Vier Städte an der Ostsee, Teil 2: Tallinn

Reisebericht | Im Jahr 2019 besuchten die Allerliebste und ich vier Städte, die an der Ostsee liegen: Helsinki, Tallinn, Stockholm und Sankt Petersburg. Das hier sind die Berichte dazu. Von Helsinki aus nahmen wir die Fähre nach Tallinn, Estland. Dort waren wir Ende Juli, Anfang August.

 
Das Klackern unserer Reisekoffer auf dem Kopfsteinpflaster. Wir sind in der Altstadt von Tallinn. Dort steht das St. Olav Hotell. Nach dem Einchecken gehen wir auf Entdeckungsreise, denn das Gebäude ist riesig und verschachtelt, man verliert in den verwinkelten Gängen schnell die Orientierung. Knarrende Holztreppen, Sackgassen. Irgendwo im fünften Stock geht ein Dachbalken mitten durch den Gang; man muss sich drunter hindurch ducken.
Die Einrichtung ist wundervollster Brockenhaus-Kitsch: Antike Möbel, Ölgemälde, prunkige Spiegel, Kronleuchter. Spannteppiche in den Gängen; der Boden darunter ist uneben und voller Stolperstellen. Einen Lift gibt es nicht.
Unser Zimmer liegt im Innenhof. In die Tür ist ein Fenster eingelassen; die dünne, durchsichtige Gardine schützt weder gegen Licht noch Blicke. Wir montieren den Bettüberwurf drüber, um schlafen zu können.

Holzbalken und nackte Wände im Restaurant Von Krahli Aed. Simple Karte, simple Menüs, aber perfekt zubereitet. Schwarzbrot mit Knoblauchbutter. Gebratenes Lamm, gegrilltes Rind, Gemüse.
Hausgebrautes Bier: Pure Love. Tönt schrecklich, schmeckt gut.

Über Nacht verzieht sich die Hitzewelle. Eine grosse Erleichterung.

Das Frühstück im Hotel ist okay, aber nicht mehr. Nur der eingelegte Fisch begeistert mich; bis zum heutigen Tag hatte ich keinen besseren.

Ein Teil der alten Stadtmauern steht noch. Beim Nonnenturm kann man rein und bezahlt Eintritt; über eine hölzerne Galerie gehts rüber zum Saunaturm sowie zu einem dritten Turm, dem Goldenen Fuss.

Der Blick vom Nonnenturm auf den Saunaturm und den Goldenen Fuss.

Kleines Mittagessen im Boohem.
Saku ist die grösste Biermarke in Estland, das Saku Antvärk ist ein Indian Pale Ale. Ich kanns empfehlen.
Der Wrap mit Gemüse und Lachs ist okay. Dazu bestellen wir einen warmen Kartoffelsalat mit Pilzen – der auf einem Salatbett angerichtet ist. Dank der warmen Zutaten werden die Salatblätter labrig. Örks, wuärg.

Die Balti Jaama Turg (Baltischer Bahnhof Markt) ist eine grosse, moderne Markthalle. Biologische Lebensmittel, gehobener Trödel (Vintage), Cupcakes. Alles massiv überteuert.

Wir spazieren zur Küste. Sobald wir die Altstadt verlassen, stossen wir überall auf renovationsbedürftige Häuser und Bruchbuden. Ähnlich extrem wars in Riga.

Nahe am Meeresufer liegt die Kalasadama Kultuurikodar Kaku Galerii & Peep Show. Mir gefallen die Bilder von Alvar Reisner.

Beetapromenaad: Steinstrände, Betonschrott, kaputte Piers, Graffiti, Schiffswracks.
Auf der anderen Seite einer kleinen Bucht ragt die Linnahall (Stadthalle) auf. Diese wurde für die Olympischen Sommerspiele 1980 erbaut. Die Spiele selbst fanden in Moskau statt, aber die Segelwettbewerbe wurden in Tallinn ausgetragen. Heute ist das riesige Gebäude im Verfall begriffen. Eine weitere Ruine in dieser Stadt.

Die Patarei war einst eine Seefestung; Zar Nikolaus I. gab sie 1828 in Auftrag. Ab 1918 wurde sie als Gefängnis genutzt; seit 1941 von den Nazis, seit 1945 von der Sowjetunion. Als 1980 die Olympiade nach Tallinn kam, wurden die Fenster der Gefängniszellen mit Stahlplatten verschlossen, damit die Welt nichts von den Häftlingen zu sehen bekam – bis zur Linnahall sind es zu Fuss nur ein paar Minuten. Erst 2002 wurde das Gefängnis geschlossen.
In den Mauern ist heute eine Ausstellung eingerichtet: Communism is a Prison. Der Ort ist unfassbar düster. Hohe Mauern mit Stacheldraht. Draussen die Käfige für den Freigang, drinnen enge Zellen. Teils sind die Betten noch bezogen.
Schautafeln klären über den Kommunismus in Estland auf — und zeigen dabei keinerlei Sympathie für den Sozialismus. Auch nicht für Marx oder die 68er-Bewegung im Westen.

Beim Marinemuseum gibts ein langes Pier, an dem verschiedene Museumsschiffe ankern. Darunter die Suur Töll, ein Eisbrecher von 1914. Man müsste zahlen, um reinzudürfen, aber es genügt uns, uns die Schiffe von aussen anzusehen. Am Ende des Pier steht eine Holzhütte – irgendein Büro, eine Touristeninformation vielleicht, momentan geschlossen – mit einer Aussichtsplattform. Wir schauen der Abfahrt eines Aida-Kreuzers zu. Es dauert eine Weile, bis das gewaltige Schiff sich auf seinen Weg gemacht hat.

Die Telliskivi Creative City erinnert an die Rote Fabrik. Einst handelte es sich dabei um ein Industriegelände der Baltischen Bahn – jetzt ist das ein Ort voller Restaurants und Bars, Ateliers, Galerien, Theatersälen und dergleichen. Viel Strassenkunst. Wir hören eine Band bei der Probe. Eine Open-Air-Fotoausstellung dokumentiert die Dreharbeiten zum estnischen Film Revolution of Pigs (2004).
Im F-Hoone essen wir Lachssalat und einen sogenannten Furger, danach eine Glace im La Muu.

Im nahegelegenen Telliskivi Rimi Supermarket holen wir eine Dose Cola für die Allerliebste und ein Dosenbier – Karl Friedrich – für mich. Damit hängens wir später im Innenhof des St. Olav und lassens uns gutgehen.

Helsinki war keine billige Stadt für uns, in Tallinn jedoch merken wir, wie viel höher die Schweizer Kaufkraft im Vergleich zu jener von Estland ist. Soll heissen: Wir essen luxuriös zu Abend im Ribe, einem Restaurant der oberen Preisklasse, ohne dass es unserem Geldbeutel wehtun würde.
Für mich gibts das Chef’s Menu (5 Gänge), für die Allerliebste einen 4-Gänger. Weinbegleitung inklusive. Die Bedienung erklärt uns jeden Gang und den zugehörigen Wein und nimmts uns auch nicht allzu böse, wenn wir das Etikett abfotografieren. An dem Abend entdecken wir Kirschwein für uns. Und sind am Ende ganz schön betrunken.

Im Hotel gibts kein Warmwasser mehr. Und anscheinend betrifft es die ganze Altstadt. Schicksalsergeben dusche ich mit kaltem Wasser.

Zmittag im Golden Piglet. Währschaftes estländisches Essen. Die Allerliebste bestellt gefüllte Ente. Ich bekomm eine gewaltige Schweinshaxe mit Kruste, dazu Sauerkraut und Kartoffeln.
Aus den Lautsprechern plärrt estnische Volksmusik, sie geht uns mit der Zeit auf die Nerven.

Auf dem Domberg gibts verschiedene Aussichtspunkte, von denen man weit über die Stadt sehen kann. Hier oben steht der Tallinner Dom – die Bischofskirche des Erzbischofs der Estnisch Evangelisch-Lutherischen Kirche. Und nicht weit davon die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale.

Aussicht vom Domberg.

Im Harjumäe-Park liegt ein kleiner Pavillon, darin ein Café: das Harjumäe Kõlakoda. Dort hol ich mir einen Espresso. Die Allerliebste und ich setzen uns auf eine Parkbank und hören dem Rauschen eines Brunnens zu.
Ein Vater spielt Fangen mit seinem kleinen Sohn; er packt ihn und tut so, als wolle er ihn ins Wasser werfen. Der Kleine ist bös mit dem Vater und schimpft ihn aus. Aber bald ist es wieder gut.

Der Tallinn Central Market liegt im modernen Teil der Stadt. Wir sind zu spät dran, die letzten Budenbesitzer packen zusammen. Bereits übernehmen Tauben und Krähen das Gelände.

Blöd, dass die Hitzewelle vorbei ist: Im Innenhof des Restaurants Leib hats einen wunderschönen Garten, und wir bekommen dort einen Tisch. Wir haben allerdings nicht damit gerechnet, und der Abend ist ziemlich frisch. Soll heissen, wir sind nicht warm genug angezogen. Obwohl wir Decken bekommen, bitten wir schliesslich um einen Platz drinnen.
Das Leib setzt auf regionale Zutaten und eine kleine Karte, aber auch die beste Küche der Welt bringt nichts, wenn man den Geschmack des Kochs nicht teilt. Die Zitronensosse zum Fisch ist der Allerliebsten zuwider. Sie bekommt als Ersatz das vegetarische Gericht, doch die Federkohl-Linsen-Bowl sagt ihr noch weniger zu. Es soll einfach nicht sein. Kulanterweise erlässt ihr das Restaurant die Kosten.

Das Kolmjalg OÜ ist ein kleiner 24/7-Gemischtwarenladen in Tallinns Altstadt. Da er nahe unseres Hotels gelegen ist, schauen wir immer mal wieder vorbei.
Von 22 Uhr abends bis 10 Uhr morgens darf nichts Hochprotzentiges verkauft werden; das Regal mit Bier, Schnaps und Co. wird abgesperrt. Man erhält aber noch Kwas, das einen niedrigen Alkoholgehalt hat und wie flüssiges Brot schmeckt.
Von A. Le Coq, einer Brauerei aus der Stadt Tartu, stammt das ausgezeichnete Imperial Kvass.

Ähnlich wie das Golden Piglet, so ist auch das Trofé eine ziemliche Touristenfalle. In diesem Fall wortwörtlich: Wir werden angelockt von einem Kellner, der in erster Linie dafür zuständig ist, auf der Strasse Touristen anzuquatschen und ins Restaurant zu holen.
Wir sitzen draussen und schauen dem Menschenfischer bei der Arbeit zu.
Wir bestellen Flanksteak und Lachs. Es könnte schlechter schmecken.

Versteckt in einer Gasse liegt das Café Must Puudel (zu Deutsch: Schwarzer Pudel). Sehr sympathisch: 70er-Jahre-Möbel, ein Boden aus Plastik-Noppen, funkiger Jazz aus den Lautsprechern. Und ich trink aus einer Mumin-Tasse.

Das Kunstimuuseum (kurz Kumu) wurde 2006 fertiggestellt. Es liegt am Rande vom Kadriorg-Park, also etwas ab vom Schuss (langer Fussweg). Dafür sind das Gelände und das eigentliche Museum grosszügig bemessen, der überdachte Innenhof ist äusserst beeindruckend. Architekt: Pekka Vapaavuori, Finnland.

Ein grosser Raum ist voll mit Hunderten von Büsten; aus den Lautsprechern ertönen Stimmen. Ziemlich grotesk.

Tommy Cash ist ein estnischer Rapper (Beispiel), Rick Owens ein amerikanischer Modedesigner. Ihre gemeinsame Sonderausstellung ist verspielt und provokant, aber auf eine glatte, berechnende Art. Kommerz-Provokation. Warm geworden bin ich damit nicht.
Spannend dagegen die Dauerausstellung Conflicts and Adaptations. Estonian Art of the Soviet Era (1940–1991). Es fängt mit dem Sowjetischen Realismus an, wird aber immer experimenteller. Von der gleichgeschalteten Langeweile zu einer Explosion der Ideen.
Den Weg von der Avantgarde zum Sowjetischen Realismus zeigt hingegen die Sonderausstellung Gustav Klucis: Russian Avantgarde Art in the 1920s-1930s. Der gebürtige Lette war ein Pionier der Fotomontage; seine Plakate prägten die sowjetische Revolutionspropaganda. Am Anfang verblüffend und erfinderisch, kam seine Arbeit bald unter das Joch der stalinistischen Personenkults – Papa Stalin allüberall; Kreativität unerwünscht. Klucis hielt sich daran. 1938 wurde er trotzdem verhaftet, hingerichtet und in einem Massengrab verscharrt.

Das Restaurant Leib war ja nicht ganz nach unserem Geschmack, aber unsere Kellnerin war so nett, uns einen anderen Ort zu empfehlen: Das Salt. Ein kleines Lokal mitten in einem weitgehend gesichtslosen Allerweltsviertel. Wir haben Glück und bekommen noch einen Tisch: So tot die Gegend rundherum wirkt, so betriebsam ists im Restaurant.
Toll: Die Elch-Cannelloni, das salzige (!) Tiramisu und besonders der Bio-Wein aus Georgien. Wie sich ein paar Wochen später in Sankt Petersburg bestätigen sollte, ist georgischer Wein grosse Klasse.
Eine Spezialität ist das Broken Pavlova. An den Tisch kommt eine Halbkugel aus Meringue. Die Allerliebste zum Kellner: „Und was daran ist broken?“ Der Kellner nimmt einen Löffel und verpasst damit dem Pavlova einen Schlag, so dass ein Riss entsteht. Darunter kommt die Füllung aus Waldbeeren zum Vorschein.

Tags drauf fahren wir mit einem Uber zum Flughafen; dieser ist kaum zehn Minuten von der Innenstadt entfernt. Transfer in Wien. Zurück in Zürich.

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