Vier Städte an der Ostsee, Teil 3: Stockholm

Reisebericht | Im Jahr 2019 besuchten die Allerliebste und ich vier Städte, die an der Ostsee liegen: Helsinki, Tallinn, Stockholm und Sankt Petersburg. In der schwedischen Hauptstadt Stockholm waren wir Ende August. Schweden kannten wir dank unseres Göteborg-Trips schon ein bisschen – dieses Mal gabs eine Pinguinjagd, eine Sandwichfabrik und einen unverkäuflichen Ikea-Wecker.


Kleine Ungeheuer an der Kreuzung Biblioteksgatan/Lästmakargatan.

 
Donnerstag

Stockholm besteht ja aus lauter Insel. Auf der Insel Kungsholmen liegt das First Hotel Fridhemsplan. Aus Spargründen buchten wir einen fensterlosen Raum im Untergeschoss. Die Gänge sind niedrig, die Teppichböden uneben. Schrill-pinke Neonbeleuchtung. Ist das ein 80er-Jahre-Science-Fiction-Film? Oder doch nur ein Puff? Jedenfalls nichts für Leute mit Klaustrophobie.

Nicht weit vom Hotel findet sich das Agnes. (Die genaue Schreibweise ist wohl agnes., aber davon lassen wir uns nicht abschrecken.) Ein nettes kleines hippes Lokal. Plättchenboden. Wir erhalten gerade noch zwei Sitzplätze an der Bar. (In Stockholm muss man vorneweg reservieren.)
Die Karte ist auf Schwedisch und Englisch. Wir bestellen turbot — zwar wissen wir, dass das ein Fisch ist, allerdings nicht, welche Sorte genau. Nicht weiter schlimm, wir lassen uns überraschen.
Jedenfalls: Der Kellner bringt uns einen ganzen verdammten Steinbutt. Dabei handelt es sich um einen Plattfisch, ähnlich der Flunder. Und das Viech ist gigantisch. (Auf Empfehlung haben wir einen Fisch für zwei Personen bestellt; wir sind jetzt froh drum.)
Natürlich haben wir nicht die geringste Ahnung davon, wie man solch ein Monstrum filetiert. Lieberweise entfernt der Kellner für uns die Haut; der Rest ist nicht sonderlich kompliziert. Als wir die eine Hälfte gegessen haben, geht der Fisch nochmals in die Küche, wird umgedreht, weiter zerlegt und kommt zurück zu uns.
Als Beilage gibts Kartoffeln, Erbsen, Eierschwämme und grillierte Zitronen.

Wir unternehmen einen Spaziergang am Kungsholmen-Strand entlang. Dort, wo die Barnhusviken (Waisenhaus-Bucht) unsere Insel vom Stadtteil Norrmalm trennt, stossen wir auf eine kleine Parkanlage. Wir schauen Ratten beim ausgelassenen Herumtollen am Wasser zu.

 
Freitag

Es regnet.

Der Musiksalon Gabriel & Hilda ist ein winziges Café im Stadtteil Östermalm. O-Ton Allerliebste: „Zuckersüss.“ Eingerichtet wie ein Pariser Lokal: Kronleuchter, Täfelung und grün-gemaserte Tapeten, haufenweise gerahmte Bilder an der Wand, in einer Ecke steht ein Klavier. Es gibt regelmässig kleine Konzerte; dafür sind wir heute allerdings zu früh dran. Hilda persönlich bringt uns Filterkaffee, Cupcakes und Zimtschnecken an den Tisch.

Es regnet.

Eigentlich wollten wir ins Vasamuseet – aber bei dem schlechten Wetter sind wir nicht die einzigen mit der Idee. Die Warteschlange ist derart lang, dass wir den Besuch auf später verschieben und stattdessen gegenüber ins Nordiska museet flüchten.

Das Nordiska Museet widmet sich, wie der Name erahnen lässt, der nordischen Kultur. Es ist eine Mischung aus ethnologischem Museum und Designmuseum.
Möbel, Alltagsgegenstände, Schmuck, Volkskunst und Ähnliches. Ein grosser Teil der Ausstellung erzählt vom Volk der Samen, den Indigenen dort oben im Norden (früher als Lappen bezeichnet).
Auch von den schwedischen Traditionen erfährt man einiges, insbesondere über das Mittsommerfest. Deswegen ist mir Vieles über die entsprechenden Bräuche schon bekannt, als ich später im selben Jahr Ari Asters Horrorfilm Midsommar sehe.
Geblieben ist mir eine kleine Ausstellung zur Fotografin Kerstin Bernhard. Sie fotografierte Mode (nicht so interessant) und machte Porträts (sehr interessant).
In der Museumskantine essen wir Sandwiches und Köttbullar.

Es regnet.

Vom Museumsviertel nehmen wir die Fähre nach Gamla stan – dem historischen Kern Stockholms. Wir flanieren durch die Gassen und schauen beim Kungliga Slottet, dem königlichen Palast, vorbei. Draussen wacht die königliche Garde, und wir schauen einem Wächter dabei zu, wie er im Stechschritt seine kleine Tour abgeht. Natürlich bringen es ein paar Touristen fertig, ihm im Weg rumzustehen.
Wenig später entlarve ich mich selbst als Trottel. Und das geht so: Am Eingang zur königlichen Kapelle steht, man solle seinen Schirm zurücklassen. Da der vorhandene Schirmständer schon voll ist, lege ich meinen triefend nassen Knirps auf den Boden und lehne ihn gegen die Kirchenbank. Sofort stürzt sich eine Aufseherin auf mich und erklärt mir schimpfend, dass diese Kirchenbänke aus dem 17. Jahrhundert stammen. Tatsächlich: Als eine frühere Version der Kapelle 1697 abbrannte, wurden die Bänke gerettet und im 19. Jahrhundert in der neuen Kapelle installiert. Und ich Schwachkopf lehne meinen nassen Schirm an das über 300 Jahre alte Holz. Genau das, was das Schirmverbot verhindern sollte.
Als wir uns die Kapelle angesehen haben und wieder gehen, schimpft die Aufseherin bereits mit dem nächsten Touristen. Sie wirkt mit den Nerven runter.
Der Haupteingang des Palasts mit dem Paradeplatz ist übrigens in The Square zu sehen – der Königspalast ist Standort des fiktiven X-Royal Museums. (Für den Film hat man dem Gebäude digital einen gläserne Erweiterung aufgesetzt.)

Es regnet.

Wir müssen zur Birger-Jarl-Statue auf Riddarholmen. Birger Magnusson von Bjälbo wurde 1248 zum Jarl von Schweden (ein Jarl ist die alte nordische Version eines Grafen), um 1250 gründete er Stockholm, eben dort auf Gamla stan. Zu seiner Statue ziehts uns jedoch nicht wegen der Historie, sondern weil wir dort eine Gruppe zu einer Dachwanderung treffen.
Die beiden Tourguides sammeln uns ein und führen uns rüber zum Oberverwaltungsgericht; auf dessen Dach findet die Wanderung statt. Im Estrich befindet sich eine Garderobe. Wir werden mit Helmen und Klettergurten ausgestattet und nach draussen getrieben.
Ein Wunder geschieht: Es hört auf zu regnen. Dafür gibts einen Regenbogen.
Eine schmale metallene Laufbahn führt rund um das Dach herum. Wir werden einzeln über ein Sicherungsseil mit einer Schiene verbunden, die neben der Bahn verläuft. Wir bekommen gar eine Trageschlaufe mit Handyhalter, die wir uns um den Hals legen können – nicht, dass einem das Handy beim Fotografieren aus den Fingern rutscht und in den Innenhof fällt.
An mehreren Aussichtspunkten halten wir an, und die Guides erzählen uns ein bisschen was zu der Stadt, die wir da sehen.


Bonusbild von Gregor.

Im Anschluss flanieren die Allerliebste und ich etwas durch die Gassen der Gamla stan. Wir werden Zeugen einer Pinguinjagd. Der Vogel versteckt sich hinter einem Reiterdenkmal – da taucht auch schon eine Gruppe junger Leute auf. Diese Jäger tragen grüne Kappen und sind mit Unihockey-Schlägern bewaffnet. Sie haben es auf die Eier des Pinguins abgesehen.
Man sagt uns, es handle sich dabei um ein Ritual für Erstsemestrige.

Eine Handvoll Touristinnen zieht an uns vorbei. Die Mädels singen Dancing Queen von Abba. Es war wohl nicht zu vermeiden.

Abendessen, ebenfalls in Gamla stan. Im Agnes empfahl man uns das Djuret.
(Anmerkung am Rande: Hat man ein Restaurant gefunden, das einem zusagt, lohnt es sich, die Kellner nach ihren eigenen Empfehlungen zu fragen.)
Rote Teppiche, grüne Tapeten, weisse Tischtücher. Das Lokal bietet edle Küche, ist aber nicht allzu etepetete.

 
Samstag

Wir unternehmen einen weiteren Versuch, das Vasamuseet zu besuchen. Heute regnet es nicht, es gibt keine ellenlange Schlange, also ziehen wirs durch. Dennoch ist der Ort bis obenhin voll mit Menschen; es ist ja das meistbesuchte Museum von Schweden.
Die Vasa war ein Kriegsschiff, eines der grössten ihrer Zeit. Bestückt mit 64 Kanonen. 69 Meter lang und 52 Meter hoch. 800-900 Tonnen schwer. Der Stolz des schwedischen Königs Gustav II. Adolf. Gedacht als Waffe gegen die katholischen Polen im Dreissigjährigen Krieg.
Am 10. August 1628 trat die Vasa ihre Jungfernfahrt an. Der erste stärkere Windstoss kippte das Schiff um, und es sank in der Stockholmer Bucht. Dabei starben dreissig bis fünfzig Leute. Die einzige Fahrt der Vasa hatte gerade mal 20 Minuten gedauert. Sie war schlicht zu schmal für ihre Grösse.
Da lag die Vasa also zu Füssen Stockholms im Wasser, und doch dauerte es mehr als 300 Jahre, bevor sie gefunden wurde. 1956 entdeckte sie der Meeresarchäologe Anders Franzén, 1961 wurde sie in einem aufwändigen Verfahren geborgen und über mehrere Jahre hinweg einem Konservationsprozess unterworfen – man hat sie 17 Jahre lang mit Polyethylenglycol eingesprayt. 1990 wurde das Vasa-Museum eröffnet, wo man sich nun das riesige Unglücksschiff in seinem ganzen Prunk ansehen kann. Eine Gedenkstätte menschlicher Hybris. Die Ausstellung ist extensiv und erklärt einem alles über die Vasa und ihre Zeit, die Bergung und Instandhaltung. Trotz der Polyethylenglycol-Behandlung: Ewig wird das Schiff nicht halten, die Zeit nagt gnadenlos dran weiter.
Berührend: Zur Ausstellung gehören auch die Skelette einiger damals Ertrunkener.

Wir nehmen die Fähre zur Insel Skeppsholmen und essen im Restaurant Torpedverkstan zu Mittag. Früher war das eine Torpedofabrik, draussen sind einige der Bomben ausgestellt. Fantastisches Wetter; wir sitzen an der frischen Luft, blicken über die Bucht, essen Burger und Tacos.

Ähnlich wie die Insel Djurgarden, wo wir das Nordisk Museet und das Vasamuseet besuchten, so ist auch Skeppsholmen voller Museen. Mich interessiert in erster Linie das Moderna museet, das Museum für Moderne Kunst. Dazu gibt es hier einen eigenen Artikel.

Als ich Skeppsholmen verlasse, komm ich am Grand Hôtel vorbei. In dessen Spiegelsaal fand 1901 die erste Nobelpreisverleihung statt, anschliessend das erste Nobelpreisbankett. Später wurde die Verleihung ins Konserthuset verschoben, das Bankett in die Stadthalle.
Im Spiegelsaal entstand dafür die berühmte Affenszene aus The Square. Ich überlege mir kurz, ins Hotel zu gehen und den Saal zu fotografieren, hab dann aber doch zu viel Schiss.
Apropos: Etwas später stoss ich zufällig auf das erwähnte Konserthuset (Konzerthaus).

Das Nytorget 6 ist ein hippes Restaurant auf der hippen Insel Södermalm. Bisher hatten wir immer das Glück, dass wir trotz fehlender Reservierung einen Platz bekamen. Diesmal müssen wir aber 20 Minuten an der Bar warten und uns mit Drinks trösten. Das Leben ist hart.
Schliesslich werden zwei Plätze frei. Unser Kellner scheint etwas durch den Wind zu sein (Typ manischer Alt-Punk) und bringt der Allerliebsten dann auch den Cut of the Day (Fleisch) anstelle des Catch of the Day (Fisch). Der Fehler wird aber anstandslos behoben.

 
Sonntag

Der Frühstücksraum unseres Hotels ist ziemlich verwinkelt und leicht überlaufen, dafür ist das Buffet grosszügig ausgestattet. Seit Göteborg bin ich ein grosser Fan von Kalles Kaviar und auch in Stockholm decke ich mich mit dem Brotaufstrich ein.
(Im Übrigen erhält man das Zeug in den Schweizer Ikeas; für mich der Hauptgrund, das Möbelhaus aufzusuchen, noch vor den Billig-Hotdogs, dem Blauschimmelkäse und dem Knäckebrot. Andererseits: Die Köttbullar von Ikea sind eine gewaltige Enttäuschung.)
Diesen Sonntagmorgen fällt mir auf, dass an einem Nebentisch eine Frau eine Manufaktur auftut: Einen Haufen Brötchen nimmt sie mit an den Platz sowie Unmengen an Butter, Schinken und Co. Daraus stellt sie im Laufe einer Viertelstunde genügend Sandwiches zusammen, um eine Fussballmannschaft zu füttern. Wegen solcher Leute ist es in den meisten Hotels verboten, Sachen aus dem Frühstücksraum mitzunehmen. (Zuletzt auch im St. Olav Hotell in Tallinn.)

Dass die Allerliebste mich tatsächlich mag, beweist unter anderem die Tatsache, dass sie mit mir extra durch halb Stockholm zur Gustaf-Vasa-Kirche gondelt. Denn vor dieser Kirche liegt der Odenplan (Odinsplatz) – ein weiterer Drehort von The Square. Hier entstand die Szene, in der Christian das Portemonnaie geklaut wird.
Ganz in der Nähe befindet sich das Astrid-Lindgren-Haus, das sonntags allerdings geschlossen ist.

Geöffnet ist dagegen die Ikea-Kök-Filiale mitten im Shoppingbezirk der Stadt. Der Wecker Bajk gefällt mir sehr. Ein simples, elegantes Design. Ich frage den Verkäufer, was der Wecker wohl koste. Der Mann sagt mir, er könne mir den Wecker nicht verkaufen. Er könne mir in dieser Filiale gar nichts verkaufen. Das sei eine reine Ausstellungsfiliale. Für eine Sekunde fürchte ich, ich habe einen Hirnschlag.
Ich kauf den Bajk ein paar Wochen später in einem Schweizer Ikea (neben zwei Tuben Kalles Kaviar). Und was soll ich sagen: Das Ding ist ein echtes Scheissteil. Weil es so laut tickt, muss ich es jede Nacht mit mehreren T-Shirts einwickeln, um schlafen zu können.

Ein Reisebericht vom Wortvogel brachte mich auf die Idee, nach dem 18|89 zu suchen, einer Pizzeria, in der es so obskure Beläge gibt wie Salami und Honig oder geräucherter Hirsch und Preiselbeeren. Es braucht eine Weile, bis die Allerliebste und ich das Lokal ausfindig machen – wir gehen eine Viertelstunde eine Fussgängerpassage auf und ab, bis wir endlich kapieren, dass das 18|89 im Einkaufzentrum Mood liegen muss. Nach viel Herumgelaufe und einigen Rolltreppenfahrten finden wir die Pizzeria. Dabei wär alles ganz einfach gewesen, hätten wir auf der anderen Seite des Gebäudekomplexes gesucht – der äussere Eingang des 18|89 liegt an der Mäster Samuelsgatan und ist dort kaum zu übersehen.
Weil wir beide nicht sonderlich grossen Hunger haben, bestellen wir eine einzelne Salami-und-Honig-Pizza und teilen sie. Der Honig ist weniger deutlich zu schmecken, als ich erwartet hätte, aber lecker ist es doch.
Die Einrichtung allerdings: Viel Schwarz, Tische mit Marmorplatten, Teller aus einem Material, das an geschiffenen Beton erinnert. Sehr modern, sehr steril. Als würde man in einem Interior-Design-Shop essen.

Auf dem Weg zum Bahnhof stossen wir auf den Akademiebokhandeln und verlieren uns zwischen den Bücherregalen. Unter anderem stosse ich auf eine Klassikeredition mit Illustrationen des Künstlers und Zeichentrickregisseurs Per Åhlin. Åhlin hat viele grandiose Buchumschläge gestaltet, und könnte ich Schwedisch lesen, so würd ich mir alle seine Bücher ins Regal stellen.
Darüber hinaus stelle ich fest, dass es eine neue Herausgabe von Hokusais Manga vom Englischen Kunstbuchverlag Thames & Hudson gibt.

Vor lauter Herumschmökern im Buchladen verpassen wir beinahe unseren Bus zum Flughafen.


Eine Gasse in der Gamla stan.

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