrumpiert.
Seine Mutter und sein Patenonkel warnen ihn am Anfang eindringlich davor, beim Kartell anzufangen – aber die Geschenke, die ihnen Benny macht, nehmen sie gerne an. Niemand ist ausgenommen von der ätzenden Kritik.
Ich weiss viel zu wenig über Mexiko, um bemessen zu können, wie nah dran El infierno an der Wirklichkeit ist. Aber ich weiss, dass in fast jeder Kritik Tarantino zum Vergleich herangezogen wird.

Übrigens, El infierno kam 2010 heraus, in jenem Jahr, in dem Mexiko sein 200-jähriges Bestehen feierte. Finanziert wurde er unter anderem von der Comision bi 100, die eben aus Anlass dieses Jubiläums Kulturgelder verteilte.

El infierno
Mexiko 2010, 145 Min.
Regie: Luis Estrada
Drehbuch: Luis Estrada, Jaime Sampietro
Mit Damián Alcázar, Joaquín Cosio, Elizabeth Cervantes, Ernesto Gómez Gruz et al.

 

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